Ich betrete den Korridor. Auch hier suchen schon die Jäger nach mir. Bevor sie sich auf mich stürzen können, bin ich zur Seite gesprungen. Hier beginnt eine lange Treppe, für die meine vier Beine eigentlich viel zu kurz sind, aber die Todesangst treibt mich herauf. Die Krieger folgen mir. Vor mir sehe ich einen Mann eine schwere Bohlentür öffnen. Ich folge ihm, renne ihm zwischen die Füße, schmeiße ihn um, ohne es zu wollen, und dränge mich zitternd in eine Ecke des Raumes.
»Schließe Er die Tür, Koch!«, donnert eine Stimme. Folgsam erhebt sich der Mann vom Boden. Vor der Tür stehen, stumm hereinstarrend, ein paar der Einherjer, die mich verfolgt haben. Der Koch schließt die Tür und wendet sich um. Er hat ein rußgeschwärztes Gesicht. Ich kenne ihn! Es ist der Koch, der die Jäger auf mich gehetzt hat und mich in seinen Kessel werfen will.
Den anderen Mann, den, der an der Fensteröffnung steht, kenne ich nicht. Zwei Raben sitzen auf seiner Schulter, doch jetzt flattern sie auf und fliegen krächzend ins Freie.
»Herr, der Eber …«, setzt der Koch an und verstummt.
»Das sehe ich.« Der Mann am Fenster hat nur ein gesundes Auge. Es fixiert mich. Ich bebe am ganzen Körper und versuche, mich so klein wie möglich zu machen.
»Der Eber wollte heute nicht in den Wald, um sich jagen zu lassen. Er ist zurück in die Burg gelaufen und dann … offensichtlich …« Wieder verstummt der Koch.
»Offensichtlich direkt zu mir. Spare Er mir Erklärungen für Dinge, die auf der Hand liegen. Vielleicht will der Eber nicht gejagt werden, vielleicht gefällt ihm das nicht?«
Der Koch nickt.
»Vielleicht will er auch nicht zerlegt und gekocht werden? Um aus seinen Knochen am nächsten Morgen wiederzuerstehen, nur damit er erneut gejagt, zerlegt, gekocht und verspeist wird von Kriegern, Walküren und meinen Wölfen? Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?«
Der Koch steht regungslos da.
»Oder würde vielleicht Er an solch einem Los Gefallen finden? Koch?«
Der Mann mit dem rußschwarzen Gesicht schüttelt den Kopf. Auch er scheint sich so klein wie nur möglich machen zu wollen.
»Also erlösen wir ihn von seinem Schicksal.« Der Mann am Fenster geht ein Stück zur Seite und nimmt einen glänzenden Speer von der Wand.
»Aber Herr!«, wirft da der Koch ein. »Was soll ich dann morgen auftischen zum Fest? Was sollen die Einherjer in Zukunft essen? Und was soll Eure Wölfe sättigen?« Er hat sich vorgewagt, doch wird ihm mit einem Mal bewusst, wen er da maßregelt, und so verbeugt er sich jetzt tief und geht rückwärts, bis er an die Türflügel stößt.
Der Mann am Fenster lacht. »Morgen, Koch, wenn er wieder zum Leben erweckt wird, wird der Eber nichts mehr davon wissen, dass ihm sein Gott Erlösung versprochen hatte.«
Und damit wirft er den Speer. Es geht alles so schnell, dass ich nichts spüre. Mir wird plötzlich ganz leicht, und ich blicke wie von weit oben auf die Welt. Alles kann ich von hier aus sehen. Es scheint ein gewaltiges Fest bevorzustehen, bei dem Ströme von Met fließen werden. Und unter einem großen Kessel heizt der Koch das Feuer an …
Ich betrete den Korridor, den andere Wanderer vor mir in den Berg aus Reisbrei gefressen haben. Gänge zweigen ab, aber ich krieche eilig den Haupttunnel entlang, damit ich schneller bin als der zäh herabfließende Brei.
Als ich es auf die andere Seite des Berges geschafft habe, bietet sich mir eine fantastische Welt. Ich habe es immer nur für ein Märchen gehalten: das Land, in dem einem gebratene Tauben ins Maul fliegen und auf ein »Bst bst!« hin die Fische in die Hand springen. Doch es existiert wirklich! Um jedes Haus ein Zaun von Bratwürsten geflochten, fürs Schlafen kriegt man pro Stunde eine Gulden, und für ein Gähnen wird noch ein Doppeltaler draufgelegt.
Dennoch: So sehr ich auch suchend umherwandere – ich finde keinen Hotspot. Nicht einmal ein Modemanschluss ist aufzutreiben. Technologisch sind die hier ziemlich hinterm Berg. Tja, dann also wieder zurück. Hoffentlich ist der Tunnel durch den Reisbrei noch passierbar.
Ich betrete den – Korridor ist hier vielleicht das falsche Wort, da es nahelegt, dieser Gang sei dafür da, dass Menschen ihn benutzen. Das würde ich in diesem Falle zwar gerne glauben, aber tatsächlich ist das bei einem Kanal oder genauer: einem Abwasserkanal nicht der Fall. Es ist ein mannshoher, gemauerter Tunnel, in den von beiden Seiten weitere Kanäle münden – ein Tunnelsystem unter der Stadt.
Ein toter menschlicher Körper mag sich, je nach den äußeren Umständen, in wenigen Wochen oder Monaten zersetzen – beim Metabolismus einer Stadt aus Stein, Metall, Glas und dem künstlichen Stoff der Damaligen gehen Jahrhunderte oder Jahrtausende ins Land, bis die Natur sich vollends zurückerobert hat, was der Mensch ihr abgerungen hatte.
Sie nennen uns Leichenfledderer – und tatsächlich vergleichen wir das Objekt unserer Untersuchungen gerne mit einem Körper, einem menschlichen Körper. Da die Stadt seit langer Zeit verlassen ist, handelt es sich um einen toten Körper. Eigentlich führen wir wie Pathologen eine Obduktion durch, nur dass wir nicht nach der Todesursache forschen. Die liegt auf der Hand. Wir forschen nach kleinen Organen der Stadt, die vielleicht noch von Nutzen sind.
Das Kanalsystem der Stadt, mein Fachgebiet, stellt ihr Ausscheidungsorgan dar. Durch ihre tief in der Erde verborgenen Gedärme fließt schon lange kein Abwasser mehr. Deshalb stinkt es hier auch nicht, wie manche vielleicht meinen, die angesichts meiner Aufgabe die Nase rümpfen. Ich bin nicht sehr angesehen unter meinen Leuten, ich weiß. Aber ich nehme meine Aufgabe ernst und gebe mein Bestes.
Es ist immer dasselbe. Nach einem langen Fußmarsch sind wir plötzlich da, der ganze Trupp. Uns bietet sich kein Widerstand – von Schlingpflanzen und einsturzgefährdeten Bauten abgesehen. Wir fallen lärmend in die meist totenstill daliegende Stadt ein, erreichen ihr Zentrum, verteilen uns vor dort aus, jeder mit seiner persönlichen Aufgabe betraut. Wenige Stunden später sammeln wir uns wieder auf dem Hauptplatz, und schon wenig später liegt die verfallene Stadt wieder tot da, und es ist, als seien wir nie dort gewesen.
Einem lebenden Körper muss Luft und Nahrung zugeführt werden. Nervenbahnen, Adern und ein Lymphsystem durchziehen ihn. Die Nahrung wird verdaut und Energie wird produziert, die in Tätigkeiten und Kommunikation umgesetzt wird. Ein Immunsystem und verschiedene Reparaturmechanismen wehren Feinde ab und halten Verfall, Verschleiß und unkontrollierten Wildwuchs auf, wo immer und wie lange das eben möglich ist.
All dies galt auch für die großen Städte. Wir haben uns, in Anlehnung an Heiler, die damals mit den verschiedenen Organen und Systemen im menschlichen Metabolismus betraut waren, Namen gegeben, Spitznamen, die sich auf unser jeweiliges Spezialgebiet beziehen. Ich bin der »Proktologe«.
Die alten Städte gelten als verfluchte Orte, und ein wenig färbt das auf uns, die Totenbeschauer, ab. Wir sind Ausgestoßene, und es heißt, wir stehen mit Dämonen im Bunde. Deshalb sind wir gezwungen, unter uns zu bleiben. Manchmal rauben wir Frauen. Auch ich komme langsam in das Alter, in dem ich eine Familie gründen sollte. Ich habe mein Auge auf die »Neurologin« geworfen. Aber wie soll ich ihr imponieren? Ich müsste dafür einen bedeutenden Fund machen. Doch was lässt sich hier in den Abwässerkanälen schon entdecken?
Wir suchen besondere Artefakte, Dinge, deren Bedeutung wir nicht kennen, Gegenstände, deren Sinn für uns im Dunkeln liegt. Aus jeder Stadt nehmen wir nur ein einziges dieser Objekte mit und schaffen es, oft auf gefahrvollen Wegen und unter großen Mühen, zurück in unsere Festung. Dort haben wir im Berg ein riesiges unterirdisches Museum angelegt, in dem diese Dinge, beschriftet jeweils mit der Stadt, aus der sie stammen, ausgestellt werden – und niemand außer uns weiß davon.
Auch wenn alle anderen uns für Plünderer halten und mit schlimmen Schimpfworten belegen: Eigentlich sind wir Bewahrer und haben eine große Hochachtung vor den toten Städten und ihren einstigen Bewohnern, den Schöpfern all dieser ebenso wunderbaren wie rätselhaften Gerätschaften, die unsere Expeditionen zutage fördern.
Ich laufe jetzt schon viele Stunden lang durch die Kanäle. Es wird Zeit für mich, zurückzukehren. Mein untrüglicher Orientierungssinn ist der Grund dafür, dass mir die Aufgabe zufällt, die Abflüsse und Katakomben der toten Städte zu durchstreifen. Noch nie habe ich mich verirrt, und selbst wenn meine Fackel verlöschen sollte, würde ich zurückfinden.
Da! Ich entdecke etwas im flackernden Licht, dass ich auf dem Hinweg übersehen haben muss. Es ist ein Metallgestänge, das an einer Seite eine Art Haltegriff aus einem der künstlichen Stoffe der Damaligen besitzt: Er ist schwarz, nachgiebig und fühlt sich angenehm an, fast so, wie ich mir die Haut einer Frau vorstelle. Ich richte das Gestänge auf, so dass es mit zwei kurzen Querstangen fest auf dem Boden steht – ähnlich wie bei einem der rädergetriebenen Gefährte, welche die Damaligen mit Pedalen angetrieben haben. Nur gibt es hier weder Räder noch einen Sattel. Dennoch sieht das Gerät aus, als könne man es besteigen: Unten befinden sich, nebeneinander befestigt, zwei Plattformen, etwas größer als meine Füße. Offenbar kann man hinaufsteigen, während am sich an dem hochragenden Griff festhält, um darauf zu stehen. Ich bin aufgeregt, denn so etwas habe ich noch nie gesehen. Ist es gefährlich? Todesmutig steige ich auf die zwei Trittbretter. Vor Schreck stockt mir kurz der Atem: Sie bewegen sich – das eine kippt weg, und gleichzeitig drückt es das andere nach oben. Das Gestänge knirscht. Nun belaste ich den Fuß, der hochgedrückt wurde, und seine Plattform senkt sich langsam und schwergängig, während nun der andere Fuß nach oben schwingt.
Ich kann auf dem Gerät laufen, auf der Stelle laufen! Eigenartig. Und ein guter Fund. Denn der Sinn dieser Vorrichtung ist mir völlig schleierhaft.
Sie ist schwer. Ich schultere sie und mache mich auf den Weg zu unserem Treffpunkt. Es macht mich stolz, einmal etwas von meinen Streifzügen mitbringen zu können.
Unser Ältester begutachtet die Fundstücke. Lange bleibt er vor meinem Artefakt stehen. Dann bedeutet er mir, es vorzuführen. Ich steige auf die Plattformen und bewege sie langsam mit den Füßen, indem ich mein Gewicht verlagere. Es knirscht, als ich beginne, auf der Stelle zu laufen, so als ob ich eine Treppe hinaufsteigen würde. Ich höre ein Raunen von den anderen, aber habe nur Augen für die Neurologin, die mich und das Gerät mit erstaunten Blicken bedenkt – und lächelt, als der Älteste seine Wahl trifft. Sie lächelt mich an! Ich steige ab und fühle mich, als würde ich schweben.
Unser Ältester fertigt in der toten Sprache und Schrift eine kleine Tafel an, die ich an meinem Fund befestigen darf. »Berlin«. Wir brechen auf. Die Neurologin hilft mir, das Artefakt zu tragen. Am Tuscheln der anderen bemerke ich, dass ihnen nicht verborgen geblieben ist, für wen unter uns sie sich entschieden hat. Für den »Proktologen« – wer hätte das gedacht?
Ich jedenfalls trage stolz mit ihr das Gerät, mit dem man auf der Stelle laufen kann. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber ich fühle mich leicht und voller Tatendrang. Ich habe ein Museumsstück gefunden – und eine Gefährtin!
»Ich betrete den Korridor, aus dem es kein Zurück gibt« – mit diesen markigen Worten beginnt mein großer Bühnenmonolog. Ich stehe vor einer Tür, die sich für die Zuschauer in einen langen, vielleicht sogar endlos wirkenden Korridor öffnet, stelle ich mir vor, und wende den Kopf zurück zu den anderen Schauspielern im Bühnenbild. Dann halte ich meine bewegende Abschiedsrede, und am Ende mache ich meine Ankündigung wahr und betrete furchtlos den dunklen Korridor ohne Wiederkehr, die Tür fällt hinter mir ins Schloss, und das wird das Letzte sein, das von mir zu sehen ist. Zumindest bis zum Schlussapplaus.
Das Stück wird Furore machen, das habe ich im Gefühl. Gut, der Regisseur scheint seinen Zenit überschritten zu haben, und es ist auch erstmal nur ein kleines Off-Theater, in dem wir auftreten. Aber ich spüre die Kraft, die der Text hat, und bin mir sicher, dass wir damit für ziemliches Aufsehen in der derzeit doch eher drögen Theaterlandschaft sorgen werden.
Dabei ist es nichts Neues: Als Patchwork aus Textfragmenten des Absurden Theaters bringt es Autoren wie Pirandello, Artaud, Cocteau, Beckett, Ionesco, Sartre und Camus miteinander in den Dialog – ein Remix! Tatsächlich habe ich noch gar nicht herausgefunden, von welchem dieser Dramatiker und aus welchem Stück genau mein Monolog stammt. Aber ist das nicht letztlich unwichtig?
Endlich werde ich wieder auf der Bühne stehen! Das Projekt schmückt sich nicht mit Stars, sondern setzt auf Könner aus der zweiten oder dritten Reihe, um mit der Wucht seiner Geschichte zu überzeugen. Bei einem turbulenten Kennenlerntreffen mit viel Chablis hat uns der Regisseur seine Vision erläutert. Es gehe nicht darum, ob das Absurde Theater das Absurde darstellt oder das, was es darstellt, ins Absurde verkehrt – es gehe um den definitiven Mythos unserer Zeit, um das Mythentheater der Postmoderne, um die einzig zutreffende Beschreibung der menschlichen Befindlichkeit in Form des Absurden.
So stehe ich für den Menschen schlechthin auf der Bühne, der den point of no return überschreitet und angesichts einer unsinnigen Welt wissend und freiwillig den Weg in Wahnsinn und Realitätsverlust wählt, nicht ohne dies mit mächtigen Worten existenzialistischer Tiefe zu kommentieren, die ihre Wirkung beim Zuschauer nicht verfehlen werden. Sagt mir mein Bauchgefühl. Schon allein beim Lesen läuft es mir kalt den Rücken herunter.
»Vergesst mich!«, rufe ich am Ende, oder vielleicht werde ich es auch nur voller Inbrunst flüstern: »Ich bin verloren für eure Welt der vorgegaukelten Ordnung und Anständigkeit, und mehr noch, ich bin eine Gefahr für die Kinder und Narren, die noch Augen und Ohren haben und entdecken könnten, dass es einen Weg hinter die Kulissen gibt, die ihr aufgestellt habt, die potemkinschen Dörfer, die schönen Fassaden und Attrappen, mit denen ihr den Mahlstrom der Sinnlosigkeit notdürftig verdeckt und verkleidet. Also vergesst mich besser, tilgt mich aus eurem Gedächtnis und euren Kirchenbüchern, vernichtet alles, was an mich erinnern könnte, verneint und verdrängt mich so gründlich, wie ihr das eigentliche Wesen des Seins negiert. Rottet mich aus mit Stumpf und Stiel! Ich gehe, und es gibt nun nichts mehr, was euch und mich verbindet. Alle Brücken hinter mir sind abgebrochen. Adieu!«
Ich glaube, der »definitive Mythos für unsere Zeit«, den der Regisseur auf die Bühne bringen will, liegt in genau diesen Worten, die tief ins Herz der menschlichen Existenz dringen, es anrühren, aufwühlen und vielleicht nie mehr so richtig loslassen werden. Es macht mich stolz, diese Rolle verkörpern und ausfüllen zu dürfen, und ich spüre genau, dass dieser Monolog zum Kulminationspunkt meiner beruflichen Laufbahn, vielleicht ja sogar meiner Karriere werden wird.
Nachtrag: Bei den Proben zum Stück haben sich für den Regisseur einige notwendige Textkürzungen ergeben. Von meinem großen Monolog ließ er schließlich nur die Anfangsworte übrig. Ich solle, sagt er, den Rest emotional mit hineinlegen, wenn ich seitlich – ohne Tür, ohne Korridor – von dem doch recht minimalistischen Bühnenbild abtrete mit den wenigen, aber denkwürdigen Worten »Ich betrete den Korridor«.
Ich betrete den Korridor und höre am Geräusch eines Bohrers gleich, dass Norbu mal wieder etwas an seinem Hausboot repariert. Ich mache uns auf der Terrasse schon mal einen Wein auf und warte mit zwei Gläsern auf ihn. Wenn ich meinen Freund Norbu besuche, nehme ich mir immer genügend Zeit mit. Es ist nie vorherzusehen, wie tief wir uns in unsere Diskussionen verstricken werden.
Diesmal habe ich ein Thema mitgebracht. Ich will von Norbu wissen, was er vom Klimawandel hält.
Er ist verschwitzt und ölverschmiert, freut sich aber sichtlich über meinen Besuch, als er endlich, eine Schlagbohrmaschine in der Hand, aus irgendwelchen Kammern und Gängen unterhalb der Wasserlinie im Wohnzimmer auftaucht.
»Der Klimawandel ist nicht das Problem«, meint er leichthin. Wir stoßen an. »Irgendwann wird die Menschheit eh den Abgang machen. Und selbst wenn wir noch eine Zeitlang überleben – das Leben auf der Erde selbst ist begrenzt.«
»Das klingt nach Katastrophismus«, wende ich tadelnd ein.
»Pure Astrophysik. Die Sonne wird verlöschen. Das Problem ist nicht die Klimaerwärmung, sondern der Wärmetod. Du musst in größeren Maßstäben denken!«
Das tut mein Freund Norbu gerne. Ich dagegen muss nur für zehn Sekunden ernsthaft über die Frage nachdenken, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts, und schon bin ich im Totalen Durchblicksstrudel gefangen und beginne mich aufzulösen.
»He«, sagt mein Freund Norbu, »bist du noch bei der Sache?« Das katapultiert mich aus dem Strudel wieder heraus. Ich nicke beflissen: »Wärmetod der Sonne. Sie bläht sich auf und verbrennt all ihre Planeten. Das Ende des Lebens auf der Erde.«
Doch Norbu schüttelt ungeduldig den Kopf: »Wärmetod des Universums und das Ende allen Lebens. Das ist das eigentliche Problem, und das gilt es zu verhindern.«
Ich starre ihn ungläubig an. »Du willst den Wärmetod des Universums verhindern?« Und dann: »Was ist das überhaupt?«
»Seit kurz nach dem Urknall baut das Universum ständig ab: Die Materie verteilt sich, kann wegen zunehmender Distanzen immer weniger miteinander agieren, und die Sterne brennen aus. Kalte und heiße Zonen gleichen sich immer mehr an, bis alles eine einheitliche Temperatur und Struktur angenommen hat und nur noch eine unterschiedslose lauwarme Soße ist. Aber damit wir es dazu nicht kampflos kommen lassen, gibt es ja ›Die Botschaft‹.«
Norbu weist mit einer ausladenden Geste auf die Welt um uns herum. Ich kann ihm nicht folgen. Schließlich seufzt er und setzt zu einer weiteren Erklärung an: »Die Naturgesetze sind eine Botschaft. Die kosmischen physikalischen Grundprinzipien sind wunderbar fein darauf abgestimmt, dass Leben entstehen kann, Leben, das sich selbst erkennt – als das, was es ist. Ich spreche von uns!«
»Uns beiden?«, frage ich kleinlaut, weil ich schon ahne, dass ich ihm wohl wieder nicht ganz folgen kann.
»Uns allen. Die Menschen. Und alle anderen intelligenten Zivilisationen im Kosmos. Und die Naturgesetze sagen uns, dass die von vorher dran gedreht haben.«
»Die von vorher?« Ich komme ihm gerade kaum noch hinterher.
»Manchmal stelle ich mir vor«, und damit lehnt Norbu sich zurück und blickt den Rest Rotwein in seinem Glas sinnend von unten an, »dass vor dem Wärmetod des Universums eine Handvoll intelligenter Zivilisationen es schaffen, Kontakt miteinander aufzunehmen und gemeinsam das größte Projekt der Welt zu starten.«
Er redet nicht weiter. Ich müsste jetzt fragen, was denn wohl das größte Projekt der Welt ist, aber nun bin ich bockig und schweige.
Nach einer Weile fährt er flüsternd fort: »Vor dem Ende des eigenen Universums ein neues zu schaffen, damit es wieder Leben geben kann. Damit die Kette des Seins nicht abbricht.«
Auch ich werde plötzlich ganz ehrfürchtig bei dem Gedanken, wir könnten dem nächsten Universum, den intelligenten Wesen, die uns nachfolgen, eine Botschaft hinterlassen: Naturgesetze, die ihnen helfen, sich zu entwickeln – eine zukunftsträchtige Maßnahme, die sicherlich nicht binnen einer Legislaturperiode zu schaffen ist und selbst ein 739-jähriges Orgelwerk, die zehntausendjährige Long-Now-Uhr und das möglichst sichere Vergraben von Atommüll für Hunderttausende von Jahren um einiges übertrifft.
»Natürlich nur«, sagt mein Freund Norbu jetzt plötzlich wieder ganz nüchtern, »wenn das Universum ein in sich abgeschlossenes System ist. Sonst bieten sich natürlich zahlreiche andere Möglichkeiten, weil es dann nicht unbedingt zum Wärmetod oder Big Crunch kommen muss. Aber solange wir das nicht sicher wissen …«
»… wäre es vielleicht besser, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten.«
»Genau«, bekräftigt mein Freund Norbu. »640 Milliarden Jahre bis zum Wärmetod sind eine verdammt kurze Zeit, um sich soweit fortzuentwickeln, dass man in der Lage ist, ein neues Universum zu planen und in die Tat umzusetzen. Besser ist’s, wir fangen gleich damit an.«
Mir schwirrt der Kopf, und das nicht nur vom Wein. Als ich später unter einem prächtigen Sternenhimmel nach Hause radle, hebe ich den Kopf und frage das Universum, das sich über mir wölbt, ob es eine Botschaft für mich hat. Und tatsächlich. Ich kann sie nicht hören oder sehen, aber ich kann etwas spüren. Das Leben ist lebenswert.
Ich betrete den Korridor mit selbstgebackenem Brot in der Hand. Überall, wo ich hinkomme, gibt es ein Unglück. Doch nun will ich mein Schicksal wenden und der Schicksalsfrau, die mich schon mein ganzes Leben lang auf Schritt und Tritt mit Katastrophen aller Art verfolgt, endlich entgegentreten. Wird es gelingen, sie mir gewogen zu machen? Wird sie meine Gabe milde stimmen?
Ich folge, ohne den zahlreichen Seitengängen Beachtung zu schenken, dem Hauptgang, der in den Berg Dikti hineingeschlagen ist und tief in sein Herz führt. Hier sollen sie leben, die Schicksalsfrauen. Doch wieder fühle ich ein Unglück nahen. Selbst hier lässt sie mich nicht in Frieden! Ich spüre die verhasste Beklemmung in meiner Brust, und sie wird stärker und stärker, untrügliches Zeichen dafür, dass sie mir und allen in meiner Umgebung wieder das Leben schwermachen will.
Womit diesmal? Wilde Tiere? Eine Überschwemmung? Eine Dürre mit folgender Hungersnot? Eine Epidemie? Piratenüberfälle? Eine Niederlage im Krieg?
Nein.
Mit einem Erdbeben: Es rumpelt grollend im Berg, und er schüttelt sich, so dass ich zu Boden geschleudert werde und das Brot meinen Händen entgleitet. Angsterfüllt krieche ich zurück ans Tageslicht. Nur knapp entkomme ich dem herabstürzenden Geröll, und kaum habe ich es nach draußen auf den Felsvorsprung geschafft, stürzt der Korridor ein, der zu den Schicksalsfrauen führen soll. Ich höre Schreie, oder ist es das Kreischen der Felsen, die zerbersten?
Schlagartig ist es ruhig. Es kullern nur noch einige kleine Steine den Berghang hinab. Ich kann es kaum glauben: Die Beklemmung, die mich schon mein ganzes Leben lang erbarmungslos verfolgt, hat mich verlassen, und es fühlt sich ganz so an, als würde sie nie wiederkehren.
Mit neuem Mut erfüllt mache ich mich auf den Rückweg in die Stadt, zum Palast, zu meinem missgebildeten Bruder, zu meiner Familie.
Ich betrete den Korridor. Es ist ein natürlicher Spalt im Fels, der von Mönchen wie mir in jahrhundertelanger Arbeit erweitert wurde. An den Seiten öffnet sich der Gang zu kleinen Zellen, doch mein Weg führt tiefer in den Berg hinein. Ich atme tief durch.
49 Tage lang werde ich im Dunkeln sitzen, an einem Ort, zu dem kein Lichtstrahl dringt. Andere Mönche haben mich gewarnt. Es seien schon Meditierende verrückt darüber geworden, und es hieß hinter vorgehaltener Hand, dass einige Adepten diese 49 Tage nicht überlebt hätten.
Auf dem Weg tief hinab in den Berg, hin zu einem unbekannten und erschreckenden Ort, wird mir klar, dass mich die Konfrontation mit dem erwartet, das, unbekannt und erschreckend, tief in mir selbst versteckt ist. Mir bricht der Schweiß aus. Dennoch taste ich mich weiter voran ins Dunkel. Ich will meinen Meister nicht enttäuschen und meinen Entschluss auf keinen Fall umstoßen.
Was werde ich entdecken? Was wird in mir, aus mir hervorkriechen, wenn ich dort sitze in absoluter Stille und vollkommener Schwärze? Ich stolpere, und obwohl ich den Metalleimer verzweifelt umkralle, entgleitet er mir, stürzt um, und das kostbare Wasser – das einzige, das mich außer meinem Gewand für die Zeit der Meditation in die Tiefe des Berges begleiten soll – verteilt sich auf dem nackten Fels und versickert in den Ritzen und Spalten. Ich muss umkehren. Ohne Wasser werde ich nicht überleben!
Dennoch gehe ich weiter.
Schon lange gibt es keine Zellen mehr an den Seiten des Korridors, nicht einmal mehr Nischen. Der Gang wird enger. Ich spüre, dass ich verloren bin. Besser jetzt umkehren als später halb verhungert und verdurstend aus dem Loch gekrochen kommen!
Aber mein Meister hat gesagt, dass ich diesen Weg ins Innere, ins Dunkel, nur ein einziges Mal antreten kann. Kehre ich jetzt um, ist mir der Abstieg in den Berg für immer verschlossen. Ich fange grundlos an zu schluchzen. Todesangst packt mich. Dennoch wanke ich weiter. Ich bin tief im Bauch eines Berges, und es ist, als laste das Gestein tonnenschwer auf meinen Schultern.
Menschen, die ich einmal kannte, kommen mir in den Sinn, böse Worte, achtlose Handlungen, die mir Leid tun. Ich flehe die schwarzen, kalten Wände um Vergebung an. Sie antworten nicht. Ich bin vier Jahre alt, allein auf Entdeckungsreise im Keller, und ein böser Zufall lässt die einzige Glühbirne durchbrennen. Ich schreie, und meine eigene Stimme und ihre Echos im Berg jagen mir Schauder über den Rücken. Ich halte mich nicht mehr aus und kann doch nicht anders, als mich ertragen, irgendwie. Es ist, als würde ich die Hölle durchwandern, und die Hölle bin ich.
Da. Ein Schimmern vor mir. Zuerst glaube ich, ich täusche mich. Dann wird mir klar, dass hier unten ein Mönch sein muss. Er hat sich ein Licht, eine Kerze oder eine Fackel, mitgebracht. Aber der Lichtschein flackert nicht.
Ich wandere tatsächlich seit einiger Zeit bergauf. Es ist Tageslicht, das mich erwartet. Ich muss blinzeln. Die tiefste und schwärzeste Station der Reise, die dunkle Nacht der Seele, ist hell?
Ich trete ins Freie. Ein grünes, sonnenbeschienenes Tal – es liegt offenbar auf der anderen Seite des Berges. Der Meister sitzt auf einem Felsen und gießt mir eine Tasse Tee ein. Ich bin verwirrt. Wie lange war ich unterwegs? Waren es Stunden? Oder Wochen? Bin ich schon tot? Träume ich?
»Das wissen wir nie so ganz genau«, sagt der Meister.
Ich betrete den Korridor, der mein Haus mit dem Bootsschuppen verbindet. Seit Monaten bin ich nicht mehr hier gewesen – erstens weil durch den strengen Winter der See zugefroren war, und zweitens, weil mich ein anstrengender Job für eine Hilfsorganisation keine Zeit für meine privaten Forschungen finden ließ. Hier im Korridor habe ich einen schmalen Tisch untergebracht, auf dem meine Notizen liegen, neben dem kryptischen Originaltext und meinen Versuchen, das Spielbrett und die Figuren zu rekonstruieren.
Durch einen glücklichen Zufall bin ich vor Jahren auf vergilbte Aufzeichnungen gestoßen, in denen von einem verschollenen Brettspiel die Rede ist, das sich zur Renaissance im südlichen Europa offenbar einer gewissen Beliebtheit erfreute. Es hieß »Zitadelle«, und in der Schrift – einem Brief eines in ferne Länder reisenden Sohns an seinen Vater, der ein Kaufmann war – sind einige der Figuren erwähnt, doch leider nur am Rande und nicht etwa zur Dokumentation des Spiels und seiner Regeln. Die Rekonstruktion gestaltet sich schwierig. Wenn sie mir überhaupt jemals gelingen mag.
Meine aus Balsaholz gesägte Nachbildung des Spielbretts ist wabenförmig. Ich habe die Felder getreu der Aufzeichnungen des unbekannten Autors abwechselnd braun und grün eingefärbt.
Nachdenklich nehme ich die von mir geschnitzten Spielfiguren in die Hände. Von einem »raumgreifenden Kurier« ist in dem Text die Rede, von »Katapulten« und einer »wendigen Prinzessin«. Zu den minderwertigen Figuren zählten offenbar zahlreiche »Vasallen«, die bei mir – da ich keine besonderen handwerklichen oder gar künstlerischen Fähigkeiten habe – wie einfache Obelisken aussehen. Auch die Figuren »Thron« und »Szepter« sind nicht gerade Meisterwerke geworden.
Ich vertiefe mich in meine verschachtelten Notizen. »Henker schlägt Hofnarr«, lese ich da. Aber wie? Muss vielleicht vorher eine symbolische Verurteilung durch einen Richter erfolgen? Wieder einmal nimmt mich das rätselhafte Spiel völlig in Beschlag.
Und dann, als ich mir ausgiebig die müden Augen reibe, sitzt er mir gegenüber, der unbekannte Autor, ein junger, fescher Mann mit einem Schnauzbart und grünem Samtbarett auf dem Kopf. Er setzt mit einem überraschenden Zug seinen Königssohn neben meine Prinzessin. »Thron und Szepter«, sagt er mit einem breiten Lächeln, bevor sich die kurze Vision verflüchtigt.
Das ist es!
Innerlich jubiliere ich, bin ich doch gerade einen großen Schritt weitergekommen: »Thron und Szepter« in dem vergilbten Brief – das beschreibt nicht zwei weitere Figuren, sondern es sind die Worte, mit denen das Spiel endet!
Ich nehme die kleinen ungeschlachten Figuren, die ich für Szepter und Thron geschnitzt hatte, vom Brett und lasse sie achtlos unter den Tisch fallen – und damit beginnt das Spiel plötzlich zu leben, werden mir die Züge und Strategien klar, stehen mir die Regeln plötzlich deutlich vor Augen. Es ist alles so offensichtlich. »Thron und Szepter!«, rufe ich und tanze durch den Korridor.
Ich betrete den Korridor. Sand, weißer Sand wurde hereingeweht, durch den hindurch eigenartige geometrische Spuren mit Abdrücken aus jeweils zwei rechteckigen Querbalken führen, eine Zeile einer primitiven Blindenschrift aus immer demselben Buchstaben, vergänglich in den Sand geprägt.
Der Korridor öffnet sich auf einen Strand – das Rauschen des Meeres hat das bereits angekündigt. Ich folge den Spuren in östlicher Richtung, den Blick auf den genarbten Sand gerichtet und auf die niedrig stehende Sonne.
Jetzt durchdringen leise Klagelaute das Meeresrauschen wie Messerspitzen einen wehenden Vorhang. Eine Gestalt kauert am Wasser und spielt ein Saiteninstrument, das Gesicht dem horizontweiten Ozean zugewandt.
Es ist ein Asiate. Sein Kopf ist kahlgeschoren, doch die nachwachsenden Haare verdunkeln bereits wieder die Kopfhaut. Der Mönch trägt ein blaues Gewand aus Seide und weiße Hosen. Neben ihm stehen seine Sandalen, einfache Holzplatten mit einer Schlaufe obenauf und zwei Holzstreben darunter – Ursprung der Spuren, die mich hierhergeführt haben.
Der Mönch singt, schlägt dazu mit einem spitz zulaufenden Holz auf die vier Saiten seiner Laute.
»Es ist eine Biwa«, erklärt eine Stimme in meinem Kopf, aber es ist keine Stimme. Es ist mehr ein Deja vu, längst vergessenes Wissen.
Der Mönch bricht sein Saitenspiel ab, als ob ein Geräusch seine Konzentration durchbrochen hätte, und wendet den Kopf in meine Richtung. Dann murmelt er etwas auf Japanisch, nickt, seine eigenen Worte noch einmal sich selbst bestätigend, steht auf, legt die Biwa zur Seite und verbeugt sich tief vor mir. Dann hebt er den Kopf, und ich sehe jetzt, dass er blind ist: Seine Augen sind stumm, gebrochen schon vor langer Zeit.
Trotzdem verbeuge ich mich auch und setze mich, nachdem er begonnen hat, mir eine Geschichte zu erzählen, zu seiner Linken nieder.
Ich kann mir nicht erklären, wie ich die Geschichte des Moso verstehen kann, da er ja Japanisch spricht. Aber irgendwie rührt die trockene Stimme des Alten mein Herz an und malt Tuschezeichnungen vor meinen Augen, so dass ich alles verstehe, was er mir erzählt.
Und so lausche ich ergriffen der Geschichte des Moso vom Wasser, vom Feuer, vom Holz, der Erde und vom Metall in einem Land, in dem die Menschen mit der Natur im Einklang stehen und sich die Dämonen gewogen zu machen wissen, und bin traurig darüber, nur so wenig davon mit zurück in den engen Korridor meines entfremdeten und oberflächlichen Lebens nehmen zu können.
Die Sonne ist längst untergegangen, als der Mönch sein Biwaspiel wieder aufnimmt und ich mich auf den Rückweg mache. Leider verfliegt der Zauber seiner Worte und Bilder schnell, und sie schmelzen wie Schneeflocken in meiner offenen Hand, sobald mich wieder der Lärm der Großstadt überrollt.
Ich betrete den Korridor. Wieder plagen mich die pochenden Kopfschmerzen, obwohl ich im Grunde genommen gar keinen Kopf mehr besitze, sondern wie ein Geist ohne Körper durch die Zeiten reise, immer in den Köpfen von anderen, die mich nicht bemerken – an der Seite von Menschen, die mich als Kind fasziniert hatten, auch wenn ich sie vielleicht längst vergessen habe.
Alles begann mit dem Tauchrekord der Trieste – zuletzt war es eine Reise ganz anderer Art, auf der ich mit Sven Hedin in die Wüste Lop Nor gelangt bin, bis schließlich der schwedische Teilnehmer der Expedition, hinter dessen Augen ich tatenlos sitzen und die ganzen Strapazen miterleben musste, in einer Totenstadt aus der Bronzezeit, die sie erforschten, einen unterirdischen Gang betrat.
Es sind ihre Träume, die mir Kopfschmerzen bereiten. Sie überfallen mich oft nachts und dauern dann den ganzen Morgen an. Ich fühle mich dem allen hilflos ausgeliefert, versuche jedoch seit ein paar Tagen, mich auf einen Gedanken zu konzentrieren, der mir aber immer wieder wegzurutschen droht: Vielleicht ist es kein Unfall, keine Strafe, kein Fluch, der mich getroffen hat. Vielleicht ist es eine Chance oder eine Gnade!
Es gab da doch diesen Film, in dem der Held ähnlich wie ich gefangen war und keinen Ausweg fand. Er war Meteorologe, glaube ich, und erst als er anfing, die ausweglose Situation, in die er sich verstrickt hatte, als Möglichkeit zu begreifen und ihr Potenzial auszuschöpfen, konnte er sich schließlich aus ihr befreien.
Also versuche ich, zu der Faszination zurückzufinden, die ich als Kind hatte, als ich von all diesen Abenteuern las.
Ich bin im Dschungel unterwegs, hilflos im Kopf eines jungen Mexikaners eingekerkert, der als Träger eine gut ausgerüstete Expedition begleitet. Hiram Bingham lässt uns mit den Macheten auf die dichte Vegetation einschlagen, die große Steinquader überwuchert. Er ist überzeugt davon, endlich die Inkastadt Vilcabamba entdeckt zu haben. Ich weiß es besser. Dies ist Machu Picchu. Aber ich kann es dem Forscher nicht sagen. Ich bin zur Tatenlosigkeit verurteilt und kann nur verzweifelt beobachten und darauf hoffen, dass mich irgendein Korridor aus meinem Gefängnis befreit. Auf irgendetwas wollte ich mich konzentrieren. Doch alles verschwimmt immer wieder und entzieht sich mir. Ich verfluche mein Schicksal. Irgendwann betritt der Mexikaner einen niedrigen Gang in einem der notdürftig freigelegten Pyramidenbauten …
Ich bin Lord Lindsay – zumindest werde ich so angeredet – und stehe im dritten Stock eines Gebäudes. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Bestürzung beobachte ich, wie sich ein Mann – das muss das Medium Daniel Dunglas Home sein, erinnere ich mich dunkel – vom Boden erhebt und levitiert. Bald schwebt er, lang ausgestreckt, mit dem Rücken nach unten im Zimmer. Lord Lindsay packt das Grauen, während ich in seinem Kopf hocke und das Schauspiel fasziniert beobachte. Schließlich gleitet Home mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht und geschlossenen Augen aus dem Fenster. Lord Lindsay bleibt entsetzt stehen, während ein weiterer Beobachter der Szene zu einem anderen Fenster stürzt und es öffnet. Home schwebt mit den Füßen voran herein. Er landet stehend, schlägt die Augen auf und lächelt seine drei Zuschauer an. Lord Lindsay sieht sich plötzlich starkem Harndrang ausgesetzt und eilt aus dem Zimmer in den Treppenflur …
Ich stehe neben Xu Fu auf der Brücke eines antiken chinesischen Segelschiffes. Eine Flotte folgt uns, die sich bis zum Horizont erstreckt. Das Elixir der Unsterblichkeit! Mir fällt alles wieder ein. Qín Shǐhuángdì, Gründer des chinesischen Kaiserreichs, ließ aus seiner paranoiden Angst vor dem Tod heraus eine Schiffsexpedition ausrüsten, die ihm das Unsterblichkeitselexir beschaffen sollte. Die sechzig Barken kehrten nie zurück, und niemand weiß, was mit ihnen geschehen ist. Werde ich es jetzt erfahren? Meine Neugier erinnert mich daran, dass ich mich darauf konzentrieren wollte, mich an meiner Reise – trotz meines Ausgeliefertseins, trotz des häufigen Kopfwehs und trotz der ständigen Aussetzer – so weit wie möglich zu erfreuen. Warum vergesse ich das immer wieder? Ich rieche die Seeluft, spüre den Wind auf meiner Haut, die nicht meine ist. Doch dann geht der Chinese unter Deck, und schon verliere ich den Halt in seinem Geist und wirble orientierungslos durch Raum und Zeit …