Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Story

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Das Titelbild zeigt einen Mann mit Bart und blauer Arbeitskleidung, der konzentriert an einem komplexen mechanischen Apparat mit vielen Drähten und Messgeräten in einer Werkstatt mit grünem Hintergrund arbeitet. Zwei digitale Buttons in den oberen Ecken zeigen Piktogramme von einem Telefonhörer mit einem Funksignal und vom Weißen Haus.

♫ The Birth of the Gra­vi­Phone ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu Pro­fes­sor Cerils Labor führt. Er besteht aus einem silb­rig glän­zen­den Mate­rial, das in geschwun­ge­nen For­men ver­läuft: keine Kan­ten und rech­ten Win­kel. Der Pro­fes­sor meint, dass ihn das kon­tem­pla­tive Durch­schrei­ten die­ses Kor­ri­dors auf seine Arbeit ein­schwingt, seine Kon­zen­tra­tion erhöht und tief­grei­fend inspi­riert. Ich merke nichts davon. Statt­des­sen rut­sche ich auf dem unebe­nen Boden aus und schlage lang hin. Es hallt, als hätte jemand einen gro­ßen chi­ne­si­schen Gong geschla­gen. Zum Glück habe ich mir nicht wei­ter weh­ge­tan.

»Das ist der Durch­bruch!«, begrüßt mich Cerils unver­kenn­bare Stimme im Labor. Er scheint – zu absor­biert in seine For­schun­gen – meine Gong­ein­lage nicht bemerkt zu haben. Hier blinkt und piept alles Mög­li­che, und ich habe Mühe, den Pro­fes­sor hin­ter all den von der Decke hän­gen­den Kabeln, Sus­pen­so­ren, Fla­schen­zü­gen und den Arte­fak­ten frü­he­rer Expe­ri­mente zu fin­den. Er beugt sich, einen Kopf­hö­rer auf den Ohren, über einen klei­nen Metall­kas­ten mit Knöp­fen. Auf­ge­regt erklärt er mir, er habe ein vir­tu­el­les Mikro­fon ent­wi­ckelt, das er mit­tels Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len an jeden belie­bi­gen Punkt der Welt schi­cken kann. Ich ver­stehe erst nicht.

»Ich kann belie­bige Koor­di­na­ten ein­ge­ben, und höre dann hier, was es dort zu hören gibt. Es ist eine Art Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len­ra­dio, das quasi unend­lich viele Sen­der emp­fan­gen kann – näm­lich von jedem Punkt im Uni­ver­sum aus.« Ich sehe wohl etwas rat­los aus. Das ändert sich auch nicht, als er mir einen zwei­ten Kopf­hö­rer gibt, um seine Erfin­dung vor­zu­füh­ren. Test­weise tippt er die Koor­di­na­ten vom Wei­ßen Haus ein. »Lass uns ein wenig spio­nie­ren«, sagt er mit einem spitz­bü­bi­schen Lächeln.

Ich höre das Knis­tern von Sei­den­bett­wä­sche und lei­ses Lie­bes­ge­flüs­ter, bei dem ich – trotz inten­si­ver Lek­türe eines Eng­lisch­le­xi­kons vor zwei, drei Jah­ren – einige Worte nicht ver­stehe. Aber ich höre zwei Namen her­aus: John und Cindy. Jetzt sieht auch Ceril ziem­lich rat­los aus. Ich kläre ihn auf (schließ­lich muss ich ja hin und wie­der mei­nem Ruf als Wun­der­kind gerecht wer­den): »McCain und seine Frau?« Ceril rät­selt, was die in Oba­mas Schlaf­zim­mer machen könn­ten, doch dann geht ihm ein Licht auf: »Wir belau­schen eine Par­al­lel­welt! Eine, in der nicht Obama, son­dern McCain die Wahl gewon­nen hat. Ja, das könnte es sein: Die phy­si­ka­li­schen Gesetze schüt­zen sich so selbst vor einer sonisch-infi­ni­te­si­ma­len Rekur­sion. Wie bei der Unschär­fe­re­la­tion.«

Umge­hend gibt Ceril die Koor­di­na­ten sei­nes Labors ein, und wir wer­den tat­säch­lich Zeuge einer Unter­hal­tung zwi­schen ihm und mir – nur dass es sich, sagt er, um Alter Egos von uns aus einem Par­al­lel­uni­ver­sum han­delt. Inter­es­san­ter­weise scheine ich da der alternde Erfin­der und er der halb­wüch­sige Assis­tent zu sein.

Bevor ich mehr erfah­ren kann, schal­tet Ceril das Gerät aus, nimmt den Kopf­hö­rer ab und dreht sich zu mir um: »Das öff­net fan­tas­ti­sche Mög­lich­kei­ten, Junge! Ich kann so die ande­ren Ver­sio­nen von mir belau­schen, die meine vie­len Ideen« – er klopft auf den gro­ßen Zet­tel­kas­ten unter sei­nem Schreib­tisch – »schon aus­ge­ar­bei­tet haben. Das spart mir lange Erpro­bungs­pha­sen.« Und mir, denke ich, womög­lich viele gefahr­volle Pra­xis­tests sei­ner zahl­rei­chen Erfin­dun­gen. »Ich muss das Ding nur noch ent­spre­chend modi­fi­zie­ren.« Damit fängt er, mit der einen Hand kom­pli­zierte For­meln auf Papier zu wer­fen und mit der ande­ren gleich­zei­tig Drähte zu ver­knüp­fen. Ich jeden­falls bin kom­plett ver­ges­sen.

Würde ich mich dafür inter­es­sie­ren, was andere Ver­sio­nen von mir so von sich geben? Auf dem Rück­weg durch den Kor­ri­dor schüttle ich den Kopf. Was könnte das schon brin­gen? Dann fällt mir ein, wes­we­gen ich über­haupt zu Ceril gegan­gen war: Ob er mir nicht eine Maschine bauen kann, die ein paar Tage vor den Klas­sen­ar­bei­ten aus­spuckt, was die Leh­rer von mir wis­sen wol­len. Ande­rer­seits, muss ich mir selbst gegen­über zuge­ben, habe ich auch ohne eine sol­che Pro­gnose-Maschine bis­her immer alles gewusst, und es soll ja in der Schule nicht noch lang­wei­li­ger wer­den, als es eh schon für mich ist.

(Wird es auch nicht. Ganz im Gegen­teil. Wegen ihr. Aber das ist eine andere Geschichte.)

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Das Titelbild zeigt mehrere bunte Regenschirme, die vor einem medizinischen Monitor mit Herzfrequenzanzeige und der Zahl 124 schweben. Ein digitaler Button unten links zeigt das Piktogramm einer Hand, die tröstend auf einer anderen Hand liegt.

♫ Mjúk við­koma ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, den ich in den letz­ten Wochen schon so oft betre­ten habe. Hin­ter die­ser wei­ßen Tür dort liegst du, und eine Maschine hilft dir beim Atmen. Plötz­li­che Gehirn­blu­tun­gen haben dich bin­nen weni­ger Stun­den ins Koma fal­len las­sen, und die Ärzte mei­nen, in dei­nem Kopf sei zu viel zer­stört, als dass man hof­fen könnte, eines Tages wachst du wie­der auf und bist wie­der ganz die­selbe.

Ich halte deine Hand. Das Blub­bern und Zischen der Herz-Lun­gen-Maschine hat etwas Beru­hi­gen­des und Medi­ta­ti­ves – aber erst, seit­dem ich mei­nen Pro­test gegen all das hier, meine Wut, mein Unver­ständ­nis, meine Ver­zweif­lung und mein Hof­fen auf ein Wun­der end­lich los­ge­las­sen hatte.

Wenn wir allein sind, erzähle ich uns leise von unse­ren gemein­sa­men Erfah­run­gen, den Rei­sen, den Fil­men, die wir gese­hen haben, Fei­ern, Semi­na­ren und Tref­fen mit Freun­den – oder ein­fach nur von klei­nen skur­ri­len All­tags­er­leb­nis­sen, die mir in den Sinn kom­men. Manch­mal spiele ich auf dem klei­nen Cas­set­ten­re­cor­der auch deine Lieb­lings­mu­sik ab.

Men­schen lei­den und ster­ben auf der gan­zen Welt – stän­dig. Warum tut es mir so weh, dich hier lie­gen zu sehen, wäh­rend all die ande­ren mir gleich­gül­tig sind? Fast unhör­bar leise stelle ich dir die Frage, stelle mir vor, du könn­test zu mir spre­chen, und du sagst: Ich leide nicht – du lei­dest.

Und dann, einige Augen­bli­cke lang, ein paar Atem­züge der Herz-Lun­gen-Maschine lang, ist es, als wür­dest du meine Hand hal­ten und mir mit dei­nem stil­len Ein­fach-nur-Dasein Trost, Mut und Hoff­nung geben.

Heute schal­ten sie die Maschi­nen ab, und du wirst in ein Hos­piz ver­legt. Ich habe ein gemüt­li­ches klei­nes Zim­mer für dich aus­ge­sucht: Durch das Fens­ter sieht man Bäume, und man kann die Vögel sin­gen hören, obwohl es mit­ten in der Stadt liegt.

Es wird dir gefal­len.

Und wenn du nicht mehr magst, kannst du gehen. Ich halte zwar immer noch deine Hand, aber ich halte dich nicht mehr fest.

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Das Titelbild zeigt, auf einer Marmorbrüstung ein Glas mit einem lila Cocktail und Kirschen neben einer Schale mit grünen Trauben und einem Polaroid-Foto, das bunte Blasen zeigt. Im Hintergrund, unscharf, das Meer und Klippen. Oben hängen, ebenfalls unscharf, Medaillons mit ovalen Abbildungen verschiedener Personen und Wesen.

♫ Deep Glis­tening ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ein eigen­ar­ti­ges Gefühl, nach all den Jah­ren hier­her zurück­zu­kom­men. Es sieht – auf den ers­ten Blick – alles noch genauso aus wie damals: die weiße Gewöl­be­de­cke, die schlich­ten Stein­säu­len, die sich in regel­mä­ßi­gen Abstän­den bis in die Ferne fort­set­zen, der glatte, kühle Mar­mor­bo­den unter mei­nen nack­ten Füßen – und das Wär­ter­häus­chen, dem ich gleich zu Anfang gegen­über­stehe. Der Troll öff­net das ovale Holz­tür­chen im Fens­ter, um mit mir zu spre­chen.

»Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Er klingt streng, aber das muss er ja auch sein. Er ist der Kon­trol­leur hier. Ich hatte ganz ver­ges­sen, dass er mir als Troll erscheint. Das habe ich mir nicht aus­ge­dacht. Zumin­dest nicht bewusst.

»Ich bin’s, der Boss. Ich wollte hier mal wie­der nach dem Rech­ten sehen.«

Der Troll sieht mich stirn­run­zelnd an. »Haben Sie einen Ter­min? Haben Sie die For­mu­lare aus­ge­füllt? Haben Sie einen Berech­ti­gungs­aus­weis oder eine Emp­feh­lung? Sie kön­nen hier näm­lich nicht ein­fach so …« – »He he he, mal lang­sam«, unter­bre­che ich ihn, »ich brau­che das alles nicht. Ich bin hier der Chef. Und ich möchte mich gerne mit mei­nem Kon­trol­leur unter­hal­ten.«

»Das bin ich«, sagt der Troll in sei­nem Wär­ter­häus­chen, bar jeden Humors.

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich ihn. Er erläu­tert es mir. Der Troll hat, wie alle hier im ers­ten Teil des Kor­ri­dors, einen recht begrenz­ten Hori­zont. Von daher ist es nicht über­ra­schend, dass er mir erklärt, seine Auf­gabe sei es, alles Mög­li­che zu kon­trol­lie­ren, Tag und Nacht, weil es sonst sofort völ­lig aus dem Ruder lau­fen würde. Kon­trolle sei das Aller­wich­tigste, und ohne ihn würde hier völ­li­ges Chaos aus­bre­chen. »Ich ver­su­che nur, so gut wie mög­lich mei­nen Job zu machen«, sagt er.

»Du machst das ganz groß­ar­tig«, sage ich und meine es auch. Tat­säch­lich hat mir der innere Kon­trol­leur schon eine Menge Ärger erspart. Und über das Lob freut er sich sicht­lich.

Dann frage ich ihn, ob er mich mit den ande­ren im wei­te­ren Ver­lauf des Kor­ri­dors reden lässt, ohne kon­trol­lie­rend ein­zu­grei­fen. Es kommt zu einer klei­nen Dis­kus­sion, aber schließ­lich ist er bereit, kurz Pause zu machen. Ich nicke ihm dan­kend zu und gehe am Wär­ter­häus­chen vor­bei tie­fer in den Kor­ri­dor.

Hin­ter den seit­li­chen Bögen zwi­schen den Säu­len öff­nen sich unter­schied­li­che Räume. Sie wer­den von wei­te­ren Figu­ren mei­nes inne­ren Ensem­bles bewohnt, ein­di­men­sio­na­len Cha­rak­te­ren, wie sie manch­mal auch in Mythen, Mär­chen und in der Pop­kul­tur vor­kom­men, Typen wie der Mino­tau­rus, Chew­bacca, der Zir­kus­clown (»Akro­bat schööön!)«, Gollum (»Wir wol­len ihn! Wir brau­chen ihn! Wir müs­sen ihn haben, den Schatz!«) oder das Säbel­zahneich­hörn­chen Scrat, die uns in ihrer Ein­fäl­tig­keit manch­mal tief im Inne­ren berüh­ren.

Ich höre ein Schluch­zen.

Es ist ein klei­nes, düs­te­res Zim­mer mit einem zer­schlis­se­nen Bett. In einer Zim­mer­ecke hockt ein Häuf­chen Elend. »Wer bist du?«, frage ich, aber ich weiß es schon. Es ist die Ver­zwei­felte. Ein Schluch­zen ant­wor­tet mir. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. Sie wen­det sich mir zu und beginnt sto­ckend von ihren Erfah­run­gen zu berich­ten: Immer wie­der geht sie vol­ler Hoff­nung los, doch dann las­sen sie die Umstände, las­sen andere Men­schen sie ver­zwei­feln. Das gehe schon ihr gan­zes Leben lang so. Und da anschei­nend nie­mand ande­res bereit ist, diese Ver­zweif­lung zu spü­ren und sich ihr aus­zu­set­zen, über­nimmt halt sie diese Auf­gabe – erklärt sie mir mit dicken Trä­nen in den Augen.

Ich danke ihr für den selbst­lo­sen Ein­satz und ver­kneife mir ein zyni­sches »Gute Arbeit!« – statt­des­sen schlage ich dem klei­nen, ver­heul­ten Mäd­chen vor, sich mal mit dem Metho­di­ker zusam­men­zu­tun. Der wohnt ein Stück den Kor­ri­dor run­ter. »Ziel for­mu­lie­ren, Arbeits­schritte defi­nie­ren, metho­disch abar­bei­ten!« – das habe ich noch von mei­nem letz­ten Zusam­men­tref­fen mit ihm im Ohr. Die bei­den könn­ten ein gutes Paar abge­ben.

Mein nächs­ter Besuch führt mich in das Arbeits­zim­mer des »Que­sto­lo­gen«, wie ich ihn getauft habe: ein jun­ger Mann mit Drei­ta­ge­bart, Hut und einer zusam­men­ge­roll­ten Peit­sche am Gür­tel, der im gan­zen Zim­mer Land­kar­ten aus­ge­brei­tet hat, zwi­schen denen auf­ge­schla­gene Bücher lie­gen. »Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich den inne­ren Sucher, und natür­lich kennt auch er nur eins: suchen! Stän­dig ist er auf der Suche, nach der Liebe, der Ant­wort, dem Glück, dem Heil, dem Opti­mum, nach dem Weg, dem Sinn, der Bedeu­tung, der Erleuch­tung … »Wie steht es mit dem Fin­den?«, frage ich schmun­zelnd, aber tat­säch­lich ist der Sucher allein auf die Suche fixiert und fasst immer gleich, wenn er denn mal einen Tref­fer lan­den sollte, das nächste Ziel für die Suche ins Auge, die nächste Land­marke am Hori­zont.

Auch ihm erbiete ich mei­nen Respekt, denn seine unstill­bare Sehn­sucht ist sehr wert­voll für mich, doch das regis­triert er, längst wie­der in seine Land- und Schatz­kar­ten ver­tieft, schon gar nicht mehr.

Eigent­lich will ich jetzt zum Tag­träu­mer, aber beim Wei­ter­ge­hen bemerke ich einen Raum, der mir ganz unbe­kannt vor­kommt. Er ist luxu­riös ein­ge­rich­tet und öff­net sich auf eine Ter­rasse zum Meer hin. In einem Deck­stuhl ent­de­cke ich einen etwas dick­bäu­chi­gen, am gan­zen Kör­per behaar­ten Mann in Bade­hose. Neben ihm, auf dem Boden, in Greif­weite: ein Cock­tail und eine Schale mit Trau­ben.

»Köst­lich!«, ruft er. »Herr­lich!«

»Wer bist du?«, frage ich ver­blüfft. Der gehört zu mir?

»Mmmh, musst du kos­ten! Die schme­cken wirk­lich himm­lisch!«

Er schiebt mir die Trau­ben hin. Men­schen, die ihre Sätze dau­ernd mit Aus­ru­fe­zei­chen abschlie­ßen, sind mir eigent­lich suspekt. Aber ich pro­biere dann doch von den Trau­ben. Sie schme­cken – nicht übel.

»Aaaahh, die Sonne auf dem Bauch: Kann es was Schö­ne­res geben? Und die­ses Pan­orama! Und die leichte Brise ist auch nicht von schlech­ten Eltern! Die­ser leichte Salz­ge­schmack!«

»Was ist deine Auf­gabe?«, frage ich. »Genie­ßen!«, ant­wor­tet er mit einem genüss­lich lan­ge­zo­ge­nen ie. »Aus dem Vol­len schöp­fen! Mich an den schö­nen, lecke­ren, lust­vol­len, beglü­cken­den Din­gen ergöt­zen! Apro­pos …«, sagt er und wen­det mir sei­nen eben­falls behaar­ten Rücken zu, »könn­test du mich even­tu­ell kurz zwi­schen den Schul­ter­blät­tern krat­zen?«

Ich zögere kurz, tue ihm dann aber den Gefal­len.

»Etwas tie­fer noch, jaaa! Oh, ist das gut, ooohh, genau rich­tig, wun­der­bar!« Auch die ganz klei­nen Dinge kön­nen sehr genuss­voll sein, denke ich und danke dem Genie­ßer für die Inspi­ra­tion.

Ich betrete wie­der den Kor­ri­dor. Es wird Zeit, wei­ter­zu­ge­hen in den nächs­ten Abschnitt. Nach hin­ten hin wird es hel­ler: Boden, Wände, die Säu­len, die Decke – das alles scheint aus sich selbst her­aus zu leuch­ten. Hier begegne ich wei­te­ren Facet­ten, nur dass diese hier trans­per­so­nal sind: Es sind die See­len­an­teile, die über die begrenzte mensch­li­che Sicht­weise hin­aus­wach­sen und im gro­ßen Sein selbst ver­an­kert sind.

Schließ­lich rufe ich in das helle, sanfte Leuch­ten vor mir hin­ein: »Ich möchte bitte mit dem ›Gewahr­sein ohne tren­nende Tei­lung‹ spre­chen.«

»Ja?«, ant­wor­tet eine Stimme, die weder männ­lich noch weib­lich, weder alt noch jung ist. Mein Blick, mein Herz und mein Geist wei­ten sich. Es ist, als würde ich im All zwi­schen den Gala­xien schwe­ben und der Wel­ten­raum selbst sein. Es ist, als wäre ich eine stille Flamme im Inners­ten aller Dinge, deren Kraft und Neu­gier und Liebe die Welt und die Wesen erschafft und der Schöp­fung und allen Geschöp­fen die Frei­heit gibt, sich in alle gewünsch­ten Rich­tun­gen zu ent­fal­ten, sämt­li­che ange­streb­ten Erfah­run­gen zu machen und sogar, wenn gewünscht, frei­wil­lig zu ver­ges­sen, wer sie wirk­lich sind. Es ist wie die Erin­ne­rung an den Ursprung aller Exis­tenz. »Was hast du auf dem Her­zen?«, fragt die Stimme sanft.

Es wird ein län­ge­res Gespräch. Einer­seits ist es ein wenig erschre­ckend, das eigene kleine Leben aus der kos­mi­schen Per­spek­tive zu betrach­ten, ande­rer­seits rückt es die Pro­bleme, Sor­gen und Ängste ins rechte Licht. Und es tut ein­fach rundum gut, in all­um­fas­sen­dem Mit­ge­fühl zu baden.

Ein letz­ter Schritt bleibt zu tun: alle Aspekte mei­ner selbst, auch die trans­per­so­na­len, mit hin­aus zu neh­men aus dem Kor­ri­dor, ihn am Ende der Medi­ta­tion zu ver­las­sen und – nicht unbe­dingt als bes­se­rer Mensch, aber mög­li­cher­weise bes­ser mit mir im Rei­nen – rundum »beseelt« ins Leben zu tre­ten.

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Das Titelbild zeigt einen großen roten Apfel mit Biss vor einer kleinen, detaillierten Puppenküchenzeile mit Herd, Schränken, Tisch und Stühlen.

♫ Sage in a Gilded Cage ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor des Pup­pen­hau­ses, um zur Küche zu gelan­gen. Die Uten­si­lien dort sind lächer­lich über­pro­por­tio­niert, doch ich will nicht gänz­lich ver­ro­hen und mir mein Essen, statt es mir ein­fach ins Maul zu schau­feln, so weit es mir mög­lich ist zube­rei­ten. Wenn ich schon wie unzi­vi­li­sier­ter Wald­mensch aus­sehe, möchte ich wenigs­tens inner­lich und in mei­nen All­tags­hand­lun­gen eine gewisse Würde bewah­ren.

Denn seit mich meine Kur­ti­sane mit einem Voo­doo-Zau­ber ver­hext und auf Däum­lings­größe geschrumpft hat, bin ich auf Gedeih und Ver­derb ihrer halb­wüch­si­gen Toch­ter aus­ge­lie­fert, die mich als Spiel­zeug betrach­tet und zu ihrem Zeit­ver­treib alle mög­li­chen Kunst­stü­cke vor­füh­ren lässt. Obwohl ich das Pla­kat, das ich mit dem Wort »Hun­ger« bemalt habe, fast täg­lich aus­rolle und vom Schlaf­zim­mer über die eben­falls halb auf­ge­schnit­tene Ein­gangs­halle hin­un­ter­hän­gen lasse, denkt sie nur hin und wie­der daran, mir ein Salat­blatt oder einen Obst­schnitz ins Ves­ti­bül zu legen.

Schlim­mer als die Toch­ter aller­dings ist die Mut­ter, die mich nachts manch­mal heim­lich holt und sich mit mir ins Bett legt. Es ist, abge­se­hen von ihrer gro­tes­ken Rie­sen­haf­tig­keit, fast wie damals, nur dass sie mich jetzt zwingt, über ihren nack­ten Leib zu wan­dern und ihr alle an unge­eig­ne­ten Stel­len sprie­ßen­den Haare her­aus­zu­rei­ßen. Für mich bedeu­tet das müh­same Fuß­mär­sche und Schwerst­ar­beit – und ist umso demü­ti­gen­der, weil sie so für ihren neuen Lieb­ha­ber noch begeh­rens­wer­ter erschei­nen will, wäh­rend für mich kein Mes­ser scharf genug ist, um mich zu rasie­ren oder auch nur die inzwi­schen bis zu mei­nen Knien rei­chende ver­filzte Mähne zu kür­zen.

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Das Titelbild zeigt einen Blick in eine große Werkhalle, in der ein langer, runder Tunnel aufgebaut ist, umgeben von komplexen mechanischen Apparaturen. Ein Kind mit einem Aktenkoffer steht im Eingang des Tunnels. Zwei digitale Buttons in den oberen Ecken zeigen Piktogramme: drei rennende Pferde links und ein Tisch, auf dem Stapel von Dollarmünzen liegen rechts.

♫ The Mecha­ni­cal Quirk ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor fes­ten Schrit­tes, obwohl ich am liebs­ten weit weg­ge­rannt wäre. Hier ist alles elek­trisch, und mir stel­len sich die Här­chen auf den Armen auf. Pro­fes­sor Ceril hat mir detail­lierte Anwei­sun­gen gege­ben. Tat­säch­lich hat er mir sogar vor­her ein Hand­buch über­reicht, das gefühlte fünf­hun­dert Sei­ten dick ist. Beim Pro­fes­sor heißt es immer Klot­zen statt Kle­ckern. So genial sie sind: Seine Maschi­nen müs­sen immer gleich die Größe einer Turn­halle haben. So auch seine Zeit­ma­schine.

Dass immer ich seine Erfin­dun­gen tes­ten muss, liegt an einem Deal zwi­schen mei­nem Dad und ihm: Der Pro­fes­sor ist ein Jugend­freund mei­nes Vaters, und seit der durch seine Ser­ver­parks zu Geld gekom­men ist, finan­ziert er Cerils For­schun­gen. Zum Aus­gleich soll die­ser mir etwas über Phy­sik, Elek­tro­dy­na­mik, Quan­ten­zu­stände, Dunkle Ener­gie und all so’n Zeugs bei­brin­gen.

Der Kor­ri­dor – der »spa­tiale Dila­ta­ti­ons­kom­pres­sor« – ist von run­den, metal­le­nen Luken gesäumt, wie man sie in einem U‑Boot erwar­ten würde, kom­plet­tiert durch das Dreh­kreuz, mit dem sie sich öff­nen las­sen. Hin­ter den Wän­den höre ich ein Knar­zen und Kla­ckern wie von klei­nen, höl­zer­nen Uhr­wer­ken – es klingt eher mecha­nisch als elek­tro­nisch. Aber das hilft mir auch nicht wei­ter. Ich stehe etwas hilf­los da und blät­tere ziel­los im Hand­buch für die Maschine. Der Pro­fes­sor hat mir ein­ge­schärft, ja durch die rich­tige Luke zu gehen. Die fal­sche zu öff­nen wäre fatal und würde die »Tem­po­ral-Stra­ti­gra­fie« nach­hal­tig durch­ein­an­der­brin­gen. Das will er auf alle Fälle ver­mei­den. Viel mehr soll ich sein jugend­li­ches Ich am ers­ten Okto­ber 2006 dazu brin­gen, statt auf Dis­kre­tion auf Schia­pa­relli zu set­zen – bei einer Dreier-Wette auf drei­jäh­rige Hengste und Stu­ten.

Letzt­lich bekomme ich aber die ent­spre­chende Luke, die mich zum ent­schei­den­den Pfer­de­ren­nen füh­ren soll, nicht auf: zu fest zuge­schraubt. Gut so. Muss ich mich nicht als Zwölf­jäh­ri­ger auf eine Renn­bahn schlei­chen und unter den Wett­be­geis­ter­ten den jun­gen Ceril aus­fin­dig machen. Statt­des­sen setze ich mich in den Kor­ri­dor und warte eine Zeit­lang, was in der flir­ren­den Elek­tri­zi­tät, die die Zeit­ma­schine in ihrem Inne­ren erzeugt, schon unan­ge­nehm genug ist. Dann gehe ich den Gang zurück und trete aus der Maschine.

Ceril erwar­tet mich auf­ge­regt. Ich nicke, drü­cke ihm das Hand­buch wie­der in die Hand und quet­sche zwi­schen den Zäh­nen her­vor: »Auf­trag aus­ge­führt«.

Ceril ist begeis­tert und tanzt herum. »Wer setzt auch schon auf Dis­kre­tion?!«, singt er, und auf meine Frage hin, was sich eigent­lich durch die Aktion ver­än­dert hat, erklärt er mir väter­lich, dass jetzt ein jun­ger Muzimi Ceril in einem Par­al­lel­uni­ver­sum stein­reich gewor­den sei und sich alle Träume erfül­len könne. Und dar­un­ter viel­leicht auch den, es sei­nem Wohl­tä­ter – womit er nicht etwa mich, son­dern sich selbst meint – zu dan­ken, indem er sich revan­chiert.

Wenn ich das rich­tig ver­stehe, soll der andere, jetzt stein­rei­che Ceril auf den Gedan­ken kom­men, sei­nen Assis­ten­ten – also ver­mut­lich eine par­al­lele Aus­gabe von mir – los­zu­schi­cken, um wie­derum ihn, den Pro­fes­sor, reich zu machen. Auf so eine ver­rückte Idee muss man erst mal kom­men! Ich gebe vor, noch Haus­auf­ga­ben machen zu müs­sen, und lasse ihn in sei­nem Labor allein. Wäh­rend ich mit mei­nem Fahr­rad davon­fahre, höre ich ihn noch lange sin­gen und über­lege, ob der Pro­fes­sor nicht bes­ser mal eine Maschine erfin­den sollte, die ein­fach nur kom­plette Stille her­stellt.

(Hat er bei­nahe. Aber das ist eine andere Geschichte.)

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Das Titelbild zeigt ein großes rundes, aus Holz bestehendes mechanisches Bauwerk mit mehreren Segmenten und geöffneten Türen, umgeben von Menschen in historischen Gewändern auf einem gepflasterten Hof vor einem Gebäude mit Arkaden. Ein digitaler Button links oben zeigt ein komplexes Diagramm umgeben von Buchstaben.

♫ Com­pu­ting the Numen ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der sich geöff­net hat, nach­dem Abdul und ich die gro­ßen höl­zer­nen Räder ein Stück wei­ter­ge­dreht haben. Ich kann es immer noch nicht glau­ben. Nach so lan­ger Zeit! Meine Ars magna ist begeh­bar gewor­den, und nun kön­nen alle sehen, wie groß, wie gewal­tig, wie all­mäch­tig Gott ist. Was bis­her nur ein paar beschrif­tete Ringe aus Papier waren, hat die­ser geniale Kopf, den ich in der Dja­maa ez-Zit­ouna, der Ölbaum­mo­schee, traf, aus Holz zim­mern las­sen. Nun gleicht meine Ars magna, wenn man hoch­steigt in eines der Mina­rette und sie von dort aus betrach­tet, einer rie­si­gen umge­stürz­ten Turm­uhr, die fast den gesam­ten Innen­hof aus­füllt, nur dass diese nicht die Zeit, son­dern die Wahr­heit anzeigt.

Die Wahr­heit muss logisch sein, denn Gott – oder Allah, wie sie ihn hier nen­nen – ver­wi­ckelt sich nicht wie wir Men­schen in Wider­sprü­che. Diese Seine Wahr­heit kann sich uns auf wun­der­bare Weise zei­gen. Wie sie sich einst vor mei­nen Augen auf­tat, als ich beschrif­tete Papier­ringe über­ein­an­der­schob und sich mir so die Ars magna offen­barte, so wird sie nun begreif­bar in Abduls gro­ßem Mecha­nis­mus.

Wir haben die Voll­stän­dige Figur mit der Qua­drie­rung und Tri­an­gu­lie­rung der voll­kom­me­nen Kreis­form zur Grund­lage genom­men, und Abdul hat rie­sige, beweg­li­che Spei­chen­rä­der dafür gefer­tigt. Jede Spei­che trägt, in Latein und auf Ara­bisch, einen Begriff, und das Dre­hen der Räder ver­schiebt sie gegen­ein­an­der. Auf die­sen Theo­lo­gen zu sto­ßen, der auch ein begna­de­ter Kon­struk­teur ist, war ein gro­ßes Glück für mich. Jetzt kann ich die Tugen­den Got­tes buch­stäb­lich kör­per­lich durch­schrei­ten und erfüh­len: Seine Ewig­keit und Macht, Seine Weis­heit und Sei­nen Wil­len, die ganze Herr­lich­keit des Höchs­ten. Nun kön­nen wir, der junge Abdul und ich – ein alter Mann von acht Dez­en­nien – Kam­mern bil­den, wie ich es mir immer erträumt habe, Kor­ri­dore aus Begrif­fen, die unwi­der­leg­bare Aus­sa­gen tref­fen über Sein Wir­ken und Seine Exis­tenz und allen Streit zwi­schen den Reli­gio­nen obso­let wer­den las­sen.

Die Mos­lems, die zusam­men­lau­fen, um unser Werk zu betrach­ten, tuscheln mit­ein­an­der. Der höl­zerne Mecha­nis­mus, mit dem sich die letzt­gül­tige Wahr­heit fin­den lässt, die begeh­bare Ars gene­ra­lis ultima, scheint ihnen Furcht ein­zu­ja­gen und zu miss­fal­len. Es strö­men immer mehr von ihnen in den Hof, und ihre Stim­men wer­den lau­ter. Ich jedoch bin beseelt, und wenn mich Abdul nicht davon abhielte, würde ich sie alle hin­ein­füh­ren in die Letzt­gül­tige All­um­fas­sende Kunst und ihnen zei­gen, dass sie all ihre Fra­gen beant­wor­ten kann.

»Ist die Welt immer­wäh­rend?« Diese Frage haben Abdul und ich gewählt und die gro­ßen Holz­rä­der ent­spre­chend ein­ge­stellt: B für die Frage »ob?«, D für das Ewige – und für C, die mitt­lere Posi­tion, haben wir aus dem Kata­log der Qua­li­tä­ten die Güte gewählt. Und nun stehe ich inmit­ten der Ant­wort dar­auf, der allein mög­li­chen und logi­schen Ant­wort. Wir sehen es an den Kam­mern und Kor­ri­do­ren, die sich bil­den: Wäre Seine Schöp­fung ewig, wäre in logi­scher Kon­se­quenz auch das Gute ohne Ende – wäre aber das Gute ohne Ende, könnte es nicht das Böse geben, denn die Kam­mer C kann nur ent­we­der das eine oder das andere ver­sinn­bild­li­chen, nie­mals jedoch bei­des, getreu Sei­ner untrüg­li­chen Logik. Da es aber nun unleug­bar das Böse gibt und wir es aller­or­ten und zu jeder Zeit erle­ben und in uns spü­ren, ist dies ein Wider­spruch, der uns offen­bart, dass die Welt unmög­lich ewig sein kann. Nur Gott ist ewig. Das würde ich ihnen, das würde ich der gan­zen Welt gerne aus vol­lem Her­zen zuru­fen und sie alle an der Hand hin­füh­ren, wenn mich nicht Abdul instän­dig um Geduld und Vor­sicht bit­ten würde.

Den­noch: Mich erfüllt ein inne­res Jubi­lie­ren. Es ist fast so, als sei die Vision, die ich vor über fünf­zig Jah­ren hatte und die mei­nem Leben als Trou­ba­dour eine uner­war­tete Wen­dung gab, am Ende Wirk­lich­keit gewor­den: höl­zerne, mecha­ni­sche, hand­feste, unwi­der­leg­bare Wirk­lich­keit.

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Das Titelbild zeigt einen Haufen alter Postkarten mit Landschaften, Gebäuden und einem Flugzeug. Manche zeigen ihre Schriftseite, doch ist alles unleserlich, und Briefmarken fehlen.

♫ Prin­ci­pia aero­ba­tica ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor jeden Abend vor dem Ein­schla­fen. Es ist mir in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, das Licht am Bett aus­zu­knip­sen, mich zurecht­zu­kuscheln, die Augen zu schlie­ßen und zu ver­su­chen, den Kor­ri­dor zu errei­chen, der eine Ver­bin­dung zwi­schen den zwei Wel­ten schafft. Doch wie immer blei­ben die Bil­der mei­ner Vor­stel­lung blass, und es ist mehr so, dass ich den Kor­ri­dor müh­sam erfinde, als dass ich ihn ein­fach betrete.

Als mein Zwil­lings­bru­der starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz her­aus­ge­schnit­ten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Far­big­keit ein­ge­büßt, und ein mil­chi­ger Schleier legte sich über die Dinge.

Doch dann, fast ein Jahr spä­ter, eines Nachts im Traum war ich plötz­lich von Far­ben umge­ben, die ich nicht benen­nen konnte und die es eigent­lich gar nicht geben dürfte. Inmit­ten die­ser schil­lern­den, fluo­res­zie­ren­den Pracht stand er plötz­lich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dig­nus, son­dern Korian genannt wer­den. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbst­mord, aber ich spürte, dass mein Bru­der mir etwas äußerst Wich­ti­ges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf die­sen Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten bezog, in dem unsere Begeg­nung statt­fand.

Das Auf­wa­chen war schreck­lich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außer­or­dent­li­che Bedeu­tung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleich­zei­tig kroch eine bit­tere, wütende Ver­zweif­lung in mir hoch, denn trotz aller Anstren­gun­gen: An das, was Dig­nus, was Korian mir gesagt hatte, erin­nerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Far­ben, diese irr­sin­ni­gen, unmög­li­chen Far­ben. Der Inhalt sei­ner Worte, selbst der Wel­ten-Kor­ri­dor: Sie hat­ten ihre Kon­tur ver­lo­ren und sich auf­ge­löst wie ein Fuß­ab­druck im Sand der Wüste. Ver­bis­sen zer­mar­terte ich mir das Hirn, und natür­lich hoffte ich instän­dig, der Traum würde sich wie­der­ho­len – ver­ge­bens. Die Tür war wie­der zuge­fal­len. Den­noch gewöhnte ich mir an, beim Ein­schla­fen das Wenige, das mir noch in Erin­ne­rung ist, Revue pas­sie­ren zu las­sen. Viel­leicht würde sich die Tür zu die­sem Kor­ri­dor, die Tür zu Korian noch ein­mal für mich öff­nen!

Der Traum kam nie wie­der, nicht in den fast drei­ßig dar­auf­fol­gen­den Jah­ren. Oh, ich begann tat­säch­lich von Kor­ri­do­ren zu träu­men, von Kor­ri­do­ren jeder Art und Form und Beschaf­fen­heit – doch nicht von dem Kor­ri­dor. Und nicht von mei­nem Zwil­lings­bru­der.

Irgend­wann begann ich, meine Erin­ne­rungs­fet­zen an die Besu­che in all die­sen ver­fehl­ten und wir­ren Traum­kor­ri­do­ren, die mir den Weg zu dem eigent­li­chen Kor­ri­dor ver­stell­ten, nie­der­zu­schrei­ben – in der Hoff­nung, sie dadurch los­zu­wer­den. Ich nahm dafür die Post­kar­ten, das große Bün­del alter Post­kar­ten aus aller Welt, das Dig­nus ein­mal auf einem Floh­markt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich her­aus­stellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vor­stel­len, er würde sie mir von sei­nen heim­li­chen Welt­rei­sen schi­cken. Das war mir dann doch zu ver­rückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tat­säch­lich ange­tre­ten hatte.

Als ich dann all die fal­schen Träume von den in die Irre füh­ren­den Kor­ri­do­ren auf­schrei­ben woll­ten, um sie irgend­wie los­zu­wer­den, tat ich das auf den Kar­ten, zwi­schen die Zei­len, um die exo­ti­schen Brief­mar­ken und Post­stem­pel herum, auf jedes freie Stück­chen. Und dann, manch­mal, drehe ich sie um, betrachte ein ver­gilb­tes Post­kar­ten­foto, und es kommt mir vor, als seien das die Far­ben, in denen damals jener ver­ges­sene Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten geleuch­tet hat.

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Das Titelbild zeigt einen Mann im Anzug, der auf einer Gartenterrasse einen Tee trinkt. Hinter ihm liegen auf einer Art Sofa ein aufgeschlagenes Buch und eine rote Mappe. An einer Säule hängt ein expressionistisches Bild einer tanzenden Figur. Ein digitaler Button oben links zeigt das Piktogramm eines Käfers mit ausgebreiteten Flügeln.

♫ The Labour of Emer­gence ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor end­lich doch noch, nach müh­sa­men Ver­su­chen, in Trance zu fal­len. Jetzt bin ich wie­der in ver­trau­ter Umge­bung. Von Anfang an ist es in mei­ner Ima­gi­na­tion immer die­ser Kor­ri­dor mit den nack­ten Zie­gel­wän­den und den ver­blas­sen­den Fres­ken an der gewölb­ten Decke gewe­sen, der mich zu mei­nen ver­gan­ge­nen Leben geführt hat. Ich stu­diere sie, um für meine For­schun­gen als His­to­ri­ker Details und Infor­ma­tio­nen zu gewin­nen, wel­che die Quel­len, die mir als Wis­sen­schaft­ler zur Ver­fü­gung ste­hen, nie­mals her­ge­ben wür­den. Natür­lich darf kei­ner mei­ner Kol­le­gen oder gar der Insti­tuts­lei­ter davon erfah­ren.

Dies­mal jedoch ist es anders. Am Ende des Kor­ri­dors erwar­tet mich keine Tür, die mich in jeweils andere meist längst ver­gan­gene Zei­ten mit einer mir selt­sam ver­trau­ten Umge­bung führt – dies­mal öff­net sich der Kor­ri­dor in einen Gar­ten, der mir ganz fremd vor­kommt. Er emp­fängt mich mit einer fast über­wäl­ti­gen­den Far­ben­pracht, betäu­ben­den Blü­ten­düf­ten und dem Sum­men gan­zer Heer­scha­ren von Insek­ten. Ein dicker Brum­mer, wohl ein Mist­kä­fer, hält auf mich zu, und ich muss mich schnell weg­du­cken, um nicht getrof­fen zu wer­den.

In einem Pavil­lon sitzt ein älte­rer Herr mit einem fei­nen, grauen Schnauz­bart und sieht mir erwar­tungs­voll ent­ge­gen. Er gießt mir eine Tasse Tee ein. »Sie woll­ten mich spre­chen?«, fragt er freund­lich. Ich kenne ihn. Das kann kein ver­gan­ge­nes Leben sein, denn C. G. Jung starb erst 1961. Neben der zier­li­chen Kanne aus chi­ne­si­schem Por­zel­lan liegt ein Buch mit rotem Leder­ein­band.

Wir trin­ken Tee und reden über Mythen und Arche­ty­pen. Ich erläu­tere ihm meine Über­zeu­gung, dass unsere Welt einen völ­lig neuen Mythos braucht, der uns die Kraft und die Ori­en­tie­rung ver­leiht, die Pro­bleme unse­rer Zeit zu bewäl­ti­gen: Nur eine uni­ver­selle Geschichte und Kon­stel­la­tion kann uns, kann die zer­split­terte Welt zu einem gemein­schaft­li­chen Neu­an­fang, zu einem neuen Auf­bruch bewe­gen, glaube ich. Gil­gamesh, Pro­me­theus, Odys­seus, Arjuna, Paul Bun­yan, Fran­ken­stein, Peter Pan, Harry Pot­ter, Little Nemo (Comic, nicht Film), Rübe­zahl, Bat­man, Bernd das Brot – ich habe schon viele mythi­sche Figu­ren aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren dar­auf­hin abge­klopft, ob sie uns zeit­ge­mäße Ant­wor­ten bie­ten könn­ten oder auch nur Stra­te­gien, um Ant­wor­ten zu fin­den.

»Geht es um Ant­wor­ten?«, fragt mein Gesprächs­part­ner pfif­fig und nippt an sei­nem Tee.

Ja und nein. Letzt­lich geht es wohl um eine gesunde Sicht­weise – auf uns selbst und die Welt. Eine, die zu nach­hal­ti­gen Lösun­gen und Fort­schrit­ten führt.

Doch ich ver­liere den Faden und beginne, von dem Kor­ri­dor zu erzäh­len. »Ich betrete den Kor­ri­dor?«, wie­der­holt mein Gegen­über lächelnd. Das könne nicht der gesuchte neue Mythos sein. Er müsse etwas Ver­bin­den­des haben, etwas Kol­lek­ti­ves und Gemein­sinn-Stif­ten­des, das gleich­zei­tig tief aus dem Unbe­wuss­ten schöpft. »Ver­such es mit ›Wir betre­ten den Kor­ri­dor‹«, rät er mir.

Zuerst bin ich etwas kon­ster­niert, dann fühle ich mich mit einem Mal leicht und inspi­riert.

»Oder sogar: ›Wir betre­ten feu­er­trun­ken den Kor­ri­dor‹«, fügt er lächelnd an.

Klar: Wir! Wir alle! Bewe­gen uns vol­ler Zuver­sicht und Freude voran in einen Raum vol­ler neuer Mög­lich­kei­ten, auf dem bes­ten Weg, den bes­ten Weg, die bes­ten Wege zu fin­den. Ich bin nicht allein, auch du bist nicht allein. Kei­ner von uns. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.

Eine viel­ver­spre­chende Vision.

Ich könne jeder­zeit wie­der­kom­men, meint mein Gast­ge­ber zum Abschied. Die Suche nach einem neuen Mythos sei eine wich­tige Sache, an der er sich gerne mit Rat und Tat betei­lige. Froh, eine echte Kapa­zi­tät als Mit­strei­ter gefun­den zu haben, ver­lasse ich sei­nen Pavil­lon und den üppi­gen Gar­ten und betrete wie­der den Kor­ri­dor …

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Das Titelbild zeigt zwei Tassen Tee und eine Ausgabe von "Finnegans Wake" auf einem Tischchen mit Schubladen vor einem Fenster. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ The Levo­gyre ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Nor­bus Haus­boot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem klei­nen Zim­mer, in dem ich noch nie gewe­sen bin: sei­nem Schlaf­zim­mer.

Norbu liegt im Bett, hus­tet erbärm­lich und sieht hun­de­elend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papier­ta­schen­tü­cher ver­streut.

»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.

»Nee«, sagt er, »hab alles da.«

Neu­gie­rig sehe ich mich um. In Nor­bus Schlaf­zim­mer hatte ich immer seine Biblio­thek ver­mu­tet, all die Bücher, die er im Laufe sei­nes Lebens ange­sam­melt haben muss. Tat­säch­lich sehe ich auf dem Regal­bord über dem Bett nur ein ein­zi­ges Buch. Norbu folgt mei­nem Blick.

»Fin­ne­gans Wake«, meint er, »Erst­aus­gabe. Mehr brauch ich nicht.«

Ich nicke, aber viel­leicht reicht das nicht, um her­aus­zu­stel­len, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Biblio­thek ist. Joyce hat es irgend­wie geschafft, das Leben, das Uni­ver­sum und den gan­zen Rest da rein­zu­pa­cken. Ein Buch, das quasi alles ent­hält. Mehr braucht man nicht.«

Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch haupt­säch­lich darum, dass ich nur ein, zwei Zei­len lesen muss, und ich falle sofort in tie­fen Schlaf.«

»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lip­pen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch neh­men und wahl­los irgendwo auf­schla­gen wollte, um dann nach einem kur­zen Blick hin­ein wis­send zu nicken. Da hab ich wohl etwas dane­ben­ge­grif­fen.

»Kein Buch kann den kom­plet­ten Kos­mos umfas­sen, das ist roman­ti­sie­ren­der Schwach­sinn.« Norbu muss hus­ten und bit­tet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern run­ter­bü­geln noch zum Haus­mäd­chen degra­die­ren lasse, aber schließ­lich ist Norbu krank, und ver­mut­lich meint er es nicht böse.

In der klei­nen Küche finde ich Kamil­len­tee, den ich auf­brühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlaf­zim­mer trage, um mich zu mei­nem kran­ken Freund set­zen zu kön­nen. Ich gieße uns ein.

»Viel­leicht im Sinne eines Holo­gramms«, sage ich. Wäh­rend des Tee­ko­chens habe ich lange nach irgend­was gesucht, das ich Nor­bus Abfuhr ent­ge­gen­hal­ten kann. »Es ist alles da, nur weni­ger detail­reich.« Ich deute auf das Buch.

Norbu schüt­telt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kis­sen in den Rücken und lehnt sich mit dem Ober­kör­per an die Holz­wan­dung sei­nes Haus­boots. »Da lan­det man ganz schnell bei roman­ti­zis­ti­schen Welt­vor­stel­lun­gen. Frü­her war es die, Gott würde einem höchst­per­sön­lich dabei zuhö­ren, wenn man ihm seine Weih­nachts­wunsch­liste vor­liest. Heute muss die Quan­ten­phy­sik dafür her­hal­ten, dass jeder selbst der Schöp­fer sei­ner Wirk­lich­keit sein will.«

Norbu klingt belei­digt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkäl­tung beschwe­ren. Und da nun mal nicht Gott an sei­nem Bett sitzt, son­dern ich, bekomme eben ich die Breit­seite ab.

Aber ich weiß mich zu weh­ren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das mensch­li­che Bewusst­sein sei der nächste uner­forschte Kon­ti­nent? Und was ist mit Yogis, die sich tage­lang begra­ben las­sen und wäh­rend­des­sen offen­sicht­lich ihre Atmung ein­stel­len, oder mit bud­dhis­ti­schen Mön­chen im Hima­laja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geis­tes einen leben­den Radia­tor aus sich machen?«

Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in sei­nen rot­ge­äder­ten Augen den Schalk blit­zen zu sehen. »Ja, das möch­ten wir gern glau­ben: dass das mög­lich ist und dass der Geist die Mate­rie beherrscht.« Er stellt seine damp­fende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regal­bord. »Warum gibt es nur anek­do­ti­sche Berichte dar­über und keine hand­fes­ten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es mög­lich wäre, sich nur von Licht zu ernäh­ren – wie Frau Jas­mu­heen oder das chi­ne­si­sche Bi Gu behaup­ten –, warum hat das die Evo­lu­tion noch nicht genutzt? Außer bei den Pflan­zen, meine ich. Aber die tan­ken bekannt­lich kein Prana, son­dern nut­zen Chlo­ro­phyll.« Norbu muss wie­der hus­ten, hebt aber dies­mal die Hand dabei, um mir zu signa­li­sie­ren, dass er mit sei­nem Gedan­ken­gang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwi­schen­re­den soll. Folg­sam warte ich ab.

»Oder«, fährt er schließ­lich mit einem Krat­zen in der Stimme fort, »wenn Tele­ki­nese mög­lich wäre, warum set­zen Tiere sie nicht ein? Genauso Tele­por­ta­tion. Oder Levi­ta­tion. Die Evo­lu­tion hatte Mil­li­ar­den Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedan­ken, son­dern Beherr­scher der Rea­li­tät wer­den zu las­sen. Statt­des­sen lässt sie alles in Hand­ar­beit erle­di­gen. Oder halt per Ten­ta­kel, Flosse, Man­di­bel oder Reiß­zahn. Rich­tig?«

Jetzt hat er mich doch ein wenig ein­ge­schüch­tert. Ich nicke ver­dros­sen. Irgend­wie hatte ich uns beide immer als mutige Ent­de­cker eines neuen und kaum bekann­ten Kon­ti­nents gese­hen, als Pio­niere einer neuen Sicht auf den Men­schen, die end­gül­tig Schluss macht mit dem reduk­tio­nis­ti­schen Mythos, wir seien nur ein Uhr­werk, eine Maschine oder ein Com­pu­ter.

»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Neben­er­schei­nung der Mate­rie und, wie man an bei­spiels­weise an Alz­hei­mer sieht, feh­ler­an­fäl­lig und flüch­tig. Die Selbst­be­weih­räu­che­rung, die er beson­ders in eso­te­ri­schen Krei­sen betreibt, ist nur das Wunsch­den­ken eines über­kom­ple­xen und unter­be­schäf­tig­ten Gehirns.«

Er blickt mich ant­wort­hei­schend an, und wie­der nicke ich grum­melnd.

»Könnte man mei­nen«, fügt er tro­cken an.

Ich schürze die Lip­pen und brumme zustim­mend, wenn auch wider­wil­lig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoff­nungs­voll.

Norbu schnäuzt sich geräusch­voll in ein Taschen­tuch. »Nicht, wenn das mensch­li­che Bewusst­sein eine Emer­genz der Evo­lu­tion dar­stellt, also etwas, das neu ent­steht, aber mehr ist als die Summe sei­ner Bestand­teile und neue Bedin­gun­gen und Fähig­kei­ten schafft, wie sie vor­her nicht abzu­se­hen waren. So, wie aus leb­lo­ser Mate­rie das Leben selbst her­vor­ge­gan­gen ist.«

»Aha. Also des­halb hat die Evo­lu­tion im Tier­reich keine prä­ko­gni­ti­ven Raub­tiere her­vor­ge­bracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antre­ten, wenn sie genau wis­sen, dass sie erfolg­reich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht kom­plex genug dafür. In Gegen­satz, willst du sagen, zu unse­ren.«

»Na ja«, meint Norbu, »es gibt For­schun­gen, die nahe­le­gen, dass wir unbe­wusst Ereig­nisse vor­her­wis­sen kön­nen. Bei sol­chen näm­lich, die viele Men­schen auf der Erde beweg­ten, zeig­ten zum Bei­spiel Zufalls­ge­nera­to­ren Auf­fäl­lig­kei­ten. Und zwar schon, bevor das Ereig­nis über­haupt ein­trat.«

So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tat­säch­lich: »Aber ins­ge­samt sehe ich uns da auf der aller­un­ters­ten Stufe der Kom­pe­tenz.«

Dar­über hat­ten wir vor Jah­ren ein­mal gespro­chen. Ich fand die die Ein­tei­lung in vier Stu­fen damals sehr hilf­reich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbe­wuss­ter Inkom­pe­tenz«.

Norbu nickt: »Nicht im Ent­fern­tes­ten wis­sen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«

»Gefolgt von ›bewuss­ter Inkom­pe­tenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«

»Genau. Dann erar­bei­tet man sich die ›bewusste Kom­pe­tenz‹ …«

»Die schließ­lich zu ›unbe­wuss­ter Kom­pe­tenz‹ wird, wie flüs­sig spre­chen kön­nen oder das Gleich­ge­wicht hal­ten und auf zwei Bei­nen gehen – ohne stän­dig drü­ber nach­den­ken zu müs­sen.«

Norbu nippt inzwi­schen wie­der an sei­nem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeit­lang sagen wir nichts.

»Wir ste­hen ganz am Anfang«, sage ich schließ­lich nach­denk­lich, »aber einige ahnen schon den unent­deck­ten Kon­ti­nent am Hori­zont.«

»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kur­zen Hus­ten­an­fall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wie­der etwas Ver­ständ­li­ches über die Lip­pen brin­gen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kon­ti­nent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade kom­plett neu erträu­men.«

Es dau­ert ein paar Momente, bis mir zu Bewusst­sein kommt, was für Mög­lich­kei­ten er da gerade ange­spro­chen hat. Bei­des, das Fin­den und das Erfin­den, hätte unge­ahnte Kon­se­quen­zen dafür, wie die Welt beschaf­fen ist und was sie im Inners­ten zusam­men­hält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.

»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schla­fen.«

»Oh, okay«, sage ich und trinke has­tig mei­nen Tee aus. »Kann ich noch irgend­was für dich tun?«

Norbu schüt­telt lächelnd den Kopf, rutscht wie­der ganz unter seine Decke und rüt­telt sich das Kis­sen zurecht. »Der Blick ins Uni­ver­sum – und natür­lich beson­ders der in ein ganz neues Uni­ver­sum am Hori­zont – macht mich immer ganz müde«, mur­melt er. »Wegen der unge­heu­ren Chance und Ver­ant­wor­tung.« Und damit ist er ein­ge­schla­fen.

Ich mache die Tür zum Haus­boot leise hin­ter mir zu. »Chance und Ver­ant­wor­tung!« Als ich mich auf mein Fahr­rad schwinge, fühle ich mich inspi­riert und vol­ler Taten­drang, weiß aber lei­der gar nicht, wozu genau.

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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer. Auf der linken Seite steht ein Bett unter einem lebhaften Gemälde eines Pferdes. Rechts davon hängt ein aufwändig gestalteter, großer goldener Spiegel über einem Nachttisch. Der Spiegel reflektiert eine weiße Tür, die mit einem humorvollen Schild geschmückt ist, auf dem steht: „Dieser Flur streikt.“

♫ Hiimori/Windhorse ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder bes­ser: Ich will ihn betre­ten, doch an der Schlaf­zim­mer­tür hängt innen ein Schild, auf dem mit gro­ßen Buch­sta­ben steht: »Die­ser Kor­ri­dor streikt.«

Oha. Mein Kor­ri­dor streikt? Heißt das, ich komme nicht vom Schlaf­zim­mer ins Bad? Unschlüs­sig bleibe ich ste­hen, die Hand auf der Klinke. Eigent­lich bin ich spät dran. Regie­rungs­ge­schäfte war­ten auf mich. Ande­rer­seits kommt mir zu Bewusst­sein, dass Kor­ri­dore tat­säch­lich kaum Wert­schät­zung und Respekt erfah­ren – von mir genauso wenig wie von ande­ren. Dabei spie­len sie eine wich­tige Rolle. Ohne Kor­ri­dore würde vie­les in unse­rem Land nicht mehr funk­tio­nie­ren. Die Wirt­schaft, die Medien, der ganze Dienst­leis­tungs­sek­tor, die Indus­trie: Sie alle wür­den ohne Kor­ri­dore zum Erlie­gen kom­men oder zumin­dest emp­find­lich gestört wer­den.

Aber dankt es ihnen jemand? Nein. Es gibt nicht ein­mal ein Denk­mal für Kor­ri­dore. Dies muss sich drin­gend ändern, und ich bin der Mann, der es durch­zu­set­zen und für sich und die Par­tei nutz­brin­gend aus­zu­schlach­ten weiß! So ist allen gehol­fen. Ich sehe mich schon zu den Klän­gen einer Blas­ka­pelle das Kunst­werk ent­hül­len.

Hm, jetzt strei­ken sie also. Ich über­lege, ob der Streik der Kor­ri­dore viel­leicht um sich grei­fen könnte. Strei­ken dem­nächst die Fens­ter, die Türen, die Dächer über unse­ren Köp­fen? Aber diese genie­ßen weit grö­ßere Auf­merk­sam­keit: Man spricht davon, dass die Augen die Fens­ter zur Seele sind und schmeißt das Geld zum Fens­ter hin­aus. Man kann Tür an Tür woh­nen oder eine Poli­tik der offe­nen Tür betrei­ben. Man kriegt manch­mal eins aufs Dach oder bringt ein Gesetz unter Dach und Fach. Aber ein Kor­ri­dor? Wann habe ich zuletzt das Wort Kor­ri­dor in den Mund genom­men? Stimmt. Die haben wirk­lich allen Grund zu strei­ken.

Doch was heißt es kon­kret, dass mein Kor­ri­dor streikt? Ist er nicht zum Dienst ange­tre­ten? Ver­wei­gert er viel­leicht nur sei­nen Dienst oder beschränkt sich auf den Dienst nach Vor­schrift? Ist es ein Bum­mel­streik? Und gilt das für alle Kor­ri­dore der Stadt, im Land, in Europa? Gibt es Aus­sper­run­gen? Streik­bre­cher? Ist der Streik – hof­fent­lich – befris­tet? Und was sind die For­de­run­gen der Kor­ri­dore?

Ich hege die Hoff­nung, dass sich mir all diese Fra­gen beant­wor­ten, wenn ich die Tür öffne. Also drü­cke ich die Klinke her­un­ter, leise, weil meine Frau noch schläft und ich sie nicht wecken will.

Dahin­ter: der Kor­ri­dor. Er sieht fried­lich aus, als sei nichts gesche­hen, und es gibt keine wei­te­ren Anzei­chen für einen Streik. Vor­sich­tig setze ich mei­nen Fuß auf den Boden des Kor­ri­dors. Er fühlt sich an wie immer. Auch den zwei­ten Fuß setze ich dar­auf. Ich stehe sicher.

Soll ich den Kor­ri­dor anspre­chen? Nach sei­nen For­de­run­gen fra­gen? Oder ihm ein­fach erst ein­mal meine Hoch­ach­tung zol­len und mich für seine lang­jäh­ri­gen erge­be­nen Dienste bedan­ken, um für den aus­sichts­rei­chen Ver­hand­lungs­ver­lauf gleich zu Anfang eine gute Stim­mung zu erzeu­gen?

Ich höre ein Kichern. Der Kor­ri­dor kichert?!

Nein, es sind die Zwil­linge. »April, April!«, rufen meine Söhne fröh­lich, kom­men aus ihrem Zim­mer geschos­sen und tan­zen in ihren Schlaf­an­zü­gen um mich herum. Nun, da haben sie mich ja gehö­rig ins Bocks­horn gejagt. Ich schüttle sie ab und schließe die Bade­zim­mer­tür hin­ter mir.

Viel­leicht, über­lege ich beim Zäh­ne­put­zen, sollte ich die Idee mit dem Denk­mal bei der Che­fin anre­gen. Sie ist eigent­lich gar nicht mal so schlecht. Kor­ri­dore wer­den hier­zu­lande wirk­lich sträf­lich miss­ach­tet.