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♫ Shiver Policy ♫
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Ich betrete den Korridor. Es stinkt erbärmlich nach Tiergehege – kein Wunder, ich bin hier ja auch in einem Bärenzwinger. Die beiden Bewohner, Maxi und Schnute, haben sie auf die andere Seite gesperrt, um der Mordkommission den Zutritt zu ermöglichen.
»Das haben die Bären nicht angerührt. Sind sogar richtig davor zurückgeschreckt, sagt die Wärterin«, begrüßt mich Uwe Albo, wie immer in einem schlechtsitzenden Anzug, das Gesicht von Sorgenfalten durchfurcht. Die Bären können hier an zwei Seiten ins Freie treten und von Besuchern bestaunt werden, mitten in Berlin in einem kleinen Park zwischen der Botschaft von Angola und dem Deutschen Psychologen Verlag. Der Korridor im kleinen Bärenhaus zwischen den beiden eingezäunten und von blaugekachelten Gräben umgebenen Freiarealen liegt im Zwielicht.
»Wieder ein Herz«, sagt Albo. Er klingt erschöpft. »Und wieder fünfzig Blätter.«
»Deja vu«, sage ich. Mir ist flau im Magen. Sollte ein entspanntes langes Wochenende werden.
Später durchmisst der Kommissar voller unterdrückter Wut sein Büro diagonal, hin und her, von der Tür zur Kaffeemaschine, von der Kaffeemaschine zur Tür. Und wieder zurück. Morgen ziehen Rosenmontagszüge durch die deutschen Städte. Aber die Berliner Mordkommission wird wohl keinen Grund haben, zu feiern und Kamelle zu werfen. »Jetzt haben wir schon zwei Opfer. Und einen Serienmörder, über den wir nichts wissen, außer dass er uns jetzt ganze hundert verdammte Botschaften geschickt hat, aus denen wir nicht schlau werden.«
Das ist auf mich gemünzt. Die neuen Texte konnte ich bisher nur überfliegen. Um irgendwas zu sagen, antworte ich mit einer Gegenfrage – alter Psychologentrick: »Warum erst die Siegessäule und dann der Bärenzwinger? Berliner Wahrzeichen. Damit will er doch irgendwas signalisieren.«
Albo hält sich an der offenstehenden Tür fest. »Sag du es mir.« Er wird unterbrochen, tritt aus dem Zimmer, um mit einem Mitarbeiter zu reden. Irgendwie ahne ich schon, was es für Neuigkeiten gibt.
Und tatsächlich: »Keine verwertbaren Spuren. Der Mann ist nachts vermutlich einfach ins Gehege geklettert. Muss lebensmüde sein. Oder kennt sich mit Bären aus. Und die Blätter: wieder fünfzig Schreibmaschinen. Dieselben fünfzig Schreibmaschinen. In der gleichen Reihenfolge.«
Ich sehe einen Synchronschachspieler vor mir, der von Tisch zu Tisch tritt und dort jeweils einen Zug macht. Fünfzig Tische, fünfzig Schachbretter, fünfzig Spiele. Immer einen Zug weiter. Albo sage ich nichts davon. Schlechter Zeitpunkt. Er ist müde und wütend, ein verletzter Bär, der nicht weiß, warum alle auf ihn einhacken und wo er sich verstecken soll.
Auf mich wartet Arbeit. Lesen. Nachdenken. Spuren nachgehen. Kombinieren. Ich sehe zu, dass ich verschwinde.

