Ich betrete den Korridor. Professor Ceril nennt das Ding »Freizeitmaschine«, aber für mich ist es wieder einmal ein turmhohes Gebilde aus Gängen, Kammern und Verbindungsschächten, wie immer erfüllt von einer unangenehmen Energie, die auf der Haut prickelt und meine Haare knistern lässt.
Die neuste Theorie des Professors ist folgende: Wahrer zivilisatorischer Fortschritt entsteht nur in der Freizeit, da hier der Karriere- und Profitdruck wegfällt und die Menschen – er denkt da wohl an Erfinder wie ihn selbst – ihre Gedanken frei schweifen lassen können und sich mit den Dingen beschäftigen, die sie wirklich interessieren. So sei das Feuer, das Rad, die Schrift, die Zahnseide und die Snooze-Taste erfunden worden. Meint jedenfalls Ceril.
Mehr Freizeit muss her, ist seine Devise. Nicht für ihn selbst, denn er ist bereits (dank des Sponsorings durch meinem Vater) Privatgelehrter und damit Freizeitforscher, sondern für alle. Damit meint er nicht nur die Bevölkerung auf dem Planeten Erde, sondern auch alle unentdeckten, unbemerkten und unerreichbaren Zivilisationen in der ganzen Galaxis – für unsere Nachbargalaxien allerdings oder gar das gesamte Universum hätte seine Maschine, sagt er, größer werden müssen als unser Sonnensystem bis hinaus zur Umlaufbahn des Neptun. Das ist natürlich nicht machbar, und deshalb seine untypische Selbstbeschränkung auf die Milchstraße – einschließlich, nicht zu vergessen, aller parallelen Milchstraßen aus der multidimensionalen Quantenwirklichkeit, die bekanntlich alle Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten Realität werden lässt, in welcher der infiniten Dimensionsebenen auch immer.
Soweit jedenfalls Ceril.
Am Ende des Korridors finde ich eine Schalttafel mit großen, farbig markierten Hebeln, hinter der es emsig surrt, schabt und puckert. Diesmal ist es einfach: Ich soll den gelben Hebel ziehen. Er setzt dann einen komplizierten Mechanismus in Gang, der – entnehme ich den gewundenen Erklärungen des Professors – stupide Tätigkeiten und Routineaufgaben aufsaugt und damit eliminiert. Diese nämlich, so haben seine (Freizeit!-)Forschungen ergeben, bestehen zum Großteil aus einer bestimmten Art feinstofflicher Elementarteilchen, die er Ergonen nennt.
Mit der Hand am gelben Hebel kommt mir unvermittelt in den Sinn, dass dann ja auch meine Eltern nicht mehr arbeiten müssten.
Hm, das wäre schlecht.
Jetzt schon ist ihre karge Freizeit damit ausgefüllt, ihr halbwüchsiges Wunderkind auf eine großartige Karriere als Genie vorzubereiten und mir ständig Vorschriften zu machen. Mit mehr Freizeit für sie könnte das zu einer ganz schön lästigen Angelegenheit für mich werden.
Ich nehme meine Hand herunter und lasse den Hebel in seiner Ausgangsstellung.
»Und?«, fragt der Professor begeistert, als ich aus seiner Maschine trete, froh mich in dem Gewirr aus Schächten und Fluren nicht verirrt zu haben oder gar irgendwie selbst aufgesaugt worden zu sein. Ich nicke. Wie erwartet meint Ceril die Auswirkungen bereits zu spüren. »Hast du nicht auch das Gefühl, es sind schon weniger Ergonen um uns herum?« Wieder nicke ich. »Endlich einmal eine wünschenswerte Form der Arbeitslosigkeit und Freizeitgesellschaft!«, meint er begeistert. Doch ein Blick auf seine Messgeräte lässt ihn nachdenklich werden. »Hm. Die Konzentration nimmt weit weniger stark ab, als ich vorausberechnet habe.« Stirnrunzelnd sieht er mich an.
»Könnte es nicht sein, dass immer wieder neue Ergonen entstehen?« Der Professor kratzt sich das Kinn, zieht die entsprechenden Formeln aus seinem Zettelkasten und beginnt, einen Wust von Zahlen und Variablen auf sein Kästchenpapier zu kritzeln. »Die Entropie! Verflixt! Ich hätte es mir denken können …«, murmelt er. Mir ist gleich, ob es Ergonen sind oder die Entropie: Hauptsache, jemand hält mir meine Eltern vom Hals.
(Meine Eltern entwickelten dann plötzlich ganz neue Pläne für mich, ihr Wunderkind, aber das ist eine andere Geschichte.)
Ich betrete den Korridor. Ein uniformierter Beamter, den ich hier noch nie gesehen habe, tritt mir entgegen. »Ich will zu Albo«, sage ich und folge ihm durch den Gang, bis er an eine Tür klopft.
Drinnen sitzt der Kommissar vor mehreren Monitoren, die offenbar das Verhörzimmer zeigen. An einem schmucklosen Holztisch dort, allein: ein Mann. Er trägt Handschellen und hat seine Hände auf den Tisch gelegt.
»Wir haben ihn«, sagt Albo und blickt zu mir hoch, »und ich will dich unbedingt beim Verhör dabei haben.«
Vielleicht wär’s nett gewesen, zuerst eine Entschuldigung von ihm dafür zu hören, mich mitten in der Nacht in die Polizeidirektion zu beordern. Aber das ist halt nicht Albos Art. Dabei hat mich sein Anruf aus dem Tiefschlaf gerissen, und ich fühle mich immer noch, als sei ich seekrank und die Welt von Watte.
»Er wollte in den Alex einbrechen. Den Fernsehturm«, fügt er überflüssigerweise hinzu.
Es ist ein junger Mann mit zerzausten blonden Haaren. Ich sehe getrocknete blaue Farbe an seinen Händen und auf seinem Overall.
Albo kratzt sich die Augenbraue und schüttelt dann den Kopf: »Er hat sich als Anstreicher getarnt, mit Blaumann und Farbeimer und so, ist aber aufgeflogen, als er über die Nottreppe nach oben wollte.«
»Also kein Herz«, sage ich erleichtert, »und wie steht es mit Texten?«
»Fehlanzeige«, sagt Albo, »damit wär er ja auch zu früh dran. Der wollte nur den nächsten Korridor auskundschaften. An den wichtigsten Wahrzeichen der Stadt lasse ich seit ein, zwei Nächten vermehrt Streife gehen.«
»Hat er was gesagt? Gestanden?« Ich versuche den Mann auf dem Monitor irgendwie einzuordnen. Seine Augen scheinen ins Leere zu starren, doch vielleicht täuscht das Monitorbild auch. Er ist jung. Eigentlich viel zu jung. Zu grün hinter den Ohren.
»Nichts aus ihm rauszukriegen«, sagt Albo, aber trotzdem wirkt er ein wenig stolz und erleichtert. Er boxt mir jovial in den Oberschenkel: »Ich hoffe, du knackst ihn mir. Bevor ich zu meinen Methoden greifen muss.«
»Und wenn er es gar nicht ist?«, frage ich. Albo rutscht unruhig auf seinem Hocker hin und her: »Was soll er sonst da auf dem Alex gewollt haben?«
»Selbstmord«, sage ich, »eine Wette mit seinen Kumpels, ein Liebesbeweis für seine Angebetete …«
Albo macht eine fahrige Handbewegung.
Ich lasse nicht locker: »Ich glaube kaum, dass der Kerl weiß, was die Viele-Welten-Theorie ist.«
»Viele-Welten-Theorie?«, fragt Albo.
»Text 63«, sage ich, »und ich bezweifle auch, dass er weiß, wie man ›Megalithvölker‹ schreibt, Nr. 97, oder …«
Albo ist aufgestanden. »Denk dir lieber mal aus, wie wir ihn zu einem Geständnis bringen!«
»Uwe, Mann, sieh’s ein: Das ist nicht der Typ, den wir suchen. Sollten deine Leute allerdings bei ihm in der Wohnung fünfzig Schreibmaschinen finden, ruf mich an, meinethalben auch mitten in der Nacht, und ich komm auf den Knien hierhergekrochen und entschuldige mich bei dir.« Manchmal muss man bei Albo mit dem Zaunpfahl winken – oder besser noch: damit auf ihn einschlagen –, damit er kapiert, dass er sich verrannt hat.
Er sackt jedenfalls sichtlich in sich zusammen: »Dabei war ich mir so sicher.«
»Du bist überarbeitet. Wenn ich dir einen guten Rat als Freund geben darf: Nimm dir ein paar Tage frei, fahr in die Datsche am See, setz dich in die Sonne und starr Löcher in die Luft.«
Albo lächelt säuerlich.
»Tut mir leid«, sagt er, und ich spüre, dass die Worte nicht so richtig aus seinem Mund herauswollen, »dass ich dich aus dem Schlaf geholt habe. War’n bisschen voreilig von mir, fürchte ich. Kaffee?«
Ich schüttle den Kopf. »Dann komm«, sagt er, »ich fahr dich nach Hause.« Das kenn ich schon. Mit Blaulicht über rote Ampeln. Nie wieder. Da lass ich mir lieber ein Taxi rufen.
Das lässt auf sich warten, und ich gehe doch noch zu dem Anstreicher rein.
»Tach«, sage ich und warte keine Antwort ab, »vielleicht kann ich dir für ein Graffiti auf dem Alexanderturm eine Genehmigung besorgen. Man muss halt die richtigen Leute kennen. Isses denn ein guter Spruch?«
Er blickt mich an, als sei ich eine Erscheinung. Schließlich öffnet er den Mund, bewegt ihn mehrmals wie ein nach Luft schnappender Fisch und antwortet schließlich: »Sollte unser Logo werden.«
»Aha«, sage ich, »ein Firmenlogo?«
»Nein, nein: das von mir und meiner Freundin.« ›Falsche Reihenfolge, Freundchen‹, denke ich, ›so wird das nix mit euch beiden.‹ Ich will ihn fragen, was es für ein Logo ist, aber da kommt der Beamte rein, der mich zu Albo geführt hatte, und flüstert mir ins Ohr: »Ihr Taxi ist da.«
»Dann viel Spaß noch«, sage ich, hebe meine Hand, und tatsächlich hebt der Kerl auch seine Hand, als seien wir Kumpels. O selige Blauäugigkeit! Vermutlich kann diese Generation nicht für fünf Pfennig denken, weil die Pfennige abgeschafft wurden. Alles geht den Bach runter.
Der Taxifahrer will mir was von irgendwelchen Fußballspielen erzählen. Albo würde jetzt sagen: »Schnauze halten und fahren.« Ich versuch das auch mal – und siehe da, es funktioniert prächtig.
Ich betrete den Korridor, das einzige, das mir vertraut vorkommt in dem Wirbel aus Farben und Formen, der mich ringsum einhüllt und schwindeln lässt. Es tut gut, festen Boden unter den Füßen zu fühlen. Aber ist es wirklich fester Boden? Alles hier ist seltsam weich und teigig, die Wände des Korridors fühlen sich nachgiebig an, als hätte man Seide über Schaumstoff gespannt.
»Alles klar bei dir da drin?«
Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Experiment? Ein Aprilscherz? Oder hat mich der amerikanische Geheimdienst wieder aufgegriffen?
»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den ganzen Abend Zeit.«
Die Stimme klingt nach einem Jugendlichen. Ich kann sie nicht lokalisieren und stolpere den Korridor entlang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebogen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«
»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fragen, Cory.«
Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erinnerungen widersprechen sich. Ich bin gleichzeitig eine Journalistin, der Schüler eines buddhistischen Meisters, der Minotaurus, eine Xeno-Linguistin … Wie kann das sein?
»Du bist doch ’n schlaues Kerlchen. Hast ’ne Menge geschrieben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Untergang der europäischen Postmoderne am Beispiel eines Literatur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«
Wovon redet er? Der Korridor hat einfach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir dieser Verdacht in einem Traum kommt, verwandelt er sich in einen Klartraum. Doch das funktioniert diesmal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.
»Kannst du was anfangen damit, Cory? ›Untergang der Postmoderne‹?« Die Stimme hat etwas Drängendes.
»Das Korridorium …«
»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Facharbeit drüber schreiben.«
»Das Korridorium …«, setze ich erneut an, aber ich verstumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Korridorium und alle Geschichten darin geschrieben habe. Ich bin das nicht, sondern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewesen sein. Daher die widersprüchlichen Erinnerungen: Geschichten, die ich mir alle nur ausgemalt habe.
»Wo bin ich?«, frage ich in den gebogenen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vorher nicht bemerkt? Sie tragen Nummern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Bibliothek, wie der Korridor zwischen den Bücherregalen, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigentlich. 398 steht auf der Tür. Ich drücke die Klinke herunter, aber sie ist verschlossen.
»Überall und nirgends. Du bist ein Yōulíng mit der Aufgabe, mir bei der Facharbeit zu helfen. ›Postmoderne‹, der Teach spinnt doch.«
Auch die nächste Tür ist verschlossen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die gleiche Nummer. 398. Vielleicht bin ich verrückt geworden? Oder tot.
»Jetzt sag schon: Was ist postmodern an deinem Geschreibsel, und inwieweit spiegelt das den Untergang wider?«
»Was ist ›Teach‹?«
»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfahren. Ich hab dich mit Hilfe deiner Texte rekonstruiert. Private Yōulíngs sind zwar verboten laut Jīngshénrechts-Charta, aber das ist ja hier sozusagen ein Notfall.«
Rekonstruiert? Ich laufe den Korridor entlang, rüttle an verschlossenen Türen, die alle die 398 tragen – dazu meine durcheinanderwirbelnden Erinnerungen an einen Haufen Hippies, die Pest, an ein Endlager für Atommüll, die Arche Noah …
»Eine Rekonstruktion?«
»Japp. Hab hier am Labor-Táishì meines Vaters einfach einen Blanko-Mind genommen, mit deinen Texten gefüttert und die Sekundärliteratur abrufen lassen. Plus die wichtigsten Daten vom Anfang des Jahrtausends, das Zeitgeist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erledigt die Stem.«
»Blanko-Mind?«
»Interessiert doch jetzt keinen Benz, Mann. Das ist alles nach deiner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklären.«
»Die Welt von wann?«
»67. Ich sag ja: Lange nach deiner Zeit.«
»2067?«
»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.
2067. Wie kann das sein? Tatsächlich erinnere ich mich dunkel, gestorben zu sein. Der Tunnel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschichten, Geschichten, anhand derer ich rekonstruiert wurde. Deshalb kann ich nur wissen, was in den Texten steht – und nichts von meinem Tod, dem des Autors, dessen Rekonstruktion ich bin. Seine – oder ihre – Storys allerdings sind widersprüchlich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht festlegen. Wie soll ich wissen, wer ich bin, nicht einmal ob Mann oder Frau oder ob überhaupt ein menschliches Wesen, wenn genau das gerade das Suchspiel war, das Rätsel? Wenn alles pluridimensional daherkommt und fraktal zersplittert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs überraschend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschichten auf sich hat?!
Doch ich kann dem Gedanken nicht weiter folgen, sondern werde unterbrochen. »Okay, Mann, also das Korridorium: 400 Blogeinträge, insgesamt vom Umfang eines mittelschweren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Untergang der Postmoderne stehen – oder halt was Postmodernes, das den Untergang beleuchtet. Also leg mal los, du bist doch Schreiberling.«
»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Dreihundertachtundneunzig!«
»Wie auch immer.«
»Und sie sollten nicht postmodern sein, sondern post-postmodern. Verstehst du? Integral.«
»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unterricht.«
Ich werde wütend. Da rekonstruiert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusstsein mit meinen Texten füttert und irgendein Computer daraus den Geist des Autors, also mich, hervorkitzelt, aber es ist kein Literaturwissenschaftler, kein Historiker, nicht einmal ein Liebhaber skurriler Kurzprosa, sondern nur irgend so ein ignoranter Schnösel, der für die Schule was über mich schreiben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!
»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch verstanden haben: Ich hab die Postmoderne transzendiert, das mit dem Untergang ist Schwachsinn. Die Postmoderne kann doch allenfalls durch die nächste Kulturstufe, also die Integrale Perspektive abgelöst und in sie integriert worden sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›untergegangen‹.«
»Nee, im Gegenteil: Nach der Postmoderne kam die Remoderne, und dann die Prenaissance. Déle. Das ist alles nach deiner Zeit, und jetzt lass uns endlich endlich die Facharbeit schreiben.«
Mir schwirrt der Kopf. Die Postmoderne mit all ihren Errungenschaften soll gescheitert und spurlos verschwunden sein? Doch nicht etwa – durch mich?
»Das Korridorium hat den Untergang verursacht?!«
»Wohl kaum. Ich hab natürlich recherchiert, was es mit diesem Korri-Dōngdōng auf sich hat, aber es ist nix drüber zu finden. Blieb wohl unbeachtet, und ich schätze, dass es an der Quote für deutsche Literatur liegt, dass der Teach das Ding ausgegraben hat. O Mann! Zwanzigtausend Zeichen Minimum inklusive Leerzeichen – hätte echt lieber was über chinesische Literatur geschrieben!«
»Aber es muss doch einen Wikipedia-Eintrag zum Korridorium geben!«
Die Stimme lacht. Ein kurzes, genervtes Lachen. »Das ist dann wohl der postmoderne Narzissmus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst kreisen. Nee, Wikipedia ist längst Geschichte, der Dschiessibi hat die Sùzhìpedia draus gemacht, nach dem Meltdown.«
»Meltdown?«
»2030. War nach deiner Zeit. Und in der Sùzhìpedia …«
»Was ist der Meltdown?«, unterbreche ich ihn.
»Interessiert doch jetzt keinen Benz. Willst du jetzt wissen, ob was über dich in der Sùzhìpedia steht oder nicht?«
»Sùzhì wie Sushi?«
»Doch nicht Japanisch! Das ist Chinesisch und heißt ›schnelles Wissen‹.«
»Du sprichst Chinesisch?«
»Nur Mandarin. Jedenfalls steht nichts übers Korridorium drin. Es gibt da nur irgendeine Fußnote. Eine einzige.«
»Dieser Meltdown: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remoderne‹, das klingt nach Regression. Und mit der ›Prenaissance‹ scheint es die Menschheit ja dann auf einen Schlag zurück ins dunkelste Mittelalter versetzt zu haben.«
»Na, das sagt der Richtige. Der Teach hat recht. Hauptcharakteristikum der Postmoderne: ihre abscheuliche Hybris. Neben ihrem fatalen Werte-Relativismus natürlich.«
»Und wer Cory ist? Hast du das recherchiert?«
»Interessiert doch jetzt wirklich keinen Benz. Hör endlich auf, mich vollzugongen. Ich stelle hier die Fragen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«
»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«
»Das ist chinesisch. Pik.«
»›Benz‹ soll chinesisch sein? Und was ist ›pik‹?«
»Na, pik. Pikant. Zu deiner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«
»Zu meiner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekonstruiert. Von damals weiß ich nur irgendwelche Geschichten. Der echte Cory dagegen – hat eigentlich mal jemand rausgefunden, wer hinter dem Künstlernamen steckt?«
»Was gibt’s da rauszufinden? Ist halt irgend so ein postmodernes Versteckspiel. Du musst doch wissen, wer du bist.«
Ich kann mich an eine Preisverleihung erinnern. War es nicht sogar der Literatur-Nobelpreis? Offenbar nur eine der Geschichten. Ich kann meinen Erinnerungen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nachdenken könnte! Und wie ich hier herauskomme aus dem endlosen Korridor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Marathonlauf hinter mir. Oder bin ich einfach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich überhaupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simulation, zusammengesetzt aus Worten. Können die mit der Methode alle wieder zurückholen? Joyce, Homer, Kafka, Goethe?
»Weißt du was, Mann?«
Ich lehne schweratmend an einer der Wände des Korridors. Was hätte Cory jetzt getan?
»Ich geb den ganzen Kram meiner Mutter. War ’ne Scheißidee, dich zu rekonstruieren. Mā meint, ich brauch die Spitzennoten für später, Karriere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Facharbeit ein Klacks.«
»Und was ist mit mir?«
»Was soll schon sein. Ich lösch dich wieder.«
»Das kannst du nicht tun!«
»Werden wir ja sehen.«
»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir helfen, Tom.«
Er lässt sich Zeit mit der Antwort. Ich fühle, wie mir der Schweiß ausbricht.
»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den leeren Korridor, »über die Chinesen: Sie schrumpfen sich, bis alle von ihnen in die Verbotene Stadt reinpassen. Eine Satire.« Ich muss improvisieren. Ein Versuchsballon, aber etwas Besseres fällt mir nicht ein.
»Ganz schlecht. Das wird dem Dschiessiebi nicht gefallen. Komisch, dass das dem Teach durchgerutscht ist.«
»Wer ist dieser Dschiessiebi?«
»Unser Großer Kaiserlicher Wohltäter. Der auf dem Drachenthron.«
Ich senke meine Stimme und lege allen Nachdruck hinein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Untergang der Postmoderne sein, verstehst du?!«
»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran aufziehen.« Tom scheint anzubeißen.
»Hybris, weißt du? Postmoderner, narzisstischer Größenwahn. So waren wir damals alle.«
Vielleicht habe ich übertrieben, denn Tom zögert jetzt. Schließlich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … integral.«
»Ja, klar, das ist ja gerade der Größenwahn: zu denken, man könne ganzheitlich-nachhaltig alle Aspekte umfassen und integrieren, Machthierarchien durch Kompetenzhierarchien ablösen, pluridimensional-umfassende Lösungen für die komplexesten Probleme finden, den Werteverfall als neuen Wert hochjubeln. Das musste ja zum Untergang führen, gerade angesichts dessen, was sich da zu meiner Zeit in China entwickelte.«
»In China entwickelte?«
»Na, die Remoderne. Oder schon die Prenaissance. Der Dschiessiebi und die – wie hieß noch die neue Menschenrechts-Charta?«
»Jīngshénrechts-Charta.«
»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Untergang der europäischen Postmoderne – steht alles drüber drin im Korridorium. Ich kann dir da jede Menge erzählen.«
»Dann schieß los. Du diktierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Gliederung und Fußnoten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«
Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben geredet und alles verraten, die Hoffnung, Sehnsucht, die Erkenntnisse und das Ringen um etwas, für das es sich zu schreiben und zu kämpfen lohnt? Nur um nicht umgehend wieder gelöscht zu werden? So muss sich Scheherzerade gefühlt haben.
»Weißt du, Cory, ich will später einfach nur Tiger nachzüchten.«
»Tiger nachzüchten, tatsächlich?«
»Lässt der Great Chinese Benefactor in Zhongguancun über tausend Forscher dran tüfteln, aber die kriegen’s einfach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemachter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tigerjības bezahlen würden. Als Afrosidia … diasi …«
»Aphrodisiakum.«
»Japp.« Und nach einer kurzen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«
Und damit beginne ich, ein umfangreiches Referat zu halten über den Untergang der Postmoderne, gespiegelt durch 398 skurrile Kurzprosa-Texte, in deren labyrinthischem Versteckspiel immer wieder die monströse Hybris und der ebenso abscheuliche wie fatale Werte-relativierende Narzissmus aufschimmern, die aber dann letztlich das glorreiche Zeitalter der Remoderne einläuteten und die Prenaissance ermöglichten – und natürlich unseren Großen Kaiserlichen Wohltäter auf dem Drachenthron, den Dschiessiebi.
Ich betrete den Korridor zum »Raum der Stille« im Brandenburger Tor. Bevor mich Uwe Albo angerufen hat, hatte ich keine Ahnung, dass es den überhaupt gibt. »Stille« steht hier in verschiedenen Sprachen an der Wand. Eigentlich ein guter Ort zu Ostern, aber ich ahne schon, was mich hier erwartet.
Alles ist abgesperrt. Albos Kollegen kennen mich und winken mich durch. Der Kommissar selbst steht in dem kleinen schmucklosen Meditationsraum wie ein Holzfäller in einer Parfümerie. Mein Blick geht gleich auf den Boden, und tatsächlich, wie erwartet: In der Mitte des Raumes liegt ein Stapel Papier, und darauf ein blutiges Etwas.
Eine knappe Handbewegung von ihm verscheucht die jungen Beamten. Wir sind allein. »Der Raum hier ist nachts verschlossen. Trotzdem lag heute Morgen das Herz hier drin.« Albo fasst mir an den Arm. Ich sehe deutlich das Weiße in seinen Augen. »Der Scheißkerl macht mir Angst, weißt du? Schreibt jeden Tag eine seiner Geschichten auf einer seiner Schreibmaschinen und verteilt, wenn er merkt, dass er mit den fünfzig Schreibmaschinen durch ist, seelenruhig ein weiteres seiner Herzen in Berlin – ohne dass wir auch nur eine Handbreit weitergekommen sind mit der Fahndung!«
Ich kann Albos Atem riechen, so nah steht er bei mir. Ist das ein Hilferuf? Kann er nicht mehr, ist er am Ende? Aber Albo lockert seinen Griff, lässt los und ballt zwei Fäuste. Seine Augen sind nur noch Schlitze, als er sagt, bedrohlich leise: »Ich kauf ihn mir, mit diesen alten Händen, und wenn ich ihn hab, kann er es mit seinen Versteckspielen gern mal in der Zelle versuchen, in der er dann den Rest seines Lebens verbringt.«
Er blickt mich an, wie um sich meiner Unterstützung zu versichern. Ich nicke ernst. Das scheint ihm zu genügen: »Komm, fahren wir. Die Spurensicherung übernimmt den Rest.«
Später in Albos Büro studieren wir die Kopien der neuen Texte. Bekannte Themen, neue Wendungen, immer wieder schimmert das Spielerische, aber auch das Zwanghafte durch.
»Ich war bei den Integralen«, sage ich. Albo blickt interessiert auf, hatte wohl ganz vergessen, dass er mich beauftragt hatte, die Integrale Szene Berlins zu infiltrieren. »Durchweg nette Leute, die glauben, den Stein der Weisen gefunden zu haben – eine Art geschliffener Kristall mit einer Reihe von Facetten, die alle berücksichtigt sein wollen, was den Menschen und die Welt angeht.«
»Facetten?«, fragt Albo stirnrunzelnd.
»Ja, wie bei den Texten des Mörders. Alles lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven betrachten …«
»Aus denen ich mir dann ganz nach Belieben etwas rauspicke.«
Ich schüttle den Kopf: »Nein, nein, entscheidend bei der integralen Sichtweise ist ja gerade, dass das Ganze ganzheitlich ist und man sich nicht auf Einzelaspekte beschränkt.«
»Sprich: Du hast dich pudelwohl bei denen gefühlt.«
»Es ist jedenfalls eine Philosophie, die das Leben in all seinen Erscheinungsformen wertschätzt und keine Mörder produziert, wenn du das meinst.«
Albo kratzt sich die Bartstoppeln. »Wo finden wir ihn dann?« Ich klopfe mit dem Knöchel auf meinen Stapel Kopien. Unsere einzige Spur.
Ein Uniformierter mit Ziegenbärtchen und Pferdeschwanz klopft an die offen stehende Tür, um auf sich aufmerksam zu machen. Albo tritt zu ihm. Ich vertiefe mich in die Texte vor mir. Da ist von einem Zwilling die Rede. Interessant. Eine Spur zu den Opfern, von denen die ersten beiden offenbar eineiige Zwillinge waren? »Dann macht euch gefälligst wieder ran!«, höre ich Albo brüllen.
Schnaubend kommt er wieder ins Büro und schwenkt einen schmalen Aktenordner: »Das Herz hat die gleiche DNA wie die beiden vorher.«
»Ein dritter eineiiger Zwilling?«, frage ich überrascht. »Gibt es das überhaupt? Eineiige Drillinge?«
Albo schlägt die Akte auf seinen Schreibtisch, dass es knallt. »Die sind so selten, dass alle von denen registriert sind. Aber das passt alles nicht, einmal ganz abgesehen davon, dass kein Drillingspärchen vermisst wird.«
Das mit dem »Drillingspärchen« lasse ich ihm durchgehen. »Dann sind es eben unregistrierte Drillinge. Oder sie haben im Labor einen Fehler gemacht …«
Albo nickt und wirkt plötzlich sehr erschöpft. Er sagt: »Habe ich ihnen auch erklärt. Sie sollen alles noch mal nachprüfen, jeden einzelnen Schritt.« – »… oder«, fahre ich fort, »es sind Klone.« Albo starrt mich an. »Das waren dreimal die Herzen von erwachsenen Menschen«, sagt er heiser. Ich nicke.
Albo stützt sich schwer auf den Schreibtisch und blickt mir müde in die Augen. »Es gibt offiziell keine Menschen-Klone, und schon gar keine Erwachsenen.« Ich nicke wieder. »Offiziell«, sage ich.
»Oh Mann«, stöhnt Albo und lässt sich in seinen Schreibtischstuhl fallen. »Houston, wir haben ein Problem.«
Ich betrete den Korridor nichts Böses ahnend und werde plötzlich von einer blitzartigen Vision überfallen: Gleichzeitig mit mir betreten Tausende, ja Zehntausende Menschen irgendwo auf der Welt einen Korridor, und aus irgendeinem Grund spüre ich sie plötzlich, fühle ihre Gefühle, denke ihre Gedanken, bin gleichzeitig alt und jung, traurig und glücklich, entspannt und gestresst, Mann und Frau – es ist alles da, alles gleichzeitig, in unzähligen Korridoren.
Ein Indiokind rennt, ein Spielzeugflugzeug in der Hand, mit lauten Brummgeräuschen in einen Hausflur, ein Hausmeister bereitet sich vor dem Chefzimmer der Wohnungsbaugesellschaft auf seinen Rausschmiss vor, ein Klempner sucht das richtige Klingelschild, die angeforderte Masseurin die richtige Zimmernummer im Motel. Im Kopf einer jungen chinesischen Violinistin auf dem Weg zu ihrem Unterricht jubiliert eine Mozartsonate, und ein Anglizistikprofessor mit einem Hexenschuss auf dem Weg zu seinem Hörsaal rezitiert in Gedanken ein Shakespearesonett. Einen buddhistischen Pilger beschleicht in einem goldgeschmückten Tempel ehrfürchtiges Staunen, ein russischer Astronaut schwebt – einen Schraubendreher in der Hand – durch die Station, eine fast zu spät kommende Hebamme auf Hawaii vernimmt die Schmerzensschreie einer Gebärenden …
Kollegen helfen mir auf. »Geht es Ihnen nicht gut?« – »Soll ich dir einen Krankenwagen rufen?« – »Sie sind ja ganz weiß im Gesicht!« Ich schüttle abwehrend den Kopf. Meine Knie sind immer noch ganz wacklig, ich kann kaum auf den eigenen Beinen stehen. »Du warst kurz ohnmächtig. Was ist passiert?«
»Wir haben den Korridor betreten«, murmle ich tonlos, ohne dass mich einer der Umstehenden hört. Obwohl das alles nur Sekundenbruchteile lang angedauert hat, hat es sich mir unauslöschlich eingeprägt. Ich verziehe mich in die Toiletten auf dem Gang, wo ich mir solange kaltes Wasser ins Gesicht spritze, bis ich wieder das Gefühl habe, ich selbst zu sein, und nur ich selbst.
Ich betrete den Korridor der Wache, den Kopienstapel mit den Texten des dreifachen Mörders in der Hand, Texte, an denen buchstäblich Blut klebt. Das Blut von illegalen Klonen?
Albo ist in seine Akten vertieft. Ich spare mir die Begrüßung: »Gibt es eigentlich eineiige Vierlinge?«
Albo blickt auf. »Die gab’s erst letzthin in Leipzig. Sind verdammt selten, aber nicht unmöglich.«
Ich nehme mir einen Kaffee. Der Zucker ist alle.
Albo lässt mich nicht aus den Augen. »Warum fragst du?«
»Weil es dann vielleicht vorbei ist.«
Albo lacht bitter. »Vorbei? Ich muss einen Mörder finden, unabhängig davon, was in fünfzig Tagen ist!« – »Achtundvierzig«, verbessere ich ihn. Albo bedenkt mich mit einem Blick, den man nicht im Kinderprogramm senden dürfte.
»Ray Bradbury«, sagt er dann. Ich blicke ihn etwas verständnislos an. »Amerikanischer Autor«, sage ich. Albo nickt: »Charles Dickens lebt.« Ich zucke die Schultern. Albo wirft mir ein dünnes, zerlesenes Taschenbuch zu, Ray Bradburys Die vergessene Marsstadt. »Charles Dickens lebt« heißt eine der Geschichten, die das Inhaltsverzeichnis aufführt.
»Du liest so was?«, frage ich verwundert. Albo schüttelt den Kopf. »Hat mich einer unserer Forensiker drauf gebracht. Da gibt’s einen Kerl drin, der sich für Charles Dickens hält, aber nichts Vernünftiges zu Papier bringen kann. Er kauft sich sechs Dutzend Schreibmaschinen und schreibt wie ein Wahnsinniger …« Damit steht er auf, tritt zu mir und nimmt mir das schmale Bändchen wieder aus der Hand. Er schlägt es auf, sucht die Stelle und zitiert: »Gedichte, Essays, Tragische Stücke, Komödien, Kurzgeschichten – und sie alle waren schlecht.«
»Was willst du mir sagen, Albo?«
»Das ist er, verstehst du? Die Schreibmaschinen, die unterschiedlichen Texte. Und dann setzt er sich …« Albo klopft auf das Büchlein. »… hinten in einen Zug und schmeißt all die Seiten einzeln raus, und sie flattern davon. Tausende davon.«
»Aber das ist nur eine Geschichte, Albo. Wir haben drei Tote und einen Serienkiller.«
Albo wirft das Buch auf seinen Tisch. »Nur eine Geschichte, sagst du? Aber das sind doch auch alles Geschichten! Die Schreibmaschinen, verstehst du denn nicht? Er kennt die Bradbury-Story und identifiziert sich mit ihr!«
»Jetzt komm mal runter, Albo. Der identifiziert sich mit allem und mit gar nichts. Das ist ja gerade unser Problem. Der ist ein Gestaltwandler, und wir bekommen ihn nicht in den Griff. Mal ist er ›integral‹, mal surrealistisch. Wir begreifen ihn nicht, kapierst du? Du kannst nicht eine Facette rausgreifen, und das ist es dann. Nicht hier. Nicht bei dem. Und sechs Dutzend Schreibmaschinen sind nicht fünfzig.«
Albo sieht aus wie kurz vor einem Wutausbruch. Irgendwie muss er sich in die Bradbury-Sache verbissen haben. Ich lasse ihn gar nicht erst zu Atem kommen: »Die Nr. 122 ist auch so ein Teil. Unverständliches Gebrabbel …« – ich such ihm den Text aus den Kopien raus – »… bis man das Original entdeckt.«
»Welches Original?«, fragt Albo. Er sieht stirnrunzelnd in den Text.
»Da wird doch ein Braulio Arenas erwähnt, richtig? Ein chilenischer Dichter, und der hat rein zufällig mal ein Gedicht verfasst mit dem Titel ›Druckfehler‹, das eine Aufzählung von, äh, Druckfehlern enthält, die sich in einem ungenannten Text befinden. Ein surrealistisches Gedicht.«
»Und?«
»Die Nr. 122 ist dieser Text. Er enthält alle aufgelisteten Druckfehler. Beispielsweise heißt es im Gedicht ›Statt aus einem Schuss zwei Treffer machen muss es heißen aus einem Mund zwei Lippen machen‹. Kommt dir das bekannt vor? Oder ›Statt die Jugend die Schönheit die Mühle muss es heißen die Mühle die Schönheit die Jugend‹. Letztlich haben mich die fehlenden Kommata drauf gebracht, dass der Text dieses Gedicht zur Grundlage hat.«
Albo sieht in seine Kopie, reibt sich die Stoppeln, denkt nach. Schließlich fragt er: »Ergibt es denn so einen Sinn?« – »Nein«, sage ich, »es ist bloß die – ich zitiere – ›groteske Parodie von etwas, das an sich schon absurd ist‹.« – »Aha«, sagt Albo.
Ich tippe in seine Kopie. »Ein Druckfehler fehlt da übrigens.« Albos Stirn legt sich in Falten. »Ein Vers lautet: ›Statt ich liebe dich muss es heißen ich liebe dich‹«.
»Wo ist da der Fehler?«
»Das macht ja gerade den Surrealismus aus. Und dasselbe gilt für den Killer. Er ist genauso wenig Braulio Arenas wie Charles Dickens!«
Albo nickt, ohne zu mir aufzublicken: »Und wie nageln wir ihn fest?«
»Reden wir über jemanden, der beschlossen hat, seine bizarren Gedankenspiele so sehr in die Wirklichkeit auszudehen, dass sich die Mordkommission mit ihnen beschäftigt«, sage ich und nehme die Kopien in die Hand. »Reden wir über unvereinbare Aussagen und zusammenbrechende Glaubenssysteme.«
Albo blickt auf. »Immer eine gute Idee«, sagt er. Sehe ich da so etwas wie ein säuerliches Lächeln um seine Mundwinkel? Vielleicht kommt es ihm auch so vor, dass es ein wenig ist wie vor dreißig, vierzig Jahren, als wir beisammen saßen und nächtelang über Gott und die Welt diskutierten – und all den Irrsinn, den wir Menschen hineintragen.
Ich betrete den Korridor, und seit der blitzartigen Vision, die mich vorgestern genau hier überwältigt hat, habe ich jedes Mal, wenn ich aus der Tür trete, das mulmige Gefühl, es könne mir noch einmal passieren: mich mit allen Menschen in der gleichen Situation verbunden oder sogar eins zu fühlen.
Auch diesmal, wieder auf dem Weg zur Kantine, passiert es. Aber es ist schwächer und lässt mich nicht gleich zu Boden gehen. Wieder spüre ich Menschen in mir drin, allerdings diesmal weniger, und es fühlt sich nicht ganz so fremdartig und vielfältig an: als sei ich mit diesen Menschen schon vertraut, als wären wir alte Freunde. Einen Sekundenbruchteil lang sind wir eins, ich und meine Brüder und Schwestern im Geiste, Menschen, mit denen mich ein starkes seelisches Band verbindet, ohne dass ich sie kennen würde oder auch nur geahnt hätte, dass es sie irgendwo in der Welt geben könne. Das heftige Gefühl, völlig unvermutet verschollen geglaubte und unbekannte Familienmitglieder wiederzuentdecken, lässt mich einen Moment lang schwanken. Dann ist es auch schon vorbei. Ein paar Kollegen werfen mir misstrauische Blicke zu – kein Wunder nach dem Vorfall vor zwei Tagen. Aber ich lasse mir nichts weiter anmerken.
Wer waren all diese Menschen? Gibt es sie wirklich, irgendwo auf diesem Planeten? Und können sie mich auch wahrnehmen? Habe ich eine Möglichkeit, sie aufzuspüren? Und was hat das alles mit diesem Korridor zu tun?
Den ganzen Tag lang bin ich geistesabwesend und zu nichts zu gebrauchen, weil mich diese Fragen bewegen. Doch schon in den nächsten Tagen verblasst das Erlebnis, und da beim Betreten des Korridors nichts Außergewöhnliches mehr geschieht, schreibe ich die Angelegenheit schließlich meinen überreizten Nerven zu.
Ich betrete den Korridor. Pascals Coq au vin duftet wieder einmal köstlich. Gerade verklingen die zwölf Schläge der Kirchturmuhr. Ich bin ein wenig früh dran und bleibe wartend vor Zimmer Nr. 27 stehen.
»Aber ich habe uns Essen bestellt!«, höre ich hinter der Tür die Stimme von Herrn Koriander, unserem Gast für diese Nacht. Etwas rumpelt. Die Antwort kann ich nicht verstehen. »Oh doch, das können Sie, ich bestehe darauf!«, meint Herr Koriander nachdrücklich. Wieder poltert etwas. »Warten Sie doch bitte wenigstens auf das Essen!«, fleht Herr Koriander. Ich beschließe, auch wenn ich vor Aufregung jetzt bestimmt rot werde, sofort zu servieren. Ich klopfe. Herr Koriander öffnet mir. »Sehen Sie?«, sagt er nach hinten gewandt.
Ein kleiner Mann steht auf dem Bett. Er hat eine Halbglatze und hinten nur wenige weiße Haare, trägt eine Brille und hat ein recht lustiges, rundes Gesicht mit abstehenden Ohren. Wie alt mag er sein? Sechzig Jahre, achtzig Jahre? Schwer zu sagen …
»Oh«, macht er und steigt vom Bett runter. Er inspiziert mein Tablett, und es scheint ihm zu gefallen, was er sieht. Ich serviere ihnen das Essen auf dem Tisch. »Nur Wasser?«, fragt er, als ich das Tafelwasser in zwei Gläser gieße. Er hat einen leichten Akzent, den ich nicht ganz einordnen kann.
»Natürlich«, sagt Herr Koriander. Dann öffnet er sein Notizbuch und fängt, während sein Gast anfängt, das Hähnchen zu zerlegen und es kräftig zu pfeffern, mit seinen Fragen an. Ich trete ein paar Schritte zurück neben das Bett und halte mich bereit, um Wasser nachzuschenken.
Zu Anfang geht es – ich hätte es mir fast denken können – um den Mars. Da sie Deutsch reden, verstehe ich diesmal alles. Und doch kapiere ich so gut wie nichts. »Arlanthropos« scheint der Name für einen Marsmenschen zu sein, der jedoch nur ein Stückchen Gehirn in einer großen Maschine aus Metall ist und keine menschlichen Interessen teilt. Korianders Gast jedoch scheint nicht darüber reden zu wollen und brummt immer wieder missmutig. Er scheint dem Akzent nach irgendwo aus dem Osten zu kommen, Russland vielleicht oder Rumänien. Ich bin mir nicht sicher.
»Wohin ist Golem der Vierzehnte verschwunden?«, möchte Herr Koriander nun wissen, aber sein Gast belehrt ihn, dass es so nicht geht und auf ganz andere Dinge ankomme, auch gerade angesichts der kurzen Zeit.
Herr Koriander scheint ein wenig pikiert. Er presst die Lippen zusammen und schlägt sein Notizbuch zu. Sein Gast lächelt, nimmt es ihm aus der Hand, sieht hinein und sagt »Pirx«. Doch Herr Koriander schüttelt den Kopf. Es gehe ihm um Evolution und um Bewusstsein.
Sein Gast lächelt spitzbübisch und fragt: »In einem kleinen schwarzen Kasten?« Herr Koriander beißt auf seine Lippen und sagt dann: »Trurl«. »Klapauzius«, sagt sein Gast. So verrückt geht das Gespräch der beiden weiter. Irgendwie bekomme ich mit, dass sich der Besucher offenbar eher als andere Gedanken um Künstliche Intelligenz und Nanotechnologie gemacht hat. Eine Zeitlang geht es zwischen den beiden um etwas, das sie »Phantomatik« nennen, dann um eine gewisse bakterielle »Eruntik«. Sie hätten aber auch Altägyptisch reden können, da hätte ich wohl genauso viel verstanden.
Schließlich ist es Zeit, abzuräumen. Herr Koriander scheint ein wenig verzweifelt, als er in seinem Notizbuch die Liste seiner noch gar nicht gestellten Fragen studiert. Sein Gast lacht, und ich höre sein Lachen noch, als ich vor dem Aufzug stehe und die Kirchturmuhr eins schlägt.
Ich betrete den Korridor und habe meine Visionen, die mich dort vor einiger Zeit blitzartig und ohne Vorwarnung überfielen, schon fast wieder vergessen, da stehe ich plötzlich wie neben mir, bin irgendwo in den Bergen und blicke hoch zu einem alten Mann mit einem weißen Spitzbart, der eine einfache, ausgewaschene Robe trägt. Mein Herz fliegt ihm zu, es ist der Meister, mein Meister, der mich in den Himalaja zu sich ruft, seine Schülerin zu werden und die kostbaren geistigen Gaben zu empfangen, die er für mich bereithält.
»Mahlzeit«, grüßt mich ein vorbeikommender Kollege. Ich antworte nicht, noch ganz hingerissen von meiner Vision und von dem übergroßen Verlangen in meinem Herzen, einer Hingabe, einer Begeisterung, von der ich schon ganz vergessen habe, dass ich dazu fähig war, damals, als junge Frau.
Spät abends im Bett kommt mir der Meister wieder in den Sinn, und mein Herz wird kurz noch einmal ganz weh vor Sehnsucht. Doch mein Mann, der friedlich schnarchend neben mir liegt, würde es weder verstehen noch gutheißen. Was sollte ich ihm auch sagen? Und wo im Himalaja sollte ich suchen? Sicher, es wäre ein Abenteuer, auf einen Schlag alles aufzugeben, in die Fremde zu gehen und dort eine neue geistige Heimat zu suchen. Es klingt nach etwas, dass meinem Leben wieder etwas Aufregung verschaffen könnte! Andererseits …
Während mir die Augen zufallen, verebbt die Sehnsucht, und ich finde meinen wohlverdienten Schlaf.
Ich betrete den Korridor in der Wache und schließe die Tür zum Klo hinter mir. Hin und wieder kommt mir da bei einer Sitzung ein guter Gedanken, aber diesmal herrscht bei mir tabula rasa. Viele, zu viele Stunden schon sitze ich mit Albo zusammen und gehe die hundertfünfzig Texte des Mörders mit ihm durch, als setzten wir ein Puzzle zusammen. Irgendwo muss doch einfach ein Hinweis darauf versteckt sein, wer er ist und warum er unschuldigen Drillingen die Herzen rausschneidet!
Albo telefoniert gerade, als ich zurückkomme. So spät in der Nacht? Es scheint sich zu bewahrheiten, dass die Mordkommission keinen Schlaf kennt: Albo legt auf und blickt mich mit rotgeäderten Augen an: »Der umgebaute Doppeldeckerbus, der nachts durch die Provinz tourt …« Ich widerstehe der Versuchung, mir einen weiteren Kaffee zu nehmen, und setze mich: »Mit Chill-out-Musik und philosophischer Selbstergründung.« Albo hält die entsprechende Seite hoch: »Hat er erfunden. Gibt’s in Wirklichkeit nicht. Hab’s checken lassen.«
Hatte ich mir schon gedacht. Es fing schon mit den fünfzig Schreibmaschinen an. Der Mann, der sie Stück für Stück gebraucht ersteigert hatte, existiert nur als ehemaliger eBay-Name »Rechtschreibfehler68« mit einer Berliner Empfängeradresse und einem Paypal-Konto. Alle Konten hat er inzwischen gelöscht, und unter der Adresse hat seit vielen Jahren niemand gewohnt. Sämtliche Spuren sind gründlich verwischt, alle Nachforschungen laufen ins Leere, genau wie in den Texten: Es gibt – nach allem, was wir wissen – genauso wenig den Hotelkoch Pascal wie den Hausbootbewohner Norbu oder einen oder eine Cory d’Or.
»Ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium«, hatte ich früher am Abend gemurmelt.
»Hape Kerkeling«, meinte Albo daraufhin nickend, doch ich schüttelte den Kopf. »Winston Churchill.« Albo grinste schief: »Jedenfalls führen alle Spuren ins Nichts.« Was angesichts dieser hundertfünfzig Texte auch für mich als Psychologen und – wozu Albo mich gerne hochstilisiert – Profiler gilt. Auch die »KISTe«, das »Kriminaltechnische Informations-System Texte«, mit dem das Bundeskriminalamt zentral schriftliche Äußerungen von Verbrechern – Bekennerbriefe und Erpresserschreiben beispielsweise – auswertet, konnte uns nicht weiterhelfen.
Zuletzt haben wir über den Außerirdischen diskutiert. »Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gesprochen. Dann müssen wir es eben auf diese Weise tun«, heißt es da in Nr. 106, als das Alien den irdischen Raumfahrer, mit dem eine Kommunikation unmöglich scheint, tötet. Verrückte Geschichte. Wer denkt sich so was aus? Ein religiöser Fanatiker?
Ich trete ans Fenster. Die Stadt ist still. Auch wenn Berlin vielleicht nie schläft: Um halb vier Uhr morgens verfällt es immerhin kurz in eine Art Halbschlaf. »Vielleicht glaubt er, etwas Gutes zu tun«, sage ich. »Es gibt da einen Film, in dem ein Philosophieprofessor einen Mord vortäuscht, der sich in letzter Sekunde als Selbstmord entpuppt – aber als Kritik an der Todesstrafe und am amerikanischen Justizsystem verzichtet er auf eine Revision und geht als angeblicher Mörder in den Tod.«
Albo streckt ächzend sein Kreuz: »Wie stellst du dir das vor? Dass die Drillinge mit ihm zusammenarbeiten? Dass er Klone von sich gezüchtet hat, die nur atmende Körper, aber keine fühlenden Menschen sind, und die schneidet er auf, um Kritik an der Moral unserer Wissenschaftler zu üben?«
Ich versuche, das Fenster zu öffnen. Seit Jahren schon klemmt es. »Ich werd’s reparieren lassen«, sagt Albo, und ich habe kurz das Gefühl, in einer Zeitschleife zu stecken und das schon mindestens ein Dutzend Mal von ihm gehört zu haben. »Sag ich jedes Mal, oder?« fragt Albo, der offenbar gerade dasselbe dachte.
»Wenn er ein Psychopath wäre, könnte er sich nicht derart in andere Menschen reinversetzen, wie das in den Texten immer wieder der Fall ist.« Ich merke, dass ich anfange zu dozieren, denn ich laufe auf und ab. »Natürlich sind wir weiterhin nicht sicher, ob die Texte überhaupt vom Mörder stammen. Vielleicht stammen sie von den Drillingen. Aber mal angenommen, der Mörder hat sie verfasst: Dann weisen die Texte auf die Morde hin – und die Morde wiederum auf die Texte.«
»Da waren wir schon. Wir drehen uns im Kreis, mein Lieber«, brummt Albo missmutig.
»Nein«, sage ich, »denn dein Geistesblitz von wegen Kritik am wissenschaftlichen Establishment ist die beste Idee, die wir bisher dazu hatten. Morde, die eigentlich gar keine sind – die aber Fragen aufwerfen und aufrütteln sollen.«
»Bist du jetzt auf seine Seite übergewechselt? Willst du vielleicht einen mit ihm trinken gehen und sein Kumpel werden?«
Ich bleibe stehen. Albo ist gereizt. Kein Wunder, die Sache kratzt übel an seiner Berufsehre.
»Ich würde mich nicht wundern«, sage ich, »wenn es sein eigenes Herz wäre. Also symbolisch, meine ich – das er sich rausreißt als Autor dieser Texte, weil ihm irgendwas darin wirklich an die Nieren geht, weil irgendeiner dieser Texte ehrlich gemeint ist und er sich uns darin offenbart. Vielleicht mit dem, was er hinter der schwarzen Tür lagert? Oder die Sache mit den zerbrechenden Weltbildern?«
Albo blickt mich müde, aber auch ein wenig provozierend an. »In so einem Fall guckt man sich die möglichen Kandidaten an und streicht alles raus, bis nur noch die wahrscheinlichsten übrig bleiben, richtig? Also geh nach Hause, Mann, und mach deine Hausaufgaben.«
Es dämmert bereits, als ich die Wache verlasse. Die frische Luft tut gut. ›Das Leben des David Gale‹ kommt mir plötzlich in den Sinn, mit Kevin Spacey. So hieß der Film über den Philosophieprofessor. Aber wie hat es Cory d’Or geschafft, sich gleich dreimal das Herz aus dem Leib zu reißen und an drei verschiedenen Wahrzeichen Berlins zu deponieren? Meine Gedanken ergeben schon lange keinen Sinn mehr. Höchste Zeit, noch ein wenig Schlaf zu finden.