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Das Titelbild ist ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt einen Schreibtisch, auf dem mehrere altmodische Fernseher oder Überwachungsmonitore übereinander gestapelt sind. Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven einen Mann, der auf einem Stuhl sitzt. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 07 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Before the Ritual ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Ein uni­for­mier­ter Beam­ter, den ich hier noch nie gese­hen habe, tritt mir ent­ge­gen. »Ich will zu Albo«, sage ich und folge ihm durch den Gang, bis er an eine Tür klopft.

Drin­nen sitzt der Kom­mis­sar vor meh­re­ren Moni­to­ren, die offen­bar das Ver­hör­zim­mer zei­gen. An einem schmuck­lo­sen Holz­tisch dort, allein: ein Mann. Er trägt Hand­schel­len und hat seine Hände auf den Tisch gelegt.

»Wir haben ihn«, sagt Albo und blickt zu mir hoch, »und ich will dich unbe­dingt beim Ver­hör dabei haben.«

Viel­leicht wär’s nett gewe­sen, zuerst eine Ent­schul­di­gung von ihm dafür zu hören, mich mit­ten in der Nacht in die Poli­zei­di­rek­tion zu beor­dern. Aber das ist halt nicht Albos Art. Dabei hat mich sein Anruf aus dem Tief­schlaf geris­sen, und ich fühle mich immer noch, als sei ich see­krank und die Welt von Watte.

»Er wollte in den Alex ein­bre­chen. Den Fern­seh­turm«, fügt er über­flüs­si­ger­weise hinzu.

»Hat er da … ein wei­te­res Herz in einen Kor­ri­dor legen wol­len?«

Es ist ein jun­ger Mann mit zer­zaus­ten blon­den Haa­ren. Ich sehe getrock­nete blaue Farbe an sei­nen Hän­den und auf sei­nem Over­all.

Albo kratzt sich die Augen­braue und schüt­telt dann den Kopf: »Er hat sich als Anstrei­cher getarnt, mit Blau­mann und Farb­ei­mer und so, ist aber auf­ge­flo­gen, als er über die Not­treppe nach oben wollte.«

»Also kein Herz«, sage ich erleich­tert, »und wie steht es mit Tex­ten?«

»Fehl­an­zeige«, sagt Albo, »damit wär er ja auch zu früh dran. Der wollte nur den nächs­ten Kor­ri­dor aus­kund­schaf­ten. An den wich­tigs­ten Wahr­zei­chen der Stadt lasse ich seit ein, zwei Näch­ten ver­mehrt Streife gehen.«

»Hat er was gesagt? Gestan­den?« Ich ver­su­che den Mann auf dem Moni­tor irgend­wie ein­zu­ord­nen. Seine Augen schei­nen ins Leere zu star­ren, doch viel­leicht täuscht das Moni­tor­bild auch. Er ist jung. Eigent­lich viel zu jung. Zu grün hin­ter den Ohren.

»Nichts aus ihm raus­zu­krie­gen«, sagt Albo, aber trotz­dem wirkt er ein wenig stolz und erleich­tert. Er boxt mir jovial in den Ober­schen­kel: »Ich hoffe, du knackst ihn mir. Bevor ich zu mei­nen Metho­den grei­fen muss.«

»Und wenn er es gar nicht ist?«, frage ich. Albo rutscht unru­hig auf sei­nem Hocker hin und her: »Was soll er sonst da auf dem Alex gewollt haben?«

»Selbst­mord«, sage ich, »eine Wette mit sei­nen Kum­pels, ein Lie­bes­be­weis für seine Ange­be­tete …«

Albo macht eine fah­rige Hand­be­we­gung.

Ich lasse nicht locker: »Ich glaube kaum, dass der Kerl weiß, was die Viele-Wel­ten-Theo­rie ist.«

»Viele-Wel­ten-Theo­rie?«, fragt Albo.

»Text 63«, sage ich, »und ich bezweifle auch, dass er weiß, wie man ›Mega­lith­völ­ker‹ schreibt, Nr. 97, oder …«

Albo ist auf­ge­stan­den. »Denk dir lie­ber mal aus, wie wir ihn zu einem Geständ­nis brin­gen!«

»Uwe, Mann, sieh’s ein: Das ist nicht der Typ, den wir suchen. Soll­ten deine Leute aller­dings bei ihm in der Woh­nung fünf­zig Schreib­ma­schi­nen fin­den, ruf mich an, mei­net­hal­ben auch mit­ten in der Nacht, und ich komm auf den Knien hier­her­ge­kro­chen und ent­schul­dige mich bei dir.« Manch­mal muss man bei Albo mit dem Zaun­pfahl win­ken – oder bes­ser noch: damit auf ihn ein­schla­gen –, damit er kapiert, dass er sich ver­rannt hat.

Er sackt jeden­falls sicht­lich in sich zusam­men: »Dabei war ich mir so sicher.«

»Du bist über­ar­bei­tet. Wenn ich dir einen guten Rat als Freund geben darf: Nimm dir ein paar Tage frei, fahr in die Dat­sche am See, setz dich in die Sonne und starr Löcher in die Luft.«

Albo lächelt säu­er­lich.

»Tut mir leid«, sagt er, und ich spüre, dass die Worte nicht so rich­tig aus sei­nem Mund her­aus­wol­len, »dass ich dich aus dem Schlaf geholt habe. War’n biss­chen vor­ei­lig von mir, fürchte ich. Kaf­fee?«

Ich schüttle den Kopf. »Dann komm«, sagt er, »ich fahr dich nach Hause.« Das kenn ich schon. Mit Blau­licht über rote Ampeln. Nie wie­der. Da lass ich mir lie­ber ein Taxi rufen.

Das lässt auf sich war­ten, und ich gehe doch noch zu dem Anstrei­cher rein.

»Tach«, sage ich und warte keine Ant­wort ab, »viel­leicht kann ich dir für ein Graf­fiti auf dem Alex­an­der­turm eine Geneh­mi­gung besor­gen. Man muss halt die rich­ti­gen Leute ken­nen. Isses denn ein guter Spruch?«

Er blickt mich an, als sei ich eine Erschei­nung. Schließ­lich öff­net er den Mund, bewegt ihn mehr­mals wie ein nach Luft schnap­pen­der Fisch und ant­wor­tet schließ­lich: »Sollte unser Logo wer­den.«

»Aha«, sage ich, »ein Fir­men­logo?«

»Nein, nein: das von mir und mei­ner Freun­din.« ›Fal­sche Rei­hen­folge, Freund­chen‹, denke ich, ›so wird das nix mit euch bei­den.‹ Ich will ihn fra­gen, was es für ein Logo ist, aber da kommt der Beamte rein, der mich zu Albo geführt hatte, und flüs­tert mir ins Ohr: »Ihr Taxi ist da.«

»Dann viel Spaß noch«, sage ich, hebe meine Hand, und tat­säch­lich hebt der Kerl auch seine Hand, als seien wir Kum­pels. O selige Blau­äu­gig­keit! Ver­mut­lich kann diese Gene­ra­tion nicht für fünf Pfen­nig den­ken, weil die Pfen­nige abge­schafft wur­den. Alles geht den Bach run­ter.

Der Taxi­fah­rer will mir was von irgend­wel­chen Fuß­ball­spie­len erzäh­len. Albo würde jetzt sagen: »Schnauze hal­ten und fah­ren.« Ich ver­such das auch mal – und siehe da, es funk­tio­niert präch­tig.