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Das Titelbild zeigt ein hölzernes Hausboot mit seitlicher grüner Tür und verschiedenen Aufbauten auf dem Dach, vor bewaldetem Ufer unter einem bewölkten Himmel. In dem ruhigen Wasser ist eine kreisförmige architektonische Struktur auszumachen. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ House­boat Lounge ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Mein Freund Norbu scheint nicht an Bord zu sein, doch als ich etwas rat­los in sei­nem Wohn­zim­mer stehe, höre ich plötz­lich Ham­mer­schläge. Ein­bre­cher? Nein, geht mir auf, wahr­schein­lich Norbu, der er ein Leck abdich­tet und dafür sorgt, dass sein Haus­boot nicht unter­geht.

Da kommt er auch schon, seine Werk­zeug­kiste in der Hand, und wir machen es uns mit einem Glas Rot­wein gemüt­lich. »Ich hab uralte Auf­zeich­nun­gen von mir gefun­den«, erzähle ich ihm. Als Jugend­li­cher war ich fas­zi­niert von Atlan­tis und habe – wie ein klei­ner Pri­vat­ge­lehr­ter – die Stadt­bi­blio­thek nach archäo­lo­gi­schen Hin­wei­sen auf die Bewoh­ner die­ses unter­ge­gan­ge­nen Kon­ti­nents durch­fors­tet. Ich zeige Norbu Höh­len­zeich­nun­gen, von mir damals fein säu­ber­lich aus ver­schie­de­nen Büchern abge­malt und mit gelehr­ten Kom­men­ta­ren ver­se­hen. Sie stam­men sowohl aus der Alten als auch aus der Neuen Welt. »Dazwi­schen lag Atlan­tis«, erkläre ich, »und des­halb gibt es so eigen­ar­tige Ähn­lich­kei­ten in den Sym­bo­len und Dar­stel­lun­gen, lange bevor Kolum­bus kam oder die Wikin­ger Ame­rika ent­deckt hat­ten: über­le­bende Atlan­ter, die sich auf die umlie­gen­den Kon­ti­nente flüch­te­ten.« Die These über­zeugt mich auch heute noch.

Mein Freund Norbu reibt sich das Kinn. »Ist dir nie in den Sinn gekom­men, dass es für diese Ähn­lich­kei­ten viel­leicht gar keine Kon­takte auf dem See­weg brauchte?«

»Du meinst, das ist alles rei­ner Zufall?« Ent­täuscht nehme ich mein ver­gilb­tes und schon lang­sam aus­ein­an­der­fal­len­des Notiz­buch zurück.

»Nein, mit­nich­ten. Aber du hast dich doch auch mal mit Scha­ma­nis­mus aus­ein­an­der­ge­setzt …«

Ja, rich­tig, Scha­ma­nen gab es auch in fast allen Kul­tu­ren der Welt, Hei­ler, die in Kon­takt mit der Geis­ter­welt und mit den Ahnen stan­den.

«Und mög­li­cher­weise auch«, meint mein Freund Norbu, »in Kon­takt mit­ein­an­der.«

Es dau­ert einen Moment, bis die Erkennt­nis in mich ein­si­ckert. »Du meinst: über die Welt­meere hin­weg, von Volk zu Volk? Und das – tele­pa­thisch?!« Norbu weist bestä­ti­gend auf mein Notiz­buch. »Hm. Scha­ma­nen der euro­päi­schen Mega­lith-Kul­tur tau­schen sich geis­tig mit denen der Proto-Ame­ri­ka­ner aus …«, stelle ich mich vor. Und klar: Das könnte auch die Ähn­lich­keit der Pyra­mi­den erklä­ren, oder die Tat­sa­che, dass nicht nur die Ägyp­ter ihre Toten mumi­fi­zier­ten, son­dern auch einige Indio­stämme. Die Scha­ma­nen ken­nen neben der Unter­welt der Toten und der obe­ren Welt mit hilf­rei­chen Geis­tern näm­lich auch die mitt­lere Welt – das astrale Gegen­stück zu unse­rer Tages-Wirk­lich­keit und ihr Wider­schein in der geis­ti­gen Welt. Auf Rei­sen in die Mit­tel­welt könn­ten die Scha­ma­nen frü­he­rer Zei­ten, los­ge­löst von Raum und Zeit, fremde Kon­ti­nente und Zivi­li­sa­tio­nen besucht haben – und damit auch ihre jewei­li­gen Kol­le­gen.

»Viel­leicht aber auch nicht«, reißt mich Norbu aus mei­nen Über­le­gun­gen. »Es gibt Hin­weise dar­auf, dass es noch vor den Wikin­gern Kon­takte zwi­schen Europa und bei­den Ame­ri­kas gab. Die Chi­ne­sen, die Römer, Grie­chen, Ägyp­ter und Phö­ni­zier – sie alle sol­len dage­we­sen sein und Han­del mit den Kul­tu­ren dort getrie­ben haben. Und viel­leicht auch schon die Mega­lith­völ­ker. Und das alles, ohne dass ein Atlan­tis als Esels­brü­cke fun­gie­ren musste.«

Ich sehe wahr­schein­lich etwas ent­täuscht aus, denn Norbu fügt trös­tend an: »Aber natür­lich ehren dich deine frü­hen Recher­chen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch ein­mal wich­tig wer­den und neue Ant­wor­ten geben? Oder neue Fra­gen auf­wer­fen?«

Ich weiß, dass mein Freund Norbu das nicht ernst meint, aber fühle mich trotz­dem auf selt­same Weise bestärkt, und der junge, neu­gie­rige Vier­zehn­jäh­rige, der irgendwo noch in mir steckt, freut sich, eine späte Bestä­ti­gung dafür zu bekom­men, bedeu­tende Grund­la­gen­for­schung betrie­ben zu haben.

Ich halte mein Notiz­buch fest in der Hand, als ich davon­radle, und beschließe, es nicht wie­der zurück in eine ver­staubte Schub­lade zu ste­cken, son­dern ihm einen Ehren­platz auf mei­nem Regal­brett mit Früh­wer­ken gro­ßer Genies ein­zu­räu­men.