157/398

♫ Templescape ♫
157/398
Ich betrete den Korridor und habe meine Visionen, die mich dort vor einiger Zeit blitzartig und ohne Vorwarnung überfielen, schon fast wieder vergessen, da stehe ich plötzlich wie neben mir, bin irgendwo in den Bergen und blicke hoch zu einem alten Mann mit einem weißen Spitzbart, der eine einfache, ausgewaschene Robe trägt. Mein Herz fliegt ihm zu, es ist der Meister, mein Meister, der mich in den Himalaja zu sich ruft, seine Schülerin zu werden und die kostbaren geistigen Gaben zu empfangen, die er für mich bereithält.
»Mahlzeit«, grüßt mich ein vorbeikommender Kollege. Ich antworte nicht, noch ganz hingerissen von meiner Vision und von dem übergroßen Verlangen in meinem Herzen, einer Hingabe, einer Begeisterung, von der ich schon ganz vergessen habe, dass ich dazu fähig war, damals, als junge Frau.
Spät abends im Bett kommt mir der Meister wieder in den Sinn, und mein Herz wird kurz noch einmal ganz weh vor Sehnsucht. Doch mein Mann, der friedlich schnarchend neben mir liegt, würde es weder verstehen noch gutheißen. Was sollte ich ihm auch sagen? Und wo im Himalaja sollte ich suchen? Sicher, es wäre ein Abenteuer, auf einen Schlag alles aufzugeben, in die Fremde zu gehen und dort eine neue geistige Heimat zu suchen. Es klingt nach etwas, dass meinem Leben wieder etwas Aufregung verschaffen könnte! Andererseits …
Während mir die Augen zufallen, verebbt die Sehnsucht, und ich finde meinen wohlverdienten Schlaf.

