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Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit zwei Mädchen in ärmellosen Kleidern  nebeneinander vor einer Wand. Beide haben ein großes, herzförmiges Loch in der Brust. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 06 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Don’t Wake the Ferryman ♫


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Ich betrete den Korridor, und dem Geruch nach hat hier einer der Beamten Hundekacke mit reingeschleppt. Oder bin das etwa ich? Ich kontrolliere meine Sohlen: zwar nicht sauber, aber augenscheinlich nichts, das so bestialisch stinken könnte.

In Albos Büro riecht es wie immer nach Kaffee.

»Es waren Zwillinge«, sagt Albo, als er mich sieht. Ohne, dass ich es groß steuern kann, lässt das einen Film in meinem Kopf ablaufen. Ich sehe die Kessler-Zwillinge vor mir, beide haben je eine Hand an einem Schlachtermesser. Ellen sagt: Wir wollen dein Herz. Und Alice sagt: Es ist für die Dichtkunst, sorry.

»Die Toten«, ergänzt Albo, »haben die gleiche DNA. Wenn’s nicht zweimal dasselbe Herz war, dann waren’s eineiige Zwillinge.«

Ach, nicht die Täter! Die Opfer! Schlagartig ändert sich die Szene. Ellen sagt: Ich wollte gar nicht sterben. Und Alice: Aber es musste wohl sein. Beide haben Löcher in der Brust.

Ich muss mich setzen.

Warum schneidet der Bastard einem Zwillingspärchen die Herzen raus? Und dann noch in genau fünfzig Tagen Abstand? Was zur Hölle erwartet uns, wenn wieder fünfzig Tage rum sind?

»Und? Hast du auch was für mich?« Albo sieht aus, als habe er einen sonnigen Nachmittag im Garten seiner Datsche verbracht. Oder nur mal so richtig ausgeschlafen. Weiß er was? Hat er mir noch nicht alles erzählt?

»Was ist mit den Zwillingen? Findet ihr die?« Albo lacht sein typisches trockenes Lachen: »Davon gibt’s dann doch zu viele. Und sie müssen ja gar nicht von hier sein. Die Herzen waren bei der Auffindung jeweils zwölf bis sechzehn Stunden aus dem Körper raus. Mit Kühlung hat er das noch um ein paar Stunden verlängern können.«

»Woher dann die gute Laune, Uwe?«, frage ich. Warum lange spekulieren, wenn ich gleich den Finger auf die Wunde legen kann?

»Weil du mir jetzt sagst, nach wem zum Teufel ich fahnden soll.«

Schlechter Einstieg. Mit hohen Erwartungshaltungen kam ich nie gut zurecht. Schon in der Schule hat mich das immer stottern lassen. Mal sehen, ob ich dazugelernt habe. »Vielleicht bringt uns das mit der Simulation weiter.«

»Die Nummer mit den Simulationspatienten? Tja, die gibt’s wirklich. Über hundert. Aber niemanden mit dieser Symptomzusammenstellung. Außerdem suchen wir nach einem Mann.«

»Der Täter könnte einer der angehenden Ärzte sein. Oder einer der Professoren.«

Albo verzieht den Mund und deutet ein Kopfschütteln an. Überlass das mal den Profis, will er sagen. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. »Wenn er simuliert, eine Simulationspatientin zu sein – vielleicht sind dann auch die Morde nur simuliert. Vielleicht ist alles nur eine große Simulation für ihn.«

»Simulation von was? Und was bitteschön ist ein simulierter Mord?«

»Einer, der nur nach Mord aussieht. Auch in den Texten ist doch nichts echt.«

Albo grunzt abfällig. »Aber die Herzen. Die sind echt. Die hat er irgendwelchen Zwillingen rausgeschnitten, und da hört die Simulation auf, oder? Was immer er auch da schreibt. Mord bleibt Mord, das kann er sich nicht von der Seele schreiben.«

Er ist ärgerlich geworden. Am besten reite ich da nicht weiter drauf rum. Zum Glück hab ich noch was, worauf er garantiert nicht drauf gekommen ist. »Der Gaukler.«

»Mhmh. Die Nummer 85 mit den Gogo-Girls. Ich wusste, dass da mehr dahintersteckt.«

»Diese Samtkissen, auf denen da irgendwelche Dinge gereicht werden.« Albo beugt sich interessiert nach vorn. »Ich hab rausgekriegt, was die Farben sollen. Die Reihenfolge gibt es nämlich.«

Albo kramt in seinen Kopien: »Regenbogen?«

»Eben nicht. Es ist eine Folge von Entwicklungsstufen einer bestimmten soziologischen Theorie. Sie umfasst das ganze Menschheitsgeschehen von ihren Anfängen bis heute. Und weiter bis in irgendeine Zukunft. Eine Art nach oben offene Richterskala der menschlichen Evolutionsschritte.«

Albo runzelt die Brauen. Das ist vermutlich nicht, was er hören wollte.

»Stammesgesellschaften, Königreiche, Demokratien«, doziere ich. »Und es geht weiter. Verstehst du? Der glaubt, was Besseres zu sein als du und ich. Der glaubt, er hätte das alles hinter sich gelassen: Bürokratie, Gesellschaftsvertrag, Moral …«

Ich lasse es bei Albo wirken. In seinem Gesicht arbeitet es. Dann: »Und das will er uns beweisen? Dass für ihn die Gesetze unserer Zivilisation nicht gelten?« Albo hält es nicht mehr auf seinem Stuhl. Er springt auf und tritt ans Fenster. Sieht hinaus. Denkt nach. »Aber wie hilft uns das weiter?«

Darauf habe ich gewartet. »Diese Theorie mit den Stufen und Farben ist ziemlich en vogue bei ganz bestimmten Leuten. Freigeister, die mit ihrer Philosophie die Welt retten wollen. Es gibt da so eine Szene, die ›integrale Szene‹. Klein aber fein. Mit Schwerpunkt Berlin.«

Albo dreht sich zu mir um. »Berliner Intellektuelle. Aha. Und einer von denen ist ausgetickt. Hält sich für …« Ihm fällt kein passendes Wort ein. Bevor ich aushelfen kann, hat Albo schon den Telefonhörer in der Hand: »Ich lass das checken. ›Integrale Szene‹, sagst du?« Und als er mich nicken sieht: »Schleus dich da mal ein. Kann nicht schaden. Hör dich um, ob denen da irgendein größenwahnsinniger Spinner aufgefallen ist.«

Ich will protestieren, doch Albo lässt keinen Widerstand zu: »Du wolltest doch auch mal als Freigeist die Welt retten. Und heißt es nicht: Um einen Philosophen zu fangen, braucht’s ’nen Philosophen?«