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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer. Auf der linken Seite steht ein Bett unter einem lebhaften Gemälde eines Pferdes. Rechts davon hängt ein aufwändig gestalteter, großer goldener Spiegel über einem Nachttisch. Der Spiegel reflektiert eine weiße Tür, die mit einem humorvollen Schild geschmückt ist, auf dem steht: „Dieser Flur streikt.“

♫ Hiimori/Windhorse ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder bes­ser: Ich will ihn betre­ten, doch an der Schlaf­zim­mer­tür hängt innen ein Schild, auf dem mit gro­ßen Buch­sta­ben steht: »Die­ser Kor­ri­dor streikt.«

Oha. Mein Kor­ri­dor streikt? Heißt das, ich komme nicht vom Schlaf­zim­mer ins Bad? Unschlüs­sig bleibe ich ste­hen, die Hand auf der Klinke. Eigent­lich bin ich spät dran. Regie­rungs­ge­schäfte war­ten auf mich. Ande­rer­seits kommt mir zu Bewusst­sein, dass Kor­ri­dore tat­säch­lich kaum Wert­schät­zung und Respekt erfah­ren – von mir genauso wenig wie von ande­ren. Dabei spie­len sie eine wich­tige Rolle. Ohne Kor­ri­dore würde vie­les in unse­rem Land nicht mehr funk­tio­nie­ren. Die Wirt­schaft, die Medien, der ganze Dienst­leis­tungs­sek­tor, die Indus­trie: Sie alle wür­den ohne Kor­ri­dore zum Erlie­gen kom­men oder zumin­dest emp­find­lich gestört wer­den.

Aber dankt es ihnen jemand? Nein. Es gibt nicht ein­mal ein Denk­mal für Kor­ri­dore. Dies muss sich drin­gend ändern, und ich bin der Mann, der es durch­zu­set­zen und für sich und die Par­tei nutz­brin­gend aus­zu­schlach­ten weiß! So ist allen gehol­fen. Ich sehe mich schon zu den Klän­gen einer Blas­ka­pelle das Kunst­werk ent­hül­len.

Hm, jetzt strei­ken sie also. Ich über­lege, ob der Streik der Kor­ri­dore viel­leicht um sich grei­fen könnte. Strei­ken dem­nächst die Fens­ter, die Türen, die Dächer über unse­ren Köp­fen? Aber diese genie­ßen weit grö­ßere Auf­merk­sam­keit: Man spricht davon, dass die Augen die Fens­ter zur Seele sind und schmeißt das Geld zum Fens­ter hin­aus. Man kann Tür an Tür woh­nen oder eine Poli­tik der offe­nen Tür betrei­ben. Man kriegt manch­mal eins aufs Dach oder bringt ein Gesetz unter Dach und Fach. Aber ein Kor­ri­dor? Wann habe ich zuletzt das Wort Kor­ri­dor in den Mund genom­men? Stimmt. Die haben wirk­lich allen Grund zu strei­ken.

Doch was heißt es kon­kret, dass mein Kor­ri­dor streikt? Ist er nicht zum Dienst ange­tre­ten? Ver­wei­gert er viel­leicht nur sei­nen Dienst oder beschränkt sich auf den Dienst nach Vor­schrift? Ist es ein Bum­mel­streik? Und gilt das für alle Kor­ri­dore der Stadt, im Land, in Europa? Gibt es Aus­sper­run­gen? Streik­bre­cher? Ist der Streik – hof­fent­lich – befris­tet? Und was sind die For­de­run­gen der Kor­ri­dore?

Ich hege die Hoff­nung, dass sich mir all diese Fra­gen beant­wor­ten, wenn ich die Tür öffne. Also drü­cke ich die Klinke her­un­ter, leise, weil meine Frau noch schläft und ich sie nicht wecken will.

Dahin­ter: der Kor­ri­dor. Er sieht fried­lich aus, als sei nichts gesche­hen, und es gibt keine wei­te­ren Anzei­chen für einen Streik. Vor­sich­tig setze ich mei­nen Fuß auf den Boden des Kor­ri­dors. Er fühlt sich an wie immer. Auch den zwei­ten Fuß setze ich dar­auf. Ich stehe sicher.

Soll ich den Kor­ri­dor anspre­chen? Nach sei­nen For­de­run­gen fra­gen? Oder ihm ein­fach erst ein­mal meine Hoch­ach­tung zol­len und mich für seine lang­jäh­ri­gen erge­be­nen Dienste bedan­ken, um für den aus­sichts­rei­chen Ver­hand­lungs­ver­lauf gleich zu Anfang eine gute Stim­mung zu erzeu­gen?

Ich höre ein Kichern. Der Kor­ri­dor kichert?!

Nein, es sind die Zwil­linge. »April, April!«, rufen meine Söhne fröh­lich, kom­men aus ihrem Zim­mer geschos­sen und tan­zen in ihren Schlaf­an­zü­gen um mich herum. Nun, da haben sie mich ja gehö­rig ins Bocks­horn gejagt. Ich schüttle sie ab und schließe die Bade­zim­mer­tür hin­ter mir.

Viel­leicht, über­lege ich beim Zäh­ne­put­zen, sollte ich die Idee mit dem Denk­mal bei der Che­fin anre­gen. Sie ist eigent­lich gar nicht mal so schlecht. Kor­ri­dore wer­den hier­zu­lande wirk­lich sträf­lich miss­ach­tet.