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Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes über einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem grünen Notausgangsschild in der oberen rechten Ecke. Im Marssand liegt ein Schlüssel mit der Nummer 27.

♫ Mare Chronium—Drifting ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und beeile mich, recht­zei­tig zu Zim­mer Nr. 27 zu gelan­gen. Herr Kori­an­der, unser Gast, legt Wert dar­auf, dass ihm das Essen – wie­der ist es Coq au vin, eine Spe­zia­li­tät unse­res Hau­ses – pünkt­lich um fünf Minu­ten nach Mit­ter­nacht ser­viert wird. Heute hat Pas­cal, der Koch, ein wenig getrö­delt, und ich muss es aus­ba­den. Doch Herr Kori­an­der, der mir die Tür auf­macht, scheint nicht böse zu sein, dass ich mich ein wenig ver­spä­tet habe. Wie­der ist er nicht allein. Es sitzt ein älte­rer Herr dort, mit ers­tem Gesicht und dich­tem schwar­zem Haar, der ein wenig steif und unsi­cher wirkt.

Ich ser­viere bei­den ihre Mahl­zeit und gieße jedem ein Glas stil­les Tafel­was­ser ein, so, wie es Herr Kori­an­der wünscht. »Bitte blei­ben Sie doch«, bie­tet er mir an, und ich stelle mich neben das Bett in dem klei­nen Gäs­te­zim­mer, um jeder­zeit nach­schen­ken zu kön­nen.

Der Gast von Herrn Kori­an­der beäugt ein wenig kri­tisch das Hähn­chen auf sei­nem Tel­ler. »Man is no more than a little fleck of foam …«, sagt Herr Kori­an­der, und als sein Gast fort­fährt »… on the tor­rent of exis­tence«, höre ich her­aus, dass er Eng­län­der ist. Er lächelt. Das Eis scheint gebro­chen.

Der Eng­län­der beginnt zu essen, und Herr Kori­an­der stellt lau­ter Fra­gen und schreibt eif­rig in seine Notiz­buch. Mich schei­nen die bei­den ver­ges­sen haben, oder viel­leicht den­ken sie auch, ich spre­che kein Eng­lisch. Ich ver­stehe aber genug, um mit­zu­be­kom­men, dass die bei­den kurz den Mars und seine Bewoh­ner strei­fen, um dann über­zu­ge­hen zur Venus, auf der Men­schen leben, was mich sehr ver­wirrt. Herrn Kori­an­der scheint es immer wie­der um Dinge wie Intel­li­genz und Bewusst­sein zu gehen, denn er stellt stän­dig Fra­gen danach und lässt sich von sei­nem Gast des­sen Sicht auf diese Dinge erklä­ren.

Plötz­lich dreht sich der Eng­län­der zu mir um. Er hat einen sehr wachen Blick, und ich glaube, ich werde ein wenig rot. Ohne seine tief­lie­gen­den Augen von mir zu las­sen, fragt er Herrn Kori­an­der, ob sie hier im Hotel viel­leicht ein Schwimm­bad haben. Herr Kori­an­der ver­neint. Auch ich schüttle den Kopf. Der Eng­län­der senkt wie­der den Blick und mur­melt so etwas wie »too bad«.

Das inten­sive Gespräch der bei­den geht wei­ter, und die Reise in eine ferne Zukunft setzt sich fort. Nicht nur von einer, von unse­rer Mensch­heit, ist die Rede, son­dern von einer gan­zen Reihe auf­ein­an­der­fol­gen­der Mensch­hei­ten und sogar einer, in der sich die ein­zel­nen Men­schen tele­pa­thisch zusam­men­schlie­ßen zu einer Art Super­in­tel­li­genz, wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe. In zwei Mil­li­ar­den Jah­ren – kann es wirk­lich sein, dass die bei­den über eine sol­che unvor­stell­bare Zeit­spanne reden? Und das, wo doch unsere Welt noch in die­sem Jahr enden soll?!

Der Eng­län­der hat schließ­lich den Tel­ler leer­ge­ges­sen, schüt­telt aber den Kopf, als ihm Herr Kori­an­der noch seine Por­tion anbie­tet, die er nicht ange­rührt hat. »Sie kön­nen abräu­men«, meint die­ser dann zu mir. Gerne hätte er sich, sagt er zu sei­nem Gast, als ich mit dem Tablett das Zim­mer ver­lasse, noch über die Intel­li­genz und das Bewusst­sein von Ster­nen und Gala­xien unter­hal­ten hätte. Mir schwirrt der Kopf. Ich starre oft stau­nend in den lich­ter­über­sä­ten nächt­li­chen Him­mel. Dass aber die aber­tau­send Leucht­punkte über mir ein eige­nes Bewusst­sein, dass sie Intel­li­genz besit­zen könn­ten, ist mir noch nie in den Sinn gekom­men!

Pas­cal ist noch da und löchert mich, als ich ihm das Tablett in die Küche stelle. Eigent­lich müsste ich ihm erklä­ren, dass es zwei Ver­rückte sind – von denen der eine auf rät­sel­hafte Weise auf­ge­taucht ist, denn ich habe den gan­zen Abend die Rezep­tion nicht ver­las­sen, außer ein­mal, als ich aufs Klo musste. Aber mir ste­hen noch ihre bei­den Gesich­ter vor Augen und die Ernst­haf­tig­keit, mit denen sie sich über ihre ver­schro­be­nen The­men unter­hal­ten haben. Des­halb sage ich Pas­cal nur, dass sich da oben in Zim­mer 27 bei uns zwei Schrift­stel­ler getrof­fen hät­ten.

»Schrift­stel­ler, hm-hm«, sagt Pas­cal mit einem süf­fi­san­ten Grin­sen, »und nur Tafel­was­ser, sagst du?« Er möchte noch einen Wein mit mir auf­ma­chen, aber ich schi­cke ihn nach Hause.

Kurze Zeit spä­ter steht Herr Kori­an­der mit Hut und Man­tel an der Rezep­tion und legt mir den Zim­mer­schlüs­sel und ein Trink­geld hin. Fast hätte ich ihn gefragt, wer die­ser Mann mit den inten­si­ven Augen gewe­sen ist, aber da ich glaube, Herr Kori­an­der hat unser klei­nes Land­ho­tel des­halb aus­ge­wählt, weil wir hier sehr dis­kret sind, halte ich dann doch den Mund.

Das Zim­mer ist leer, das Bett unbe­rührt. Wie es der Eng­län­der geschafft hat, unbe­merkt aus dem Hotel zu kom­men, bleibt mir ein Rät­sel. Aber viel­leicht macht ja genau das einen guten Zim­mer­ser­vice aus: sich ein­fach über nichts zu wun­dern.