154/398

♫ Still Echo thru my Mind ♫
154/398
Ich betrete den Korridor, und seit der blitzartigen Vision, die mich vorgestern genau hier überwältigt hat, habe ich jedes Mal, wenn ich aus der Tür trete, das mulmige Gefühl, es könne mir noch einmal passieren: mich mit allen Menschen in der gleichen Situation verbunden oder sogar eins zu fühlen.
Auch diesmal, wieder auf dem Weg zur Kantine, passiert es. Aber es ist schwächer und lässt mich nicht gleich zu Boden gehen. Wieder spüre ich Menschen in mir drin, allerdings diesmal weniger, und es fühlt sich nicht ganz so fremdartig und vielfältig an: als sei ich mit diesen Menschen schon vertraut, als wären wir alte Freunde. Einen Sekundenbruchteil lang sind wir eins, ich und meine Brüder und Schwestern im Geiste, Menschen, mit denen mich ein starkes seelisches Band verbindet, ohne dass ich sie kennen würde oder auch nur geahnt hätte, dass es sie irgendwo in der Welt geben könne. Das heftige Gefühl, völlig unvermutet verschollen geglaubte und unbekannte Familienmitglieder wiederzuentdecken, lässt mich einen Moment lang schwanken. Dann ist es auch schon vorbei. Ein paar Kollegen werfen mir misstrauische Blicke zu – kein Wunder nach dem Vorfall vor zwei Tagen. Aber ich lasse mir nichts weiter anmerken.
Wer waren all diese Menschen? Gibt es sie wirklich, irgendwo auf diesem Planeten? Und können sie mich auch wahrnehmen? Habe ich eine Möglichkeit, sie aufzuspüren? Und was hat das alles mit diesem Korridor zu tun?
Den ganzen Tag lang bin ich geistesabwesend und zu nichts zu gebrauchen, weil mich diese Fragen bewegen. Doch schon in den nächsten Tagen verblasst das Erlebnis, und da beim Betreten des Korridors nichts Außergewöhnliches mehr geschieht, schreibe ich die Angelegenheit schließlich meinen überreizten Nerven zu.

