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♫ Hiimori/Windhorse ♫
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Ich betrete den Korridor, oder besser: Ich will ihn betreten, doch an der Schlafzimmertür hängt innen ein Schild, auf dem mit großen Buchstaben steht: »Dieser Korridor streikt.«
Oha. Mein Korridor streikt? Heißt das, ich komme nicht vom Schlafzimmer ins Bad? Unschlüssig bleibe ich stehen, die Hand auf der Klinke. Eigentlich bin ich spät dran. Regierungsgeschäfte warten auf mich. Andererseits kommt mir zu Bewusstsein, dass Korridore tatsächlich kaum Wertschätzung und Respekt erfahren – von mir genauso wenig wie von anderen. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle. Ohne Korridore würde vieles in unserem Land nicht mehr funktionieren. Die Wirtschaft, die Medien, der ganze Dienstleistungssektor, die Industrie: Sie alle würden ohne Korridore zum Erliegen kommen oder zumindest empfindlich gestört werden.
Aber dankt es ihnen jemand? Nein. Es gibt nicht einmal ein Denkmal für Korridore. Dies muss sich dringend ändern, und ich bin der Mann, der es durchzusetzen und für sich und die Partei nutzbringend auszuschlachten weiß! So ist allen geholfen. Ich sehe mich schon zu den Klängen einer Blaskapelle das Kunstwerk enthüllen.
Hm, jetzt streiken sie also. Ich überlege, ob der Streik der Korridore vielleicht um sich greifen könnte. Streiken demnächst die Fenster, die Türen, die Dächer über unseren Köpfen? Aber diese genießen weit größere Aufmerksamkeit: Man spricht davon, dass die Augen die Fenster zur Seele sind und schmeißt das Geld zum Fenster hinaus. Man kann Tür an Tür wohnen oder eine Politik der offenen Tür betreiben. Man kriegt manchmal eins aufs Dach oder bringt ein Gesetz unter Dach und Fach. Aber ein Korridor? Wann habe ich zuletzt das Wort Korridor in den Mund genommen? Stimmt. Die haben wirklich allen Grund zu streiken.
Doch was heißt es konkret, dass mein Korridor streikt? Ist er nicht zum Dienst angetreten? Verweigert er vielleicht nur seinen Dienst oder beschränkt sich auf den Dienst nach Vorschrift? Ist es ein Bummelstreik? Und gilt das für alle Korridore der Stadt, im Land, in Europa? Gibt es Aussperrungen? Streikbrecher? Ist der Streik – hoffentlich – befristet? Und was sind die Forderungen der Korridore?
Ich hege die Hoffnung, dass sich mir all diese Fragen beantworten, wenn ich die Tür öffne. Also drücke ich die Klinke herunter, leise, weil meine Frau noch schläft und ich sie nicht wecken will.
Dahinter: der Korridor. Er sieht friedlich aus, als sei nichts geschehen, und es gibt keine weiteren Anzeichen für einen Streik. Vorsichtig setze ich meinen Fuß auf den Boden des Korridors. Er fühlt sich an wie immer. Auch den zweiten Fuß setze ich darauf. Ich stehe sicher.
Soll ich den Korridor ansprechen? Nach seinen Forderungen fragen? Oder ihm einfach erst einmal meine Hochachtung zollen und mich für seine langjährigen ergebenen Dienste bedanken, um für den aussichtsreichen Verhandlungsverlauf gleich zu Anfang eine gute Stimmung zu erzeugen?
Ich höre ein Kichern. Der Korridor kichert?!
Nein, es sind die Zwillinge. »April, April!«, rufen meine Söhne fröhlich, kommen aus ihrem Zimmer geschossen und tanzen in ihren Schlafanzügen um mich herum. Nun, da haben sie mich ja gehörig ins Bockshorn gejagt. Ich schüttle sie ab und schließe die Badezimmertür hinter mir.
Vielleicht, überlege ich beim Zähneputzen, sollte ich die Idee mit dem Denkmal bei der Chefin anregen. Sie ist eigentlich gar nicht mal so schlecht. Korridore werden hierzulande wirklich sträflich missachtet.

