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♫ Before the Ritual ♫
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Ich betrete den Korridor. Ein uniformierter Beamter, den ich hier noch nie gesehen habe, tritt mir entgegen. »Ich will zu Albo«, sage ich und folge ihm durch den Gang, bis er an eine Tür klopft.
Drinnen sitzt der Kommissar vor mehreren Monitoren, die offenbar das Verhörzimmer zeigen. An einem schmucklosen Holztisch dort, allein: ein Mann. Er trägt Handschellen und hat seine Hände auf den Tisch gelegt.
»Wir haben ihn«, sagt Albo und blickt zu mir hoch, »und ich will dich unbedingt beim Verhör dabei haben.«
Vielleicht wär’s nett gewesen, zuerst eine Entschuldigung von ihm dafür zu hören, mich mitten in der Nacht in die Polizeidirektion zu beordern. Aber das ist halt nicht Albos Art. Dabei hat mich sein Anruf aus dem Tiefschlaf gerissen, und ich fühle mich immer noch, als sei ich seekrank und die Welt von Watte.
»Er wollte in den Alex einbrechen. Den Fernsehturm«, fügt er überflüssigerweise hinzu.
»Hat er da … ein weiteres Herz in einen Korridor legen wollen?«
Es ist ein junger Mann mit zerzausten blonden Haaren. Ich sehe getrocknete blaue Farbe an seinen Händen und auf seinem Overall.
Albo kratzt sich die Augenbraue und schüttelt dann den Kopf: »Er hat sich als Anstreicher getarnt, mit Blaumann und Farbeimer und so, ist aber aufgeflogen, als er über die Nottreppe nach oben wollte.«
»Also kein Herz«, sage ich erleichtert, »und wie steht es mit Texten?«
»Fehlanzeige«, sagt Albo, »damit wär er ja auch zu früh dran. Der wollte nur den nächsten Korridor auskundschaften. An den wichtigsten Wahrzeichen der Stadt lasse ich seit ein, zwei Nächten vermehrt Streife gehen.«
»Hat er was gesagt? Gestanden?« Ich versuche den Mann auf dem Monitor irgendwie einzuordnen. Seine Augen scheinen ins Leere zu starren, doch vielleicht täuscht das Monitorbild auch. Er ist jung. Eigentlich viel zu jung. Zu grün hinter den Ohren.
»Nichts aus ihm rauszukriegen«, sagt Albo, aber trotzdem wirkt er ein wenig stolz und erleichtert. Er boxt mir jovial in den Oberschenkel: »Ich hoffe, du knackst ihn mir. Bevor ich zu meinen Methoden greifen muss.«
»Und wenn er es gar nicht ist?«, frage ich. Albo rutscht unruhig auf seinem Hocker hin und her: »Was soll er sonst da auf dem Alex gewollt haben?«
»Selbstmord«, sage ich, »eine Wette mit seinen Kumpels, ein Liebesbeweis für seine Angebetete …«
Albo macht eine fahrige Handbewegung.
Ich lasse nicht locker: »Ich glaube kaum, dass der Kerl weiß, was die Viele-Welten-Theorie ist.«
»Viele-Welten-Theorie?«, fragt Albo.
»Text 63«, sage ich, »und ich bezweifle auch, dass er weiß, wie man ›Megalithvölker‹ schreibt, Nr. 97, oder …«
Albo ist aufgestanden. »Denk dir lieber mal aus, wie wir ihn zu einem Geständnis bringen!«
»Uwe, Mann, sieh’s ein: Das ist nicht der Typ, den wir suchen. Sollten deine Leute allerdings bei ihm in der Wohnung fünfzig Schreibmaschinen finden, ruf mich an, meinethalben auch mitten in der Nacht, und ich komm auf den Knien hierhergekrochen und entschuldige mich bei dir.« Manchmal muss man bei Albo mit dem Zaunpfahl winken – oder besser noch: damit auf ihn einschlagen –, damit er kapiert, dass er sich verrannt hat.
Er sackt jedenfalls sichtlich in sich zusammen: »Dabei war ich mir so sicher.«
»Du bist überarbeitet. Wenn ich dir einen guten Rat als Freund geben darf: Nimm dir ein paar Tage frei, fahr in die Datsche am See, setz dich in die Sonne und starr Löcher in die Luft.«
Albo lächelt säuerlich.
»Tut mir leid«, sagt er, und ich spüre, dass die Worte nicht so richtig aus seinem Mund herauswollen, »dass ich dich aus dem Schlaf geholt habe. War’n bisschen voreilig von mir, fürchte ich. Kaffee?«
Ich schüttle den Kopf. »Dann komm«, sagt er, »ich fahr dich nach Hause.« Das kenn ich schon. Mit Blaulicht über rote Ampeln. Nie wieder. Da lass ich mir lieber ein Taxi rufen.
Das lässt auf sich warten, und ich gehe doch noch zu dem Anstreicher rein.
»Tach«, sage ich und warte keine Antwort ab, »vielleicht kann ich dir für ein Graffiti auf dem Alexanderturm eine Genehmigung besorgen. Man muss halt die richtigen Leute kennen. Isses denn ein guter Spruch?«
Er blickt mich an, als sei ich eine Erscheinung. Schließlich öffnet er den Mund, bewegt ihn mehrmals wie ein nach Luft schnappender Fisch und antwortet schließlich: »Sollte unser Logo werden.«
»Aha«, sage ich, »ein Firmenlogo?«
»Nein, nein: das von mir und meiner Freundin.« ›Falsche Reihenfolge, Freundchen‹, denke ich, ›so wird das nix mit euch beiden.‹ Ich will ihn fragen, was es für ein Logo ist, aber da kommt der Beamte rein, der mich zu Albo geführt hatte, und flüstert mir ins Ohr: »Ihr Taxi ist da.«
»Dann viel Spaß noch«, sage ich, hebe meine Hand, und tatsächlich hebt der Kerl auch seine Hand, als seien wir Kumpels. O selige Blauäugigkeit! Vermutlich kann diese Generation nicht für fünf Pfennig denken, weil die Pfennige abgeschafft wurden. Alles geht den Bach runter.
Der Taxifahrer will mir was von irgendwelchen Fußballspielen erzählen. Albo würde jetzt sagen: »Schnauze halten und fahren.« Ich versuch das auch mal – und siehe da, es funktioniert prächtig.

