30/398

♫ This Sudden Hallelujah Feeling ♫
30/398
Ich betrete den Korridor. Einen Moment lang bin ich hier allein. Gleich wird mein Name fallen, und ich soll raus auf die Bühne treten. In dem Leih-Frack ist mir unwohl. Mit der Fliege am Revers fühle ich mich wie zum Karneval verkleidet. Ich schwitze in dem ungewohnten Aufzug, und als ich mir über die Stirn wische, sind da auch schon die ersten Schweißperlen. Oh Mann! An meinen Magen darf ich gar nicht denken. In was für eine Situation habe ich mich da nur gebracht?
Dabei – führe ich mir vor Augen – habe ich doch jetzt endlich die Chance, viele Menschen zu erreichen. Aber was soll meine Botschaft sein? Wie kann ich etwas bewirken, nicht nur in der Presse und der Blogosphäre, sondern ganz handfest in der Welt?
Meine schweißfeuchten Finger umklammern den Zettel in der Fracktasche mit den Notizen für meine Dankesrede. Dies ist die eine von zwei Versionen, die offizielle, die ich mit den Veranstaltern absprechen musste. Die andere, inoffizielle, geheime, existiert nur in meinem Kopf: eine Kampfansage ans Establishment, ein flammender Aufruf gegen die allgegenwärtige Profitgier und die gedanken- und gnadenlose Plünderung unserer Ressourcen – der literarischen und mythologischen, die unseren Kindern eine leere und lebensfeindliche Welt aus lauter Worthülsen hinterlassen wird.
Vom Saal her dringt gedämpft Applaus zu mir. Gleich ist es soweit. Ich zerknülle den Zettel in meiner Fracktasche und innerlich den mit den Notizen für meine Revolutionsrede. Ich werde da rausgehen, den Korridor verlassen und die Bühne betreten, um dann einfach das zu sagen, was mir einfällt – indem ich mit dem Satz anfange, den vermutlich alle von mir erwarten, ob sie’s wissen oder nicht, und dann improvisiere, wie ich es immer tue, immer schon getan habe.

