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♫ Sloe Season ♫
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Ich betrete den Korridor der Wache, den Kopienstapel mit den Texten des dreifachen Mörders in der Hand, Texte, an denen buchstäblich Blut klebt. Das Blut von illegalen Klonen?
Albo ist in seine Akten vertieft. Ich spare mir die Begrüßung: »Gibt es eigentlich eineiige Vierlinge?«
Albo blickt auf. »Die gab’s erst letzthin in Leipzig. Sind verdammt selten, aber nicht unmöglich.«
Ich nehme mir einen Kaffee. Der Zucker ist alle.
Albo lässt mich nicht aus den Augen. »Warum fragst du?«
»Weil es dann vielleicht vorbei ist.«
Albo lacht bitter. »Vorbei? Ich muss einen Mörder finden, unabhängig davon, was in fünfzig Tagen ist!« – »Achtundvierzig«, verbessere ich ihn. Albo bedenkt mich mit einem Blick, den man nicht im Kinderprogramm senden dürfte.
»Ray Bradbury«, sagt er dann. Ich blicke ihn etwas verständnislos an. »Amerikanischer Autor«, sage ich. Albo nickt: »Charles Dickens lebt.« Ich zucke die Schultern. Albo wirft mir ein dünnes, zerlesenes Taschenbuch zu, Ray Bradburys Die vergessene Marsstadt. »Charles Dickens lebt« heißt eine der Geschichten, die das Inhaltsverzeichnis aufführt.
»Du liest so was?«, frage ich verwundert. Albo schüttelt den Kopf. »Hat mich einer unserer Forensiker drauf gebracht. Da gibt’s einen Kerl drin, der sich für Charles Dickens hält, aber nichts Vernünftiges zu Papier bringen kann. Er kauft sich sechs Dutzend Schreibmaschinen und schreibt wie ein Wahnsinniger …« Damit steht er auf, tritt zu mir und nimmt mir das schmale Bändchen wieder aus der Hand. Er schlägt es auf, sucht die Stelle und zitiert: »Gedichte, Essays, Tragische Stücke, Komödien, Kurzgeschichten – und sie alle waren schlecht.«
»Was willst du mir sagen, Albo?«
»Das ist er, verstehst du? Die Schreibmaschinen, die unterschiedlichen Texte. Und dann setzt er sich …« Albo klopft auf das Büchlein. »… hinten in einen Zug und schmeißt all die Seiten einzeln raus, und sie flattern davon. Tausende davon.«
»Aber das ist nur eine Geschichte, Albo. Wir haben drei Tote und einen Serienkiller.«
Albo wirft das Buch auf seinen Tisch. »Nur eine Geschichte, sagst du? Aber das sind doch auch alles Geschichten! Die Schreibmaschinen, verstehst du denn nicht? Er kennt die Bradbury-Story und identifiziert sich mit ihr!«
»Jetzt komm mal runter, Albo. Der identifiziert sich mit allem und mit gar nichts. Das ist ja gerade unser Problem. Der ist ein Gestaltwandler, und wir bekommen ihn nicht in den Griff. Mal ist er ›integral‹, mal surrealistisch. Wir begreifen ihn nicht, kapierst du? Du kannst nicht eine Facette rausgreifen, und das ist es dann. Nicht hier. Nicht bei dem. Und sechs Dutzend Schreibmaschinen sind nicht fünfzig.«
Albo sieht aus wie kurz vor einem Wutausbruch. Irgendwie muss er sich in die Bradbury-Sache verbissen haben. Ich lasse ihn gar nicht erst zu Atem kommen: »Die Nr. 122 ist auch so ein Teil. Unverständliches Gebrabbel …« – ich such ihm den Text aus den Kopien raus – »… bis man das Original entdeckt.«
»Welches Original?«, fragt Albo. Er sieht stirnrunzelnd in den Text.
»Da wird doch ein Braulio Arenas erwähnt, richtig? Ein chilenischer Dichter, und der hat rein zufällig mal ein Gedicht verfasst mit dem Titel ›Druckfehler‹, das eine Aufzählung von, äh, Druckfehlern enthält, die sich in einem ungenannten Text befinden. Ein surrealistisches Gedicht.«
»Und?«
»Die Nr. 122 ist dieser Text. Er enthält alle aufgelisteten Druckfehler. Beispielsweise heißt es im Gedicht ›Statt aus einem Schuss zwei Treffer machen muss es heißen aus einem Mund zwei Lippen machen‹. Kommt dir das bekannt vor? Oder ›Statt die Jugend die Schönheit die Mühle muss es heißen die Mühle die Schönheit die Jugend‹. Letztlich haben mich die fehlenden Kommata drauf gebracht, dass der Text dieses Gedicht zur Grundlage hat.«
Albo sieht in seine Kopie, reibt sich die Stoppeln, denkt nach. Schließlich fragt er: »Ergibt es denn so einen Sinn?« – »Nein«, sage ich, »es ist bloß die – ich zitiere – ›groteske Parodie von etwas, das an sich schon absurd ist‹.« – »Aha«, sagt Albo.
Ich tippe in seine Kopie. »Ein Druckfehler fehlt da übrigens.« Albos Stirn legt sich in Falten. »Ein Vers lautet: ›Statt ich liebe dich muss es heißen ich liebe dich‹«.
»Wo ist da der Fehler?«
»Das macht ja gerade den Surrealismus aus. Und dasselbe gilt für den Killer. Er ist genauso wenig Braulio Arenas wie Charles Dickens!«
Albo nickt, ohne zu mir aufzublicken: »Und wie nageln wir ihn fest?«
»Reden wir über jemanden, der beschlossen hat, seine bizarren Gedankenspiele so sehr in die Wirklichkeit auszudehen, dass sich die Mordkommission mit ihnen beschäftigt«, sage ich und nehme die Kopien in die Hand. »Reden wir über unvereinbare Aussagen und zusammenbrechende Glaubenssysteme.«
Albo blickt auf. »Immer eine gute Idee«, sagt er. Sehe ich da so etwas wie ein säuerliches Lächeln um seine Mundwinkel? Vielleicht kommt es ihm auch so vor, dass es ein wenig ist wie vor dreißig, vierzig Jahren, als wir beisammen saßen und nächtelang über Gott und die Welt diskutierten – und all den Irrsinn, den wir Menschen hineintragen.

