Ich betrete den Korridor, der zu Professor Cerils Labor führt. Er besteht aus einem silbrig glänzenden Material, das in geschwungenen Formen verläuft: keine Kanten und rechten Winkel. Der Professor meint, dass ihn das kontemplative Durchschreiten dieses Korridors auf seine Arbeit einschwingt, seine Konzentration erhöht und tiefgreifend inspiriert. Ich merke nichts davon. Stattdessen rutsche ich auf dem unebenen Boden aus und schlage lang hin. Es hallt, als hätte jemand einen großen chinesischen Gong geschlagen. Zum Glück habe ich mir nicht weiter wehgetan.
»Das ist der Durchbruch!«, begrüßt mich Cerils unverkennbare Stimme im Labor. Er scheint – zu absorbiert in seine Forschungen – meine Gongeinlage nicht bemerkt zu haben. Hier blinkt und piept alles Mögliche, und ich habe Mühe, den Professor hinter all den von der Decke hängenden Kabeln, Suspensoren, Flaschenzügen und den Artefakten früherer Experimente zu finden. Er beugt sich, einen Kopfhörer auf den Ohren, über einen kleinen Metallkasten mit Knöpfen. Aufgeregt erklärt er mir, er habe ein virtuelles Mikrofon entwickelt, das er mittels Gravitationswellen an jeden beliebigen Punkt der Welt schicken kann. Ich verstehe erst nicht.
»Ich kann beliebige Koordinaten eingeben, und höre dann hier, was es dort zu hören gibt. Es ist eine Art Gravitationswellenradio, das quasi unendlich viele Sender empfangen kann – nämlich von jedem Punkt im Universum aus.« Ich sehe wohl etwas ratlos aus. Das ändert sich auch nicht, als er mir einen zweiten Kopfhörer gibt, um seine Erfindung vorzuführen. Testweise tippt er die Koordinaten vom Weißen Haus ein. »Lass uns ein wenig spionieren«, sagt er mit einem spitzbübischen Lächeln.
Ich höre das Knistern von Seidenbettwäsche und leises Liebesgeflüster, bei dem ich – trotz intensiver Lektüre eines Englischlexikons vor zwei, drei Jahren – einige Worte nicht verstehe. Aber ich höre zwei Namen heraus: John und Cindy. Jetzt sieht auch Ceril ziemlich ratlos aus. Ich kläre ihn auf (schließlich muss ich ja hin und wieder meinem Ruf als Wunderkind gerecht werden): »McCain und seine Frau?« Ceril rätselt, was die in Obamas Schlafzimmer machen könnten, doch dann geht ihm ein Licht auf: »Wir belauschen eine Parallelwelt! Eine, in der nicht Obama, sondern McCain die Wahl gewonnen hat. Ja, das könnte es sein: Die physikalischen Gesetze schützen sich so selbst vor einer sonisch-infinitesimalen Rekursion. Wie bei der Unschärferelation.«
Umgehend gibt Ceril die Koordinaten seines Labors ein, und wir werden tatsächlich Zeuge einer Unterhaltung zwischen ihm und mir – nur dass es sich, sagt er, um Alter Egos von uns aus einem Paralleluniversum handelt. Interessanterweise scheine ich da der alternde Erfinder und er der halbwüchsige Assistent zu sein.
Bevor ich mehr erfahren kann, schaltet Ceril das Gerät aus, nimmt den Kopfhörer ab und dreht sich zu mir um: »Das öffnet fantastische Möglichkeiten, Junge! Ich kann so die anderen Versionen von mir belauschen, die meine vielen Ideen« – er klopft auf den großen Zettelkasten unter seinem Schreibtisch – »schon ausgearbeitet haben. Das spart mir lange Erprobungsphasen.« Und mir, denke ich, womöglich viele gefahrvolle Praxistests seiner zahlreichen Erfindungen. »Ich muss das Ding nur noch entsprechend modifizieren.« Damit fängt er, mit der einen Hand komplizierte Formeln auf Papier zu werfen und mit der anderen gleichzeitig Drähte zu verknüpfen. Ich jedenfalls bin komplett vergessen.
Würde ich mich dafür interessieren, was andere Versionen von mir so von sich geben? Auf dem Rückweg durch den Korridor schüttle ich den Kopf. Was könnte das schon bringen? Dann fällt mir ein, weswegen ich überhaupt zu Ceril gegangen war: Ob er mir nicht eine Maschine bauen kann, die ein paar Tage vor den Klassenarbeiten ausspuckt, was die Lehrer von mir wissen wollen. Andererseits, muss ich mir selbst gegenüber zugeben, habe ich auch ohne eine solche Prognose-Maschine bisher immer alles gewusst, und es soll ja in der Schule nicht noch langweiliger werden, als es eh schon für mich ist.
(Wird es auch nicht. Ganz im Gegenteil. Wegen ihr. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Ich betrete den Korridor, den ich in den letzten Wochen schon so oft betreten habe. Hinter dieser weißen Tür dort liegst du, und eine Maschine hilft dir beim Atmen. Plötzliche Gehirnblutungen haben dich binnen weniger Stunden ins Koma fallen lassen, und die Ärzte meinen, in deinem Kopf sei zu viel zerstört, als dass man hoffen könnte, eines Tages wachst du wieder auf und bist wieder ganz dieselbe.
Ich halte deine Hand. Das Blubbern und Zischen der Herz-Lungen-Maschine hat etwas Beruhigendes und Meditatives – aber erst, seitdem ich meinen Protest gegen all das hier, meine Wut, mein Unverständnis, meine Verzweiflung und mein Hoffen auf ein Wunder endlich losgelassen hatte.
Wenn wir allein sind, erzähle ich uns leise von unseren gemeinsamen Erfahrungen, den Reisen, den Filmen, die wir gesehen haben, Feiern, Seminaren und Treffen mit Freunden – oder einfach nur von kleinen skurrilen Alltagserlebnissen, die mir in den Sinn kommen. Manchmal spiele ich auf dem kleinen Cassettenrecorder auch deine Lieblingsmusik ab.
Menschen leiden und sterben auf der ganzen Welt – ständig. Warum tut es mir so weh, dich hier liegen zu sehen, während all die anderen mir gleichgültig sind? Fast unhörbar leise stelle ich dir die Frage, stelle mir vor, du könntest zu mir sprechen, und du sagst: Ich leide nicht – du leidest.
Und dann, einige Augenblicke lang, ein paar Atemzüge der Herz-Lungen-Maschine lang, ist es, als würdest du meine Hand halten und mir mit deinem stillen Einfach-nur-Dasein Trost, Mut und Hoffnung geben.
Heute schalten sie die Maschinen ab, und du wirst in ein Hospiz verlegt. Ich habe ein gemütliches kleines Zimmer für dich ausgesucht: Durch das Fenster sieht man Bäume, und man kann die Vögel singen hören, obwohl es mitten in der Stadt liegt.
Es wird dir gefallen.
Und wenn du nicht mehr magst, kannst du gehen. Ich halte zwar immer noch deine Hand, aber ich halte dich nicht mehr fest.
Ich betrete den Korridor. Es ist ein eigenartiges Gefühl, nach all den Jahren hierher zurückzukommen. Es sieht – auf den ersten Blick – alles noch genauso aus wie damals: die weiße Gewölbedecke, die schlichten Steinsäulen, die sich in regelmäßigen Abständen bis in die Ferne fortsetzen, der glatte, kühle Marmorboden unter meinen nackten Füßen – und das Wärterhäuschen, dem ich gleich zu Anfang gegenüberstehe. Der Troll öffnet das ovale Holztürchen im Fenster, um mit mir zu sprechen.
»Wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Er klingt streng, aber das muss er ja auch sein. Er ist der Kontrolleur hier. Ich hatte ganz vergessen, dass er mir als Troll erscheint. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Zumindest nicht bewusst.
»Ich bin’s, der Boss. Ich wollte hier mal wieder nach dem Rechten sehen.«
Der Troll sieht mich stirnrunzelnd an. »Haben Sie einen Termin? Haben Sie die Formulare ausgefüllt? Haben Sie einen Berechtigungsausweis oder eine Empfehlung? Sie können hier nämlich nicht einfach so …« – »He he he, mal langsam«, unterbreche ich ihn, »ich brauche das alles nicht. Ich bin hier der Chef. Und ich möchte mich gerne mit meinem Kontrolleur unterhalten.«
»Das bin ich«, sagt der Troll in seinem Wärterhäuschen, bar jeden Humors.
»Was ist deine Aufgabe?«, frage ich ihn. Er erläutert es mir. Der Troll hat, wie alle hier im ersten Teil des Korridors, einen recht begrenzten Horizont. Von daher ist es nicht überraschend, dass er mir erklärt, seine Aufgabe sei es, alles Mögliche zu kontrollieren, Tag und Nacht, weil es sonst sofort völlig aus dem Ruder laufen würde. Kontrolle sei das Allerwichtigste, und ohne ihn würde hier völliges Chaos ausbrechen. »Ich versuche nur, so gut wie möglich meinen Job zu machen«, sagt er.
»Du machst das ganz großartig«, sage ich und meine es auch. Tatsächlich hat mir der innere Kontrolleur schon eine Menge Ärger erspart. Und über das Lob freut er sich sichtlich.
Dann frage ich ihn, ob er mich mit den anderen im weiteren Verlauf des Korridors reden lässt, ohne kontrollierend einzugreifen. Es kommt zu einer kleinen Diskussion, aber schließlich ist er bereit, kurz Pause zu machen. Ich nicke ihm dankend zu und gehe am Wärterhäuschen vorbei tiefer in den Korridor.
Hinter den seitlichen Bögen zwischen den Säulen öffnen sich unterschiedliche Räume. Sie werden von weiteren Figuren meines inneren Ensembles bewohnt, eindimensionalen Charakteren, wie sie manchmal auch in Mythen, Märchen und in der Popkultur vorkommen, Typen wie der Minotaurus, Chewbacca, der Zirkusclown (»Akrobat schööön!)«, Gollum (»Wir wollen ihn! Wir brauchen ihn! Wir müssen ihn haben, den Schatz!«) oder das Säbelzahneichhörnchen Scrat, die uns in ihrer Einfältigkeit manchmal tief im Inneren berühren.
Ich höre ein Schluchzen.
Es ist ein kleines, düsteres Zimmer mit einem zerschlissenen Bett. In einer Zimmerecke hockt ein Häufchen Elend. »Wer bist du?«, frage ich, aber ich weiß es schon. Es ist die Verzweifelte. Ein Schluchzen antwortet mir. »Was ist deine Aufgabe?«, frage ich. Sie wendet sich mir zu und beginnt stockend von ihren Erfahrungen zu berichten: Immer wieder geht sie voller Hoffnung los, doch dann lassen sie die Umstände, lassen andere Menschen sie verzweifeln. Das gehe schon ihr ganzes Leben lang so. Und da anscheinend niemand anderes bereit ist, diese Verzweiflung zu spüren und sich ihr auszusetzen, übernimmt halt sie diese Aufgabe – erklärt sie mir mit dicken Tränen in den Augen.
Ich danke ihr für den selbstlosen Einsatz und verkneife mir ein zynisches »Gute Arbeit!« – stattdessen schlage ich dem kleinen, verheulten Mädchen vor, sich mal mit dem Methodiker zusammenzutun. Der wohnt ein Stück den Korridor runter. »Ziel formulieren, Arbeitsschritte definieren, methodisch abarbeiten!« – das habe ich noch von meinem letzten Zusammentreffen mit ihm im Ohr. Die beiden könnten ein gutes Paar abgeben.
Mein nächster Besuch führt mich in das Arbeitszimmer des »Questologen«, wie ich ihn getauft habe: ein junger Mann mit Dreitagebart, Hut und einer zusammengerollten Peitsche am Gürtel, der im ganzen Zimmer Landkarten ausgebreitet hat, zwischen denen aufgeschlagene Bücher liegen. »Was ist deine Aufgabe?«, frage ich den inneren Sucher, und natürlich kennt auch er nur eins: suchen! Ständig ist er auf der Suche, nach der Liebe, der Antwort, dem Glück, dem Heil, dem Optimum, nach dem Weg, dem Sinn, der Bedeutung, der Erleuchtung … »Wie steht es mit dem Finden?«, frage ich schmunzelnd, aber tatsächlich ist der Sucher allein auf die Suche fixiert und fasst immer gleich, wenn er denn mal einen Treffer landen sollte, das nächste Ziel für die Suche ins Auge, die nächste Landmarke am Horizont.
Auch ihm erbiete ich meinen Respekt, denn seine unstillbare Sehnsucht ist sehr wertvoll für mich, doch das registriert er, längst wieder in seine Land- und Schatzkarten vertieft, schon gar nicht mehr.
Eigentlich will ich jetzt zum Tagträumer, aber beim Weitergehen bemerke ich einen Raum, der mir ganz unbekannt vorkommt. Er ist luxuriös eingerichtet und öffnet sich auf eine Terrasse zum Meer hin. In einem Deckstuhl entdecke ich einen etwas dickbäuchigen, am ganzen Körper behaarten Mann in Badehose. Neben ihm, auf dem Boden, in Greifweite: ein Cocktail und eine Schale mit Trauben.
»Köstlich!«, ruft er. »Herrlich!«
»Wer bist du?«, frage ich verblüfft. Der gehört zu mir?
»Mmmh, musst du kosten! Die schmecken wirklich himmlisch!«
Er schiebt mir die Trauben hin. Menschen, die ihre Sätze dauernd mit Ausrufezeichen abschließen, sind mir eigentlich suspekt. Aber ich probiere dann doch von den Trauben. Sie schmecken – nicht übel.
»Aaaahh, die Sonne auf dem Bauch: Kann es was Schöneres geben? Und dieses Panorama! Und die leichte Brise ist auch nicht von schlechten Eltern! Dieser leichte Salzgeschmack!«
»Was ist deine Aufgabe?«, frage ich. »Genießen!«, antwortet er mit einem genüsslich langezogenen ie. »Aus dem Vollen schöpfen! Mich an den schönen, leckeren, lustvollen, beglückenden Dingen ergötzen! Apropos …«, sagt er und wendet mir seinen ebenfalls behaarten Rücken zu, »könntest du mich eventuell kurz zwischen den Schulterblättern kratzen?«
Ich zögere kurz, tue ihm dann aber den Gefallen.
»Etwas tiefer noch, jaaa! Oh, ist das gut, ooohh, genau richtig, wunderbar!« Auch die ganz kleinen Dinge können sehr genussvoll sein, denke ich und danke dem Genießer für die Inspiration.
Ich betrete wieder den Korridor. Es wird Zeit, weiterzugehen in den nächsten Abschnitt. Nach hinten hin wird es heller: Boden, Wände, die Säulen, die Decke – das alles scheint aus sich selbst heraus zu leuchten. Hier begegne ich weiteren Facetten, nur dass diese hier transpersonal sind: Es sind die Seelenanteile, die über die begrenzte menschliche Sichtweise hinauswachsen und im großen Sein selbst verankert sind.
Schließlich rufe ich in das helle, sanfte Leuchten vor mir hinein: »Ich möchte bitte mit dem ›Gewahrsein ohne trennende Teilung‹ sprechen.«
»Ja?«, antwortet eine Stimme, die weder männlich noch weiblich, weder alt noch jung ist. Mein Blick, mein Herz und mein Geist weiten sich. Es ist, als würde ich im All zwischen den Galaxien schweben und der Weltenraum selbst sein. Es ist, als wäre ich eine stille Flamme im Innersten aller Dinge, deren Kraft und Neugier und Liebe die Welt und die Wesen erschafft und der Schöpfung und allen Geschöpfen die Freiheit gibt, sich in alle gewünschten Richtungen zu entfalten, sämtliche angestrebten Erfahrungen zu machen und sogar, wenn gewünscht, freiwillig zu vergessen, wer sie wirklich sind. Es ist wie die Erinnerung an den Ursprung aller Existenz. »Was hast du auf dem Herzen?«, fragt die Stimme sanft.
Es wird ein längeres Gespräch. Einerseits ist es ein wenig erschreckend, das eigene kleine Leben aus der kosmischen Perspektive zu betrachten, andererseits rückt es die Probleme, Sorgen und Ängste ins rechte Licht. Und es tut einfach rundum gut, in allumfassendem Mitgefühl zu baden.
Ein letzter Schritt bleibt zu tun: alle Aspekte meiner selbst, auch die transpersonalen, mit hinaus zu nehmen aus dem Korridor, ihn am Ende der Meditation zu verlassen und – nicht unbedingt als besserer Mensch, aber möglicherweise besser mit mir im Reinen – rundum »beseelt« ins Leben zu treten.
Ich betrete den Korridor des Puppenhauses, um zur Küche zu gelangen. Die Utensilien dort sind lächerlich überproportioniert, doch ich will nicht gänzlich verrohen und mir mein Essen, statt es mir einfach ins Maul zu schaufeln, so weit es mir möglich ist zubereiten. Wenn ich schon wie unzivilisierter Waldmensch aussehe, möchte ich wenigstens innerlich und in meinen Alltagshandlungen eine gewisse Würde bewahren.
Denn seit mich meine Kurtisane mit einem Voodoo-Zauber verhext und auf Däumlingsgröße geschrumpft hat, bin ich auf Gedeih und Verderb ihrer halbwüchsigen Tochter ausgeliefert, die mich als Spielzeug betrachtet und zu ihrem Zeitvertreib alle möglichen Kunststücke vorführen lässt. Obwohl ich das Plakat, das ich mit dem Wort »Hunger« bemalt habe, fast täglich ausrolle und vom Schlafzimmer über die ebenfalls halb aufgeschnittene Eingangshalle hinunterhängen lasse, denkt sie nur hin und wieder daran, mir ein Salatblatt oder einen Obstschnitz ins Vestibül zu legen.
Schlimmer als die Tochter allerdings ist die Mutter, die mich nachts manchmal heimlich holt und sich mit mir ins Bett legt. Es ist, abgesehen von ihrer grotesken Riesenhaftigkeit, fast wie damals, nur dass sie mich jetzt zwingt, über ihren nackten Leib zu wandern und ihr alle an ungeeigneten Stellen sprießenden Haare herauszureißen. Für mich bedeutet das mühsame Fußmärsche und Schwerstarbeit – und ist umso demütigender, weil sie so für ihren neuen Liebhaber noch begehrenswerter erscheinen will, während für mich kein Messer scharf genug ist, um mich zu rasieren oder auch nur die inzwischen bis zu meinen Knien reichende verfilzte Mähne zu kürzen.
Ich betrete den Korridor festen Schrittes, obwohl ich am liebsten weit weggerannt wäre. Hier ist alles elektrisch, und mir stellen sich die Härchen auf den Armen auf. Professor Ceril hat mir detaillierte Anweisungen gegeben. Tatsächlich hat er mir sogar vorher ein Handbuch überreicht, das gefühlte fünfhundert Seiten dick ist. Beim Professor heißt es immer Klotzen statt Kleckern. So genial sie sind: Seine Maschinen müssen immer gleich die Größe einer Turnhalle haben. So auch seine Zeitmaschine.
Dass immer ich seine Erfindungen testen muss, liegt an einem Deal zwischen meinem Dad und ihm: Der Professor ist ein Jugendfreund meines Vaters, und seit der durch seine Serverparks zu Geld gekommen ist, finanziert er Cerils Forschungen. Zum Ausgleich soll dieser mir etwas über Physik, Elektrodynamik, Quantenzustände, Dunkle Energie und all so’n Zeugs beibringen.
Der Korridor – der »spatiale Dilatationskompressor« – ist von runden, metallenen Luken gesäumt, wie man sie in einem U‑Boot erwarten würde, komplettiert durch das Drehkreuz, mit dem sie sich öffnen lassen. Hinter den Wänden höre ich ein Knarzen und Klackern wie von kleinen, hölzernen Uhrwerken – es klingt eher mechanisch als elektronisch. Aber das hilft mir auch nicht weiter. Ich stehe etwas hilflos da und blättere ziellos im Handbuch für die Maschine. Der Professor hat mir eingeschärft, ja durch die richtige Luke zu gehen. Die falsche zu öffnen wäre fatal und würde die »Temporal-Stratigrafie« nachhaltig durcheinanderbringen. Das will er auf alle Fälle vermeiden. Viel mehr soll ich sein jugendliches Ich am ersten Oktober 2006 dazu bringen, statt auf Diskretion auf Schiaparelli zu setzen – bei einer Dreier-Wette auf dreijährige Hengste und Stuten.
Letztlich bekomme ich aber die entsprechende Luke, die mich zum entscheidenden Pferderennen führen soll, nicht auf: zu fest zugeschraubt. Gut so. Muss ich mich nicht als Zwölfjähriger auf eine Rennbahn schleichen und unter den Wettbegeisterten den jungen Ceril ausfindig machen. Stattdessen setze ich mich in den Korridor und warte eine Zeitlang, was in der flirrenden Elektrizität, die die Zeitmaschine in ihrem Inneren erzeugt, schon unangenehm genug ist. Dann gehe ich den Gang zurück und trete aus der Maschine.
Ceril erwartet mich aufgeregt. Ich nicke, drücke ihm das Handbuch wieder in die Hand und quetsche zwischen den Zähnen hervor: »Auftrag ausgeführt«.
Ceril ist begeistert und tanzt herum. »Wer setzt auch schon auf Diskretion?!«, singt er, und auf meine Frage hin, was sich eigentlich durch die Aktion verändert hat, erklärt er mir väterlich, dass jetzt ein junger Muzimi Ceril in einem Paralleluniversum steinreich geworden sei und sich alle Träume erfüllen könne. Und darunter vielleicht auch den, es seinem Wohltäter – womit er nicht etwa mich, sondern sich selbst meint – zu danken, indem er sich revanchiert.
Wenn ich das richtig verstehe, soll der andere, jetzt steinreiche Ceril auf den Gedanken kommen, seinen Assistenten – also vermutlich eine parallele Ausgabe von mir – loszuschicken, um wiederum ihn, den Professor, reich zu machen. Auf so eine verrückte Idee muss man erst mal kommen! Ich gebe vor, noch Hausaufgaben machen zu müssen, und lasse ihn in seinem Labor allein. Während ich mit meinem Fahrrad davonfahre, höre ich ihn noch lange singen und überlege, ob der Professor nicht besser mal eine Maschine erfinden sollte, die einfach nur komplette Stille herstellt.
(Hat er beinahe. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Ich betrete den Korridor, der sich geöffnet hat, nachdem Abdul und ich die großen hölzernen Räder ein Stück weitergedreht haben. Ich kann es immer noch nicht glauben. Nach so langer Zeit! Meine Ars magna ist begehbar geworden, und nun können alle sehen, wie groß, wie gewaltig, wie allmächtig Gott ist. Was bisher nur ein paar beschriftete Ringe aus Papier waren, hat dieser geniale Kopf, den ich in der Djamaa ez-Zitouna, der Ölbaummoschee, traf, aus Holz zimmern lassen. Nun gleicht meine Ars magna, wenn man hochsteigt in eines der Minarette und sie von dort aus betrachtet, einer riesigen umgestürzten Turmuhr, die fast den gesamten Innenhof ausfüllt, nur dass diese nicht die Zeit, sondern die Wahrheit anzeigt.
Die Wahrheit muss logisch sein, denn Gott – oder Allah, wie sie ihn hier nennen – verwickelt sich nicht wie wir Menschen in Widersprüche. Diese Seine Wahrheit kann sich uns auf wunderbare Weise zeigen. Wie sie sich einst vor meinen Augen auftat, als ich beschriftete Papierringe übereinanderschob und sich mir so die Ars magna offenbarte, so wird sie nun begreifbar in Abduls großem Mechanismus.
Wir haben die Vollständige Figur mit der Quadrierung und Triangulierung der vollkommenen Kreisform zur Grundlage genommen, und Abdul hat riesige, bewegliche Speichenräder dafür gefertigt. Jede Speiche trägt, in Latein und auf Arabisch, einen Begriff, und das Drehen der Räder verschiebt sie gegeneinander. Auf diesen Theologen zu stoßen, der auch ein begnadeter Konstrukteur ist, war ein großes Glück für mich. Jetzt kann ich die Tugenden Gottes buchstäblich körperlich durchschreiten und erfühlen: Seine Ewigkeit und Macht, Seine Weisheit und Seinen Willen, die ganze Herrlichkeit des Höchsten. Nun können wir, der junge Abdul und ich – ein alter Mann von acht Dezennien – Kammern bilden, wie ich es mir immer erträumt habe, Korridore aus Begriffen, die unwiderlegbare Aussagen treffen über Sein Wirken und Seine Existenz und allen Streit zwischen den Religionen obsolet werden lassen.
Die Moslems, die zusammenlaufen, um unser Werk zu betrachten, tuscheln miteinander. Der hölzerne Mechanismus, mit dem sich die letztgültige Wahrheit finden lässt, die begehbare Ars generalis ultima, scheint ihnen Furcht einzujagen und zu missfallen. Es strömen immer mehr von ihnen in den Hof, und ihre Stimmen werden lauter. Ich jedoch bin beseelt, und wenn mich Abdul nicht davon abhielte, würde ich sie alle hineinführen in die Letztgültige Allumfassende Kunst und ihnen zeigen, dass sie all ihre Fragen beantworten kann.
»Ist die Welt immerwährend?« Diese Frage haben Abdul und ich gewählt und die großen Holzräder entsprechend eingestellt: B für die Frage »ob?«, D für das Ewige – und für C, die mittlere Position, haben wir aus dem Katalog der Qualitäten die Güte gewählt. Und nun stehe ich inmitten der Antwort darauf, der allein möglichen und logischen Antwort. Wir sehen es an den Kammern und Korridoren, die sich bilden: Wäre Seine Schöpfung ewig, wäre in logischer Konsequenz auch das Gute ohne Ende – wäre aber das Gute ohne Ende, könnte es nicht das Böse geben, denn die Kammer C kann nur entweder das eine oder das andere versinnbildlichen, niemals jedoch beides, getreu Seiner untrüglichen Logik. Da es aber nun unleugbar das Böse gibt und wir es allerorten und zu jeder Zeit erleben und in uns spüren, ist dies ein Widerspruch, der uns offenbart, dass die Welt unmöglich ewig sein kann. Nur Gott ist ewig. Das würde ich ihnen, das würde ich der ganzen Welt gerne aus vollem Herzen zurufen und sie alle an der Hand hinführen, wenn mich nicht Abdul inständig um Geduld und Vorsicht bitten würde.
Dennoch: Mich erfüllt ein inneres Jubilieren. Es ist fast so, als sei die Vision, die ich vor über fünfzig Jahren hatte und die meinem Leben als Troubadour eine unerwartete Wendung gab, am Ende Wirklichkeit geworden: hölzerne, mechanische, handfeste, unwiderlegbare Wirklichkeit.
Ich betrete den Korridor jeden Abend vor dem Einschlafen. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, das Licht am Bett auszuknipsen, mich zurechtzukuscheln, die Augen zu schließen und zu versuchen, den Korridor zu erreichen, der eine Verbindung zwischen den zwei Welten schafft. Doch wie immer bleiben die Bilder meiner Vorstellung blass, und es ist mehr so, dass ich den Korridor mühsam erfinde, als dass ich ihn einfach betrete.
Als mein Zwillingsbruder starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz herausgeschnitten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Farbigkeit eingebüßt, und ein milchiger Schleier legte sich über die Dinge.
Doch dann, fast ein Jahr später, eines Nachts im Traum war ich plötzlich von Farben umgeben, die ich nicht benennen konnte und die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Inmitten dieser schillernden, fluoreszierenden Pracht stand er plötzlich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dignus, sondern Korian genannt werden. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbstmord, aber ich spürte, dass mein Bruder mir etwas äußerst Wichtiges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf diesen Korridor zwischen den Welten bezog, in dem unsere Begegnung stattfand.
Das Aufwachen war schrecklich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außerordentliche Bedeutung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleichzeitig kroch eine bittere, wütende Verzweiflung in mir hoch, denn trotz aller Anstrengungen: An das, was Dignus, was Korian mir gesagt hatte, erinnerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Farben, diese irrsinnigen, unmöglichen Farben. Der Inhalt seiner Worte, selbst der Welten-Korridor: Sie hatten ihre Kontur verloren und sich aufgelöst wie ein Fußabdruck im Sand der Wüste. Verbissen zermarterte ich mir das Hirn, und natürlich hoffte ich inständig, der Traum würde sich wiederholen – vergebens. Die Tür war wieder zugefallen. Dennoch gewöhnte ich mir an, beim Einschlafen das Wenige, das mir noch in Erinnerung ist, Revue passieren zu lassen. Vielleicht würde sich die Tür zu diesem Korridor, die Tür zu Korian noch einmal für mich öffnen!
Der Traum kam nie wieder, nicht in den fast dreißig darauffolgenden Jahren. Oh, ich begann tatsächlich von Korridoren zu träumen, von Korridoren jeder Art und Form und Beschaffenheit – doch nicht von dem Korridor. Und nicht von meinem Zwillingsbruder.
Irgendwann begann ich, meine Erinnerungsfetzen an die Besuche in all diesen verfehlten und wirren Traumkorridoren, die mir den Weg zu dem eigentlichen Korridor verstellten, niederzuschreiben – in der Hoffnung, sie dadurch loszuwerden. Ich nahm dafür die Postkarten, das große Bündel alter Postkarten aus aller Welt, das Dignus einmal auf einem Flohmarkt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich herausstellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vorstellen, er würde sie mir von seinen heimlichen Weltreisen schicken. Das war mir dann doch zu verrückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tatsächlich angetreten hatte.
Als ich dann all die falschen Träume von den in die Irre führenden Korridoren aufschreiben wollten, um sie irgendwie loszuwerden, tat ich das auf den Karten, zwischen die Zeilen, um die exotischen Briefmarken und Poststempel herum, auf jedes freie Stückchen. Und dann, manchmal, drehe ich sie um, betrachte ein vergilbtes Postkartenfoto, und es kommt mir vor, als seien das die Farben, in denen damals jener vergessene Korridor zwischen den Welten geleuchtet hat.
Ich betrete den Korridor endlich doch noch, nach mühsamen Versuchen, in Trance zu fallen. Jetzt bin ich wieder in vertrauter Umgebung. Von Anfang an ist es in meiner Imagination immer dieser Korridor mit den nackten Ziegelwänden und den verblassenden Fresken an der gewölbten Decke gewesen, der mich zu meinen vergangenen Leben geführt hat. Ich studiere sie, um für meine Forschungen als Historiker Details und Informationen zu gewinnen, welche die Quellen, die mir als Wissenschaftler zur Verfügung stehen, niemals hergeben würden. Natürlich darf keiner meiner Kollegen oder gar der Institutsleiter davon erfahren.
Diesmal jedoch ist es anders. Am Ende des Korridors erwartet mich keine Tür, die mich in jeweils andere meist längst vergangene Zeiten mit einer mir seltsam vertrauten Umgebung führt – diesmal öffnet sich der Korridor in einen Garten, der mir ganz fremd vorkommt. Er empfängt mich mit einer fast überwältigenden Farbenpracht, betäubenden Blütendüften und dem Summen ganzer Heerscharen von Insekten. Ein dicker Brummer, wohl ein Mistkäfer, hält auf mich zu, und ich muss mich schnell wegducken, um nicht getroffen zu werden.
In einem Pavillon sitzt ein älterer Herr mit einem feinen, grauen Schnauzbart und sieht mir erwartungsvoll entgegen. Er gießt mir eine Tasse Tee ein. »Sie wollten mich sprechen?«, fragt er freundlich. Ich kenne ihn. Das kann kein vergangenes Leben sein, denn C. G. Jung starb erst 1961. Neben der zierlichen Kanne aus chinesischem Porzellan liegt ein Buch mit rotem Ledereinband.
Wir trinken Tee und reden über Mythen und Archetypen. Ich erläutere ihm meine Überzeugung, dass unsere Welt einen völlig neuen Mythos braucht, der uns die Kraft und die Orientierung verleiht, die Probleme unserer Zeit zu bewältigen: Nur eine universelle Geschichte und Konstellation kann uns, kann die zersplitterte Welt zu einem gemeinschaftlichen Neuanfang, zu einem neuen Aufbruch bewegen, glaube ich. Gilgamesh, Prometheus, Odysseus, Arjuna, Paul Bunyan, Frankenstein, Peter Pan, Harry Potter, Little Nemo (Comic, nicht Film), Rübezahl, Batman, Bernd das Brot – ich habe schon viele mythische Figuren aus unterschiedlichen Kulturen daraufhin abgeklopft, ob sie uns zeitgemäße Antworten bieten könnten oder auch nur Strategien, um Antworten zu finden.
»Geht es um Antworten?«, fragt mein Gesprächspartner pfiffig und nippt an seinem Tee.
Ja und nein. Letztlich geht es wohl um eine gesunde Sichtweise – auf uns selbst und die Welt. Eine, die zu nachhaltigen Lösungen und Fortschritten führt.
Doch ich verliere den Faden und beginne, von dem Korridor zu erzählen. »Ich betrete den Korridor?«, wiederholt mein Gegenüber lächelnd. Das könne nicht der gesuchte neue Mythos sein. Er müsse etwas Verbindendes haben, etwas Kollektives und Gemeinsinn-Stiftendes, das gleichzeitig tief aus dem Unbewussten schöpft. »Versuch es mit ›Wir betreten den Korridor‹«, rät er mir.
Zuerst bin ich etwas konsterniert, dann fühle ich mich mit einem Mal leicht und inspiriert.
»Oder sogar: ›Wir betreten feuertrunken den Korridor‹«, fügt er lächelnd an.
Klar: Wir! Wir alle! Bewegen uns voller Zuversicht und Freude voran in einen Raum voller neuer Möglichkeiten, auf dem besten Weg, den besten Weg, die besten Wege zu finden. Ich bin nicht allein, auch du bist nicht allein. Keiner von uns. Denn wir sind viele! Und wir haben das gleiche Ziel.
Eine vielversprechende Vision.
Ich könne jederzeit wiederkommen, meint mein Gastgeber zum Abschied. Die Suche nach einem neuen Mythos sei eine wichtige Sache, an der er sich gerne mit Rat und Tat beteilige. Froh, eine echte Kapazität als Mitstreiter gefunden zu haben, verlasse ich seinen Pavillon und den üppigen Garten und betrete wieder den Korridor …
Ich betrete den Korridor. Norbus Hausboot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem kleinen Zimmer, in dem ich noch nie gewesen bin: seinem Schlafzimmer.
Norbu liegt im Bett, hustet erbärmlich und sieht hundeelend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papiertaschentücher verstreut.
»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.
»Nee«, sagt er, »hab alles da.«
Neugierig sehe ich mich um. In Norbus Schlafzimmer hatte ich immer seine Bibliothek vermutet, all die Bücher, die er im Laufe seines Lebens angesammelt haben muss. Tatsächlich sehe ich auf dem Regalbord über dem Bett nur ein einziges Buch. Norbu folgt meinem Blick.
»Finnegans Wake«, meint er, »Erstausgabe. Mehr brauch ich nicht.«
Ich nicke, aber vielleicht reicht das nicht, um herauszustellen, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Bibliothek ist. Joyce hat es irgendwie geschafft, das Leben, das Universum und den ganzen Rest da reinzupacken. Ein Buch, das quasi alles enthält. Mehr braucht man nicht.«
Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch hauptsächlich darum, dass ich nur ein, zwei Zeilen lesen muss, und ich falle sofort in tiefen Schlaf.«
»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lippen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch nehmen und wahllos irgendwo aufschlagen wollte, um dann nach einem kurzen Blick hinein wissend zu nicken. Da hab ich wohl etwas danebengegriffen.
»Kein Buch kann den kompletten Kosmos umfassen, das ist romantisierender Schwachsinn.« Norbu muss husten und bittet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern runterbügeln noch zum Hausmädchen degradieren lasse, aber schließlich ist Norbu krank, und vermutlich meint er es nicht böse.
In der kleinen Küche finde ich Kamillentee, den ich aufbrühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlafzimmer trage, um mich zu meinem kranken Freund setzen zu können. Ich gieße uns ein.
»Vielleicht im Sinne eines Hologramms«, sage ich. Während des Teekochens habe ich lange nach irgendwas gesucht, das ich Norbus Abfuhr entgegenhalten kann. »Es ist alles da, nur weniger detailreich.« Ich deute auf das Buch.
Norbu schüttelt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kissen in den Rücken und lehnt sich mit dem Oberkörper an die Holzwandung seines Hausboots. »Da landet man ganz schnell bei romantizistischen Weltvorstellungen. Früher war es die, Gott würde einem höchstpersönlich dabei zuhören, wenn man ihm seine Weihnachtswunschliste vorliest. Heute muss die Quantenphysik dafür herhalten, dass jeder selbst der Schöpfer seiner Wirklichkeit sein will.«
Norbu klingt beleidigt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkältung beschweren. Und da nun mal nicht Gott an seinem Bett sitzt, sondern ich, bekomme eben ich die Breitseite ab.
Aber ich weiß mich zu wehren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das menschliche Bewusstsein sei der nächste unerforschte Kontinent? Und was ist mit Yogis, die sich tagelang begraben lassen und währenddessen offensichtlich ihre Atmung einstellen, oder mit buddhistischen Mönchen im Himalaja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geistes einen lebenden Radiator aus sich machen?«
Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in seinen rotgeäderten Augen den Schalk blitzen zu sehen. »Ja, das möchten wir gern glauben: dass das möglich ist und dass der Geist die Materie beherrscht.« Er stellt seine dampfende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regalbord. »Warum gibt es nur anekdotische Berichte darüber und keine handfesten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es möglich wäre, sich nur von Licht zu ernähren – wie Frau Jasmuheen oder das chinesische Bi Gu behaupten –, warum hat das die Evolution noch nicht genutzt? Außer bei den Pflanzen, meine ich. Aber die tanken bekanntlich kein Prana, sondern nutzen Chlorophyll.« Norbu muss wieder husten, hebt aber diesmal die Hand dabei, um mir zu signalisieren, dass er mit seinem Gedankengang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwischenreden soll. Folgsam warte ich ab.
»Oder«, fährt er schließlich mit einem Kratzen in der Stimme fort, »wenn Telekinese möglich wäre, warum setzen Tiere sie nicht ein? Genauso Teleportation. Oder Levitation. Die Evolution hatte Milliarden Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedanken, sondern Beherrscher der Realität werden zu lassen. Stattdessen lässt sie alles in Handarbeit erledigen. Oder halt per Tentakel, Flosse, Mandibel oder Reißzahn. Richtig?«
Jetzt hat er mich doch ein wenig eingeschüchtert. Ich nicke verdrossen. Irgendwie hatte ich uns beide immer als mutige Entdecker eines neuen und kaum bekannten Kontinents gesehen, als Pioniere einer neuen Sicht auf den Menschen, die endgültig Schluss macht mit dem reduktionistischen Mythos, wir seien nur ein Uhrwerk, eine Maschine oder ein Computer.
»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Nebenerscheinung der Materie und, wie man an beispielsweise an Alzheimer sieht, fehleranfällig und flüchtig. Die Selbstbeweihräucherung, die er besonders in esoterischen Kreisen betreibt, ist nur das Wunschdenken eines überkomplexen und unterbeschäftigten Gehirns.«
Er blickt mich antwortheischend an, und wieder nicke ich grummelnd.
»Könnte man meinen«, fügt er trocken an.
Ich schürze die Lippen und brumme zustimmend, wenn auch widerwillig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoffnungsvoll.
Norbu schnäuzt sich geräuschvoll in ein Taschentuch. »Nicht, wenn das menschliche Bewusstsein eine Emergenz der Evolution darstellt, also etwas, das neu entsteht, aber mehr ist als die Summe seiner Bestandteile und neue Bedingungen und Fähigkeiten schafft, wie sie vorher nicht abzusehen waren. So, wie aus lebloser Materie das Leben selbst hervorgegangen ist.«
»Aha. Also deshalb hat die Evolution im Tierreich keine präkognitiven Raubtiere hervorgebracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antreten, wenn sie genau wissen, dass sie erfolgreich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht komplex genug dafür. In Gegensatz, willst du sagen, zu unseren.«
»Na ja«, meint Norbu, »es gibt Forschungen, die nahelegen, dass wir unbewusst Ereignisse vorherwissen können. Bei solchen nämlich, die viele Menschen auf der Erde bewegten, zeigten zum Beispiel Zufallsgeneratoren Auffälligkeiten. Und zwar schon, bevor das Ereignis überhaupt eintrat.«
So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tatsächlich: »Aber insgesamt sehe ich uns da auf der alleruntersten Stufe der Kompetenz.«
Darüber hatten wir vor Jahren einmal gesprochen. Ich fand die die Einteilung in vier Stufen damals sehr hilfreich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbewusster Inkompetenz«.
Norbu nickt: »Nicht im Entferntesten wissen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«
»Gefolgt von ›bewusster Inkompetenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«
»Genau. Dann erarbeitet man sich die ›bewusste Kompetenz‹ …«
»Die schließlich zu ›unbewusster Kompetenz‹ wird, wie flüssig sprechen können oder das Gleichgewicht halten und auf zwei Beinen gehen – ohne ständig drüber nachdenken zu müssen.«
Norbu nippt inzwischen wieder an seinem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeitlang sagen wir nichts.
»Wir stehen ganz am Anfang«, sage ich schließlich nachdenklich, »aber einige ahnen schon den unentdeckten Kontinent am Horizont.«
»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kurzen Hustenanfall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wieder etwas Verständliches über die Lippen bringen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kontinent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade komplett neu erträumen.«
Es dauert ein paar Momente, bis mir zu Bewusstsein kommt, was für Möglichkeiten er da gerade angesprochen hat. Beides, das Finden und das Erfinden, hätte ungeahnte Konsequenzen dafür, wie die Welt beschaffen ist und was sie im Innersten zusammenhält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.
»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schlafen.«
»Oh, okay«, sage ich und trinke hastig meinen Tee aus. »Kann ich noch irgendwas für dich tun?«
Norbu schüttelt lächelnd den Kopf, rutscht wieder ganz unter seine Decke und rüttelt sich das Kissen zurecht. »Der Blick ins Universum – und natürlich besonders der in ein ganz neues Universum am Horizont – macht mich immer ganz müde«, murmelt er. »Wegen der ungeheuren Chance und Verantwortung.« Und damit ist er eingeschlafen.
Ich mache die Tür zum Hausboot leise hinter mir zu. »Chance und Verantwortung!« Als ich mich auf mein Fahrrad schwinge, fühle ich mich inspiriert und voller Tatendrang, weiß aber leider gar nicht, wozu genau.
Ich betrete den Korridor, oder besser: Ich will ihn betreten, doch an der Schlafzimmertür hängt innen ein Schild, auf dem mit großen Buchstaben steht: »Dieser Korridor streikt.«
Oha. Mein Korridor streikt? Heißt das, ich komme nicht vom Schlafzimmer ins Bad? Unschlüssig bleibe ich stehen, die Hand auf der Klinke. Eigentlich bin ich spät dran. Regierungsgeschäfte warten auf mich. Andererseits kommt mir zu Bewusstsein, dass Korridore tatsächlich kaum Wertschätzung und Respekt erfahren – von mir genauso wenig wie von anderen. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle. Ohne Korridore würde vieles in unserem Land nicht mehr funktionieren. Die Wirtschaft, die Medien, der ganze Dienstleistungssektor, die Industrie: Sie alle würden ohne Korridore zum Erliegen kommen oder zumindest empfindlich gestört werden.
Aber dankt es ihnen jemand? Nein. Es gibt nicht einmal ein Denkmal für Korridore. Dies muss sich dringend ändern, und ich bin der Mann, der es durchzusetzen und für sich und die Partei nutzbringend auszuschlachten weiß! So ist allen geholfen. Ich sehe mich schon zu den Klängen einer Blaskapelle das Kunstwerk enthüllen.
Hm, jetzt streiken sie also. Ich überlege, ob der Streik der Korridore vielleicht um sich greifen könnte. Streiken demnächst die Fenster, die Türen, die Dächer über unseren Köpfen? Aber diese genießen weit größere Aufmerksamkeit: Man spricht davon, dass die Augen die Fenster zur Seele sind und schmeißt das Geld zum Fenster hinaus. Man kann Tür an Tür wohnen oder eine Politik der offenen Tür betreiben. Man kriegt manchmal eins aufs Dach oder bringt ein Gesetz unter Dach und Fach. Aber ein Korridor? Wann habe ich zuletzt das Wort Korridor in den Mund genommen? Stimmt. Die haben wirklich allen Grund zu streiken.
Doch was heißt es konkret, dass mein Korridor streikt? Ist er nicht zum Dienst angetreten? Verweigert er vielleicht nur seinen Dienst oder beschränkt sich auf den Dienst nach Vorschrift? Ist es ein Bummelstreik? Und gilt das für alle Korridore der Stadt, im Land, in Europa? Gibt es Aussperrungen? Streikbrecher? Ist der Streik – hoffentlich – befristet? Und was sind die Forderungen der Korridore?
Ich hege die Hoffnung, dass sich mir all diese Fragen beantworten, wenn ich die Tür öffne. Also drücke ich die Klinke herunter, leise, weil meine Frau noch schläft und ich sie nicht wecken will.
Dahinter: der Korridor. Er sieht friedlich aus, als sei nichts geschehen, und es gibt keine weiteren Anzeichen für einen Streik. Vorsichtig setze ich meinen Fuß auf den Boden des Korridors. Er fühlt sich an wie immer. Auch den zweiten Fuß setze ich darauf. Ich stehe sicher.
Soll ich den Korridor ansprechen? Nach seinen Forderungen fragen? Oder ihm einfach erst einmal meine Hochachtung zollen und mich für seine langjährigen ergebenen Dienste bedanken, um für den aussichtsreichen Verhandlungsverlauf gleich zu Anfang eine gute Stimmung zu erzeugen?
Ich höre ein Kichern. Der Korridor kichert?!
Nein, es sind die Zwillinge. »April, April!«, rufen meine Söhne fröhlich, kommen aus ihrem Zimmer geschossen und tanzen in ihren Schlafanzügen um mich herum. Nun, da haben sie mich ja gehörig ins Bockshorn gejagt. Ich schüttle sie ab und schließe die Badezimmertür hinter mir.
Vielleicht, überlege ich beim Zähneputzen, sollte ich die Idee mit dem Denkmal bei der Chefin anregen. Sie ist eigentlich gar nicht mal so schlecht. Korridore werden hierzulande wirklich sträflich missachtet.