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♫ Principia aerobatica ♫
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Ich betrete den Korridor jeden Abend vor dem Einschlafen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, das Licht am Bett auszuknipsen, mich zurechtzukuscheln, die Augen zu schließen und zu versuchen, den Korridor zu erreichen, der eine Verbindung zwischen den zwei Welten schafft. Doch wie immer bleiben die Bilder meiner Vorstellung blass, und es ist mehr so, dass ich den Korridor mühsam erfinde, als dass ich ihn einfach betrete.
Als mein Zwillingsbruder starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz herausgeschnitten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Farbigkeit eingebüßt, und ein milchiger Schleier legte sich über die Dinge.
Doch dann, fast ein Jahr später, eines Nachts im Traum war ich plötzlich von Farben umgeben, die ich nicht benennen konnte und die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Inmitten dieser schillernden, fluoreszierenden Pracht stand er plötzlich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dignus, sondern Korian genannt werden. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbstmord, aber ich spürte, dass mein Bruder mir etwas äußerst Wichtiges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf diesen Korridor zwischen den Welten bezog, in dem unsere Begegnung stattfand.
Das Aufwachen war schrecklich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außerordentliche Bedeutung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleichzeitig kroch eine bittere, wütende Verzweiflung in mir hoch, denn trotz aller Anstrengungen: An das, was Dignus, was Korian mir gesagt hatte, erinnerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Farben, diese irrsinnigen, unmöglichen Farben. Der Inhalt seiner Worte, selbst der Welten-Korridor: Sie hatten ihre Kontur verloren und sich aufgelöst wie ein Fußabdruck im Sand der Wüste. Verbissen zermarterte ich mir das Hirn, und natürlich hoffte ich inständig, der Traum würde sich wiederholen – vergebens. Die Tür war wieder zugefallen. Dennoch gewöhnte ich mir an, beim Einschlafen das Wenige, das mir noch in Erinnerung ist, Revue passieren zu lassen. Vielleicht würde sich die Tür zu diesem Korridor, die Tür zu Korian noch einmal für mich öffnen!
Der Traum kam nie wieder, nicht in den fast dreißig darauffolgenden Jahren. Oh, ich begann tatsächlich von Korridoren zu träumen, von Korridoren jeder Art und Form und Beschaffenheit – doch nicht von dem Korridor. Und nicht von meinem Zwillingsbruder.
Irgendwann begann ich, meine Erinnerungsfetzen an die Besuche in all diesen verfehlten und wirren Traumkorridoren, die mir den Weg zu dem eigentlichen Korridor verstellten, niederzuschreiben – in der Hoffnung, sie dadurch loszuwerden. Ich nahm dafür die Postkarten, das große Bündel alter Postkarten aus aller Welt, das Dignus einmal auf einem Flohmarkt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich herausstellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vorstellen, er würde sie mir von seinen heimlichen Weltreisen schicken. Das war mir dann doch zu verrückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tatsächlich angetreten hatte.
Als ich dann all die falschen Träume von den in die Irre führenden Korridoren aufschreiben wollten, um sie irgendwie loszuwerden, tat ich das auf den Karten, zwischen die Zeilen, um die exotischen Briefmarken und Poststempel herum, auf jedes freie Stückchen. Und dann, manchmal, drehe ich sie um, betrachte ein vergilbtes Postkartenfoto, und es kommt mir vor, als seien das die Farben, in denen damals jener vergessene Korridor zwischen den Welten geleuchtet hat.

