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♫ Silencer ♫
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Ich betrete den Korridor zum »Raum der Stille« im Brandenburger Tor. Bevor mich Uwe Albo angerufen hat, hatte ich keine Ahnung, dass es den überhaupt gibt. »Stille« steht hier in verschiedenen Sprachen an der Wand. Eigentlich ein guter Ort zu Ostern, aber ich ahne schon, was mich hier erwartet.
Alles ist abgesperrt. Albos Kollegen kennen mich und winken mich durch. Der Kommissar selbst steht in dem kleinen schmucklosen Meditationsraum wie ein Holzfäller in einer Parfümerie. Mein Blick geht gleich auf den Boden, und tatsächlich, wie erwartet: In der Mitte des Raumes liegt ein Stapel Papier, und darauf ein blutiges Etwas.
»Wieder ein Herz«, sagt Albo, als er mich sieht. »Das dritte.«
Eine knappe Handbewegung von ihm verscheucht die jungen Beamten. Wir sind allein. »Der Raum hier ist nachts verschlossen. Trotzdem lag heute Morgen das Herz hier drin.« Albo fasst mir an den Arm. Ich sehe deutlich das Weiße in seinen Augen. »Der Scheißkerl macht mir Angst, weißt du? Schreibt jeden Tag eine seiner Geschichten auf einer seiner Schreibmaschinen und verteilt, wenn er merkt, dass er mit den fünfzig Schreibmaschinen durch ist, seelenruhig ein weiteres seiner Herzen in Berlin – ohne dass wir auch nur eine Handbreit weitergekommen sind mit der Fahndung!«
Ich kann Albos Atem riechen, so nah steht er bei mir. Ist das ein Hilferuf? Kann er nicht mehr, ist er am Ende? Aber Albo lockert seinen Griff, lässt los und ballt zwei Fäuste. Seine Augen sind nur noch Schlitze, als er sagt, bedrohlich leise: »Ich kauf ihn mir, mit diesen alten Händen, und wenn ich ihn hab, kann er es mit seinen Versteckspielen gern mal in der Zelle versuchen, in der er dann den Rest seines Lebens verbringt.«
Er blickt mich an, wie um sich meiner Unterstützung zu versichern. Ich nicke ernst. Das scheint ihm zu genügen: »Komm, fahren wir. Die Spurensicherung übernimmt den Rest.«
Später in Albos Büro studieren wir die Kopien der neuen Texte. Bekannte Themen, neue Wendungen, immer wieder schimmert das Spielerische, aber auch das Zwanghafte durch.
»Ich war bei den Integralen«, sage ich. Albo blickt interessiert auf, hatte wohl ganz vergessen, dass er mich beauftragt hatte, die Integrale Szene Berlins zu infiltrieren. »Durchweg nette Leute, die glauben, den Stein der Weisen gefunden zu haben – eine Art geschliffener Kristall mit einer Reihe von Facetten, die alle berücksichtigt sein wollen, was den Menschen und die Welt angeht.«
»Facetten?«, fragt Albo stirnrunzelnd.
»Ja, wie bei den Texten des Mörders. Alles lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven betrachten …«
»Aus denen ich mir dann ganz nach Belieben etwas rauspicke.«
Ich schüttle den Kopf: »Nein, nein, entscheidend bei der integralen Sichtweise ist ja gerade, dass das Ganze ganzheitlich ist und man sich nicht auf Einzelaspekte beschränkt.«
»Sprich: Du hast dich pudelwohl bei denen gefühlt.«
»Es ist jedenfalls eine Philosophie, die das Leben in all seinen Erscheinungsformen wertschätzt und keine Mörder produziert, wenn du das meinst.«
Albo kratzt sich die Bartstoppeln. »Wo finden wir ihn dann?« Ich klopfe mit dem Knöchel auf meinen Stapel Kopien. Unsere einzige Spur.
Ein Uniformierter mit Ziegenbärtchen und Pferdeschwanz klopft an die offen stehende Tür, um auf sich aufmerksam zu machen. Albo tritt zu ihm. Ich vertiefe mich in die Texte vor mir. Da ist von einem Zwilling die Rede. Interessant. Eine Spur zu den Opfern, von denen die ersten beiden offenbar eineiige Zwillinge waren? »Dann macht euch gefälligst wieder ran!«, höre ich Albo brüllen.
Schnaubend kommt er wieder ins Büro und schwenkt einen schmalen Aktenordner: »Das Herz hat die gleiche DNA wie die beiden vorher.«
»Ein dritter eineiiger Zwilling?«, frage ich überrascht. »Gibt es das überhaupt? Eineiige Drillinge?«
Albo schlägt die Akte auf seinen Schreibtisch, dass es knallt. »Die sind so selten, dass alle von denen registriert sind. Aber das passt alles nicht, einmal ganz abgesehen davon, dass kein Drillingspärchen vermisst wird.«
Das mit dem »Drillingspärchen« lasse ich ihm durchgehen. »Dann sind es eben unregistrierte Drillinge. Oder sie haben im Labor einen Fehler gemacht …«
Albo nickt und wirkt plötzlich sehr erschöpft. Er sagt: »Habe ich ihnen auch erklärt. Sie sollen alles noch mal nachprüfen, jeden einzelnen Schritt.« – »… oder«, fahre ich fort, »es sind Klone.« Albo starrt mich an. »Das waren dreimal die Herzen von erwachsenen Menschen«, sagt er heiser. Ich nicke.
Albo stützt sich schwer auf den Schreibtisch und blickt mir müde in die Augen. »Es gibt offiziell keine Menschen-Klone, und schon gar keine Erwachsenen.« Ich nicke wieder. »Offiziell«, sage ich.
»Oh Mann«, stöhnt Albo und lässt sich in seinen Schreibtischstuhl fallen. »Houston, wir haben ein Problem.«

