156/398

♫ Mare chronium––Focussing ♫


156/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor. Pas­cals Coq au vin duf­tet wie­der ein­mal köst­lich. Gerade ver­klin­gen die zwölf Schläge der Kirch­turm­uhr. Ich bin ein wenig früh dran und bleibe war­tend vor Zim­mer Nr. 27 ste­hen.

»Aber ich habe uns Essen bestellt!«, höre ich hin­ter der Tür die Stimme von Herrn Kori­an­der, unse­rem Gast für diese Nacht. Etwas rum­pelt. Die Ant­wort kann ich nicht ver­ste­hen. »Oh doch, das kön­nen Sie, ich bestehe dar­auf!«, meint Herr Kori­an­der nach­drück­lich. Wie­der pol­tert etwas. »War­ten Sie doch bitte wenigs­tens auf das Essen!«, fleht Herr Kori­an­der. Ich beschließe, auch wenn ich vor Auf­re­gung jetzt bestimmt rot werde, sofort zu ser­vie­ren. Ich klopfe. Herr Kori­an­der öff­net mir. »Sehen Sie?«, sagt er nach hin­ten gewandt.

Ein klei­ner Mann steht auf dem Bett. Er hat eine Halb­glatze und hin­ten nur wenige weiße Haare, trägt eine Brille und hat ein recht lus­ti­ges, run­des Gesicht mit abste­hen­den Ohren. Wie alt mag er sein? Sech­zig Jahre, acht­zig Jahre? Schwer zu sagen …

»Oh«, macht er und steigt vom Bett run­ter. Er inspi­ziert mein Tablett, und es scheint ihm zu gefal­len, was er sieht. Ich ser­viere ihnen das Essen auf dem Tisch. »Nur Was­ser?«, fragt er, als ich das Tafel­was­ser in zwei Glä­ser gieße. Er hat einen leich­ten Akzent, den ich nicht ganz ein­ord­nen kann.

»Natür­lich«, sagt Herr Kori­an­der. Dann öff­net er sein Notiz­buch und fängt, wäh­rend sein Gast anfängt, das Hähn­chen zu zer­le­gen und es kräf­tig zu pfef­fern, mit sei­nen Fra­gen an. Ich trete ein paar Schritte zurück neben das Bett und halte mich bereit, um Was­ser nach­zu­schen­ken.

Zu Anfang geht es – ich hätte es mir fast den­ken kön­nen – um den Mars. Da sie Deutsch reden, ver­stehe ich dies­mal alles. Und doch kapiere ich so gut wie nichts. »Arl­an­thro­pos« scheint der Name für einen Mars­men­schen zu sein, der jedoch nur ein Stück­chen Gehirn in einer gro­ßen Maschine aus Metall ist und keine mensch­li­chen Inter­es­sen teilt. Kori­an­ders Gast jedoch scheint nicht dar­über reden zu wol­len und brummt immer wie­der miss­mu­tig. Er scheint dem Akzent nach irgendwo aus dem Osten zu kom­men, Russ­land viel­leicht oder Rumä­nien. Ich bin mir nicht sicher.

»Wohin ist Golem der Vier­zehnte ver­schwun­den?«, möchte Herr Kori­an­der nun wis­sen, aber sein Gast belehrt ihn, dass es so nicht geht und auf ganz andere Dinge ankomme, auch gerade ange­sichts der kur­zen Zeit.

Herr Kori­an­der scheint ein wenig pikiert. Er presst die Lip­pen zusam­men und schlägt sein Notiz­buch zu. Sein Gast lächelt, nimmt es ihm aus der Hand, sieht hin­ein und sagt »Pirx«. Doch Herr Kori­an­der schüt­telt den Kopf. Es gehe ihm um Evo­lu­tion und um Bewusst­sein.

Sein Gast lächelt spitz­bü­bisch und fragt: »In einem klei­nen schwar­zen Kas­ten?« Herr Kori­an­der beißt auf seine Lip­pen und sagt dann: »Trurl«. »Kla­pau­zius«, sagt sein Gast. So ver­rückt geht das Gespräch der bei­den wei­ter. Irgend­wie bekomme ich mit, dass sich der Besu­cher offen­bar eher als andere Gedan­ken um Künst­li­che Intel­li­genz und Nano­tech­no­lo­gie gemacht hat. Eine Zeit­lang geht es zwi­schen den bei­den um etwas, das sie »Phan­to­ma­tik« nen­nen, dann um eine gewisse bak­te­ri­elle »Erun­tik«. Sie hät­ten aber auch Alt­ägyp­tisch reden kön­nen, da hätte ich wohl genauso viel ver­stan­den.

Schließ­lich ist es Zeit, abzu­räu­men. Herr Kori­an­der scheint ein wenig ver­zwei­felt, als er in sei­nem Notiz­buch die Liste sei­ner noch gar nicht gestell­ten Fra­gen stu­diert. Sein Gast lacht, und ich höre sein Lachen noch, als ich vor dem Auf­zug stehe und die Kirch­turm­uhr eins schlägt.