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Das Titelbild zeigt, auf einer Marmorbrüstung ein Glas mit einem lila Cocktail und Kirschen neben einer Schale mit grünen Trauben und einem Polaroid-Foto, das bunte Blasen zeigt. Im Hintergrund, unscharf, das Meer und Klippen. Oben hängen, ebenfalls unscharf, Medaillons mit ovalen Abbildungen verschiedener Personen und Wesen.

♫ Deep Glis­tening ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein eigen­ar­ti­ges Gefühl, nach all den Jah­ren hier­her zurück­zu­kom­men. Es sieht – auf den ers­ten Blick – alles noch genauso aus wie damals: die weiße Gewöl­be­de­cke, die schlich­ten Stein­säu­len, die sich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den bis in die Ferne fort­set­zen, der glatte, kühle Mar­mor­bo­den unter mei­nen nack­ten Füßen – und das Wär­ter­häus­chen, dem ich gleich zu Anfang gegen­über­stehe. Der Troll öff­net das ovale Holz­tür­chen im Fens­ter, um mit mir zu spre­chen.

»Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Er klingt streng, aber das muss er ja auch sein. Er ist der Kon­trol­leur hier. Ich hatte ganz ver­ges­sen, dass er mir als Troll erscheint. Das habe ich mir nicht aus­ge­dacht. Zumin­dest nicht bewusst.

»Ich bin’s, der Boss. Ich wollte hier mal wie­der nach dem Rech­ten sehen.«

Der Troll sieht mich stirn­run­zelnd an. »Haben Sie einen Ter­min? Haben Sie die For­mu­lare aus­ge­füllt? Haben Sie einen Berech­ti­gungs­aus­weis oder eine Emp­feh­lung? Sie kön­nen hier näm­lich nicht ein­fach so …« – »He he he, mal lang­sam«, unter­bre­che ich ihn, »ich brau­che das alles nicht. Ich bin hier der Chef. Und ich möchte mich gerne mit mei­nem Kon­trol­leur unter­hal­ten.«

»Das bin ich«, sagt der Troll in sei­nem Wär­ter­häus­chen, bar jeden Humors.

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich ihn. Er erläu­tert es mir. Der Troll hat, wie alle hier im ers­ten Teil des Kor­ri­dors, einen recht begrenz­ten Hori­zont. Von daher ist es nicht über­ra­schend, dass er mir erklärt, seine Auf­gabe sei es, alles Mög­li­che zu kon­trol­lie­ren, Tag und Nacht, weil es sonst sofort völ­lig aus dem Ruder lau­fen würde. Kon­trolle sei das Aller­wich­tigste, und ohne ihn würde hier völ­li­ges Chaos aus­bre­chen. »Ich ver­su­che nur, so gut wie mög­lich mei­nen Job zu machen«, sagt er.

»Du machst das ganz groß­ar­tig«, sage ich und meine es auch. Tat­säch­lich hat mir der innere Kon­trol­leur schon eine Menge Ärger erspart. Und über das Lob freut er sich sicht­lich.

Dann frage ich ihn, ob er mich mit den ande­ren im wei­te­ren Ver­lauf des Kor­ri­dors reden lässt, ohne kon­trol­lie­rend ein­zu­grei­fen. Es kommt zu einer klei­nen Dis­kus­sion, aber schließ­lich ist er bereit, kurz Pause zu machen. Ich nicke ihm dan­kend zu und gehe am Wär­ter­häus­chen vor­bei tie­fer in den Kor­ri­dor.

Hin­ter den seit­li­chen Bögen zwi­schen den Säu­len öff­nen sich unter­schied­li­che Räume. Sie wer­den von wei­te­ren Figu­ren mei­nes inne­ren Ensem­bles bewohnt, ein­di­men­sio­na­len Cha­rak­te­ren, wie sie manch­mal auch in Mythen, Mär­chen und in der Pop­kul­tur vor­kom­men, Typen wie der Mino­tau­rus, Chew­bacca, der Zir­kus­clown (»Akro­bat schööön!)«, Gollum (»Wir wol­len ihn! Wir brau­chen ihn! Wir müs­sen ihn haben, den Schatz!«) oder das Säbel­zahneich­hörn­chen Scrat, die uns in ihrer Ein­fäl­tig­keit manch­mal tief im Inne­ren berüh­ren.

Ich höre ein Schluch­zen.

Es ist ein klei­nes, düs­te­res Zim­mer mit einem zer­schlis­se­nen Bett. In einer Zim­mer­ecke hockt ein Häuf­chen Elend. »Wer bist du?«, frage ich, aber ich weiß es schon. Es ist die Ver­zwei­felte. Ein Schluch­zen ant­wor­tet mir. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. Sie wen­det sich mir zu und beginnt sto­ckend von ihren Erfah­run­gen zu berich­ten: Immer wie­der geht sie vol­ler Hoff­nung los, doch dann las­sen sie die Umstände, las­sen andere Men­schen sie ver­zwei­feln. Das gehe schon ihr gan­zes Leben lang so. Und da anschei­nend nie­mand ande­res bereit ist, diese Ver­zweif­lung zu spü­ren und sich ihr aus­zu­set­zen, über­nimmt halt sie diese Auf­gabe – erklärt sie mir mit dicken Trä­nen in den Augen.

Ich danke ihr für den selbst­lo­sen Ein­satz und ver­kneife mir ein zyni­sches »Gute Arbeit!« – statt­des­sen schlage ich dem klei­nen, ver­heul­ten Mäd­chen vor, sich mal mit dem Metho­di­ker zusam­men­zu­tun. Der wohnt ein Stück den Kor­ri­dor run­ter. »Ziel for­mu­lie­ren, Arbeits­schritte defi­nie­ren, metho­disch abar­bei­ten!« – das habe ich noch von mei­nem letz­ten Zusam­men­tref­fen mit ihm im Ohr. Die bei­den könn­ten ein gutes Paar abge­ben.

Mein nächs­ter Besuch führt mich in das Arbeits­zim­mer des »Que­sto­lo­gen«, wie ich ihn getauft habe: ein jun­ger Mann mit Drei­ta­ge­bart, Hut und einer zusam­men­ge­roll­ten Peit­sche am Gür­tel, der im gan­zen Zim­mer Land­kar­ten aus­ge­brei­tet hat, zwi­schen denen auf­ge­schla­gene Bücher lie­gen. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich den inne­ren Sucher, und natür­lich kennt auch er nur eins: suchen! Stän­dig ist er auf der Suche, nach der Liebe, der Ant­wort, dem Glück, dem Heil, dem Opti­mum, nach dem Weg, dem Sinn, der Bedeu­tung, der Erleuch­tung … »Wie steht es mit dem Fin­den?«, frage ich schmun­zelnd, aber tat­säch­lich ist der Sucher allein auf die Suche fixiert und fasst immer gleich, wenn er denn mal einen Tref­fer lan­den sollte, das nächste Ziel für die Suche ins Auge, die nächste Land­marke am Hori­zont.

Auch ihm erbiete ich mei­nen Respekt, denn seine unstill­bare Sehn­sucht ist sehr wert­voll für mich, doch das regis­triert er, längst wie­der in seine Land- und Schatz­kar­ten ver­tieft, schon gar nicht mehr.

Eigent­lich will ich jetzt zum Tag­träu­mer, aber beim Wei­ter­ge­hen bemerke ich einen Raum, der mir ganz unbe­kannt vor­kommt. Er ist luxu­riös ein­ge­rich­tet und öff­net sich auf eine Ter­rasse zum Meer hin. In einem Deck­stuhl ent­de­cke ich einen etwas dick­bäu­chi­gen, am gan­zen Kör­per behaar­ten Mann in Bade­hose. Neben ihm, auf dem Boden, in Greif­weite: ein Cock­tail und eine Schale mit Trau­ben.

»Köst­lich!«, ruft er. »Herr­lich!«

»Wer bist du?«, frage ich ver­blüfft. Der gehört zu mir?

»Mmmh, musst du kos­ten! Die schme­cken wirk­lich himm­lisch!«

Er schiebt mir die Trau­ben hin. Men­schen, die ihre Sätze dau­ernd mit Aus­ru­fe­zei­chen abschlie­ßen, sind mir eigent­lich suspekt. Aber ich pro­biere dann doch von den Trau­ben. Sie schme­cken – nicht übel.

»Aaaahh, die Sonne auf dem Bauch: Kann es was Schö­ne­res geben? Und die­ses Pan­orama! Und die leichte Brise ist auch nicht von schlech­ten Eltern! Die­ser leichte Salz­ge­schmack!«

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. »Genie­ßen!«, ant­wor­tet er mit einem genüss­lich lan­ge­zo­ge­nen ie. »Aus dem Vol­len schöp­fen! Mich an den schö­nen, lecke­ren, lust­vol­len, beglü­cken­den Din­gen ergöt­zen! Apro­pos …«, sagt er und wen­det mir sei­nen eben­falls behaar­ten Rücken zu, »könn­test du mich even­tu­ell kurz zwi­schen den Schul­ter­blät­tern krat­zen?«

Ich zögere kurz, tue ihm dann aber den Gefal­len.

»Etwas tie­fer noch, jaaa! Oh, ist das gut, ooohh, genau rich­tig, wun­der­bar!« Auch die ganz klei­nen Dinge kön­nen sehr genuss­voll sein, denke ich und danke dem Genie­ßer für die Inspi­ra­tion.

Ich betrete wie­der den Kor­ri­dor. Es wird Zeit, wei­ter­zu­ge­hen in den nächs­ten Abschnitt. Nach hin­ten hin wird es hel­ler: Boden, Wände, die Säu­len, die Decke – das alles scheint aus sich selbst her­aus zu leuch­ten. Hier begegne ich wei­te­ren Facet­ten, nur dass diese hier trans­per­so­nal sind: Es sind die See­len­an­teile, die über die begrenzte mensch­li­che Sicht­weise hin­aus­wach­sen und im gro­ßen Sein selbst ver­an­kert sind.

Schließ­lich rufe ich in das helle, sanfte Leuch­ten vor mir hin­ein: »Ich möchte bitte mit dem ›Gewahr­sein ohne tren­nende Tei­lung‹ spre­chen.«

»Ja?«, ant­wor­tet eine Stimme, die weder männ­lich noch weib­lich, weder alt noch jung ist. Mein Blick, mein Herz und mein Geist wei­ten sich. Es ist, als würde ich im All zwi­schen den Gala­xien schwe­ben und der Wel­ten­raum selbst sein. Es ist, als wäre ich eine stille Flamme im Inners­ten aller Dinge, deren Kraft und Neu­gier und Liebe die Welt und die Wesen erschafft und der Schöp­fung und allen Geschöp­fen die Frei­heit gibt, sich in alle gewünsch­ten Rich­tun­gen zu ent­fal­ten, sämt­li­che ange­streb­ten Erfah­run­gen zu machen und sogar, wenn gewünscht, frei­wil­lig zu ver­ges­sen, wer sie wirk­lich sind. Es ist wie die Erin­ne­rung an den Ursprung aller Exis­tenz. »Was hast du auf dem Her­zen?«, fragt die Stimme sanft.

Es wird ein län­ge­res Gespräch. Einer­seits ist es ein wenig erschre­ckend, das eigene kleine Leben aus der kos­mi­schen Per­spek­tive zu betrach­ten, ande­rer­seits rückt es die Pro­bleme, Sor­gen und Ängste ins rechte Licht. Und es tut ein­fach rundum gut, in all­um­fas­sen­dem Mit­ge­fühl zu baden.

Ein letz­ter Schritt bleibt zu tun: alle Aspekte mei­ner selbst, auch die trans­per­so­na­len, mit hin­aus zu neh­men aus dem Kor­ri­dor, ihn am Ende der Medi­ta­tion zu ver­las­sen und – nicht unbe­dingt als bes­se­rer Mensch, aber mög­li­cher­weise bes­ser mit mir im Rei­nen – rundum »beseelt« ins Leben zu tre­ten.