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♫ Hunting Spree ♫
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Ich betrete den Korridor in der Wache und schließe die Tür zum Klo hinter mir. Hin und wieder kommt mir da bei einer Sitzung ein guter Gedanken, aber diesmal herrscht bei mir tabula rasa. Viele, zu viele Stunden schon sitze ich mit Albo zusammen und gehe die hundertfünfzig Texte des Mörders mit ihm durch, als setzten wir ein Puzzle zusammen. Irgendwo muss doch einfach ein Hinweis darauf versteckt sein, wer er ist und warum er unschuldigen Drillingen die Herzen rausschneidet!
Albo telefoniert gerade, als ich zurückkomme. So spät in der Nacht? Es scheint sich zu bewahrheiten, dass die Mordkommission keinen Schlaf kennt: Albo legt auf und blickt mich mit rotgeäderten Augen an: »Der umgebaute Doppeldeckerbus, der nachts durch die Provinz tourt …« Ich widerstehe der Versuchung, mir einen weiteren Kaffee zu nehmen, und setze mich: »Mit Chill-out-Musik und philosophischer Selbstergründung.« Albo hält die entsprechende Seite hoch: »Hat er erfunden. Gibt’s in Wirklichkeit nicht. Hab’s checken lassen.«
Hatte ich mir schon gedacht. Es fing schon mit den fünfzig Schreibmaschinen an. Der Mann, der sie Stück für Stück gebraucht ersteigert hatte, existiert nur als ehemaliger eBay-Name »Rechtschreibfehler68« mit einer Berliner Empfängeradresse und einem Paypal-Konto. Alle Konten hat er inzwischen gelöscht, und unter der Adresse hat seit vielen Jahren niemand gewohnt. Sämtliche Spuren sind gründlich verwischt, alle Nachforschungen laufen ins Leere, genau wie in den Texten: Es gibt – nach allem, was wir wissen – genauso wenig den Hotelkoch Pascal wie den Hausbootbewohner Norbu oder einen oder eine Cory d’Or.
»Ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium«, hatte ich früher am Abend gemurmelt.
»Hape Kerkeling«, meinte Albo daraufhin nickend, doch ich schüttelte den Kopf. »Winston Churchill.« Albo grinste schief: »Jedenfalls führen alle Spuren ins Nichts.« Was angesichts dieser hundertfünfzig Texte auch für mich als Psychologen und – wozu Albo mich gerne hochstilisiert – Profiler gilt. Auch die »KISTe«, das »Kriminaltechnische Informations-System Texte«, mit dem das Bundeskriminalamt zentral schriftliche Äußerungen von Verbrechern – Bekennerbriefe und Erpresserschreiben beispielsweise – auswertet, konnte uns nicht weiterhelfen.
Zuletzt haben wir über den Außerirdischen diskutiert. »Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gesprochen. Dann müssen wir es eben auf diese Weise tun«, heißt es da in Nr. 106, als das Alien den irdischen Raumfahrer, mit dem eine Kommunikation unmöglich scheint, tötet. Verrückte Geschichte. Wer denkt sich so was aus? Ein religiöser Fanatiker?
Ich trete ans Fenster. Die Stadt ist still. Auch wenn Berlin vielleicht nie schläft: Um halb vier Uhr morgens verfällt es immerhin kurz in eine Art Halbschlaf. »Vielleicht glaubt er, etwas Gutes zu tun«, sage ich. »Es gibt da einen Film, in dem ein Philosophieprofessor einen Mord vortäuscht, der sich in letzter Sekunde als Selbstmord entpuppt – aber als Kritik an der Todesstrafe und am amerikanischen Justizsystem verzichtet er auf eine Revision und geht als angeblicher Mörder in den Tod.«
Albo streckt ächzend sein Kreuz: »Wie stellst du dir das vor? Dass die Drillinge mit ihm zusammenarbeiten? Dass er Klone von sich gezüchtet hat, die nur atmende Körper, aber keine fühlenden Menschen sind, und die schneidet er auf, um Kritik an der Moral unserer Wissenschaftler zu üben?«
Ich versuche, das Fenster zu öffnen. Seit Jahren schon klemmt es. »Ich werd’s reparieren lassen«, sagt Albo, und ich habe kurz das Gefühl, in einer Zeitschleife zu stecken und das schon mindestens ein Dutzend Mal von ihm gehört zu haben. »Sag ich jedes Mal, oder?« fragt Albo, der offenbar gerade dasselbe dachte.
»Wenn er ein Psychopath wäre, könnte er sich nicht derart in andere Menschen reinversetzen, wie das in den Texten immer wieder der Fall ist.« Ich merke, dass ich anfange zu dozieren, denn ich laufe auf und ab. »Natürlich sind wir weiterhin nicht sicher, ob die Texte überhaupt vom Mörder stammen. Vielleicht stammen sie von den Drillingen. Aber mal angenommen, der Mörder hat sie verfasst: Dann weisen die Texte auf die Morde hin – und die Morde wiederum auf die Texte.«
»Da waren wir schon. Wir drehen uns im Kreis, mein Lieber«, brummt Albo missmutig.
»Nein«, sage ich, »denn dein Geistesblitz von wegen Kritik am wissenschaftlichen Establishment ist die beste Idee, die wir bisher dazu hatten. Morde, die eigentlich gar keine sind – die aber Fragen aufwerfen und aufrütteln sollen.«
»Bist du jetzt auf seine Seite übergewechselt? Willst du vielleicht einen mit ihm trinken gehen und sein Kumpel werden?«
Ich bleibe stehen. Albo ist gereizt. Kein Wunder, die Sache kratzt übel an seiner Berufsehre.
»Ich würde mich nicht wundern«, sage ich, »wenn es sein eigenes Herz wäre. Also symbolisch, meine ich – das er sich rausreißt als Autor dieser Texte, weil ihm irgendwas darin wirklich an die Nieren geht, weil irgendeiner dieser Texte ehrlich gemeint ist und er sich uns darin offenbart. Vielleicht mit dem, was er hinter der schwarzen Tür lagert? Oder die Sache mit den zerbrechenden Weltbildern?«
Albo blickt mich müde, aber auch ein wenig provozierend an. »In so einem Fall guckt man sich die möglichen Kandidaten an und streicht alles raus, bis nur noch die wahrscheinlichsten übrig bleiben, richtig? Also geh nach Hause, Mann, und mach deine Hausaufgaben.«
Es dämmert bereits, als ich die Wache verlasse. Die frische Luft tut gut. ›Das Leben des David Gale‹ kommt mir plötzlich in den Sinn, mit Kevin Spacey. So hieß der Film über den Philosophieprofessor. Aber wie hat es Cory d’Or geschafft, sich gleich dreimal das Herz aus dem Leib zu reißen und an drei verschiedenen Wahrzeichen Berlins zu deponieren? Meine Gedanken ergeben schon lange keinen Sinn mehr. Höchste Zeit, noch ein wenig Schlaf zu finden.

