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Das Titelbild, ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand, zeigt einen Blick aus einem Büro mit Schreibtisch, Telefonen und Papieren auf eine Stadt mit Feuerwerk über einem Fluss bei Nacht.

♫ Under the Throne ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Neon­röhre flack­ert. Die Tür zu Albos Büro ist nur angelehnt. »Komm rein«, ruft er, »fro­hes Neues!«. Er sitzt halb im Lichtkegel sein­er Schreibtis­chlampe. Der Rest des Zim­mers ist dunkel. Draußen gehen ein paar ver­spätete Raketen hoch. Es ist lange nach Mit­ter­nacht.

»Fro­hes Neues!«, antworte ich, obwohl mich der grausige Fund vom Mor­gen des Tages nicht ger­ade froh ges­timmt hat.

»Und?«, fragt er. Mir ist klar, was er von mir will. Albo muss einen Mörder find­en, und ich soll ihm dabei helfen. Ich gehe erst mal zur Kaf­feemas­chine. Ihr rotes Betrieb­släm­pchen leuchtet mir den Weg. Schlechte Ange­wohn­heit, aber sicher­lich bess­er, als immer sofort zu was Hoch­prozentigem zu greifen.

Auch Albo hat dieses Sil­vester offen­bar mit Kaf­fee began­gen. Und er hat sich, sehe ich, eben­falls Kopi­en der fün­fzig Blät­ter gemacht. Ver­mut­lich hat er sie in den let­zten Stun­den eben­so oft gele­sen wie ich. Wäre sog­ar eine ganz nette Lek­türe für den Jahreswech­sel gewe­sen, wenn nicht ger­ade ein men­schlich­es Herz drauf gele­gen hätte.

Albos Kopf bleibt im Dunkeln. Vielle­icht sog­ar bess­er so. Ich set­ze mich ihm gegenüber: »Alles maschi­negeschrieben. Also Schreib­mas­chine, meine ich. Und zwar unter­schiedliche Schreib­maschi­nen, dem Schrift­bild nach zu urteilen.«

»Fün­fzig ver­schiedene Schreib­maschi­nen. Ich hab das schon check­en lassen. Es gibt da einen Ebay-Account, Rechtschreibfehler68, der hat sich vor Monat­en fün­fzig alte Schreib­maschi­nen gekauft und den Account dann deak­tiviert. Wir haben Ebay und die Verkäufer kon­tak­tiert – bish­er nichts Ver­w­ert­bares, soweit wir’s an ‘nem Feiertag raus­find­en kon­nten. Hat seine Spuren offen­bar gründlich ver­wis­cht.«

»Rechtschreibfehler?«

»Ja, gibt da zahlre­iche Accounts, die so heißen. Wieso?«

»Weil er keine macht.«

»Wenn du meinst, das ist ein Wider­spruch, dann doch nur ein­er von zahlre­ichen, oder?« Albo legt seine Hand­fläche mit gespreizten Fin­gern auf die Kopi­en, als wolle er sie mit einem Fluch bele­gen. »Mal Mann, mal Frau, mal alt, mal jung, mal tut er doof, mal tut er klug …«

»Was sagt dir, dass das vom Mörder geschrieben wurde?«

Albo zieht die Hand zurück: »Der Anfang. Immer der gle­iche. Ein Kor­ri­dor. Weißt du noch, wo wir das raus­geschnit­tene Herz gefun­den haben? In einem Kor­ri­dor.«

»Ist ja wohl kein Beweis«, sage ich, »und außer­dem: Wer sagt dir, dass das eine einzelne Per­son geschrieben hat. Kön­nten auch mehrere sein.« Albo beugt sich vor und taucht sein Stop­pelkinn in den Lichtkegel. »Komm schon, Mann« sagt er, »ich brauche Ergeb­nisse, Hin­weise, Spuren, irgend­was!«

Ich zerknit­tere den leeren Papp­bech­er und werfe ihn in die Rich­tung, wo bei Tages­licht son­st der Papierko­rb ste­ht.

Albo fuchtelt mit den Hän­den. »Ist es ein Ver­rück­ter? Ein verkan­nter Kün­stler? Ein Deutschlehrer? Jemand, dem man seine Texte gestohlen hat und der sich blutig rächt? Der glaubt, er schafft’s so auf den Titel der BZ? Du bist der Pro­fil­er, also sag schon, Mann.«

»Falls es ein Autor ist, und falls es ein Autor und keine Autorin ist – was ich bei­des für wahrschein­lich halte –, dann ist es jemand, der gerne mit Möglichkeit­en jongliert. Und der offen­bar gerne Ver­steck spielt.«

»Was soll das heißen?«, poltert Albo wie in seinen besten Jahren. »Dass er es drauf anlegt, dass wir ihn jagen? Dass der Kerl den Mord als Spiel ansieht?«

Ich verziehe die Lip­pen und wiege den Kopf. Ver­mut­lich kann mich Albo eben­so wenig sehen wie ich ihn. Aber ich brauche das für mich. Hier klare Aus­sagen zu tre­f­fen heißt, sich weit auf dünnes Eis rauszuwa­gen. »Ein Spiel, ja. Oder eine Art Rät­sel­par­cours durch Kor­ri­dore. Irgend­wo ist von ins­ge­samt rund vier­hun­dert Tex­ten die Rede: Wenn wir Pech haben, wird es weit­erge­hen.«

»Das wer­den wir ver­hin­dern. Und deshalb brauch ich irgendwelche Anhalt­spunk­te!«

»Was willst du hören? Dass er gebildet ist, ver­mut­lich studiert hat, die neue deutsche Rechtschrei­bung beherrscht, sich für ein bre­ites The­men­spek­trum inter­essiert, das Märchen, Mythen, His­to­rie und Sci­ence-Fic­tion mit ein­schließt, trock­e­nen Humor besitzt, sich für einen Dichter oder ›Kurzprosaschreiber‹ zu hal­ten scheint, zu Sprach­spiel­ereien und exis­ten­zialis­chen Tiraden neigt und eine Obses­sion mit Kor­ri­doren pflegt? Dass er dreiund­vierzig Jahre alt ist?«

»Dreiund­vierzig? Schreibt er das?«

»Nur so ’ne Ver­mu­tung, wegen ›Rechtschreibfehler68‹ – da kön­nte er sein Geburt­s­jahr genom­men haben. Machen viele.«

Albo beugt sich wieder vor, dies­mal, um mir zu zeigen, dass er lächelt. »Na, das ist doch schon was. Da haben wir ihn doch schon eingekreist. Was ist mit der Frau, von der er am Anfang schreibt?«

»Kön­nte eine unglück­liche Liebesgeschichte sein. Sie taucht später als Ana­gramm noch mal auf – ich hoffe nur, der ›Auserko­re­nen‹ fehlt seit gestern nicht das Herz.«

Albo brummt. »Das Opfer war männlich.«

»Stimmt, ja. Vielle­icht bringt uns Text Num­mer 50 auf seine Spur.«

Albo kramt durch die Kopi­en, bis er die richtige gefun­den hat: »Die Ther­a­peutin?«

»Japp. Da kön­nte was dran sein: Ein Trau­ma, Alp­träume, eine Ther­a­pie. Und das blutige Herz kön­nte ein Man­i­fest sein. Oder ein Hil­fer­uf.«

»Also lasse ich alle Berlin­er Trau­mather­a­peutin­nen durchcheck­en, ob sie einen mit ein­er Kor­ri­dor-Obses­sion auf der Couch haben …«

»Ich würde da auch eher die männlichen Ther­a­peuten check­en. In den Tex­ten ist immer irgend­was ver­dreht.«

Albo hält mir eine der Kopi­en hin. »Wer ist R. L. St.?«

Ich ste­he auf und trete an Fen­ster. Es reg­net, was die Straßen­beleuch­tung vor der Wache noch trüber als ohne­hin schon wirken lässt. Immer­hin kann ich von hier aus zwei schim­mernde Flecke in dem schwarzen Loch sehen, das Albos Kopf sein muss. »Robert Louis Steven­son. Hat Jekyll and Hyde geschrieben und sich dabei von hal­luzinierten kleinen Män­nchen inspiri­eren lassen.«

»Jekyll and Hyde. Das kann ja heit­er wer­den«, grun­zt er.

»Ich brauche mehr Zeit, Uwe«, sage ich. Albo brummt etwas, das ich als ärg­er­liche Zus­tim­mung ver­ste­he. Ich lasse ihn allein. Das neue Jahr ist jet­zt schon ein paar Stun­den alt, und als ich auf die Straße trete, hört der Schneere­gen auf, als hätte plöt­zlich jemand die Hand über die nächtliche Stadt gehal­ten.