71/398

♫ Corrispondenza ♫
71/398
»›Ich betrete den Korridor‹ – warum dieser Satz? Was macht ihn so besonders?« Ich saß in einem Wiener Kaffeehaus Cory d’Or gegenüber. Die Antwort auf meine E-Mail-Anfrage war prompt eingetroffen, und zu meiner Überraschung musste ich für das Interview gar nicht nach Berlin oder in eine andere deutsche Stadt reisen, sondern konnte es gleich um die Ecke in meinem Lieblings-Café führen. Die zweite Überraschung war: Cory ist eine junge Frau. Natürlich heißt Cory d’Or nicht wirklich so. Ihren wahren Namen verrät sie nicht. Anders als in ihrer eloquenten Kurzprosa, die manchmal an Phantastischen Realismus erinnert, formuliert Cory schwerfällig, sich selbst ständig verbessernd und in Widersprüche verwickelnd. Dabei habe ich mir echt schöne Fragen ausgedacht: »Was willst du mit diesem Blog erreichen? Steckt eine bestimmte Absicht dahinter, oder ist es nur ein Spiel mit Worten, Konnotationen, Topoi?« Sie ringt die Hände, fährt sich durchs Haar, sucht nach passenden Worten. Ich frage tastend weiter: »Woher kommen all diese Ideen? Gibt es reale Vorbilder für die Figuren, die immer wieder auftauchen?« Cory nickt, setzt an, schüttelt den Kopf, beißt sich auf die Lippen. Bevor sie mir auch nur eine verwertbare Antwort gegeben hat, bricht sie das Interview ab und liest mir stattdessen, von lebhafter Gestik begleitet, Passagen aus dem Typoskript ihres neuen Romans vor, dem sie den Arbeitstitel Kein Korridor, nirgends gegeben hat.

