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Das Titelbild ist ein Polaroid, das einen Flur mit vielen farbigen Notizzetteln an den Wänden und Fäden, die zwischen den Zetteln gespannt sind, zeigt. Der Flur ist mit Teppich ausgelegt; ein altes Wählscheiben-Telefon steht auf dem Boden. Das Polaroid ist beschriftet mit "Situation Recreated".

♫ Clone Cham­ber ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und auf der Stelle ist mein Ärger über die angeb­lich über­zäh­lige Pizza ver­ges­sen, die die Leute mir ein­fach wie­der mit­ge­ge­ben und dann nicht mal Trink­geld gezahlt haben. Nach dem Ärger mit dem Kun­den in einem Ber­li­ner Hin­ter­haus fällt mein Blick zwei Eta­gen tie­fer im Trep­pen­flur auf ein Klin­gel­schild mit dem Namen »Cory d’Or«.

Könnte das der unbe­kannte Autor des obsku­ren Blogs Kor­ri­do­rium sein, von dem meine Frau so schwärmt? Kur­zer­hand klingle ich. Ein Sum­mer ertönt. Die Tür öff­net sich in einen lan­gen Flur, wie er für viele Ber­li­ner Alt­bau­woh­nun­gen typisch ist. »Nichts anrüh­ren!«, befiehlt mir eine mar­kige Stimme aus einem der angren­zen­den Zim­mer, ohne dass der Spre­cher sich zeigt.

Fast fällt mir die Piz­za­schach­tel aus der Hand. Ich starre sprach­los auf Tau­sende hand­be­schrie­be­ner Kar­tei­kar­ten, die hier an die Wände und an die Decke gepinnt und teil­weise auf dem Boden aus­ge­legt sind. Von vie­len span­nen sich far­bige Fäden zu ande­ren, so dass im Flur kaum ein Durch­kom­men ist – nicht ohne das fili­grane Geflecht zu zer­stö­ren jeden­falls. Es sieht aus wie eine regen­bo­gen­bunte Kunst­in­stal­la­tion. Fas­zi­niert ver­su­che ich, einige der Kar­tei­kar­ten zu lesen, doch da ertönt erneut die Stimme: »Legen Sie die Bücher auf den Entrée­kas­ten. Dort liegt das Geld für Sie.«

Cory muss mich mit jeman­dem ver­wech­seln, den er erwar­tet. Entrée­kas­ten? Ich ent­de­cke an der Wand eine Holz­ver­scha­lung mit meh­re­ren Anzei­gen hin­ter Glas, offen­bar eine ehe­ma­lige Ruf­an­lage für Dienst­bo­ten. Dar­auf liegt Geld. Viel Geld. Ich kann der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen und ste­cke es ein. Has­tig lege ich die über­zäh­lige Pizza auf den Kas­ten, ziehe ich mich zurück, gerate in Panik, lasse die Tür offen­ste­hen, renne die Treppe hin­un­ter und schwinge mich has­tig auf mei­nen Motor­rol­ler …

Wie behäm­mert von mir! Was habe ich mir nur dabei gedacht?!

Natür­lich traute ich mich nicht mehr zurück, das Geld ist längst auf­ge­braucht, und irgend­wem von die­ser Begeg­nung zu erzäh­len, habe ich bis heute nie gewagt. Es ist wohl auch keine Ent­schul­di­gung, dass ich – mit einem Dok­tor in Astro­phy­sik und einem in Moral­phi­lo­so­phie – meine kleine Fami­lie müh­sam als Piz­za­bote ernäh­ren muss.

(per E‑Mail)