Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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♫ Grimm örlög ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch hier suchen schon die Jäger nach mir. Bevor sie sich auf mich stür­zen kön­nen, bin ich zur Seite gesprun­gen. Hier beginnt eine lange Treppe, für die meine vier Beine eigent­lich viel zu kurz sind, aber die Todes­angst treibt mich her­auf. Die Krie­ger fol­gen mir. Vor mir sehe ich einen Mann eine schwere Boh­len­tür öff­nen. Ich folge ihm, renne ihm zwi­schen die Füße, schmeiße ihn um, ohne es zu wol­len, und dränge mich zit­ternd in eine Ecke des Rau­mes.

»Schließe Er die Tür, Koch!«, don­nert eine Stimme. Folg­sam erhebt sich der Mann vom Boden. Vor der Tür ste­hen, stumm her­einstar­rend, ein paar der Ein­her­jer, die mich ver­folgt haben. Der Koch schließt die Tür und wen­det sich um. Er hat ein ruß­ge­schwärz­tes Gesicht. Ich kenne ihn! Es ist der Koch, der die Jäger auf mich gehetzt hat und mich in sei­nen Kes­sel wer­fen will.

Den ande­ren Mann, den, der an der Fens­ter­öff­nung steht, kenne ich nicht. Zwei Raben sit­zen auf sei­ner Schul­ter, doch jetzt flat­tern sie auf und flie­gen kräch­zend ins Freie.

»Herr, der Eber …«, setzt der Koch an und ver­stummt.

»Das sehe ich.« Der Mann am Fens­ter hat nur ein gesun­des Auge. Es fixiert mich. Ich bebe am gan­zen Kör­per und ver­su­che, mich so klein wie mög­lich zu machen.

»Der Eber wollte heute nicht in den Wald, um sich jagen zu las­sen. Er ist zurück in die Burg gelau­fen und dann … offen­sicht­lich …« Wie­der ver­stummt der Koch.

»Offen­sicht­lich direkt zu mir. Spare Er mir Erklä­run­gen für Dinge, die auf der Hand lie­gen. Viel­leicht will der Eber nicht gejagt wer­den, viel­leicht gefällt ihm das nicht?«

Der Koch nickt.

»Viel­leicht will er auch nicht zer­legt und gekocht wer­den? Um aus sei­nen Kno­chen am nächs­ten Mor­gen wie­der­zu­er­ste­hen, nur damit er erneut gejagt, zer­legt, gekocht und ver­speist wird von Krie­gern, Wal­kü­ren und mei­nen Wöl­fen? Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?«

Der Koch steht regungs­los da.

»Oder würde viel­leicht Er an solch einem Los Gefal­len fin­den? Koch?«

Der Mann mit dem ruß­schwar­zen Gesicht schüt­telt den Kopf. Auch er scheint sich so klein wie nur mög­lich machen zu wol­len.

»Also erlö­sen wir ihn von sei­nem Schick­sal.« Der Mann am Fens­ter geht ein Stück zur Seite und nimmt einen glän­zen­den Speer von der Wand.

»Aber Herr!«, wirft da der Koch ein. »Was soll ich dann mor­gen auf­ti­schen zum Fest? Was sol­len die Ein­her­jer in Zukunft essen? Und was soll Eure Wölfe sät­ti­gen?« Er hat sich vor­ge­wagt, doch wird ihm mit einem Mal bewusst, wen er da maß­re­gelt, und so ver­beugt er sich jetzt tief und geht rück­wärts, bis er an die Tür­flü­gel stößt.

Der Mann am Fens­ter lacht. »Mor­gen, Koch, wenn er wie­der zum Leben erweckt wird, wird der Eber nichts mehr davon wis­sen, dass ihm sein Gott Erlö­sung ver­spro­chen hatte.«

Und damit wirft er den Speer. Es geht alles so schnell, dass ich nichts spüre. Mir wird plötz­lich ganz leicht, und ich bli­cke wie von weit oben auf die Welt. Alles kann ich von hier aus sehen. Es scheint ein gewal­ti­ges Fest bevor­zu­ste­hen, bei dem Ströme von Met flie­ßen wer­den. Und unter einem gro­ßen Kes­sel heizt der Koch das Feuer an …

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♫ Malinger’s Eldo­rado ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, den andere Wan­de­rer vor mir in den Berg aus Reis­brei gefres­sen haben. Gänge zwei­gen ab, aber ich krie­che eilig den Haupt­tun­nel ent­lang, damit ich schnel­ler bin als der zäh her­ab­flie­ßende Brei.

Als ich es auf die andere Seite des Ber­ges geschafft habe, bie­tet sich mir eine fan­tas­ti­sche Welt. Ich habe es immer nur für ein Mär­chen gehal­ten: das Land, in dem einem gebra­tene Tau­ben ins Maul flie­gen und auf ein »Bst bst!« hin die Fische in die Hand sprin­gen. Doch es exis­tiert wirk­lich! Um jedes Haus ein Zaun von Brat­würs­ten gefloch­ten, fürs Schla­fen kriegt man pro Stunde eine Gul­den, und für ein Gäh­nen wird noch ein Dop­pel­ta­ler drauf­ge­legt.

Den­noch: So sehr ich auch suchend umher­wan­dere – ich finde kei­nen Hot­spot. Nicht ein­mal ein Modem­an­schluss ist auf­zu­trei­ben. Tech­no­lo­gisch sind die hier ziem­lich hin­term Berg. Tja, dann also wie­der zurück. Hof­fent­lich ist der Tun­nel durch den Reis­brei noch pas­sier­bar.

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♫ Love in Times of Blitz and Bli­the ♫


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Love in Times of Blitz and Bli­the

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Ich betrete den – Kor­ri­dor ist hier viel­leicht das fal­sche Wort, da es nahe­legt, die­ser Gang sei dafür da, dass Men­schen ihn benut­zen. Das würde ich in die­sem Falle zwar gerne glau­ben, aber tat­säch­lich ist das bei einem Kanal oder genauer: einem Abwas­ser­ka­nal nicht der Fall. Es ist ein manns­ho­her, gemau­er­ter Tun­nel, in den von bei­den Sei­ten wei­tere Kanäle mün­den – ein Tun­nel­sys­tem unter der Stadt.

Ein toter mensch­li­cher Kör­per mag sich, je nach den äuße­ren Umstän­den, in weni­gen Wochen oder Mona­ten zer­set­zen – beim Meta­bo­lis­mus einer Stadt aus Stein, Metall, Glas und dem künst­li­chen Stoff der Dama­li­gen gehen Jahr­hun­derte oder Jahr­tau­sende ins Land, bis die Natur sich voll­ends zurück­er­obert hat, was der Mensch ihr abge­run­gen hatte.

Sie nen­nen uns Lei­chen­fled­de­rer – und tat­säch­lich ver­glei­chen wir das Objekt unse­rer Unter­su­chun­gen gerne mit einem Kör­per, einem mensch­li­chen Kör­per. Da die Stadt seit lan­ger Zeit ver­las­sen ist, han­delt es sich um einen toten Kör­per. Eigent­lich füh­ren wir wie Patho­lo­gen eine Obduk­tion durch, nur dass wir nicht nach der Todes­ur­sa­che for­schen. Die liegt auf der Hand. Wir for­schen nach klei­nen Orga­nen der Stadt, die viel­leicht noch von Nut­zen sind.

Das Kanal­sys­tem der Stadt, mein Fach­ge­biet, stellt ihr Aus­schei­dungs­or­gan dar. Durch ihre tief in der Erde ver­bor­ge­nen Gedärme fließt schon lange kein Abwas­ser mehr. Des­halb stinkt es hier auch nicht, wie man­che viel­leicht mei­nen, die ange­sichts mei­ner Auf­gabe die Nase rümp­fen. Ich bin nicht sehr ange­se­hen unter mei­nen Leu­ten, ich weiß. Aber ich nehme meine Auf­gabe ernst und gebe mein Bes­tes.

Es ist immer das­selbe. Nach einem lan­gen Fuß­marsch sind wir plötz­lich da, der ganze Trupp. Uns bie­tet sich kein Wider­stand – von Schling­pflan­zen und ein­sturz­ge­fähr­de­ten Bau­ten abge­se­hen. Wir fal­len lär­mend in die meist toten­still dalie­gende Stadt ein, errei­chen ihr Zen­trum, ver­tei­len uns vor dort aus, jeder mit sei­ner per­sön­li­chen Auf­gabe betraut. Wenige Stun­den spä­ter sam­meln wir uns wie­der auf dem Haupt­platz, und schon wenig spä­ter liegt die ver­fal­lene Stadt wie­der tot da, und es ist, als seien wir nie dort gewe­sen.

Einem leben­den Kör­per muss Luft und Nah­rung zuge­führt wer­den. Ner­ven­bah­nen, Adern und ein Lymph­sys­tem durch­zie­hen ihn. Die Nah­rung wird ver­daut und Ener­gie wird pro­du­ziert, die in Tätig­kei­ten und Kom­mu­ni­ka­tion umge­setzt wird. Ein Immun­sys­tem und ver­schie­dene Repa­ra­turme­cha­nis­men weh­ren Feinde ab und hal­ten Ver­fall, Ver­schleiß und unkon­trol­lier­ten Wild­wuchs auf, wo immer und wie lange das eben mög­lich ist.

All dies galt auch für die gro­ßen Städte. Wir haben uns, in Anleh­nung an Hei­ler, die damals mit den ver­schie­de­nen Orga­nen und Sys­te­men im mensch­li­chen Meta­bo­lis­mus betraut waren, Namen gege­ben, Spitz­na­men, die sich auf unser jewei­li­ges Spe­zi­al­ge­biet bezie­hen. Ich bin der »Prok­to­loge«.

Die alten Städte gel­ten als ver­fluchte Orte, und ein wenig färbt das auf uns, die Toten­be­schauer, ab. Wir sind Aus­ge­sto­ßene, und es heißt, wir ste­hen mit Dämo­nen im Bunde. Des­halb sind wir gezwun­gen, unter uns zu blei­ben. Manch­mal rau­ben wir Frauen. Auch ich komme lang­sam in das Alter, in dem ich eine Fami­lie grün­den sollte. Ich habe mein Auge auf die »Neu­ro­lo­gin« gewor­fen. Aber wie soll ich ihr impo­nie­ren? Ich müsste dafür einen bedeu­ten­den Fund machen. Doch was lässt sich hier in den Abwäs­ser­ka­nä­len schon ent­de­cken?

Wir suchen beson­dere Arte­fakte, Dinge, deren Bedeu­tung wir nicht ken­nen, Gegen­stände, deren Sinn für uns im Dun­keln liegt. Aus jeder Stadt neh­men wir nur ein ein­zi­ges die­ser Objekte mit und schaf­fen es, oft auf gefahr­vol­len Wegen und unter gro­ßen Mühen, zurück in unsere Fes­tung. Dort haben wir im Berg ein rie­si­ges unter­ir­di­sches Museum ange­legt, in dem diese Dinge, beschrif­tet jeweils mit der Stadt, aus der sie stam­men, aus­ge­stellt wer­den – und nie­mand außer uns weiß davon.

Auch wenn alle ande­ren uns für Plün­de­rer hal­ten und mit schlim­men Schimpf­wor­ten bele­gen: Eigent­lich sind wir Bewah­rer und haben eine große Hoch­ach­tung vor den toten Städ­ten und ihren eins­ti­gen Bewoh­nern, den Schöp­fern all die­ser ebenso wun­der­ba­ren wie rät­sel­haf­ten Gerät­schaf­ten, die unsere Expe­di­tio­nen zutage för­dern.

Ich laufe jetzt schon viele Stun­den lang durch die Kanäle. Es wird Zeit für mich, zurück­zu­keh­ren. Mein untrüg­li­cher Ori­en­tie­rungs­sinn ist der Grund dafür, dass mir die Auf­gabe zufällt, die Abflüsse und Kata­kom­ben der toten Städte zu durch­strei­fen. Noch nie habe ich mich ver­irrt, und selbst wenn meine Fackel ver­lö­schen sollte, würde ich zurück­fin­den.

Da! Ich ent­de­cke etwas im fla­ckern­den Licht, dass ich auf dem Hin­weg über­se­hen haben muss. Es ist ein Metall­ge­stänge, das an einer Seite eine Art Hal­te­griff aus einem der künst­li­chen Stoffe der Dama­li­gen besitzt: Er ist schwarz, nach­gie­big und fühlt sich ange­nehm an, fast so, wie ich mir die Haut einer Frau vor­stelle. Ich richte das Gestänge auf, so dass es mit zwei kur­zen Quer­stan­gen fest auf dem Boden steht – ähn­lich wie bei einem der räder­ge­trie­be­nen Gefährte, wel­che die Dama­li­gen mit Peda­len ange­trie­ben haben. Nur gibt es hier weder Räder noch einen Sat­tel. Den­noch sieht das Gerät aus, als könne man es bestei­gen: Unten befin­den sich, neben­ein­an­der befes­tigt, zwei Platt­for­men, etwas grö­ßer als meine Füße. Offen­bar kann man hin­auf­stei­gen, wäh­rend am sich an dem hoch­ra­gen­den Griff fest­hält, um dar­auf zu ste­hen. Ich bin auf­ge­regt, denn so etwas habe ich noch nie gese­hen. Ist es gefähr­lich? Todes­mu­tig steige ich auf die zwei Tritt­bret­ter. Vor Schreck stockt mir kurz der Atem: Sie bewe­gen sich – das eine kippt weg, und gleich­zei­tig drückt es das andere nach oben. Das Gestänge knirscht. Nun belaste ich den Fuß, der hoch­ge­drückt wurde, und seine Platt­form senkt sich lang­sam und schwer­gän­gig, wäh­rend nun der andere Fuß nach oben schwingt.

Ich kann auf dem Gerät lau­fen, auf der Stelle lau­fen! Eigen­ar­tig. Und ein guter Fund. Denn der Sinn die­ser Vor­rich­tung ist mir völ­lig schlei­er­haft.

Sie ist schwer. Ich schul­tere sie und mache mich auf den Weg zu unse­rem Treff­punkt. Es macht mich stolz, ein­mal etwas von mei­nen Streif­zü­gen mit­brin­gen zu kön­nen.

Unser Ältes­ter begut­ach­tet die Fund­stü­cke. Lange bleibt er vor mei­nem Arte­fakt ste­hen. Dann bedeu­tet er mir, es vor­zu­füh­ren. Ich steige auf die Platt­for­men und bewege sie lang­sam mit den Füßen, indem ich mein Gewicht ver­la­gere. Es knirscht, als ich beginne, auf der Stelle zu lau­fen, so als ob ich eine Treppe hin­auf­stei­gen würde. Ich höre ein Rau­nen von den ande­ren, aber habe nur Augen für die Neu­ro­lo­gin, die mich und das Gerät mit erstaun­ten Bli­cken bedenkt – und lächelt, als der Älteste seine Wahl trifft. Sie lächelt mich an! Ich steige ab und fühle mich, als würde ich schwe­ben.

Unser Ältes­ter fer­tigt in der toten Spra­che und Schrift eine kleine Tafel an, die ich an mei­nem Fund befes­ti­gen darf. »Ber­lin«. Wir bre­chen auf. Die Neu­ro­lo­gin hilft mir, das Arte­fakt zu tra­gen. Am Tuscheln der ande­ren bemerke ich, dass ihnen nicht ver­bor­gen geblie­ben ist, für wen unter uns sie sich ent­schie­den hat. Für den »Prok­to­lo­gen« – wer hätte das gedacht?

Ich jeden­falls trage stolz mit ihr das Gerät, mit dem man auf der Stelle lau­fen kann. Wir haben noch einen wei­ten Weg vor uns, aber ich fühle mich leicht und vol­ler Taten­drang. Ich habe ein Muse­ums­stück gefun­den – und eine Gefähr­tin!

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♫ Pathos and the Mono­lo­gue ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor, aus dem es kein Zurück gibt« – mit die­sen mar­ki­gen Wor­ten beginnt mein gro­ßer Büh­nen­mo­no­log. Ich stehe vor einer Tür, die sich für die Zuschauer in einen lan­gen, viel­leicht sogar end­los wir­ken­den Kor­ri­dor öff­net, stelle ich mir vor, und wende den Kopf zurück zu den ande­ren Schau­spie­lern im Büh­nen­bild. Dann halte ich meine bewe­gende Abschieds­rede, und am Ende mache ich meine Ankün­di­gung wahr und betrete furcht­los den dunk­len Kor­ri­dor ohne Wie­der­kehr, die Tür fällt hin­ter mir ins Schloss, und das wird das Letzte sein, das von mir zu sehen ist. Zumin­dest bis zum Schluss­ap­plaus.

Das Stück wird Furore machen, das habe ich im Gefühl. Gut, der Regis­seur scheint sei­nen Zenit über­schrit­ten zu haben, und es ist auch erst­mal nur ein klei­nes Off-Thea­ter, in dem wir auf­tre­ten. Aber ich spüre die Kraft, die der Text hat, und bin mir sicher, dass wir damit für ziem­li­ches Auf­se­hen in der der­zeit doch eher drö­gen Thea­ter­land­schaft sor­gen wer­den.

Dabei ist es nichts Neues: Als Patch­work aus Text­frag­men­ten des Absur­den Thea­ters bringt es Autoren wie Piran­dello, Artaud, Coc­teau, Beckett, Ionesco, Sartre und Camus mit­ein­an­der in den Dia­log – ein Remix! Tat­säch­lich habe ich noch gar nicht her­aus­ge­fun­den, von wel­chem die­ser Dra­ma­ti­ker und aus wel­chem Stück genau mein Mono­log stammt. Aber ist das nicht letzt­lich unwich­tig?

End­lich werde ich wie­der auf der Bühne ste­hen! Das Pro­jekt schmückt sich nicht mit Stars, son­dern setzt auf Kön­ner aus der zwei­ten oder drit­ten Reihe, um mit der Wucht sei­ner Geschichte zu über­zeu­gen. Bei einem tur­bu­len­ten Ken­nen­lern­tref­fen mit viel Chab­lis hat uns der Regis­seur seine Vision erläu­tert. Es gehe nicht darum, ob das Absurde Thea­ter das Absurde dar­stellt oder das, was es dar­stellt, ins Absurde ver­kehrt – es gehe um den defi­ni­ti­ven Mythos unse­rer Zeit, um das Mythen­thea­ter der Post­mo­derne, um die ein­zig zutref­fende Beschrei­bung der mensch­li­chen Befind­lich­keit in Form des Absur­den.

So stehe ich für den Men­schen schlecht­hin auf der Bühne, der den point of no return über­schrei­tet und ange­sichts einer unsin­ni­gen Welt wis­send und frei­wil­lig den Weg in Wahn­sinn und Rea­li­täts­ver­lust wählt, nicht ohne dies mit mäch­ti­gen Wor­ten exis­ten­zia­lis­ti­scher Tiefe zu kom­men­tie­ren, die ihre Wir­kung beim Zuschauer nicht ver­feh­len wer­den. Sagt mir mein Bauch­ge­fühl. Schon allein beim Lesen läuft es mir kalt den Rücken her­un­ter.

»Ver­gesst mich!«, rufe ich am Ende, oder viel­leicht werde ich es auch nur vol­ler Inbrunst flüs­tern: »Ich bin ver­lo­ren für eure Welt der vor­ge­gau­kel­ten Ord­nung und Anstän­dig­keit, und mehr noch, ich bin eine Gefahr für die Kin­der und Nar­ren, die noch Augen und Ohren haben und ent­de­cken könn­ten, dass es einen Weg hin­ter die Kulis­sen gibt, die ihr auf­ge­stellt habt, die potem­kin­schen Dör­fer, die schö­nen Fas­sa­den und Attrap­pen, mit denen ihr den Mahl­strom der Sinn­lo­sig­keit not­dürf­tig ver­deckt und ver­klei­det. Also ver­gesst mich bes­ser, tilgt mich aus eurem Gedächt­nis und euren Kir­chen­bü­chern, ver­nich­tet alles, was an mich erin­nern könnte, ver­neint und ver­drängt mich so gründ­lich, wie ihr das eigent­li­che Wesen des Seins negiert. Rot­tet mich aus mit Stumpf und Stiel! Ich gehe, und es gibt nun nichts mehr, was euch und mich ver­bin­det. Alle Brü­cken hin­ter mir sind abge­bro­chen. Adieu!«

Ich glaube, der »defi­ni­tive Mythos für unsere Zeit«, den der Regis­seur auf die Bühne brin­gen will, liegt in genau die­sen Wor­ten, die tief ins Herz der mensch­li­chen Exis­tenz drin­gen, es anrüh­ren, auf­wüh­len und viel­leicht nie mehr so rich­tig los­las­sen wer­den. Es macht mich stolz, diese Rolle ver­kör­pern und aus­fül­len zu dür­fen, und ich spüre genau, dass die­ser Mono­log zum Kul­mi­na­ti­ons­punkt mei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn, viel­leicht ja sogar mei­ner Kar­riere wer­den wird.

 

Nach­trag: Bei den Pro­ben zum Stück haben sich für den Regis­seur einige not­wen­dige Text­kür­zun­gen erge­ben. Von mei­nem gro­ßen Mono­log ließ er schließ­lich nur die Anfangs­worte übrig. Ich solle, sagt er, den Rest emo­tio­nal mit hin­ein­le­gen, wenn ich seit­lich – ohne Tür, ohne Kor­ri­dor – von dem doch recht mini­ma­lis­ti­schen Büh­nen­bild abtrete mit den weni­gen, aber denk­wür­di­gen Wor­ten »Ich betrete den Kor­ri­dor«.

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♫ Ski­la­boð til mann­kyns ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und höre am Geräusch eines Boh­rers gleich, dass Norbu mal wie­der etwas an sei­nem Haus­boot repa­riert. Ich mache uns auf der Ter­rasse schon mal einen Wein auf und warte mit zwei Glä­sern auf ihn. Wenn ich mei­nen Freund Norbu besu­che, nehme ich mir immer genü­gend Zeit mit. Es ist nie vor­her­zu­se­hen, wie tief wir uns in unsere Dis­kus­sio­nen ver­stri­cken wer­den.

Dies­mal habe ich ein Thema mit­ge­bracht. Ich will von Norbu wis­sen, was er vom Kli­ma­wan­del hält.

Er ist ver­schwitzt und ölver­schmiert, freut sich aber sicht­lich über mei­nen Besuch, als er end­lich, eine Schlag­bohr­ma­schine in der Hand, aus irgend­wel­chen Kam­mern und Gän­gen unter­halb der Was­ser­li­nie im Wohn­zim­mer auf­taucht.

»Der Kli­ma­wan­del ist nicht das Pro­blem«, meint er leicht­hin. Wir sto­ßen an. »Irgend­wann wird die Mensch­heit eh den Abgang machen. Und selbst wenn wir noch eine Zeit­lang über­le­ben – das Leben auf der Erde selbst ist begrenzt.«

»Das klingt nach Kata­stro­phis­mus«, wende ich tadelnd ein.

»Pure Astro­phy­sik. Die Sonne wird ver­lö­schen. Das Pro­blem ist nicht die Kli­ma­er­wär­mung, son­dern der Wär­me­tod. Du musst in grö­ße­ren Maß­stä­ben den­ken!«

Das tut mein Freund Norbu gerne. Ich dage­gen muss nur für zehn Sekun­den ernst­haft über die Frage nach­den­ken, warum es über­haupt etwas gibt und nicht nichts, und schon bin ich im Tota­len Durch­blicks­stru­del gefan­gen und beginne mich auf­zu­lö­sen.

»He«, sagt mein Freund Norbu, »bist du noch bei der Sache?« Das kata­pul­tiert mich aus dem Stru­del wie­der her­aus. Ich nicke beflis­sen: »Wär­me­tod der Sonne. Sie bläht sich auf und ver­brennt all ihre Pla­ne­ten. Das Ende des Lebens auf der Erde.«

Doch Norbu schüt­telt unge­dul­dig den Kopf: »Wär­me­tod des Uni­ver­sums und das Ende allen Lebens. Das ist das eigent­li­che Pro­blem, und das gilt es zu ver­hin­dern.«

Ich starre ihn ungläu­big an. »Du willst den Wär­me­tod des Uni­ver­sums ver­hin­dern?« Und dann: »Was ist das über­haupt?«

»Seit kurz nach dem Urknall baut das Uni­ver­sum stän­dig ab: Die Mate­rie ver­teilt sich, kann wegen zuneh­men­der Distan­zen immer weni­ger mit­ein­an­der agie­ren, und die Sterne bren­nen aus. Kalte und heiße Zonen glei­chen sich immer mehr an, bis alles eine ein­heit­li­che Tem­pe­ra­tur und Struk­tur ange­nom­men hat und nur noch eine unter­schieds­lose lau­warme Soße ist. Aber damit wir es dazu nicht kampf­los kom­men las­sen, gibt es ja ›Die Bot­schaft‹.«

Norbu weist mit einer aus­la­den­den Geste auf die Welt um uns herum. Ich kann ihm nicht fol­gen. Schließ­lich seufzt er und setzt zu einer wei­te­ren Erklä­rung an: »Die Natur­ge­setze sind eine Bot­schaft. Die kos­mi­schen phy­si­ka­li­schen Grund­prin­zi­pien sind wun­der­bar fein dar­auf abge­stimmt, dass Leben ent­ste­hen kann, Leben, das sich selbst erkennt – als das, was es ist. Ich spre­che von uns!«

»Uns bei­den?«, frage ich klein­laut, weil ich schon ahne, dass ich ihm wohl wie­der nicht ganz fol­gen kann.

»Uns allen. Die Men­schen. Und alle ande­ren intel­li­gen­ten Zivi­li­sa­tio­nen im Kos­mos. Und die Natur­ge­setze sagen uns, dass die von vor­her dran gedreht haben.«

»Die von vor­her?« Ich komme ihm gerade kaum noch hin­ter­her.

»Manch­mal stelle ich mir vor«, und damit lehnt Norbu sich zurück und blickt den Rest Rot­wein in sei­nem Glas sin­nend von unten an, »dass vor dem Wär­me­tod des Uni­ver­sums eine Hand­voll intel­li­gen­ter Zivi­li­sa­tio­nen es schaf­fen, Kon­takt mit­ein­an­der auf­zu­neh­men und gemein­sam das größte Pro­jekt der Welt zu star­ten.«

Er redet nicht wei­ter. Ich müsste jetzt fra­gen, was denn wohl das größte Pro­jekt der Welt ist, aber nun bin ich bockig und schweige.

Nach einer Weile fährt er flüs­ternd fort: »Vor dem Ende des eige­nen Uni­ver­sums ein neues zu schaf­fen, damit es wie­der Leben geben kann. Damit die Kette des Seins nicht abbricht.«

Auch ich werde plötz­lich ganz ehr­fürch­tig bei dem Gedan­ken, wir könn­ten dem nächs­ten Uni­ver­sum, den intel­li­gen­ten Wesen, die uns nach­fol­gen, eine Bot­schaft hin­ter­las­sen: Natur­ge­setze, die ihnen hel­fen, sich zu ent­wi­ckeln – eine zukunfts­träch­tige Maß­nahme, die sicher­lich nicht bin­nen einer Legis­la­tur­pe­ri­ode zu schaf­fen ist und selbst ein 739-jäh­ri­ges Orgel­werk, die zehn­tau­send­jäh­rige Long-Now-Uhr und das mög­lichst sichere Ver­gra­ben von Atom­müll für Hun­dert­tau­sende von Jah­ren um eini­ges über­trifft.

»Natür­lich nur«, sagt mein Freund Norbu jetzt plötz­lich wie­der ganz nüch­tern, »wenn das Uni­ver­sum ein in sich abge­schlos­se­nes Sys­tem ist. Sonst bie­ten sich natür­lich zahl­rei­che andere Mög­lich­kei­ten, weil es dann nicht unbe­dingt zum Wär­me­tod oder Big Crunch kom­men muss. Aber solange wir das nicht sicher wis­sen …«

»… wäre es viel­leicht bes­ser, sich auf den schlimms­ten Fall vor­zu­be­rei­ten.«

»Genau«, bekräf­tigt mein Freund Norbu. »640 Mil­li­ar­den Jahre bis zum Wär­me­tod sind eine ver­dammt kurze Zeit, um sich soweit fort­zu­ent­wi­ckeln, dass man in der Lage ist, ein neues Uni­ver­sum zu pla­nen und in die Tat umzu­set­zen. Bes­ser ist’s, wir fan­gen gleich damit an.«

Mir schwirrt der Kopf, und das nicht nur vom Wein. Als ich spä­ter unter einem präch­ti­gen Ster­nen­him­mel nach Hause radle, hebe ich den Kopf und frage das Uni­ver­sum, das sich über mir wölbt, ob es eine Bot­schaft für mich hat. Und tat­säch­lich. Ich kann sie nicht hören oder sehen, aber ich kann etwas spü­ren. Das Leben ist lebens­wert.

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♫ Fabel­be­ben ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor mit selbst­ge­ba­cke­nem Brot in der Hand. Über­all, wo ich hin­komme, gibt es ein Unglück. Doch nun will ich mein Schick­sal wen­den und der Schick­sals­frau, die mich schon mein gan­zes Leben lang auf Schritt und Tritt mit Kata­stro­phen aller Art ver­folgt, end­lich ent­ge­gen­tre­ten. Wird es gelin­gen, sie mir gewo­gen zu machen? Wird sie meine Gabe milde stim­men?

Ich folge, ohne den zahl­rei­chen Sei­ten­gän­gen Beach­tung zu schen­ken, dem Haupt­gang, der in den Berg Dikti hin­ein­ge­schla­gen ist und tief in sein Herz führt. Hier sol­len sie leben, die Schick­sals­frauen. Doch wie­der fühle ich ein Unglück nahen. Selbst hier lässt sie mich nicht in Frie­den! Ich spüre die ver­hasste Beklem­mung in mei­ner Brust, und sie wird stär­ker und stär­ker, untrüg­li­ches Zei­chen dafür, dass sie mir und allen in mei­ner Umge­bung wie­der das Leben schwer­ma­chen will.

Womit dies­mal? Wilde Tiere? Eine Über­schwem­mung? Eine Dürre mit fol­gen­der Hun­gers­not? Eine Epi­de­mie? Pira­ten­über­fälle? Eine Nie­der­lage im Krieg?

Nein.

Mit einem Erd­be­ben: Es rum­pelt grol­lend im Berg, und er schüt­telt sich, so dass ich zu Boden geschleu­dert werde und das Brot mei­nen Hän­den ent­glei­tet. Angst­er­füllt krie­che ich zurück ans Tages­licht. Nur knapp ent­komme ich dem her­ab­stür­zen­den Geröll, und kaum habe ich es nach drau­ßen auf den Fels­vor­sprung geschafft, stürzt der Kor­ri­dor ein, der zu den Schick­sals­frauen füh­ren soll. Ich höre Schreie, oder ist es das Krei­schen der Fel­sen, die zer­bers­ten?

Schlag­ar­tig ist es ruhig. Es kul­lern nur noch einige kleine Steine den Berg­hang hinab. Ich kann es kaum glau­ben: Die Beklem­mung, die mich schon mein gan­zes Leben lang erbar­mungs­los ver­folgt, hat mich ver­las­sen, und es fühlt sich ganz so an, als würde sie nie wie­der­keh­ren.

Mit neuem Mut erfüllt mache ich mich auf den Rück­weg in die Stadt, zum Palast, zu mei­nem miss­ge­bil­de­ten Bru­der, zu mei­ner Fami­lie.

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♫ Sacred Syll­ables ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein natür­li­cher Spalt im Fels, der von Mön­chen wie mir in jahr­hun­der­te­lan­ger Arbeit erwei­tert wurde. An den Sei­ten öff­net sich der Gang zu klei­nen Zel­len, doch mein Weg führt tie­fer in den Berg hin­ein. Ich atme tief durch.

49 Tage lang werde ich im Dun­keln sit­zen, an einem Ort, zu dem kein Licht­strahl dringt. Andere Mön­che haben mich gewarnt. Es seien schon Medi­tie­rende ver­rückt dar­über gewor­den, und es hieß hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand, dass einige Adep­ten diese 49 Tage nicht über­lebt hät­ten.

Auf dem Weg tief hinab in den Berg, hin zu einem unbe­kann­ten und erschre­cken­den Ort, wird mir klar, dass mich die Kon­fron­ta­tion mit dem erwar­tet, das, unbe­kannt und erschre­ckend, tief in mir selbst ver­steckt ist. Mir bricht der Schweiß aus. Den­noch taste ich mich wei­ter voran ins Dun­kel. Ich will mei­nen Meis­ter nicht ent­täu­schen und mei­nen Ent­schluss auf kei­nen Fall umsto­ßen.

Was werde ich ent­de­cken? Was wird in mir, aus mir her­vor­krie­chen, wenn ich dort sitze in abso­lu­ter Stille und voll­kom­me­ner Schwärze? Ich stol­pere, und obwohl ich den Metal­l­ei­mer ver­zwei­felt umkralle, ent­glei­tet er mir, stürzt um, und das kost­bare Was­ser – das ein­zige, das mich außer mei­nem Gewand für die Zeit der Medi­ta­tion in die Tiefe des Ber­ges beglei­ten soll – ver­teilt sich auf dem nack­ten Fels und ver­si­ckert in den Rit­zen und Spal­ten. Ich muss umkeh­ren. Ohne Was­ser werde ich nicht über­le­ben!

Den­noch gehe ich wei­ter.

Schon lange gibt es keine Zel­len mehr an den Sei­ten des Kor­ri­dors, nicht ein­mal mehr Nischen. Der Gang wird enger. Ich spüre, dass ich ver­lo­ren bin. Bes­ser jetzt umkeh­ren als spä­ter halb ver­hun­gert und ver­durs­tend aus dem Loch gekro­chen kom­men!

Aber mein Meis­ter hat gesagt, dass ich die­sen Weg ins Innere, ins Dun­kel, nur ein ein­zi­ges Mal antre­ten kann. Kehre ich jetzt um, ist mir der Abstieg in den Berg für immer ver­schlos­sen. Ich fange grund­los an zu schluch­zen. Todes­angst packt mich. Den­noch wanke ich wei­ter. Ich bin tief im Bauch eines Ber­ges, und es ist, als laste das Gestein ton­nen­schwer auf mei­nen Schul­tern.

Men­schen, die ich ein­mal kannte, kom­men mir in den Sinn, böse Worte, acht­lose Hand­lun­gen, die mir Leid tun. Ich flehe die schwar­zen, kal­ten Wände um Ver­ge­bung an. Sie ant­wor­ten nicht. Ich bin vier Jahre alt, allein auf Ent­de­ckungs­reise im Kel­ler, und ein böser Zufall lässt die ein­zige Glüh­birne durch­bren­nen. Ich schreie, und meine eigene Stimme und ihre Echos im Berg jagen mir Schau­der über den Rücken. Ich halte mich nicht mehr aus und kann doch nicht anders, als mich ertra­gen, irgend­wie. Es ist, als würde ich die Hölle durch­wan­dern, und die Hölle bin ich.

Da. Ein Schim­mern vor mir. Zuerst glaube ich, ich täu­sche mich. Dann wird mir klar, dass hier unten ein Mönch sein muss. Er hat sich ein Licht, eine Kerze oder eine Fackel, mit­ge­bracht. Aber der Licht­schein fla­ckert nicht.

Ich wan­dere tat­säch­lich seit eini­ger Zeit berg­auf. Es ist Tages­licht, das mich erwar­tet. Ich muss blin­zeln. Die tiefste und schwär­zeste Sta­tion der Reise, die dunkle Nacht der Seele, ist hell?

Ich trete ins Freie. Ein grü­nes, son­nen­be­schie­ne­nes Tal – es liegt offen­bar auf der ande­ren Seite des Ber­ges. Der Meis­ter sitzt auf einem Fel­sen und gießt mir eine Tasse Tee ein. Ich bin ver­wirrt. Wie lange war ich unter­wegs? Waren es Stun­den? Oder Wochen? Bin ich schon tot? Träume ich?

»Das wis­sen wir nie so ganz genau«, sagt der Meis­ter.

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♫ Queen Puabi (Reig­ning Cats and Dogs) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mein Haus mit dem Boots­schup­pen ver­bin­det. Seit Mona­ten bin ich nicht mehr hier gewe­sen – ers­tens weil durch den stren­gen Win­ter der See zuge­fro­ren war, und zwei­tens, weil mich ein anstren­gen­der Job für eine Hilfs­or­ga­ni­sa­tion keine Zeit für meine pri­va­ten For­schun­gen fin­den ließ. Hier im Kor­ri­dor habe ich einen schma­len Tisch unter­ge­bracht, auf dem meine Noti­zen lie­gen, neben dem kryp­ti­schen Ori­gi­nal­text und mei­nen Ver­su­chen, das Spiel­brett und die Figu­ren zu rekon­stru­ie­ren.

Durch einen glück­li­chen Zufall bin ich vor Jah­ren auf ver­gilbte Auf­zeich­nun­gen gesto­ßen, in denen von einem ver­schol­le­nen Brett­spiel die Rede ist, das sich zur Renais­sance im süd­li­chen Europa offen­bar einer gewis­sen Beliebt­heit erfreute. Es hieß »Zita­delle«, und in der Schrift – einem Brief eines in ferne Län­der rei­sen­den Sohns an sei­nen Vater, der ein Kauf­mann war – sind einige der Figu­ren erwähnt, doch lei­der nur am Rande und nicht etwa zur Doku­men­ta­tion des Spiels und sei­ner Regeln. Die Rekon­struk­tion gestal­tet sich schwie­rig. Wenn sie mir über­haupt jemals gelin­gen mag.

Meine aus Bal­sa­holz gesägte Nach­bil­dung des Spiel­bretts ist waben­för­mig. Ich habe die Fel­der getreu der Auf­zeich­nun­gen des unbe­kann­ten Autors abwech­selnd braun und grün ein­ge­färbt.

Nach­denk­lich nehme ich die von mir geschnitz­ten Spiel­fi­gu­ren in die Hände. Von einem »raum­grei­fen­den Kurier« ist in dem Text die Rede, von »Kata­pul­ten« und einer »wen­di­gen Prin­zes­sin«. Zu den min­der­wer­ti­gen Figu­ren zähl­ten offen­bar zahl­rei­che »Vasal­len«, die bei mir – da ich keine beson­de­ren hand­werk­li­chen oder gar künst­le­ri­schen Fähig­kei­ten habe – wie ein­fa­che Obe­lis­ken aus­se­hen. Auch die Figu­ren »Thron« und »Szep­ter« sind nicht gerade Meis­ter­werke gewor­den.

Ich ver­tiefe mich in meine ver­schach­tel­ten Noti­zen. »Hen­ker schlägt Hof­narr«, lese ich da. Aber wie? Muss viel­leicht vor­her eine sym­bo­li­sche Ver­ur­tei­lung durch einen Rich­ter erfol­gen? Wie­der ein­mal nimmt mich das rät­sel­hafte Spiel völ­lig in Beschlag.

Und dann, als ich mir aus­gie­big die müden Augen reibe, sitzt er mir gegen­über, der unbe­kannte Autor, ein jun­ger, fescher Mann mit einem Schnauz­bart und grü­nem Samt­ba­rett auf dem Kopf. Er setzt mit einem über­ra­schen­den Zug sei­nen Königs­sohn neben meine Prin­zes­sin. »Thron und Szep­ter«, sagt er mit einem brei­ten Lächeln, bevor sich die kurze Vision ver­flüch­tigt.

Das ist es!

Inner­lich jubi­liere ich, bin ich doch gerade einen gro­ßen Schritt wei­ter­ge­kom­men: »Thron und Szep­ter« in dem ver­gilb­ten Brief – das beschreibt nicht zwei wei­tere Figu­ren, son­dern es sind die Worte, mit denen das Spiel endet!

Ich nehme die klei­nen unge­schlach­ten Figu­ren, die ich für Szep­ter und Thron geschnitzt hatte, vom Brett und lasse sie acht­los unter den Tisch fal­len – und damit beginnt das Spiel plötz­lich zu leben, wer­den mir die Züge und Stra­te­gien klar, ste­hen mir die Regeln plötz­lich deut­lich vor Augen. Es ist alles so offen­sicht­lich. »Thron und Szep­ter!«, rufe ich und tanze durch den Kor­ri­dor.

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♫ Rent-a-Monk ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Sand, wei­ßer Sand wurde her­ein­ge­weht, durch den hin­durch eigen­ar­tige geo­me­tri­sche Spu­ren mit Abdrü­cken aus jeweils zwei recht­ecki­gen Quer­bal­ken füh­ren, eine Zeile einer pri­mi­ti­ven Blin­den­schrift aus immer dem­sel­ben Buch­sta­ben, ver­gäng­lich in den Sand geprägt.

Der Kor­ri­dor öff­net sich auf einen Strand – das Rau­schen des Mee­res hat das bereits ange­kün­digt. Ich folge den Spu­ren in öst­li­cher Rich­tung, den Blick auf den genarb­ten Sand gerich­tet und auf die nied­rig ste­hende Sonne.

Jetzt durch­drin­gen leise Kla­ge­laute das Mee­res­rau­schen wie Mes­ser­spit­zen einen wehen­den Vor­hang. Eine Gestalt kau­ert am Was­ser und spielt ein Sai­ten­in­stru­ment, das Gesicht dem hori­zont­wei­ten Ozean zuge­wandt.

Es ist ein Asiate. Sein Kopf ist kahl­ge­scho­ren, doch die nach­wach­sen­den Haare ver­dun­keln bereits wie­der die Kopf­haut. Der Mönch trägt ein blaues Gewand aus Seide und weiße Hosen. Neben ihm ste­hen seine San­da­len, ein­fa­che Holz­plat­ten mit einer Schlaufe oben­auf und zwei Holz­stre­ben dar­un­ter – Ursprung der Spu­ren, die mich hier­her­ge­führt haben.

Der Mönch singt, schlägt dazu mit einem spitz zulau­fen­den Holz auf die vier Sai­ten sei­ner Laute.

»Es ist eine Biwa«, erklärt eine Stimme in mei­nem Kopf, aber es ist keine Stimme. Es ist mehr ein Deja vu, längst ver­ges­se­nes Wis­sen.

Der Mönch bricht sein Sai­ten­spiel ab, als ob ein Geräusch seine Kon­zen­tra­tion durch­bro­chen hätte, und wen­det den Kopf in meine Rich­tung. Dann mur­melt er etwas auf Japa­nisch, nickt, seine eige­nen Worte noch ein­mal sich selbst bestä­ti­gend, steht auf, legt die Biwa zur Seite und ver­beugt sich tief vor mir. Dann hebt er den Kopf, und ich sehe jetzt, dass er blind ist: Seine Augen sind stumm, gebro­chen schon vor lan­ger Zeit.

Trotz­dem ver­beuge ich mich auch und setze mich, nach­dem er begon­nen hat, mir eine Geschichte zu erzäh­len, zu sei­ner Lin­ken nie­der.

Ich kann mir nicht erklä­ren, wie ich die Geschichte des Moso ver­ste­hen kann, da er ja Japa­nisch spricht. Aber irgend­wie rührt die tro­ckene Stimme des Alten mein Herz an und malt Tusche­zeich­nun­gen vor mei­nen Augen, so dass ich alles ver­stehe, was er mir erzählt.

Und so lau­sche ich ergrif­fen der Geschichte des Moso vom Was­ser, vom Feuer, vom Holz, der Erde und vom Metall in einem Land, in dem die Men­schen mit der Natur im Ein­klang ste­hen und sich die Dämo­nen gewo­gen zu machen wis­sen, und bin trau­rig dar­über, nur so wenig davon mit zurück in den engen Kor­ri­dor mei­nes ent­frem­de­ten und ober­fläch­li­chen Lebens neh­men zu kön­nen.

Die Sonne ist längst unter­ge­gan­gen, als der Mönch sein Biwa­spiel wie­der auf­nimmt und ich mich auf den Rück­weg mache. Lei­der ver­fliegt der Zau­ber sei­ner Worte und Bil­der schnell, und sie schmel­zen wie Schnee­flo­cken in mei­ner offe­nen Hand, sobald mich wie­der der Lärm der Groß­stadt über­rollt.

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♫ Akas­hic Spalls ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wie­der pla­gen mich die pochen­den Kopf­schmer­zen, obwohl ich im Grunde genom­men gar kei­nen Kopf mehr besitze, son­dern wie ein Geist ohne Kör­per durch die Zei­ten reise, immer in den Köp­fen von ande­ren, die mich nicht bemer­ken – an der Seite von Men­schen, die mich als Kind fas­zi­niert hat­ten, auch wenn ich sie viel­leicht längst ver­ges­sen habe.

Alles begann mit dem Tauch­re­kord der Tri­este – zuletzt war es eine Reise ganz ande­rer Art, auf der ich mit Sven Hedin in die Wüste Lop Nor gelangt bin, bis schließ­lich der schwe­di­sche Teil­neh­mer der Expe­di­tion, hin­ter des­sen Augen ich taten­los sit­zen und die gan­zen Stra­pa­zen mit­er­le­ben musste, in einer Toten­stadt aus der Bron­ze­zeit, die sie erforsch­ten, einen unter­ir­di­schen Gang betrat.

Es sind ihre Träume, die mir Kopf­schmer­zen berei­ten. Sie über­fal­len mich oft nachts und dau­ern dann den gan­zen Mor­gen an. Ich fühle mich dem allen hilf­los aus­ge­lie­fert, ver­su­che jedoch seit ein paar Tagen, mich auf einen Gedan­ken zu kon­zen­trie­ren, der mir aber immer wie­der weg­zu­rut­schen droht: Viel­leicht ist es kein Unfall, keine Strafe, kein Fluch, der mich getrof­fen hat. Viel­leicht ist es eine Chance oder eine Gnade!

Es gab da doch die­sen Film, in dem der Held ähn­lich wie ich gefan­gen war und kei­nen Aus­weg fand. Er war Meteo­ro­loge, glaube ich, und erst als er anfing, die aus­weg­lose Situa­tion, in die er sich ver­strickt hatte, als Mög­lich­keit zu begrei­fen und ihr Poten­zial aus­zu­schöp­fen, konnte er sich schließ­lich aus ihr befreien.

Also ver­su­che ich, zu der Fas­zi­na­tion zurück­zu­fin­den, die ich als Kind hatte, als ich von all die­sen Aben­teu­ern las.

Ich bin im Dschun­gel unter­wegs, hilf­los im Kopf eines jun­gen Mexi­ka­ners ein­ge­ker­kert, der als Trä­ger eine gut aus­ge­rüs­tete Expe­di­tion beglei­tet. Hiram Bing­ham lässt uns mit den Mache­ten auf die dichte Vege­ta­tion ein­schla­gen, die große Stein­qua­der über­wu­chert. Er ist über­zeugt davon, end­lich die Inka­stadt Vil­ca­bamba ent­deckt zu haben. Ich weiß es bes­ser. Dies ist Machu Pic­chu. Aber ich kann es dem For­scher nicht sagen. Ich bin zur Taten­lo­sig­keit ver­ur­teilt und kann nur ver­zwei­felt beob­ach­ten und dar­auf hof­fen, dass mich irgend­ein Kor­ri­dor aus mei­nem Gefäng­nis befreit. Auf irgend­et­was wollte ich mich kon­zen­trie­ren. Doch alles ver­schwimmt immer wie­der und ent­zieht sich mir. Ich ver­flu­che mein Schick­sal. Irgend­wann betritt der Mexi­ka­ner einen nied­ri­gen Gang in einem der not­dürf­tig frei­ge­leg­ten Pyra­mi­den­bau­ten …

Ich bin Lord Lind­say – zumin­dest werde ich so ange­re­det – und stehe im drit­ten Stock eines Gebäu­des. Mit einer Mischung aus Bewun­de­rung und Bestür­zung beob­achte ich, wie sich ein Mann – das muss das Medium Daniel Dun­glas Home sein, erin­nere ich mich dun­kel – vom Boden erhebt und levi­tiert. Bald schwebt er, lang aus­ge­streckt, mit dem Rücken nach unten im Zim­mer. Lord Lind­say packt das Grauen, wäh­rend ich in sei­nem Kopf hocke und das Schau­spiel fas­zi­niert beob­achte. Schließ­lich glei­tet Home mit vor Anstren­gung ver­zerr­tem Gesicht und geschlos­se­nen Augen aus dem Fens­ter. Lord Lind­say bleibt ent­setzt ste­hen, wäh­rend ein wei­te­rer Beob­ach­ter der Szene zu einem ande­ren Fens­ter stürzt und es öff­net. Home schwebt mit den Füßen voran her­ein. Er lan­det ste­hend, schlägt die Augen auf und lächelt seine drei Zuschauer an. Lord Lind­say sieht sich plötz­lich star­kem Harn­drang aus­ge­setzt und eilt aus dem Zim­mer in den Trep­pen­flur …

Ich stehe neben Xu Fu auf der Brü­cke eines anti­ken chi­ne­si­schen Segel­schif­fes. Eine Flotte folgt uns, die sich bis zum Hori­zont erstreckt. Das Eli­xir der Unsterb­lich­keit! Mir fällt alles wie­der ein. Qín Shǐhuángdì, Grün­der des chi­ne­si­schen Kai­ser­reichs, ließ aus sei­ner para­no­iden Angst vor dem Tod her­aus eine Schiffs­expe­di­tion aus­rüs­ten, die ihm das Unsterb­lich­keits­elexir beschaf­fen sollte. Die sech­zig Bar­ken kehr­ten nie zurück, und nie­mand weiß, was mit ihnen gesche­hen ist. Werde ich es jetzt erfah­ren? Meine Neu­gier erin­nert mich daran, dass ich mich dar­auf kon­zen­trie­ren wollte, mich an mei­ner Reise – trotz mei­nes Aus­ge­lie­fert­seins, trotz des häu­fi­gen Kopf­wehs und trotz der stän­di­gen Aus­set­zer – so weit wie mög­lich zu erfreuen. Warum ver­gesse ich das immer wie­der? Ich rie­che die See­luft, spüre den Wind auf mei­ner Haut, die nicht meine ist. Doch dann geht der Chi­nese unter Deck, und schon ver­liere ich den Halt in sei­nem Geist und wirble ori­en­tie­rungs­los durch Raum und Zeit …