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Das Titelbild zeigt eine offene Holztür in einem dunklen Raum mit einem leuchtenden, sternförmigen, kaleidoskopischen Muster, das in der Türöffnung schwebt. Ein digitaler Button oben rechts zeigt das Piktogramm einer Galaxie, durch die ein Riss verläuft.

♫ Heim­sókn ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, weil ich ein selt­sa­mes Geräusch gehört habe. Auf Kopf­höhe leuch­tet an der Haus­tür ein blen­den­des Licht auf, zwei‑, drei­mal. Schweißt sie jemand von außen auf? Es leuch­tet wie­der glei­ßend auf, drei­mal, wie ein Klop­fen, doch völ­lig laut­los. Ohne lang nach­zu­den­ken reiße ich, obwohl ich nur im Pyjama dastehe, die Tür auf.

Im nächt­li­chen Trep­pen­flur steht – etwas. Oder bes­ser: es schwebt. Es wirkt wie ein drei­di­men­sio­na­les Kalei­do­skop, des­sen leuch­tende Split­ter stän­dig nach innen wan­dern, bis sie plötz­lich die Rich­tung ändern und wie geschmol­ze­nes Eisen vom Zen­trum aus nach außen ver­lau­fen.

Die Stimme ist sehr leise und sanft, und es kommt mir vor, als höre ich ein ver­trau­tes, gelieb­tes Wie­gen­lied. Sie sagt: »Du hast einen Spi­ral­arm der Gala­xis ver­damp­fen las­sen.«

Ich starre die Erschei­nung an. Mir feh­len die Worte. Ich will weg­ren­nen, mich ver­ste­cken oder ein­fach nur ohn­mäch­tig wer­den. Aber es ist, als wür­den meine Gedan­ken kei­nen Wider­hall mehr in mei­nem Kör­per fin­den, keine Andock­stelle, um eine tat­säch­li­che Hand­lung aus­zu­lö­sen. Ich bleibe ein­fach stock­steif vor die­sem Ding ste­hen.

»Du hast eine Maschine gebaut«, sagt die Stimme.

Eine Maschine? Ja, da war was. Aber das war nicht ich. Nur ein Traum. Seit Wochen wache ich immer um genau die­selbe Zeit mit­ten in der Nacht auf, um 2:22 Uhr, und erin­nere mich jedes Mal an einen leb­haf­ten Traum, in dem ich eine Art Inge­nieur bin, der wie beses­sen an einer hoch­kom­ple­xen Maschine baut – sie füllt fast die ganze von mir gemie­tete Lager­halle aus und ver­wen­det starke Hadro­nen-Laser und eine Art minia­tu­ri­ser­ten Fusi­ons­re­ak­tor, um die Schwer­kraft zu mani­pu­lie­ren und das Raum­zeit­kon­ti­nuum auf­zu­spren­gen. Traum für Traum voll­endete ich mein Werk, obwohl ich ins­ge­heim wusste, dass die Anlage unkon­trol­lier­bare Neben­wir­kun­gen haben konnte. Bis ich schließ­lich letzte Nacht die fer­tige Maschine in Gang setzte. Was sie bewirkte, kann ich nicht sagen, denn in dem Moment, in dem sie hoch­lief und auf Tou­ren kam, wachte ich auf. Das war ges­tern. Es war 2:22 Uhr.

Auch jetzt wie­der, mit­ten in der Nacht, könnte es 2:22 Uhr sein. Aber dies ist kein Traum.

»Du hast eine Maschine gebaut«, wie­der­holt die Stimme, wäh­rend ich wie hyp­no­ti­siert auf das zeit­lu­pen­hafte Flie­ßen flüs­si­gen Metalls starre und gleich­zei­tig ahne, dass mir das Wesen mit sei­nem sanf­ten Sing­sang etwas Schreck­li­ches mit­tei­len will.

»Deine Maschine hat die Dimen­sio­nen der Welt durch­lö­chert, dei­nen Pla­ne­ten zer­trüm­mert und dazu noch viele, viele Sterne und Pla­ne­ten im Umkreis mit ins Ver­der­ben geris­sen.«

»Aber das ist doch Unsinn! Die Erde ist nicht unter­ge­gan­gen, nur weil ich irgend­was geträumt habe!«

Das Kalei­do­skop­mus­ter ver­än­dert sich, ohne dass ich sagen kann, wie. Die Stimme erscheint mir jetzt stren­ger. Sie sagt: »Die Welt in dei­nem Traum war real. So real wie diese hier. Wir hat­ten gehofft, dass du dich im letz­ten Moment ent­schei­den wür­dest, die Maschine nicht in Gang zu set­zen, son­dern sie zu zer­stö­ren.«

»Ich hatte doch keine Ahnung, was sie bewirkt!« Wirk­lich nicht? Doch. Im Traum wusste ich sehr wohl, was für ein Risiko ich ein­ging. Ich hatte es nur immer wie­der ver­drängt.

»Viele Zivi­li­sa­tio­nen muss­ten ster­ben«, sagt die Stimme.

Mei­net­we­gen? Ich soll daran schuld sein? »Was ist mit dir?«, frage ich, »du lebst doch – nehme ich an.«

»Einige, wenige Wesen wur­den wie ich durch die per­fo­rier­ten Dimen­sio­nen in par­al­lele Wel­ten geschleu­dert.«

Par­al­lele Wel­ten: Im Traum ver­drängte ich immer wie­der die Sorge, meine genial aus­ge­tüf­telte Maschine, mit der ich die Vaku­um­fluk­tua­tion anzap­fen wollte, um unbe­grenzt viel Freie Ener­gie zu erzeu­gen, könnte das Gefüge von Zeit und Raum durch­ein­an­der­brin­gen. Und jetzt steht ein Wesen vor mir, das durch ein Dimen­si­ons­loch in meine Welt geschleu­dert wurde – viel­leicht der letzte Über­le­bende einer gan­zen pla­ne­ta­ren Zivi­li­sa­tion, die ich auf dem Gewis­sen habe. Nur lang­sam kommt mir die unge­heure Bedeu­tung des­sen, was mir das Wesen da gerade mit­teilt, zu Bewusst­sein.

»Wenn ihr davon wuss­tet: Warum habt ihr es nicht ver­hin­dert?«, frage ich mit beleg­ter Stimme.

»Das musst du schon selbst tun«, ant­wor­tet das flüs­sige Kalei­do­skop, das vor mir im Trep­pen­flur schwebt.

»Wie?«, frage ich ver­dat­tert.

Das Wesen schwebt lang­sam auf­wärts und ver­blasst. Es hat seine Bot­schaft über­bracht und tritt nun den Rück­weg an – wohin auch immer. »Wie soll ich das anstel­len?«, rufe ich.

Das Wesen ver­schwin­det. Ich höre keine Ant­wort mehr, aber in mei­nem Kopf bil­det sich ein Gedanke, der sagt: »Erträume eine neue Welt.«

Eine heil­lose Ver­zweif­lung ergreift mich. Das war nicht ich!, schreie ich inner­lich. Es war die­ser ver­blen­dete Inge­nieur!

Doch das Wesen hat recht: Ich war der Mann in den Träu­men, der ent­schie­den hat, das Risiko in Kauf zu neh­men. Ich habe die Mensch­heit auf dem Gewis­sen, ich habe mit mei­ner Beses­sen­heit und Gier nach Ruhm Mil­li­ar­den von Men­schen in den Tod geris­sen, und ein gan­zes Stück unse­rer Milch­straße gleich mit. Ich will es weg­schie­ben, abstrei­ten, irgend­je­mand ande­rem die Schuld geben. Aber obwohl es nur Träume waren, weiß ich tief in mei­nem Inne­ren, dass mein Besu­cher recht hat mit sei­ner Schuld­zu­wei­sung. Ich war die­ser beses­sene Inge­nieur, der alle bösen Vor­ah­nun­gen in den Wind geschrie­ben hat und die Maschine in Gang setzte.

Als ich die Haus­tür schließe, zit­tert meine Hand. Ich muss es ver­hin­dern!, denke ich, und gleich­zei­tig lache ich bit­ter: Wie soll ich etwas ver­hin­dern, das bereits gesche­hen ist?

Aber könnte nicht ein Raum-Zeit-Gefüge, in dem es Par­al­lel­wel­ten gibt, auch die Mög­lich­keit beinhal­ten, die Zeit zurück­zu­dre­hen? Hat das Kalei­do­skop-Wesen viel­leicht davon gespro­chen, als es sagte »Das musst du schon selbst tun«?

Wenn es stimmt, beschließe ich, – wenn es wahr ist, das durch meine Schuld die Mensch­heit und noch eine Hand­voll wei­te­rer Zivi­li­sa­tio­nen zer­stört wur­den – dann werde ich diese furcht­bare Tat um jeden Preis ver­ei­teln! Zah­len, Glei­chun­gen, Schal­tun­gen gehen mir durch den Kopf. Die lan­gen Nächte als Inge­nieur haben sich aus­ge­zahlt. Lang­sam ver­dich­tet sich in mei­nem Geist das Bild von einer Appa­ra­tur, einer Zeit- und Welt­ma­schine, die nur einen ein­zi­gen Zweck hat und nur ein ein­zi­ges Mal zum Ein­satz kom­men wird. Sie wird eine Art Arche sein. Doch ich werde sie nicht mit Tie­ren oder Men­schen fül­len: Sie wird mich an einen Ort und zu einem Zeit­punkt brin­gen, der es mir mög­lich macht, zu ver­hin­dern, dass ich Löcher in das Dimen­si­ons­ge­füge des Kos­mos stanze. Ich werde es unge­sche­hen machen, und zwar auf gründ­li­che, phy­si­ka­li­sche Weise! Es muss mög­lich sein!

In die­ser Nacht liege ich noch lange wach.