Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Das Titelbild zeigt eine große Industriemaschine in einer Fabrik. Ein gelber Pfeil ist an einem Eingang angebracht und zeigt darauf. In den oberen Ecken zeigen Illustrationen ein Bedienpult mit einem Joystick links und einen Liegesessel mit einem Cocktail rechts. In der Mitte ist eine unentzifferbare Formel eingefügt.

♫ Lei­sure Hun­ters ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Pro­fes­sor Ceril nennt das Ding »Frei­zeit­ma­schine«, aber für mich ist es wie­der ein­mal ein turm­ho­hes Gebilde aus Gän­gen, Kam­mern und Ver­bin­dungs­schäch­ten, wie immer erfüllt von einer unan­ge­neh­men Ener­gie, die auf der Haut pri­ckelt und meine Haare knis­tern lässt.

Die neuste Theo­rie des Pro­fes­sors ist fol­gende: Wah­rer zivi­li­sa­to­ri­scher Fort­schritt ent­steht nur in der Frei­zeit, da hier der Kar­riere- und Pro­fit­druck weg­fällt und die Men­schen – er denkt da wohl an Erfin­der wie ihn selbst – ihre Gedan­ken frei schwei­fen las­sen kön­nen und sich mit den Din­gen beschäf­ti­gen, die sie wirk­lich inter­es­sie­ren. So sei das Feuer, das Rad, die Schrift, die Zahn­seide und die Snooze-Taste erfun­den wor­den. Meint jeden­falls Ceril.

Mehr Frei­zeit muss her, ist seine Devise. Nicht für ihn selbst, denn er ist bereits (dank des Spon­so­rings durch mei­nem Vater) Pri­vat­ge­lehr­ter und damit Frei­zeit­for­scher, son­dern für alle. Damit meint er nicht nur die Bevöl­ke­rung auf dem Pla­ne­ten Erde, son­dern auch alle unent­deck­ten, unbe­merk­ten und uner­reich­ba­ren Zivi­li­sa­tio­nen in der gan­zen Gala­xis – für unsere Nach­bar­ga­la­xien aller­dings oder gar das gesamte Uni­ver­sum hätte seine Maschine, sagt er, grö­ßer wer­den müs­sen als unser Son­nen­sys­tem bis hin­aus zur Umlauf­bahn des Nep­tun. Das ist natür­lich nicht mach­bar, und des­halb seine unty­pi­sche Selbst­be­schrän­kung auf die Milch­straße – ein­schließ­lich, nicht zu ver­ges­sen, aller par­al­le­len Milch­stra­ßen aus der mul­ti­di­men­sio­na­len Quan­ten­wirk­lich­keit, die bekannt­lich alle Mög­lich­kei­ten und Wahr­schein­lich­kei­ten Rea­li­tät wer­den lässt, in wel­cher der infi­ni­ten Dimen­si­ons­ebe­nen auch immer.

Soweit jeden­falls Ceril.

Am Ende des Kor­ri­dors finde ich eine Schalt­ta­fel mit gro­ßen, far­big mar­kier­ten Hebeln, hin­ter der es emsig surrt, schabt und puckert. Dies­mal ist es ein­fach: Ich soll den gel­ben Hebel zie­hen. Er setzt dann einen kom­pli­zier­ten Mecha­nis­mus in Gang, der – ent­nehme ich den gewun­de­nen Erklä­run­gen des Pro­fes­sors – stu­pide Tätig­kei­ten und Rou­ti­ne­auf­ga­ben auf­saugt und damit eli­mi­niert. Diese näm­lich, so haben seine (Freizeit!-)Forschungen erge­ben, bestehen zum Groß­teil aus einer bestimm­ten Art fein­stoff­li­cher Ele­men­tar­teil­chen, die er Ergo­nen nennt.

Mit der Hand am gel­ben Hebel kommt mir unver­mit­telt in den Sinn, dass dann ja auch meine Eltern nicht mehr arbei­ten müss­ten.

Hm, das wäre schlecht.

Jetzt schon ist ihre karge Frei­zeit damit aus­ge­füllt, ihr halb­wüch­si­ges Wun­der­kind auf eine groß­ar­tige Kar­riere als Genie vor­zu­be­rei­ten und mir stän­dig Vor­schrif­ten zu machen. Mit mehr Frei­zeit für sie könnte das zu einer ganz schön läs­ti­gen Ange­le­gen­heit für mich wer­den.

Ich nehme meine Hand her­un­ter und lasse den Hebel in sei­ner Aus­gangs­stel­lung.

»Und?«, fragt der Pro­fes­sor begeis­tert, als ich aus sei­ner Maschine trete, froh mich in dem Gewirr aus Schäch­ten und Flu­ren nicht ver­irrt zu haben oder gar irgend­wie selbst auf­ge­saugt wor­den zu sein. Ich nicke. Wie erwar­tet meint Ceril die Aus­wir­kun­gen bereits zu spü­ren. »Hast du nicht auch das Gefühl, es sind schon weni­ger Ergo­nen um uns herum?« Wie­der nicke ich. »End­lich ein­mal eine wün­schens­werte Form der Arbeits­lo­sig­keit und Frei­zeit­ge­sell­schaft!«, meint er begeis­tert. Doch ein Blick auf seine Mess­ge­räte lässt ihn nach­denk­lich wer­den. »Hm. Die Kon­zen­tra­tion nimmt weit weni­ger stark ab, als ich vor­aus­be­rech­net habe.« Stirn­run­zelnd sieht er mich an.

»Könnte es nicht sein, dass immer wie­der neue Ergo­nen ent­ste­hen?« Der Pro­fes­sor kratzt sich das Kinn, zieht die ent­spre­chen­den For­meln aus sei­nem Zet­tel­kas­ten und beginnt, einen Wust von Zah­len und Varia­blen auf sein Käst­chen­pa­pier zu krit­zeln. »Die Entro­pie! Ver­flixt! Ich hätte es mir den­ken kön­nen …«, mur­melt er. Mir ist gleich, ob es Ergo­nen sind oder die Entro­pie: Haupt­sa­che, jemand hält mir meine Eltern vom Hals.

(Meine Eltern ent­wi­ckel­ten dann plötz­lich ganz neue Pläne für mich, ihr Wun­der­kind, aber das ist eine andere Geschichte.)

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Das Titelbild ist ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt einen Schreibtisch, auf dem mehrere altmodische Fernseher oder Überwachungsmonitore übereinander gestapelt sind. Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven einen Mann, der auf einem Stuhl sitzt. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 07 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Before the Ritual ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Ein uni­for­mier­ter Beam­ter, den ich hier noch nie gese­hen habe, tritt mir ent­ge­gen. »Ich will zu Albo«, sage ich und folge ihm durch den Gang, bis er an eine Tür klopft.

Drin­nen sitzt der Kom­mis­sar vor meh­re­ren Moni­to­ren, die offen­bar das Ver­hör­zim­mer zei­gen. An einem schmuck­lo­sen Holz­tisch dort, allein: ein Mann. Er trägt Hand­schel­len und hat seine Hände auf den Tisch gelegt.

»Wir haben ihn«, sagt Albo und blickt zu mir hoch, »und ich will dich unbe­dingt beim Ver­hör dabei haben.«

Viel­leicht wär’s nett gewe­sen, zuerst eine Ent­schul­di­gung von ihm dafür zu hören, mich mit­ten in der Nacht in die Poli­zei­di­rek­tion zu beor­dern. Aber das ist halt nicht Albos Art. Dabei hat mich sein Anruf aus dem Tief­schlaf geris­sen, und ich fühle mich immer noch, als sei ich see­krank und die Welt von Watte.

»Er wollte in den Alex ein­bre­chen. Den Fern­seh­turm«, fügt er über­flüs­si­ger­weise hinzu.

»Hat er da … ein wei­te­res Herz in einen Kor­ri­dor legen wol­len?«

Es ist ein jun­ger Mann mit zer­zaus­ten blon­den Haa­ren. Ich sehe getrock­nete blaue Farbe an sei­nen Hän­den und auf sei­nem Over­all.

Albo kratzt sich die Augen­braue und schüt­telt dann den Kopf: »Er hat sich als Anstrei­cher getarnt, mit Blau­mann und Farb­ei­mer und so, ist aber auf­ge­flo­gen, als er über die Not­treppe nach oben wollte.«

»Also kein Herz«, sage ich erleich­tert, »und wie steht es mit Tex­ten?«

»Fehl­an­zeige«, sagt Albo, »damit wär er ja auch zu früh dran. Der wollte nur den nächs­ten Kor­ri­dor aus­kund­schaf­ten. An den wich­tigs­ten Wahr­zei­chen der Stadt lasse ich seit ein, zwei Näch­ten ver­mehrt Streife gehen.«

»Hat er was gesagt? Gestan­den?« Ich ver­su­che den Mann auf dem Moni­tor irgend­wie ein­zu­ord­nen. Seine Augen schei­nen ins Leere zu star­ren, doch viel­leicht täuscht das Moni­tor­bild auch. Er ist jung. Eigent­lich viel zu jung. Zu grün hin­ter den Ohren.

»Nichts aus ihm raus­zu­krie­gen«, sagt Albo, aber trotz­dem wirkt er ein wenig stolz und erleich­tert. Er boxt mir jovial in den Ober­schen­kel: »Ich hoffe, du knackst ihn mir. Bevor ich zu mei­nen Metho­den grei­fen muss.«

»Und wenn er es gar nicht ist?«, frage ich. Albo rutscht unru­hig auf sei­nem Hocker hin und her: »Was soll er sonst da auf dem Alex gewollt haben?«

»Selbst­mord«, sage ich, »eine Wette mit sei­nen Kum­pels, ein Lie­bes­be­weis für seine Ange­be­tete …«

Albo macht eine fah­rige Hand­be­we­gung.

Ich lasse nicht locker: »Ich glaube kaum, dass der Kerl weiß, was die Viele-Wel­ten-Theo­rie ist.«

»Viele-Wel­ten-Theo­rie?«, fragt Albo.

»Text 63«, sage ich, »und ich bezweifle auch, dass er weiß, wie man ›Mega­lith­völ­ker‹ schreibt, Nr. 97, oder …«

Albo ist auf­ge­stan­den. »Denk dir lie­ber mal aus, wie wir ihn zu einem Geständ­nis brin­gen!«

»Uwe, Mann, sieh’s ein: Das ist nicht der Typ, den wir suchen. Soll­ten deine Leute aller­dings bei ihm in der Woh­nung fünf­zig Schreib­ma­schi­nen fin­den, ruf mich an, mei­net­hal­ben auch mit­ten in der Nacht, und ich komm auf den Knien hier­her­ge­kro­chen und ent­schul­dige mich bei dir.« Manch­mal muss man bei Albo mit dem Zaun­pfahl win­ken – oder bes­ser noch: damit auf ihn ein­schla­gen –, damit er kapiert, dass er sich ver­rannt hat.

Er sackt jeden­falls sicht­lich in sich zusam­men: »Dabei war ich mir so sicher.«

»Du bist über­ar­bei­tet. Wenn ich dir einen guten Rat als Freund geben darf: Nimm dir ein paar Tage frei, fahr in die Dat­sche am See, setz dich in die Sonne und starr Löcher in die Luft.«

Albo lächelt säu­er­lich.

»Tut mir leid«, sagt er, und ich spüre, dass die Worte nicht so rich­tig aus sei­nem Mund her­aus­wol­len, »dass ich dich aus dem Schlaf geholt habe. War’n biss­chen vor­ei­lig von mir, fürchte ich. Kaf­fee?«

Ich schüttle den Kopf. »Dann komm«, sagt er, »ich fahr dich nach Hause.« Das kenn ich schon. Mit Blau­licht über rote Ampeln. Nie wie­der. Da lass ich mir lie­ber ein Taxi rufen.

Das lässt auf sich war­ten, und ich gehe doch noch zu dem Anstrei­cher rein.

»Tach«, sage ich und warte keine Ant­wort ab, »viel­leicht kann ich dir für ein Graf­fiti auf dem Alex­an­der­turm eine Geneh­mi­gung besor­gen. Man muss halt die rich­ti­gen Leute ken­nen. Isses denn ein guter Spruch?«

Er blickt mich an, als sei ich eine Erschei­nung. Schließ­lich öff­net er den Mund, bewegt ihn mehr­mals wie ein nach Luft schnap­pen­der Fisch und ant­wor­tet schließ­lich: »Sollte unser Logo wer­den.«

»Aha«, sage ich, »ein Fir­men­logo?«

»Nein, nein: das von mir und mei­ner Freun­din.« ›Fal­sche Rei­hen­folge, Freund­chen‹, denke ich, ›so wird das nix mit euch bei­den.‹ Ich will ihn fra­gen, was es für ein Logo ist, aber da kommt der Beamte rein, der mich zu Albo geführt hatte, und flüs­tert mir ins Ohr: »Ihr Taxi ist da.«

»Dann viel Spaß noch«, sage ich, hebe meine Hand, und tat­säch­lich hebt der Kerl auch seine Hand, als seien wir Kum­pels. O selige Blau­äu­gig­keit! Ver­mut­lich kann diese Gene­ra­tion nicht für fünf Pfen­nig den­ken, weil die Pfen­nige abge­schafft wur­den. Alles geht den Bach run­ter.

Der Taxi­fah­rer will mir was von irgend­wel­chen Fuß­ball­spie­len erzäh­len. Albo würde jetzt sagen: »Schnauze hal­ten und fah­ren.« Ich ver­such das auch mal – und siehe da, es funk­tio­niert präch­tig.

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♫ To the Ghost Bet­ween the Pages ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, das ein­zige, das mir ver­traut vor­kommt in dem Wir­bel aus Far­ben und For­men, der mich ringsum ein­hüllt und schwin­deln lässt. Es tut gut, fes­ten Boden unter den Füßen zu füh­len. Aber ist es wirk­lich fes­ter Boden? Alles hier ist selt­sam weich und tei­gig, die Wände des Kor­ri­dors füh­len sich nach­gie­big an, als hätte man Seide über Schaum­stoff gespannt.

»Alles klar bei dir da drin?«

Wer spricht da? Ist das ein Test? Ein Expe­ri­ment? Ein April­scherz? Oder hat mich der ame­ri­ka­ni­sche Geheim­dienst wie­der auf­ge­grif­fen?

»Gib Laut, Mann, ich hab nicht den gan­zen Abend Zeit.«

Die Stimme klingt nach einem Jugend­li­chen. Ich kann sie nicht loka­li­sie­ren und stol­pere den Kor­ri­dor ent­lang. Kommt sie von vorne? Der Gang ist gebo­gen, sein Ende nicht zu sehen. »Hallo? Ist da wer?«

»Tom. Nǐhǎo. Ich hab da ein paar Fra­gen, Cory.«

Cory? Ja, Cory. Aber wer ist Cory? Meine Erin­ne­run­gen wider­spre­chen sich. Ich bin gleich­zei­tig eine Jour­na­lis­tin, der Schü­ler eines bud­dhis­ti­schen Meis­ters, der Mino­tau­rus, eine Xeno-Lin­gu­is­tin … Wie kann das sein?

»Du bist doch ’n schlaues Kerl­chen. Hast ’ne Menge geschrie­ben. Und ich brauch jetzt deine Hilfe. Es geht um den ›Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne am Bei­spiel eines Lite­ra­tur-Blogs aus dem Jahr 2012‹. Ich brauch da Input.«

Wovon redet er? Der Kor­ri­dor hat ein­fach kein Ende, und die Stimme bleibt immer bei mir. Ein Traum? Nein: Immer, wenn mir die­ser Ver­dacht in einem Traum kommt, ver­wan­delt er sich in einen Klar­traum. Doch das funk­tio­niert dies­mal nicht. Ich wache nicht auf, weder im Traum noch im Bett. Und doch ist es irreal.

»Kannst du was anfan­gen damit, Cory? ›Unter­gang der Post­mo­derne‹?« Die Stimme hat etwas Drän­gen­des.

»Das Kor­ri­do­rium …«

»Japp. Davon rede ich. Soll ich ’ne Fach­ar­beit drü­ber schrei­ben.«

»Das Kor­ri­do­rium …«, setze ich erneut an, aber ich ver­stumme, denn mit einem Mal wird mir klar, dass ich das Kor­ri­do­rium und alle Geschich­ten darin geschrie­ben habe. Ich bin das nicht, son­dern ich habe es erdacht. Ja, so muss es gewe­sen sein. Daher die wider­sprüch­li­chen Erin­ne­run­gen: Geschich­ten, die ich mir alle nur aus­ge­malt habe.

»Wo bin ich?«, frage ich in den gebo­ge­nen Gang. Es sind Türen da – habe ich sie vor­her nicht bemerkt? Sie tra­gen Num­mern, wie in einem Hotel. Dabei fühlt es sich eher an wie eine Biblio­thek, wie der Kor­ri­dor zwi­schen den Bücher­re­ga­len, und so riecht es hier auch. Ein Hotel, das nach Büchern riecht. Gar nicht schlecht eigent­lich. 398 steht auf der Tür. Ich drü­cke die Klinke her­un­ter, aber sie ist ver­schlos­sen.

»Über­all und nir­gends. Du bist ein Yōulíng mit der Auf­gabe, mir bei der Fach­ar­beit zu hel­fen. ›Post­mo­derne‹, der Teach spinnt doch.«

Auch die nächste Tür ist ver­schlos­sen. Und die nächste. Und so fort. Jede trägt die glei­che Num­mer. 398. Viel­leicht bin ich ver­rückt gewor­den? Oder tot.

»Jetzt sag schon: Was ist post­mo­dern an dei­nem Geschreib­sel, und inwie­weit spie­gelt das den Unter­gang wider?«

»Was ist ›Teach‹?«

»Mein Deutsch-Teach. Tut aber nichts zur Sache. Die wird nie von dir erfah­ren. Ich hab dich mit Hilfe dei­ner Texte rekon­stru­iert. Pri­vate Yōulíngs sind zwar ver­bo­ten laut Jīngs­hén­rechts-Charta, aber das ist ja hier sozu­sa­gen ein Not­fall.«

Rekon­stru­iert? Ich laufe den Kor­ri­dor ent­lang, rüttle an ver­schlos­se­nen Türen, die alle die 398 tra­gen – dazu meine durch­ein­an­der­wir­beln­den Erin­ne­run­gen an einen Hau­fen Hip­pies, die Pest, an ein End­la­ger für Atom­müll, die Arche Noah …

»Eine Rekon­struk­tion?«

»Japp. Hab hier am Labor-Táishì mei­nes Vaters ein­fach einen Blanko-Mind genom­men, mit dei­nen Tex­ten gefüt­tert und die Sekun­där­li­te­ra­tur abru­fen las­sen. Plus die wich­tigs­ten Daten vom Anfang des Jahr­tau­sends, das Zeit­geist-Package 1970 bis 2012. Den Rest erle­digt die Stem.«

»Blanko-Mind?«

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz, Mann. Das ist alles nach dei­ner Zeit. Ich bin nicht hier, um dir die Welt zu erklä­ren.«

»Die Welt von wann?«

»67. Ich sag ja: Lange nach dei­ner Zeit.«

»2067?«

»Ja, Bingo.« Seine Stimme klingt genervt.

2067. Wie kann das sein? Tat­säch­lich erin­nere ich mich dun­kel, gestor­ben zu sein. Der Tun­nel ins Licht. Oder nein, das Schwert im Rücken. Doch das sind wohl auch nur Geschich­ten, Geschich­ten, anhand derer ich rekon­stru­iert wurde. Des­halb kann ich nur wis­sen, was in den Tex­ten steht – und nichts von mei­nem Tod, dem des Autors, des­sen Rekon­struk­tion ich bin. Seine – oder ihre – Sto­rys aller­dings sind wider­sprüch­lich. Es muss Absicht sein, dass sie sich nicht fest­le­gen. Wie soll ich wis­sen, wer ich bin, nicht ein­mal ob Mann oder Frau oder ob über­haupt ein mensch­li­ches Wesen, wenn genau das gerade das Such­spiel war, das Rät­sel? Wenn alles plu­ri­di­men­sio­nal daher­kommt und frak­tal zer­split­tert? Aber nein, löst sich nicht am Ende des Blogs über­ra­schend alles auf, und es wird klar, wer Cory ist und was es mit all den Geschich­ten auf sich hat?!

Doch ich kann dem Gedan­ken nicht wei­ter fol­gen, son­dern werde unter­bro­chen. »Okay, Mann, also das Kor­ri­do­rium: 400 Blog­ein­träge, ins­ge­samt vom Umfang eines mit­tel­schwe­ren Romans. Irgendwo da drin muss was zum Unter­gang der Post­mo­derne ste­hen – oder halt was Post­mo­der­nes, das den Unter­gang beleuch­tet. Also leg mal los, du bist doch Schrei­ber­ling.«

»Es sind 398 Texte. Nicht 400. Drei­hun­dert­acht­und­neun­zig!«

»Wie auch immer.«

»Und sie soll­ten nicht post­mo­dern sein, son­dern post-post­mo­dern. Ver­stehst du? Inte­gral.«

»Hör zu: Das ist hier nicht der Mathe-Unter­richt.«

Ich werde wütend. Da rekon­stru­iert mich jemand im Jahr 2067, indem er ein Blanko-Bewusst­sein mit mei­nen Tex­ten füt­tert und irgend­ein Com­pu­ter dar­aus den Geist des Autors, also mich, her­vor­kit­zelt, aber es ist kein Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, kein His­to­ri­ker, nicht ein­mal ein Lieb­ha­ber skur­ri­ler Kurz­prosa, son­dern nur irgend so ein igno­ran­ter Schnö­sel, der für die Schule was über mich schrei­ben muss und zu faul ist, auch nur eine Zeile davon zu lesen!

»Jetzt hör du mir mal zu, du Banause! Du musst da was falsch ver­stan­den haben: Ich hab die Post­mo­derne tran­szen­diert, das mit dem Unter­gang ist Schwach­sinn. Die Post­mo­derne kann doch allen­falls durch die nächste Kul­tur­stufe, also die Inte­grale Per­spek­tive abge­löst und in sie inte­griert wor­den sein! Die Moderne ist doch auch nicht ›unter­ge­gan­gen‹.«

»Nee, im Gegen­teil: Nach der Post­mo­derne kam die Remo­derne, und dann die Pre­nais­sance. Déle. Das ist alles nach dei­ner Zeit, und jetzt lass uns end­lich end­lich die Fach­ar­beit schrei­ben.«

Mir schwirrt der Kopf. Die Post­mo­derne mit all ihren Errun­gen­schaf­ten soll geschei­tert und spur­los ver­schwun­den sein? Doch nicht etwa – durch mich?

»Das Kor­ri­do­rium hat den Unter­gang ver­ur­sacht?!«

»Wohl kaum. Ich hab natür­lich recher­chiert, was es mit die­sem Korri-Dōng­dōng auf sich hat, aber es ist nix drü­ber zu fin­den. Blieb wohl unbe­ach­tet, und ich schätze, dass es an der Quote für deut­sche Lite­ra­tur liegt, dass der Teach das Ding aus­ge­gra­ben hat. O Mann! Zwan­zig­tau­send Zei­chen Mini­mum inklu­sive Leer­zei­chen – hätte echt lie­ber was über chi­ne­si­sche Lite­ra­tur geschrie­ben!«

»Aber es muss doch einen Wiki­pe­dia-Ein­trag zum Kor­ri­do­rium geben!«

Die Stimme lacht. Ein kur­zes, generv­tes Lachen. »Das ist dann wohl der post­mo­derne Nar­ziss­mus, von dem der Teach redet: immer nur um sich selbst krei­sen. Nee, Wiki­pe­dia ist längst Geschichte, der Dschies­sibi hat die Sùz­hì­pe­dia draus gemacht, nach dem Melt­down.«

»Melt­down?«

»2030. War nach dei­ner Zeit. Und in der Sùz­hì­pe­dia …«

»Was ist der Melt­down?«, unter­bre­che ich ihn.

»Inter­es­siert doch jetzt kei­nen Benz. Willst du jetzt wis­sen, ob was über dich in der Sùz­hì­pe­dia steht oder nicht?«

»Sùzhì wie Sushi?«

»Doch nicht Japa­nisch! Das ist Chi­ne­sisch und heißt ›schnel­les Wis­sen‹.«

»Du sprichst Chi­ne­sisch?«

»Nur Man­da­rin. Jeden­falls steht nichts übers Kor­ri­do­rium drin. Es gibt da nur irgend­eine Fuß­note. Eine ein­zige.«

»Was für eine?«

»Keine Ahnung, hab ich mir nicht gemerkt.«

»Zum Thema ›Plu­ri­di­men­sio­na­les Welt­bild‹ viel­leicht? Oder zu ›frak­tale Lite­ra­tur‹?«

»Mann, du gongst!«

»Die­ser Melt­down: Danach ging’s steil bergab, oder? Ich meine: ›Remo­derne‹, das klingt nach Regres­sion. Und mit der ›Pre­nais­sance‹ scheint es die Mensch­heit ja dann auf einen Schlag zurück ins dun­kelste Mit­tel­al­ter ver­setzt zu haben.«

»Na, das sagt der Rich­tige. Der Teach hat recht. Haupt­cha­rak­te­ris­ti­kum der Post­mo­derne: ihre abscheu­li­che Hybris. Neben ihrem fata­len Werte-Rela­ti­vis­mus natür­lich.«

»Und wer Cory ist? Hast du das recher­chiert?«

»Inter­es­siert doch jetzt wirk­lich kei­nen Benz. Hör end­lich auf, mich voll­zu­gon­gen. Ich stelle hier die Fra­gen! Wer soll Cory schon sein? Cory halt. Du.«

»Was soll das mit dem ›Benz‹? Wovon redest du?«

»Das ist chi­ne­sisch. Pik.«

»›Benz‹ soll chi­ne­sisch sein? Und was ist ›pik‹?«

»Na, pik. Pikant. Zu dei­ner Zeit hätte man wohl ›cool‹ gesagt.«

»Zu mei­ner Zeit … Du hast mich doch gerade erst rekon­stru­iert. Von damals weiß ich nur irgend­wel­che Geschich­ten. Der echte Cory dage­gen – hat eigent­lich mal jemand raus­ge­fun­den, wer hin­ter dem Künst­ler­na­men steckt?«

»Was gibt’s da raus­zu­fin­den? Ist halt irgend so ein post­mo­der­nes Ver­steck­spiel. Du musst doch wis­sen, wer du bist.«

Ich kann mich an eine Preis­ver­lei­hung erin­nern. War es nicht sogar der Lite­ra­tur-Nobel­preis? Offen­bar nur eine der Geschich­ten. Ich kann mei­nen Erin­ne­run­gen nicht trauen. Wenn ich doch nur in Ruhe über mich nach­den­ken könnte! Und wie ich hier her­aus­komme aus dem end­lo­sen Kor­ri­dor … Ich stelle fest, dass mir das Herz pocht und ich nach Luft ringe. Es kommt mir vor, als hätte ich einen Mara­thon­lauf hin­ter mir. Oder bin ich ein­fach nur wütend? Ich bin mir nicht sicher – auch nicht, ob ich über­haupt einen Puls habe oder atme. Ich bin nur eine Simu­la­tion, zusam­men­ge­setzt aus Wor­ten. Kön­nen die mit der Methode alle wie­der zurück­ho­len? Joyce, Homer, Kafka, Goe­the?

»Weißt du was, Mann?«

Ich lehne schwer­at­mend an einer der Wände des Kor­ri­dors. Was hätte Cory jetzt getan?

»Ich geb den gan­zen Kram mei­ner Mut­ter. War ’ne Schei­ßidee, dich zu rekon­stru­ie­ren. Mā meint, ich brauch die Spit­zen­no­ten für spä­ter, Kar­riere und so, und dann soll sie halt was dafür tun. Für sie ist die Fach­ar­beit ein Klacks.«

»Und was ist mit mir?«

»Was soll schon sein. Ich lösch dich wie­der.«

»Das kannst du nicht tun!«

»Wer­den wir ja sehen.«

»Warte!« Wie hieß er noch? «Ich kann dir hel­fen, Tom.«

Er lässt sich Zeit mit der Ant­wort. Ich fühle, wie mir der Schweiß aus­bricht.

»Es gibt da diese Geschichte«, rufe ich in den lee­ren Kor­ri­dor, »über die Chi­ne­sen: Sie schrump­fen sich, bis alle von ihnen in die Ver­bo­tene Stadt rein­pas­sen. Eine Satire.« Ich muss impro­vi­sie­ren. Ein Ver­suchs­bal­lon, aber etwas Bes­se­res fällt mir nicht ein.

»Ganz schlecht. Das wird dem Dschies­siebi nicht gefal­len. Komisch, dass das dem Teach durch­ge­rutscht ist.«

»Wer ist die­ser Dschies­siebi?«

»Unser Gro­ßer Kai­ser­li­cher Wohl­tä­ter. Der auf dem Dra­chen­thron.«

»Eine … chi­ne­si­sche Welt­dik­ta­tur?«

»Gǒupì!« Es klingt wie ein abfäl­li­ges »Quatsch!«, als er das sagt. Jetzt bloß nichts Fal­sches sagen! Ich bin ein namen­lo­ser Gefrei­ter, der Teu­fel, ein Ele­fant, ein Schwei­ge­mönch, eine alte Frau mit Alz­hei­mer, ein Atten­tä­ter, eine Stimme aus dem Jen­seits, eine Nacht­schwär­me­rin, ein Com­pu­ter­al­go­rith­mus … Alles zugleich, und alles durch­ein­an­der. Um Zeit zu gewin­nen, muss ich eine Geschichte erzäh­len. Die Geschichte, die er hören will.

Ich senke meine Stimme und lege allen Nach­druck hin­ein: »Aber gerade das könnte doch eine Spur zum Unter­gang der Post­mo­derne sein, ver­stehst du?!«

»Hm. Nicht schlecht. Da könnte ich was dran auf­zie­hen.« Tom scheint anzu­bei­ßen.

»Hybris, weißt du? Post­mo­der­ner, nar­ziss­ti­scher Grö­ßen­wahn. So waren wir damals alle.«

Viel­leicht habe ich über­trie­ben, denn Tom zögert jetzt. Schließ­lich meint er gedehnt: »Hast du nicht gesagt, du warst … inte­gral.«

»Ja, klar, das ist ja gerade der Grö­ßen­wahn: zu den­ken, man könne ganz­heit­lich-nach­hal­tig alle Aspekte umfas­sen und inte­grie­ren, Macht­hier­ar­chien durch Kom­pe­tenz­hier­ar­chien ablö­sen, plu­ri­di­men­sio­nal-umfas­sende Lösun­gen für die kom­ple­xes­ten Pro­bleme fin­den, den Wer­te­ver­fall als neuen Wert hoch­ju­beln. Das musste ja zum Unter­gang füh­ren, gerade ange­sichts des­sen, was sich da zu mei­ner Zeit in China ent­wi­ckelte.«

»In China ent­wi­ckelte?«

»Na, die Remo­derne. Oder schon die Pre­nais­sance. Der Dschies­siebi und die – wie hieß noch die neue Men­schen­rechts-Charta?«

»Jīngs­hén­rechts-Charta.«

»Ja, Mann, was auch immer das ist: der Unter­gang der euro­päi­schen Post­mo­derne – steht alles drü­ber drin im Kor­ri­do­rium. Ich kann dir da jede Menge erzäh­len.«

»Dann schieß los. Du dik­tierst, und Bàs Táishì schreibt mit. Aber schön mit Glie­de­rung und Fuß­no­ten, hörst du? Ich leg dann mal meine Füße hoch.«

Hätte Cory das gemacht? Um sein – oder ihr – Leben gere­det und alles ver­ra­ten, die Hoff­nung, Sehn­sucht, die Erkennt­nisse und das Rin­gen um etwas, für das es sich zu schrei­ben und zu kämp­fen lohnt? Nur um nicht umge­hend wie­der gelöscht zu wer­den? So muss sich Sche­her­zer­ade gefühlt haben.

»Weißt du, Cory, ich will spä­ter ein­fach nur Tiger nach­züch­ten.«

»Tiger nach­züch­ten, tat­säch­lich?«

»Lässt der Great Chi­nese Bene­fac­tor in Zhongguan­cun über tau­send For­scher dran tüf­teln, aber die kriegen’s ein­fach nicht hin, trotz DNA und allem. Wenn ich das dann schaffe, bin ich ein gemach­ter Mann. Du ahnst nicht, was die da für Tiger­jī­bas bezah­len wür­den. Als Afro­si­dia … diasi …«

»Aphro­di­sia­kum.«

»Japp.« Und nach einer kur­zen Pause: »Bist doch gar nicht so’n Idiot, wie ich dachte, Cory.«

Und damit beginne ich, ein umfang­rei­ches Refe­rat zu hal­ten über den Unter­gang der Post­mo­derne, gespie­gelt durch 398 skur­rile Kurz­prosa-Texte, in deren laby­rin­thi­schem Ver­steck­spiel immer wie­der die mons­tröse Hybris und der ebenso abscheu­li­che wie fatale Werte-rela­ti­vie­rende Nar­ziss­mus auf­schim­mern, die aber dann letzt­lich das glor­rei­che Zeit­al­ter der Remo­derne ein­läu­te­ten und die Pre­nais­sance ermög­lich­ten – und natür­lich unse­ren Gro­ßen Kai­ser­li­chen Wohl­tä­ter auf dem Dra­chen­thron, den Dschies­siebi.

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♫ Silen­cer ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zum »Raum der Stille« im Bran­den­bur­ger Tor. Bevor mich Uwe Albo ange­ru­fen hat, hatte ich keine Ahnung, dass es den über­haupt gibt. »Stille« steht hier in ver­schie­de­nen Spra­chen an der Wand. Eigent­lich ein guter Ort zu Ostern, aber ich ahne schon, was mich hier erwar­tet.

Alles ist abge­sperrt. Albos Kol­le­gen ken­nen mich und win­ken mich durch. Der Kom­mis­sar selbst steht in dem klei­nen schmuck­lo­sen Medi­ta­ti­ons­raum wie ein Holz­fäl­ler in einer Par­fü­me­rie. Mein Blick geht gleich auf den Boden, und tat­säch­lich, wie erwar­tet: In der Mitte des Rau­mes liegt ein Sta­pel Papier, und dar­auf ein blu­ti­ges Etwas.

»Wie­der ein Herz«, sagt Albo, als er mich sieht. »Das dritte.«

Eine knappe Hand­be­we­gung von ihm ver­scheucht die jun­gen Beam­ten. Wir sind allein. »Der Raum hier ist nachts ver­schlos­sen. Trotz­dem lag heute Mor­gen das Herz hier drin.« Albo fasst mir an den Arm. Ich sehe deut­lich das Weiße in sei­nen Augen. »Der Scheiß­kerl macht mir Angst, weißt du? Schreibt jeden Tag eine sei­ner Geschich­ten auf einer sei­ner Schreib­ma­schi­nen und ver­teilt, wenn er merkt, dass er mit den fünf­zig Schreib­ma­schi­nen durch ist, see­len­ru­hig ein wei­te­res sei­ner Her­zen in Ber­lin – ohne dass wir auch nur eine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men sind mit der Fahn­dung!«

Ich kann Albos Atem rie­chen, so nah steht er bei mir. Ist das ein Hil­fe­ruf? Kann er nicht mehr, ist er am Ende? Aber Albo lockert sei­nen Griff, lässt los und ballt zwei Fäuste. Seine Augen sind nur noch Schlitze, als er sagt, bedroh­lich leise: »Ich kauf ihn mir, mit die­sen alten Hän­den, und wenn ich ihn hab, kann er es mit sei­nen Ver­steck­spie­len gern mal in der Zelle ver­su­chen, in der er dann den Rest sei­nes Lebens ver­bringt.«

Er blickt mich an, wie um sich mei­ner Unter­stüt­zung zu ver­si­chern. Ich nicke ernst. Das scheint ihm zu genü­gen: »Komm, fah­ren wir. Die Spu­ren­si­che­rung über­nimmt den Rest.«

Spä­ter in Albos Büro stu­die­ren wir die Kopien der neuen Texte. Bekannte The­men, neue Wen­dun­gen, immer wie­der schim­mert das Spie­le­ri­sche, aber auch das Zwang­hafte durch.

»Ich war bei den Inte­gra­len«, sage ich. Albo blickt inter­es­siert auf, hatte wohl ganz ver­ges­sen, dass er mich beauf­tragt hatte, die Inte­grale Szene Ber­lins zu infil­trie­ren. »Durch­weg nette Leute, die glau­ben, den Stein der Wei­sen gefun­den zu haben – eine Art geschlif­fe­ner Kris­tall mit einer Reihe von Facet­ten, die alle berück­sich­tigt sein wol­len, was den Men­schen und die Welt angeht.«

»Facet­ten?«, fragt Albo stirn­run­zelnd.

»Ja, wie bei den Tex­ten des Mör­ders. Alles lässt sich aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln und Per­spek­ti­ven betrach­ten …«

»Aus denen ich mir dann ganz nach Belie­ben etwas rau­s­pi­cke.«

Ich schüttle den Kopf: »Nein, nein, ent­schei­dend bei der inte­gra­len Sicht­weise ist ja gerade, dass das Ganze ganz­heit­lich ist und man sich nicht auf Ein­zel­aspekte beschränkt.«

»Sprich: Du hast dich pudel­wohl bei denen gefühlt.«

»Es ist jeden­falls eine Phi­lo­so­phie, die das Leben in all sei­nen Erschei­nungs­for­men wert­schätzt und keine Mör­der pro­du­ziert, wenn du das meinst.«

Albo kratzt sich die Bart­stop­peln. »Wo fin­den wir ihn dann?« Ich klopfe mit dem Knö­chel auf mei­nen Sta­pel Kopien. Unsere ein­zige Spur.

Ein Uni­for­mier­ter mit Zie­gen­bärt­chen und Pfer­de­schwanz klopft an die offen ste­hende Tür, um auf sich auf­merk­sam zu machen. Albo tritt zu ihm. Ich ver­tiefe mich in die Texte vor mir. Da ist von einem Zwil­ling die Rede. Inter­es­sant. Eine Spur zu den Opfern, von denen die ers­ten bei­den offen­bar ein­ei­ige Zwil­linge waren? »Dann macht euch gefäl­ligst wie­der ran!«, höre ich Albo brül­len.

Schnau­bend kommt er wie­der ins Büro und schwenkt einen schma­len Akten­ord­ner: »Das Herz hat die glei­che DNA wie die bei­den vor­her.«

»Ein drit­ter ein­ei­iger Zwil­ling?«, frage ich über­rascht. »Gibt es das über­haupt? Ein­ei­ige Dril­linge?«

Albo schlägt die Akte auf sei­nen Schreib­tisch, dass es knallt. »Die sind so sel­ten, dass alle von denen regis­triert sind. Aber das passt alles nicht, ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass kein Dril­lings­pär­chen ver­misst wird.«

Das mit dem »Dril­lings­pär­chen« lasse ich ihm durch­ge­hen. »Dann sind es eben unre­gis­trierte Dril­linge. Oder sie haben im Labor einen Feh­ler gemacht …«

Albo nickt und wirkt plötz­lich sehr erschöpft. Er sagt: »Habe ich ihnen auch erklärt. Sie sol­len alles noch mal nach­prü­fen, jeden ein­zel­nen Schritt.« – »… oder«, fahre ich fort, »es sind Klone.« Albo starrt mich an. »Das waren drei­mal die Her­zen von erwach­se­nen Men­schen«, sagt er hei­ser. Ich nicke.

Albo stützt sich schwer auf den Schreib­tisch und blickt mir müde in die Augen. »Es gibt offi­zi­ell keine Men­schen-Klone, und schon gar keine Erwach­se­nen.« Ich nicke wie­der. »Offi­zi­ell«, sage ich.

»Oh Mann«, stöhnt Albo und lässt sich in sei­nen Schreib­tisch­stuhl fal­len. »Hous­ton, wir haben ein Pro­blem.«

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♫ Fal­ling to the Sky ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor nichts Böses ahnend und werde plötz­lich von einer blitz­ar­ti­gen Vision über­fal­len: Gleich­zei­tig mit mir betre­ten Tau­sende, ja Zehn­tau­sende Men­schen irgendwo auf der Welt einen Kor­ri­dor, und aus irgend­ei­nem Grund spüre ich sie plötz­lich, fühle ihre Gefühle, denke ihre Gedan­ken, bin gleich­zei­tig alt und jung, trau­rig und glück­lich, ent­spannt und gestresst, Mann und Frau – es ist alles da, alles gleich­zei­tig, in unzäh­li­gen Kor­ri­do­ren.

Ein Indio­kind rennt, ein Spiel­zeug­flug­zeug in der Hand, mit lau­ten Brumm­ge­räu­schen in einen Haus­flur, ein Haus­meis­ter berei­tet sich vor dem Chef­zim­mer der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft auf sei­nen Raus­schmiss vor, ein Klemp­ner sucht das rich­tige Klin­gel­schild, die ange­for­derte Mas­seu­rin die rich­tige Zim­mer­num­mer im Motel. Im Kopf einer jun­gen chi­ne­si­schen Vio­li­nis­tin auf dem Weg zu ihrem Unter­richt jubi­liert eine Mozart­so­nate, und ein Angli­zis­tik­pro­fes­sor mit einem Hexen­schuss auf dem Weg zu sei­nem Hör­saal rezi­tiert in Gedan­ken ein Shake­spea­re­so­nett. Einen bud­dhis­ti­schen Pil­ger beschleicht in einem gold­ge­schmück­ten Tem­pel ehr­fürch­ti­ges Stau­nen, ein rus­si­scher Astro­naut schwebt – einen Schrau­ben­dre­her in der Hand – durch die Sta­tion, eine fast zu spät kom­mende Heb­amme auf Hawaii ver­nimmt die Schmer­zens­schreie einer Gebä­ren­den …

Kol­le­gen hel­fen mir auf. »Geht es Ihnen nicht gut?« – »Soll ich dir einen Kran­ken­wa­gen rufen?« – »Sie sind ja ganz weiß im Gesicht!« Ich schüttle abweh­rend den Kopf. Meine Knie sind immer noch ganz wack­lig, ich kann kaum auf den eige­nen Bei­nen ste­hen. »Du warst kurz ohn­mäch­tig. Was ist pas­siert?«

»Wir haben den Kor­ri­dor betre­ten«, murmle ich ton­los, ohne dass mich einer der Umste­hen­den hört. Obwohl das alles nur Sekun­den­bruch­teile lang ange­dau­ert hat, hat es sich mir unaus­lösch­lich ein­ge­prägt. Ich ver­ziehe mich in die Toi­let­ten auf dem Gang, wo ich mir solange kal­tes Was­ser ins Gesicht spritze, bis ich wie­der das Gefühl habe, ich selbst zu sein, und nur ich selbst.

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♫ Sloe Sea­son ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor der Wache, den Kopiensta­pel mit den Tex­ten des drei­fa­chen Mör­ders in der Hand, Texte, an denen buch­stäb­lich Blut klebt. Das Blut von ille­ga­len Klo­nen?

Albo ist in seine Akten ver­tieft. Ich spare mir die Begrü­ßung: »Gibt es eigent­lich ein­ei­ige Vier­linge?«

Albo blickt auf. »Die gab’s erst letzt­hin in Leip­zig. Sind ver­dammt sel­ten, aber nicht unmög­lich.«

Ich nehme mir einen Kaf­fee. Der Zucker ist alle.

Albo lässt mich nicht aus den Augen. »Warum fragst du?«

»Weil es dann viel­leicht vor­bei ist.«

Albo lacht bit­ter. »Vor­bei? Ich muss einen Mör­der fin­den, unab­hän­gig davon, was in fünf­zig Tagen ist!« – »Acht­und­vier­zig«, ver­bes­sere ich ihn. Albo bedenkt mich mit einem Blick, den man nicht im Kin­der­pro­gramm sen­den dürfte.

»Ray Brad­bury«, sagt er dann. Ich bli­cke ihn etwas ver­ständ­nis­los an. »Ame­ri­ka­ni­scher Autor«, sage ich. Albo nickt: »Charles Dickens lebt.« Ich zucke die Schul­tern. Albo wirft mir ein dün­nes, zer­le­se­nes Taschen­buch zu, Ray Brad­bu­rys Die ver­ges­sene Mars­stadt. »Charles Dickens lebt« heißt eine der Geschich­ten, die das Inhalts­ver­zeich­nis auf­führt.

»Du liest so was?«, frage ich ver­wun­dert. Albo schüt­telt den Kopf. »Hat mich einer unse­rer Foren­si­ker drauf gebracht. Da gibt’s einen Kerl drin, der sich für Charles Dickens hält, aber nichts Ver­nünf­ti­ges zu Papier brin­gen kann. Er kauft sich sechs Dut­zend Schreib­ma­schi­nen und schreibt wie ein Wahn­sin­ni­ger …« Damit steht er auf, tritt zu mir und nimmt mir das schmale Bänd­chen wie­der aus der Hand. Er schlägt es auf, sucht die Stelle und zitiert: »Gedichte, Essays, Tra­gi­sche Stü­cke, Komö­dien, Kurz­ge­schich­ten – und sie alle waren schlecht.«

»Was willst du mir sagen, Albo?«

»Das ist er, ver­stehst du? Die Schreib­ma­schi­nen, die unter­schied­li­chen Texte. Und dann setzt er sich …« Albo klopft auf das Büch­lein. »… hin­ten in einen Zug und schmeißt all die Sei­ten ein­zeln raus, und sie flat­tern davon. Tau­sende davon.«

»Aber das ist nur eine Geschichte, Albo. Wir haben drei Tote und einen Seri­en­kil­ler.«

Albo wirft das Buch auf sei­nen Tisch. »Nur eine Geschichte, sagst du? Aber das sind doch auch alles Geschich­ten! Die Schreib­ma­schi­nen, ver­stehst du denn nicht? Er kennt die Brad­bury-Story und iden­ti­fi­ziert sich mit ihr!«

»Jetzt komm mal run­ter, Albo. Der iden­ti­fi­ziert sich mit allem und mit gar nichts. Das ist ja gerade unser Pro­blem. Der ist ein Gestalt­wand­ler, und wir bekom­men ihn nicht in den Griff. Mal ist er ›inte­gral‹, mal sur­rea­lis­tisch. Wir begrei­fen ihn nicht, kapierst du? Du kannst nicht eine Facette raus­grei­fen, und das ist es dann. Nicht hier. Nicht bei dem. Und sechs Dut­zend Schreib­ma­schi­nen sind nicht fünf­zig.«

Albo sieht aus wie kurz vor einem Wut­aus­bruch. Irgend­wie muss er sich in die Brad­bury-Sache ver­bis­sen haben. Ich lasse ihn gar nicht erst zu Atem kom­men: »Die Nr. 122 ist auch so ein Teil. Unver­ständ­li­ches Gebrab­bel …« – ich such ihm den Text aus den Kopien raus – »… bis man das Ori­gi­nal ent­deckt.«

»Wel­ches Ori­gi­nal?«, fragt Albo. Er sieht stirn­run­zelnd in den Text.

»Da wird doch ein Brau­lio Are­nas erwähnt, rich­tig? Ein chi­le­ni­scher Dich­ter, und der hat rein zufäl­lig mal ein Gedicht ver­fasst mit dem Titel ›Druck­feh­ler‹, das eine Auf­zäh­lung von, äh, Druck­feh­lern ent­hält, die sich in einem unge­nann­ten Text befin­den. Ein sur­rea­lis­ti­sches Gedicht.«

»Und?«

»Die Nr. 122 ist die­ser Text. Er ent­hält alle auf­ge­lis­te­ten Druck­feh­ler. Bei­spiels­weise heißt es im Gedicht ›Statt aus einem Schuss zwei Tref­fer machen muss es hei­ßen aus einem Mund zwei Lip­pen machen‹. Kommt dir das bekannt vor? Oder ›Statt die Jugend die Schön­heit die Mühle muss es hei­ßen die Mühle die Schön­heit die Jugend‹. Letzt­lich haben mich die feh­len­den Kom­mata drauf gebracht, dass der Text die­ses Gedicht zur Grund­lage hat.«

Albo sieht in seine Kopie, reibt sich die Stop­peln, denkt nach. Schließ­lich fragt er: »Ergibt es denn so einen Sinn?« – »Nein«, sage ich, »es ist bloß die – ich zitiere – ›gro­teske Par­odie von etwas, das an sich schon absurd ist‹.« – »Aha«, sagt Albo.

Ich tippe in seine Kopie. »Ein Druck­feh­ler fehlt da übri­gens.« Albos Stirn legt sich in Fal­ten. »Ein Vers lau­tet: ›Statt ich liebe dich muss es hei­ßen ich liebe dich‹«.

»Wo ist da der Feh­ler?«

»Das macht ja gerade den Sur­rea­lis­mus aus. Und das­selbe gilt für den Kil­ler. Er ist genauso wenig Brau­lio Are­nas wie Charles Dickens!«

Albo nickt, ohne zu mir auf­zu­bli­cken: »Und wie nageln wir ihn fest?«

»Reden wir über jeman­den, der beschlos­sen hat, seine bizar­ren Gedan­ken­spiele so sehr in die Wirk­lich­keit aus­zu­de­hen, dass sich die Mord­kom­mis­sion mit ihnen beschäf­tigt«, sage ich und nehme die Kopien in die Hand. »Reden wir über unver­ein­bare Aus­sa­gen und zusam­men­bre­chende Glau­bens­sys­teme.«

Albo blickt auf. »Immer eine gute Idee«, sagt er. Sehe ich da so etwas wie ein säu­er­li­ches Lächeln um seine Mund­win­kel? Viel­leicht kommt es ihm auch so vor, dass es ein wenig ist wie vor drei­ßig, vier­zig Jah­ren, als wir bei­sam­men saßen und näch­te­lang über Gott und die Welt dis­ku­tier­ten – und all den Irr­sinn, den wir Men­schen hin­ein­tra­gen.

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♫ Still Echo thru my Mind ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und seit der blitz­ar­ti­gen Vision, die mich vor­ges­tern genau hier über­wäl­tigt hat, habe ich jedes Mal, wenn ich aus der Tür trete, das mul­mige Gefühl, es könne mir noch ein­mal pas­sie­ren: mich mit allen Men­schen in der glei­chen Situa­tion ver­bun­den oder sogar eins zu füh­len.

Auch dies­mal, wie­der auf dem Weg zur Kan­tine, pas­siert es. Aber es ist schwä­cher und lässt mich nicht gleich zu Boden gehen. Wie­der spüre ich Men­schen in mir drin, aller­dings dies­mal weni­ger, und es fühlt sich nicht ganz so fremd­ar­tig und viel­fäl­tig an: als sei ich mit die­sen Men­schen schon ver­traut, als wären wir alte Freunde. Einen Sekun­den­bruch­teil lang sind wir eins, ich und meine Brü­der und Schwes­tern im Geiste, Men­schen, mit denen mich ein star­kes see­li­sches Band ver­bin­det, ohne dass ich sie ken­nen würde oder auch nur geahnt hätte, dass es sie irgendwo in der Welt geben könne. Das hef­tige Gefühl, völ­lig unver­mu­tet ver­schol­len geglaubte und unbe­kannte Fami­li­en­mit­glie­der wie­der­zu­ent­de­cken, lässt mich einen Moment lang schwan­ken. Dann ist es auch schon vor­bei. Ein paar Kol­le­gen wer­fen mir miss­traui­sche Bli­cke zu – kein Wun­der nach dem Vor­fall vor zwei Tagen. Aber ich lasse mir nichts wei­ter anmer­ken.

Wer waren all diese Men­schen? Gibt es sie wirk­lich, irgendwo auf die­sem Pla­ne­ten? Und kön­nen sie mich auch wahr­neh­men? Habe ich eine Mög­lich­keit, sie auf­zu­spü­ren? Und was hat das alles mit die­sem Kor­ri­dor zu tun?

Den gan­zen Tag lang bin ich geis­tes­ab­we­send und zu nichts zu gebrau­chen, weil mich diese Fra­gen bewe­gen. Doch schon in den nächs­ten Tagen ver­blasst das Erleb­nis, und da beim Betre­ten des Kor­ri­dors nichts Außer­ge­wöhn­li­ches mehr geschieht, schreibe ich die Ange­le­gen­heit schließ­lich mei­nen über­reiz­ten Ner­ven zu.

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♫ Mare chronium––Focussing ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Pas­cals Coq au vin duf­tet wie­der ein­mal köst­lich. Gerade ver­klin­gen die zwölf Schläge der Kirch­turm­uhr. Ich bin ein wenig früh dran und bleibe war­tend vor Zim­mer Nr. 27 ste­hen.

»Aber ich habe uns Essen bestellt!«, höre ich hin­ter der Tür die Stimme von Herrn Kori­an­der, unse­rem Gast für diese Nacht. Etwas rum­pelt. Die Ant­wort kann ich nicht ver­ste­hen. »Oh doch, das kön­nen Sie, ich bestehe dar­auf!«, meint Herr Kori­an­der nach­drück­lich. Wie­der pol­tert etwas. »War­ten Sie doch bitte wenigs­tens auf das Essen!«, fleht Herr Kori­an­der. Ich beschließe, auch wenn ich vor Auf­re­gung jetzt bestimmt rot werde, sofort zu ser­vie­ren. Ich klopfe. Herr Kori­an­der öff­net mir. »Sehen Sie?«, sagt er nach hin­ten gewandt.

Ein klei­ner Mann steht auf dem Bett. Er hat eine Halb­glatze und hin­ten nur wenige weiße Haare, trägt eine Brille und hat ein recht lus­ti­ges, run­des Gesicht mit abste­hen­den Ohren. Wie alt mag er sein? Sech­zig Jahre, acht­zig Jahre? Schwer zu sagen …

»Oh«, macht er und steigt vom Bett run­ter. Er inspi­ziert mein Tablett, und es scheint ihm zu gefal­len, was er sieht. Ich ser­viere ihnen das Essen auf dem Tisch. »Nur Was­ser?«, fragt er, als ich das Tafel­was­ser in zwei Glä­ser gieße. Er hat einen leich­ten Akzent, den ich nicht ganz ein­ord­nen kann.

»Natür­lich«, sagt Herr Kori­an­der. Dann öff­net er sein Notiz­buch und fängt, wäh­rend sein Gast anfängt, das Hähn­chen zu zer­le­gen und es kräf­tig zu pfef­fern, mit sei­nen Fra­gen an. Ich trete ein paar Schritte zurück neben das Bett und halte mich bereit, um Was­ser nach­zu­schen­ken.

Zu Anfang geht es – ich hätte es mir fast den­ken kön­nen – um den Mars. Da sie Deutsch reden, ver­stehe ich dies­mal alles. Und doch kapiere ich so gut wie nichts. »Arl­an­thro­pos« scheint der Name für einen Mars­men­schen zu sein, der jedoch nur ein Stück­chen Gehirn in einer gro­ßen Maschine aus Metall ist und keine mensch­li­chen Inter­es­sen teilt. Kori­an­ders Gast jedoch scheint nicht dar­über reden zu wol­len und brummt immer wie­der miss­mu­tig. Er scheint dem Akzent nach irgendwo aus dem Osten zu kom­men, Russ­land viel­leicht oder Rumä­nien. Ich bin mir nicht sicher.

»Wohin ist Golem der Vier­zehnte ver­schwun­den?«, möchte Herr Kori­an­der nun wis­sen, aber sein Gast belehrt ihn, dass es so nicht geht und auf ganz andere Dinge ankomme, auch gerade ange­sichts der kur­zen Zeit.

Herr Kori­an­der scheint ein wenig pikiert. Er presst die Lip­pen zusam­men und schlägt sein Notiz­buch zu. Sein Gast lächelt, nimmt es ihm aus der Hand, sieht hin­ein und sagt »Pirx«. Doch Herr Kori­an­der schüt­telt den Kopf. Es gehe ihm um Evo­lu­tion und um Bewusst­sein.

Sein Gast lächelt spitz­bü­bisch und fragt: »In einem klei­nen schwar­zen Kas­ten?« Herr Kori­an­der beißt auf seine Lip­pen und sagt dann: »Trurl«. »Kla­pau­zius«, sagt sein Gast. So ver­rückt geht das Gespräch der bei­den wei­ter. Irgend­wie bekomme ich mit, dass sich der Besu­cher offen­bar eher als andere Gedan­ken um Künst­li­che Intel­li­genz und Nano­tech­no­lo­gie gemacht hat. Eine Zeit­lang geht es zwi­schen den bei­den um etwas, das sie »Phan­to­ma­tik« nen­nen, dann um eine gewisse bak­te­ri­elle »Erun­tik«. Sie hät­ten aber auch Alt­ägyp­tisch reden kön­nen, da hätte ich wohl genauso viel ver­stan­den.

Schließ­lich ist es Zeit, abzu­räu­men. Herr Kori­an­der scheint ein wenig ver­zwei­felt, als er in sei­nem Notiz­buch die Liste sei­ner noch gar nicht gestell­ten Fra­gen stu­diert. Sein Gast lacht, und ich höre sein Lachen noch, als ich vor dem Auf­zug stehe und die Kirch­turm­uhr eins schlägt.

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♫ Temp­le­s­cape ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und habe meine Visio­nen, die mich dort vor eini­ger Zeit blitz­ar­tig und ohne Vor­war­nung über­fie­len, schon fast wie­der ver­ges­sen, da stehe ich plötz­lich wie neben mir, bin irgendwo in den Ber­gen und bli­cke hoch zu einem alten Mann mit einem wei­ßen Spitz­bart, der eine ein­fa­che, aus­ge­wa­schene Robe trägt. Mein Herz fliegt ihm zu, es ist der Meis­ter, mein Meis­ter, der mich in den Hima­laja zu sich ruft, seine Schü­le­rin zu wer­den und die kost­ba­ren geis­ti­gen Gaben zu emp­fan­gen, die er für mich bereit­hält.

»Mahl­zeit«, grüßt mich ein vor­bei­kom­men­der Kol­lege. Ich ant­worte nicht, noch ganz hin­ge­ris­sen von mei­ner Vision und von dem über­gro­ßen Ver­lan­gen in mei­nem Her­zen, einer Hin­gabe, einer Begeis­te­rung, von der ich schon ganz ver­ges­sen habe, dass ich dazu fähig war, damals, als junge Frau.

Spät abends im Bett kommt mir der Meis­ter wie­der in den Sinn, und mein Herz wird kurz noch ein­mal ganz weh vor Sehn­sucht. Doch mein Mann, der fried­lich schnar­chend neben mir liegt, würde es weder ver­ste­hen noch gut­hei­ßen. Was sollte ich ihm auch sagen? Und wo im Hima­laja sollte ich suchen? Sicher, es wäre ein Aben­teuer, auf einen Schlag alles auf­zu­ge­ben, in die Fremde zu gehen und dort eine neue geis­tige Hei­mat zu suchen. Es klingt nach etwas, dass mei­nem Leben wie­der etwas Auf­re­gung ver­schaf­fen könnte! Ande­rer­seits …

Wäh­rend mir die Augen zufal­len, ver­ebbt die Sehn­sucht, und ich finde mei­nen wohl­ver­dien­ten Schlaf.

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♫ Hun­ting Spree ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor in der Wache und schließe die Tür zum Klo hin­ter mir. Hin und wie­der kommt mir da bei einer Sit­zung ein guter Gedan­ken, aber dies­mal herrscht bei mir tabula rasa. Viele, zu viele Stun­den schon sitze ich mit Albo zusam­men und gehe die hun­dert­fünf­zig Texte des Mör­ders mit ihm durch, als setz­ten wir ein Puz­zle zusam­men. Irgendwo muss doch ein­fach ein Hin­weis dar­auf ver­steckt sein, wer er ist und warum er unschul­di­gen Dril­lin­gen die Her­zen raus­schnei­det!

Albo tele­fo­niert gerade, als ich zurück­komme. So spät in der Nacht? Es scheint sich zu bewahr­hei­ten, dass die Mord­kom­mis­sion kei­nen Schlaf kennt: Albo legt auf und blickt mich mit rot­ge­äder­ten Augen an: »Der umge­baute Dop­pel­de­cker­bus, der nachts durch die Pro­vinz tourt …« Ich wider­stehe der Ver­su­chung, mir einen wei­te­ren Kaf­fee zu neh­men, und setze mich: »Mit Chill-out-Musik und phi­lo­so­phi­scher Selbst­er­grün­dung.« Albo hält die ent­spre­chende Seite hoch: »Hat er erfun­den. Gibt’s in Wirk­lich­keit nicht. Hab’s che­cken las­sen.«

Hatte ich mir schon gedacht. Es fing schon mit den fünf­zig Schreib­ma­schi­nen an. Der Mann, der sie Stück für Stück gebraucht erstei­gert hatte, exis­tiert nur als ehe­ma­li­ger eBay-Name »Rechtschreibfehler68« mit einer Ber­li­ner Emp­fän­ger­adresse und einem Pay­pal-Konto. Alle Kon­ten hat er inzwi­schen gelöscht, und unter der Adresse hat seit vie­len Jah­ren nie­mand gewohnt. Sämt­li­che Spu­ren sind gründ­lich ver­wischt, alle Nach­for­schun­gen lau­fen ins Leere, genau wie in den Tex­ten: Es gibt – nach allem, was wir wis­sen – genauso wenig den Hotel­koch Pas­cal wie den Haus­boot­be­woh­ner Norbu oder einen oder eine Cory d’Or.

»Ein Rät­sel inner­halb eines Geheim­nis­ses, umge­ben von einem Mys­te­rium«, hatte ich frü­her am Abend gemur­melt.

»Hape Ker­ke­ling«, meinte Albo dar­auf­hin nickend, doch ich schüt­telte den Kopf. »Win­s­ton Chur­chill.« Albo grinste schief: »Jeden­falls füh­ren alle Spu­ren ins Nichts.« Was ange­sichts die­ser hun­dert­fünf­zig Texte auch für mich als Psy­cho­lo­gen und – wozu Albo mich gerne hoch­sti­li­siert – Pro­fi­ler gilt. Auch die »KISTe«, das »Kri­mi­nal­tech­ni­sche Infor­ma­ti­ons-Sys­tem Texte«, mit dem das Bun­des­kri­mi­nal­amt zen­tral schrift­li­che Äuße­run­gen von Ver­bre­chern – Beken­ner­briefe und Erpres­ser­schrei­ben bei­spiels­weise – aus­wer­tet, konnte uns nicht wei­ter­hel­fen.

Zuletzt haben wir über den Außer­ir­di­schen dis­ku­tiert. »Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gespro­chen. Dann müs­sen wir es eben auf diese Weise tun«, heißt es da in Nr. 106, als das Alien den irdi­schen Raum­fah­rer, mit dem eine Kom­mu­ni­ka­tion unmög­lich scheint, tötet. Ver­rückte Geschichte. Wer denkt sich so was aus? Ein reli­giö­ser Fana­ti­ker?

Ich trete ans Fens­ter. Die Stadt ist still. Auch wenn Ber­lin viel­leicht nie schläft: Um halb vier Uhr mor­gens ver­fällt es immer­hin kurz in eine Art Halb­schlaf. »Viel­leicht glaubt er, etwas Gutes zu tun«, sage ich. »Es gibt da einen Film, in dem ein Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor einen Mord vor­täuscht, der sich in letz­ter Sekunde als Selbst­mord ent­puppt – aber als Kri­tik an der Todes­strafe und am ame­ri­ka­ni­schen Jus­tiz­sys­tem ver­zich­tet er auf eine Revi­sion und geht als angeb­li­cher Mör­der in den Tod.«

Albo streckt äch­zend sein Kreuz: »Wie stellst du dir das vor? Dass die Dril­linge mit ihm zusam­men­ar­bei­ten? Dass er Klone von sich gezüch­tet hat, die nur atmende Kör­per, aber keine füh­len­den Men­schen sind, und die schnei­det er auf, um Kri­tik an der Moral unse­rer Wis­sen­schaft­ler zu üben?«

Ich ver­su­che, das Fens­ter zu öff­nen. Seit Jah­ren schon klemmt es. »Ich werd’s repa­rie­ren las­sen«, sagt Albo, und ich habe kurz das Gefühl, in einer Zeit­schleife zu ste­cken und das schon min­des­tens ein Dut­zend Mal von ihm gehört zu haben. »Sag ich jedes Mal, oder?« fragt Albo, der offen­bar gerade das­selbe dachte.

»Wenn er ein Psy­cho­path wäre, könnte er sich nicht der­art in andere Men­schen rein­ver­set­zen, wie das in den Tex­ten immer wie­der der Fall ist.« Ich merke, dass ich anfange zu dozie­ren, denn ich laufe auf und ab. »Natür­lich sind wir wei­ter­hin nicht sicher, ob die Texte über­haupt vom Mör­der stam­men. Viel­leicht stam­men sie von den Dril­lin­gen. Aber mal ange­nom­men, der Mör­der hat sie ver­fasst: Dann wei­sen die Texte auf die Morde hin – und die Morde wie­derum auf die Texte.«

»Da waren wir schon. Wir dre­hen uns im Kreis, mein Lie­ber«, brummt Albo miss­mu­tig.

»Nein«, sage ich, »denn dein Geis­tes­blitz von wegen Kri­tik am wis­sen­schaft­li­chen Estab­lish­ment ist die beste Idee, die wir bis­her dazu hat­ten. Morde, die eigent­lich gar keine sind – die aber Fra­gen auf­wer­fen und auf­rüt­teln sol­len.«

»Bist du jetzt auf seine Seite über­ge­wech­selt? Willst du viel­leicht einen mit ihm trin­ken gehen und sein Kum­pel wer­den?«

Ich bleibe ste­hen. Albo ist gereizt. Kein Wun­der, die Sache kratzt übel an sei­ner Berufs­ehre.

»Ich würde mich nicht wun­dern«, sage ich, »wenn es sein eige­nes Herz wäre. Also sym­bo­lisch, meine ich – das er sich raus­reißt als Autor die­ser Texte, weil ihm irgend­was darin wirk­lich an die Nie­ren geht, weil irgend­ei­ner die­ser Texte ehr­lich gemeint ist und er sich uns darin offen­bart. Viel­leicht mit dem, was er hin­ter der schwar­zen Tür lagert? Oder die Sache mit den zer­bre­chen­den Welt­bil­dern?«

Albo blickt mich müde, aber auch ein wenig pro­vo­zie­rend an. »In so einem Fall guckt man sich die mög­li­chen Kan­di­da­ten an und streicht alles raus, bis nur noch die wahr­schein­lichs­ten übrig blei­ben, rich­tig? Also geh nach Hause, Mann, und mach deine Haus­auf­ga­ben.«

Es däm­mert bereits, als ich die Wache ver­lasse. Die fri­sche Luft tut gut. ›Das Leben des David Gale‹ kommt mir plötz­lich in den Sinn, mit Kevin Spacey. So hieß der Film über den Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor. Aber wie hat es Cory d’Or geschafft, sich gleich drei­mal das Herz aus dem Leib zu rei­ßen und an drei ver­schie­de­nen Wahr­zei­chen Ber­lins zu depo­nie­ren? Meine Gedan­ken erge­ben schon lange kei­nen Sinn mehr. Höchste Zeit, noch ein wenig Schlaf zu fin­den.