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♫ The Levogyre ♫
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Ich betrete den Korridor. Norbus Hausboot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem kleinen Zimmer, in dem ich noch nie gewesen bin: seinem Schlafzimmer.
Norbu liegt im Bett, hustet erbärmlich und sieht hundeelend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papiertaschentücher verstreut.
»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.
»Nee«, sagt er, »hab alles da.«
Neugierig sehe ich mich um. In Norbus Schlafzimmer hatte ich immer seine Bibliothek vermutet, all die Bücher, die er im Laufe seines Lebens angesammelt haben muss. Tatsächlich sehe ich auf dem Regalbord über dem Bett nur ein einziges Buch. Norbu folgt meinem Blick.
»Finnegans Wake«, meint er, »Erstausgabe. Mehr brauch ich nicht.«
Ich nicke, aber vielleicht reicht das nicht, um herauszustellen, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Bibliothek ist. Joyce hat es irgendwie geschafft, das Leben, das Universum und den ganzen Rest da reinzupacken. Ein Buch, das quasi alles enthält. Mehr braucht man nicht.«
Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch hauptsächlich darum, dass ich nur ein, zwei Zeilen lesen muss, und ich falle sofort in tiefen Schlaf.«
»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lippen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch nehmen und wahllos irgendwo aufschlagen wollte, um dann nach einem kurzen Blick hinein wissend zu nicken. Da hab ich wohl etwas danebengegriffen.
»Kein Buch kann den kompletten Kosmos umfassen, das ist romantisierender Schwachsinn.« Norbu muss husten und bittet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern runterbügeln noch zum Hausmädchen degradieren lasse, aber schließlich ist Norbu krank, und vermutlich meint er es nicht böse.
In der kleinen Küche finde ich Kamillentee, den ich aufbrühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlafzimmer trage, um mich zu meinem kranken Freund setzen zu können. Ich gieße uns ein.
»Vielleicht im Sinne eines Hologramms«, sage ich. Während des Teekochens habe ich lange nach irgendwas gesucht, das ich Norbus Abfuhr entgegenhalten kann. »Es ist alles da, nur weniger detailreich.« Ich deute auf das Buch.
Norbu schüttelt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kissen in den Rücken und lehnt sich mit dem Oberkörper an die Holzwandung seines Hausboots. »Da landet man ganz schnell bei romantizistischen Weltvorstellungen. Früher war es die, Gott würde einem höchstpersönlich dabei zuhören, wenn man ihm seine Weihnachtswunschliste vorliest. Heute muss die Quantenphysik dafür herhalten, dass jeder selbst der Schöpfer seiner Wirklichkeit sein will.«
Norbu klingt beleidigt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkältung beschweren. Und da nun mal nicht Gott an seinem Bett sitzt, sondern ich, bekomme eben ich die Breitseite ab.
Aber ich weiß mich zu wehren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das menschliche Bewusstsein sei der nächste unerforschte Kontinent? Und was ist mit Yogis, die sich tagelang begraben lassen und währenddessen offensichtlich ihre Atmung einstellen, oder mit buddhistischen Mönchen im Himalaja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geistes einen lebenden Radiator aus sich machen?«
Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in seinen rotgeäderten Augen den Schalk blitzen zu sehen. »Ja, das möchten wir gern glauben: dass das möglich ist und dass der Geist die Materie beherrscht.« Er stellt seine dampfende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regalbord. »Warum gibt es nur anekdotische Berichte darüber und keine handfesten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es möglich wäre, sich nur von Licht zu ernähren – wie Frau Jasmuheen oder das chinesische Bi Gu behaupten –, warum hat das die Evolution noch nicht genutzt? Außer bei den Pflanzen, meine ich. Aber die tanken bekanntlich kein Prana, sondern nutzen Chlorophyll.« Norbu muss wieder husten, hebt aber diesmal die Hand dabei, um mir zu signalisieren, dass er mit seinem Gedankengang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwischenreden soll. Folgsam warte ich ab.
»Oder«, fährt er schließlich mit einem Kratzen in der Stimme fort, »wenn Telekinese möglich wäre, warum setzen Tiere sie nicht ein? Genauso Teleportation. Oder Levitation. Die Evolution hatte Milliarden Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedanken, sondern Beherrscher der Realität werden zu lassen. Stattdessen lässt sie alles in Handarbeit erledigen. Oder halt per Tentakel, Flosse, Mandibel oder Reißzahn. Richtig?«
Jetzt hat er mich doch ein wenig eingeschüchtert. Ich nicke verdrossen. Irgendwie hatte ich uns beide immer als mutige Entdecker eines neuen und kaum bekannten Kontinents gesehen, als Pioniere einer neuen Sicht auf den Menschen, die endgültig Schluss macht mit dem reduktionistischen Mythos, wir seien nur ein Uhrwerk, eine Maschine oder ein Computer.
»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Nebenerscheinung der Materie und, wie man an beispielsweise an Alzheimer sieht, fehleranfällig und flüchtig. Die Selbstbeweihräucherung, die er besonders in esoterischen Kreisen betreibt, ist nur das Wunschdenken eines überkomplexen und unterbeschäftigten Gehirns.«
Er blickt mich antwortheischend an, und wieder nicke ich grummelnd.
»Könnte man meinen«, fügt er trocken an.
Ich schürze die Lippen und brumme zustimmend, wenn auch widerwillig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoffnungsvoll.
Norbu schnäuzt sich geräuschvoll in ein Taschentuch. »Nicht, wenn das menschliche Bewusstsein eine Emergenz der Evolution darstellt, also etwas, das neu entsteht, aber mehr ist als die Summe seiner Bestandteile und neue Bedingungen und Fähigkeiten schafft, wie sie vorher nicht abzusehen waren. So, wie aus lebloser Materie das Leben selbst hervorgegangen ist.«
»Aha. Also deshalb hat die Evolution im Tierreich keine präkognitiven Raubtiere hervorgebracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antreten, wenn sie genau wissen, dass sie erfolgreich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht komplex genug dafür. In Gegensatz, willst du sagen, zu unseren.«
»Na ja«, meint Norbu, »es gibt Forschungen, die nahelegen, dass wir unbewusst Ereignisse vorherwissen können. Bei solchen nämlich, die viele Menschen auf der Erde bewegten, zeigten zum Beispiel Zufallsgeneratoren Auffälligkeiten. Und zwar schon, bevor das Ereignis überhaupt eintrat.«
So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tatsächlich: »Aber insgesamt sehe ich uns da auf der alleruntersten Stufe der Kompetenz.«
Darüber hatten wir vor Jahren einmal gesprochen. Ich fand die die Einteilung in vier Stufen damals sehr hilfreich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbewusster Inkompetenz«.
Norbu nickt: »Nicht im Entferntesten wissen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«
»Gefolgt von ›bewusster Inkompetenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«
»Genau. Dann erarbeitet man sich die ›bewusste Kompetenz‹ …«
»Die schließlich zu ›unbewusster Kompetenz‹ wird, wie flüssig sprechen können oder das Gleichgewicht halten und auf zwei Beinen gehen – ohne ständig drüber nachdenken zu müssen.«
Norbu nippt inzwischen wieder an seinem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeitlang sagen wir nichts.
»Wir stehen ganz am Anfang«, sage ich schließlich nachdenklich, »aber einige ahnen schon den unentdeckten Kontinent am Horizont.«
»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kurzen Hustenanfall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wieder etwas Verständliches über die Lippen bringen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kontinent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade komplett neu erträumen.«
Es dauert ein paar Momente, bis mir zu Bewusstsein kommt, was für Möglichkeiten er da gerade angesprochen hat. Beides, das Finden und das Erfinden, hätte ungeahnte Konsequenzen dafür, wie die Welt beschaffen ist und was sie im Innersten zusammenhält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.
»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schlafen.«
»Oh, okay«, sage ich und trinke hastig meinen Tee aus. »Kann ich noch irgendwas für dich tun?«
Norbu schüttelt lächelnd den Kopf, rutscht wieder ganz unter seine Decke und rüttelt sich das Kissen zurecht. »Der Blick ins Universum – und natürlich besonders der in ein ganz neues Universum am Horizont – macht mich immer ganz müde«, murmelt er. »Wegen der ungeheuren Chance und Verantwortung.« Und damit ist er eingeschlafen.
Ich mache die Tür zum Hausboot leise hinter mir zu. »Chance und Verantwortung!« Als ich mich auf mein Fahrrad schwinge, fühle ich mich inspiriert und voller Tatendrang, weiß aber leider gar nicht, wozu genau.

