Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Thriller

51/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt von oben zwei Männer hinter einem Absperrband auf einem gepflasterten Boden mit einem Stapel Papier in der Mitte und langen, ins Bild fallenden Schatten. Ein Overlay zeigt die Nummer 01 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Thundersnow ♫


51/398

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Ich betrete den Korridor. In die Siegessäule hat es mich bisher nie verschlagen. Ist wohl auch nur was für Touris. Diesmal sind keine hier, weil die Mordkommission alles abgesperrt hat. Uwe Albo tritt mir entgegen. »So was ist mir im Lebtag noch nicht untergekommen. Echt übel. Den Scheißkerl kauf ich mir persönlich, wenn …« Er verliert den Faden. Sieht verstört aus. Dem kann ich nachhelfen: »Den Kerl? Oder die Frau?« Albo stutzt, aber merkt schnell, dass ich natürlich noch nicht mehr wissen kann als er. »So was macht keine Frau.« Er gibt mir den Weg frei. Der Fotograf ist gerade bei der Arbeit. Sein Blitz erhellt einen Stapel loser Blätter, auf dem ein blutiger Klumpen Fleisch liegt. Ein frisches Herz, wie es scheint, und zwar vermutlich das eines Menschen, sonst wären wohl kaum Albo und die Mordkommission angerückt – und er hätte auch mich nicht gleich herkommen lassen. Na, das Jahr hört ja gut auf. Ich sehe mich in dem Korridor um, kann aber nichts psychologisch Besonderes entdecken.

Später in seinem Büro drückt mir Kommissar Albo, nachdem ich gefühlte zwanzig Papptassen voller bitterem Kaffee auf ihn gewartet habe, die Blätter in die Hand. Das Blut hat dunkelrote Flecken darauf hinterlassen. Ich bin ganz froh, dass die Forensiker jedes einzelne Blatt in eine Plastikhülle gesteckt haben.

»Es sind fünfzig«, sagt Albo. Er sieht müder aus als sonst – seine dunklen Tränensäcke scheinen noch mehr vom Leid der Welt absorbiert zu haben. »Durchnummeriert.« Er lässt sich auf seinen Drehstuhl fallen. »Sonst haben wir nichts. Täter-DNA, Fingerabdrücke, Fußspuren: Fehlanzeige.« Ich sehe die Blätter durch. Maschinegeschriebenes. Kurze Texte. Geschichten. Kein Bekennerbrief allem Anschein nach. Auch keine Liebesbriefe. »Das Herz?«, frage ich.

Albo greift nach seinem Handy, als habe es gerade vibriert. Aber er muss sich getäuscht haben, steckt es mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln wieder weg. »Das Herz, ja. Das Opfer ist männlich, dem Blut nach. Vom Rest keine Spur.«

Ich stehe auf und winke mit dem Blätterstapel: »Guck ich mir zuhause mal näher an.« Albo sieht mich an, als hätte ich gerade mein Jackett geöffnet und ihm einen Sprengstoffgürtel präsentiert: »Die kannst du nicht mitnehmen. Hast du sie noch alle? Das ist wichtiges Beweismaterial.« Ich mache die drei Schritte zum Kopierer und hebe den Deckel hoch. Der Schnelleinzug nützt mir hier nichts, mit dem Plastik um die Blätter. Albo sieht aus, als wolle er protestieren. Grünes Leuchten fährt unter dem Deckel entlang. Kann das Kopiererlicht irgendwelche Spuren vernichten? Albo scheint zu dem Ergebnis zu kommen, dass das eher unwahrscheinlich ist. Er sackt wieder auf seinen Stuhl zurück. Dass wir es mit einer kranken Psyche zu tun haben, muss er gleich gespürt haben. Sonst wär ich jetzt nicht hier.

Ich lege das zweite Blatt auf. Auf dem ersten, das ich zur Seite lege, ist jede Menge eingetrocknetes Blut, das auf der Kopie hässliche schwarze Kontinente hinterlassen hat, ähnlich der Tintenkleckse für einen Rorschachtest. Die Flecke umfließen den Text mit der Nummer 1 auf dem Blatt. Es ist nur ein einziger Satz. Er lautet: »Ich betrete den Korridor …«

55/398

Das Titelbild, ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand, zeigt einen Blick aus einem Büro mit Schreibtisch, Telefonen und Papieren auf eine Stadt mit Feuerwerk über einem Fluss bei Nacht.

♫ Under the Throne ♫


55/398

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Ich betrete den Korridor. Die Neonröhre flackert. Die Tür zu Albos Büro ist nur angelehnt. »Komm rein«, ruft er, »frohes Neues!«. Er sitzt halb im Lichtkegel seiner Schreibtischlampe. Der Rest des Zimmers ist dunkel. Draußen gehen ein paar verspätete Raketen hoch. Es ist lange nach Mitternacht.

»Frohes Neues!«, antworte ich, obwohl mich der grausige Fund vom Morgen des Tages nicht gerade froh gestimmt hat.

»Und?«, fragt er. Mir ist klar, was er von mir will. Albo muss einen Mörder finden, und ich soll ihm dabei helfen. Ich gehe erst mal zur Kaffeemaschine. Ihr rotes Betriebslämpchen leuchtet mir den Weg. Schlechte Angewohnheit, aber sicherlich besser, als immer sofort zu was Hochprozentigem zu greifen.

Auch Albo hat dieses Silvester offenbar mit Kaffee begangen. Und er hat sich, sehe ich, ebenfalls Kopien der fünfzig Blätter gemacht. Vermutlich hat er sie in den letzten Stunden ebenso oft gelesen wie ich. Wäre sogar eine ganz nette Lektüre für den Jahreswechsel gewesen, wenn nicht gerade ein menschliches Herz drauf gelegen hätte.

Albos Kopf bleibt im Dunkeln. Vielleicht sogar besser so. Ich setze mich ihm gegenüber: »Alles maschinegeschrieben. Also Schreibmaschine, meine ich. Und zwar unterschiedliche Schreibmaschinen, dem Schriftbild nach zu urteilen.«

»Fünfzig verschiedene Schreibmaschinen. Ich hab das schon checken lassen. Es gibt da einen Ebay-Account, Rechtschreibfehler68, der hat sich vor Monaten fünfzig alte Schreibmaschinen gekauft und den Account dann deaktiviert. Wir haben Ebay und die Verkäufer kontaktiert – bisher nichts Verwertbares, soweit wir’s an ‘nem Feiertag rausfinden konnten. Hat seine Spuren offenbar gründlich verwischt.«

»Rechtschreibfehler?«

»Ja, gibt da zahlreiche Accounts, die so heißen. Wieso?«

»Weil er keine macht.«

»Wenn du meinst, das ist ein Widerspruch, dann doch nur einer von zahlreichen, oder?« Albo legt seine Handfläche mit gespreizten Fingern auf die Kopien, als wolle er sie mit einem Fluch belegen. »Mal Mann, mal Frau, mal alt, mal jung, mal tut er doof, mal tut er klug …«

»Was sagt dir, dass das vom Mörder geschrieben wurde?«

Albo zieht die Hand zurück: »Der Anfang. Immer der gleiche. Ein Korridor. Weißt du noch, wo wir das rausgeschnittene Herz gefunden haben? In einem Korridor.«

»Ist ja wohl kein Beweis«, sage ich, »und außerdem: Wer sagt dir, dass das eine einzelne Person geschrieben hat. Könnten auch mehrere sein.« Albo beugt sich vor und taucht sein Stoppelkinn in den Lichtkegel. »Komm schon, Mann« sagt er, »ich brauche Ergebnisse, Hinweise, Spuren, irgendwas!«

Ich zerknittere den leeren Pappbecher und werfe ihn in die Richtung, wo bei Tageslicht sonst der Papierkorb steht.

Albo fuchtelt mit den Händen. »Ist es ein Verrückter? Ein verkannter Künstler? Ein Deutschlehrer? Jemand, dem man seine Texte gestohlen hat und der sich blutig rächt? Der glaubt, er schafft’s so auf den Titel der BZ? Du bist der Profiler, also sag schon, Mann.«

»Falls es ein Autor ist, und falls es ein Autor und keine Autorin ist – was ich beides für wahrscheinlich halte –, dann ist es jemand, der gerne mit Möglichkeiten jongliert. Und der offenbar gerne Versteck spielt.«

»Was soll das heißen?«, poltert Albo wie in seinen besten Jahren. »Dass er es drauf anlegt, dass wir ihn jagen? Dass der Kerl den Mord als Spiel ansieht?«

Ich verziehe die Lippen und wiege den Kopf. Vermutlich kann mich Albo ebenso wenig sehen wie ich ihn. Aber ich brauche das für mich. Hier klare Aussagen zu treffen heißt, sich weit auf dünnes Eis rauszuwagen. »Ein Spiel, ja. Oder eine Art Rätselparcours durch Korridore. Irgendwo ist von insgesamt rund vierhundert Texten die Rede: Wenn wir Pech haben, wird es weitergehen.«

»Das werden wir verhindern. Und deshalb brauch ich irgendwelche Anhaltspunkte!«

»Was willst du hören? Dass er gebildet ist, vermutlich studiert hat, die neue deutsche Rechtschreibung beherrscht, sich für ein breites Themenspektrum interessiert, das Märchen, Mythen, Historie und Science-Fiction mit einschließt, trockenen Humor besitzt, sich für einen Dichter oder ›Kurzprosaschreiber‹ zu halten scheint, zu Sprachspielereien und existenzialischen Tiraden neigt und eine Obsession mit Korridoren pflegt? Dass er dreiundvierzig Jahre alt ist?«

»Dreiundvierzig? Schreibt er das?«

»Nur so ’ne Vermutung, wegen ›Rechtschreibfehler68‹ – da könnte er sein Geburtsjahr genommen haben. Machen viele.«

Albo beugt sich wieder vor, diesmal, um mir zu zeigen, dass er lächelt. »Na, das ist doch schon was. Da haben wir ihn doch schon eingekreist. Was ist mit der Frau, von der er am Anfang schreibt?«

»Könnte eine unglückliche Liebesgeschichte sein. Sie taucht später als Anagramm noch mal auf – ich hoffe nur, der ›Auserkorenen‹ fehlt seit gestern nicht das Herz.«

Albo brummt. »Das Opfer war männlich.«

»Stimmt, ja. Vielleicht bringt uns Text Nummer 50 auf seine Spur.«

Albo kramt durch die Kopien, bis er die richtige gefunden hat: »Die Therapeutin?«

»Japp. Da könnte was dran sein: Ein Trauma, Alpträume, eine Therapie. Und das blutige Herz könnte ein Manifest sein. Oder ein Hilferuf.«

»Also lasse ich alle Berliner Traumatherapeutinnen durchchecken, ob sie einen mit einer Korridor-Obsession auf der Couch haben …«

»Ich würde da auch eher die männlichen Therapeuten checken. In den Texten ist immer irgendwas verdreht.«

Albo hält mir eine der Kopien hin. »Wer ist R. L. St.?«

Ich stehe auf und trete an Fenster. Es regnet, was die Straßenbeleuchtung vor der Wache noch trüber als ohnehin schon wirken lässt. Immerhin kann ich von hier aus zwei schimmernde Flecke in dem schwarzen Loch sehen, das Albos Kopf sein muss. »Robert Louis Stevenson. Hat Jekyll and Hyde geschrieben und sich dabei von halluzinierten kleinen Männchen inspirieren lassen.«

»Jekyll and Hyde. Das kann ja heiter werden«, grunzt er.

»Ich brauche mehr Zeit, Uwe«, sage ich. Albo brummt etwas, das ich als ärgerliche Zustimmung verstehe. Ich lasse ihn allein. Das neue Jahr ist jetzt schon ein paar Stunden alt, und als ich auf die Straße trete, hört der Schneeregen auf, als hätte plötzlich jemand die Hand über die nächtliche Stadt gehalten.

68/398

Das Titelbild zeigt eine schwarz-weiße Aufnahme eines Schreibtischs mit Schreibmaschine der Marke Adler, altem Wählscheibentelefon, Tasse Kaffee, kleinem Blumentopf, Stift auf Papier und einem gerahmten Bild, das eine menschenähnliche Gestalt mit Stierkopf zeigt.

♫ Wimmelbild ♫


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Ich betrete den Korridor auf der Wache. Schon von hier höre ich Albo brüllen. Scheint miese Laune zu haben. Kein Wunder. Als er mich sieht, schmeißt er die Grünschnäbel aus dem Büro. Rückt mir sogar den Stuhl hin. Tut er sonst nie, der Kommissar.

»Was rausgefunden?« Er klingt heiser. Mit dem Kinn zeigt er auf die Kopien mit dem Blutfleck, der bis zu Text Nr. 10 runter langsam verblasst. »Hier im Team heißt es, er sei Kannibale und hat bis auf das Herz einfach alles verputzt.«

Ich nehme mir einen Kaffee. »Die meinen wohl Text Nr. 15, den ›Menschenfresser‹. Ist eine literarische Anspielung auf den Minotaurus-Mythos. Unwahrscheinlich, dass er sich auf die Weise mit ihm identifiziert.«

Albo setzt sich auf den Schreibtisch und reibt sich seinen rechten Oberschenkel. »Es gibt aber keine Leiche. Und auch keine Vermisstenmeldung, die passen würde. Das Herz hat er mit einem Messer rausgeschnitten, das, sagen die Experten, ›weder sonderlich scharf noch sonderlich stumpf war‹. Na toll! Hast wenigstens du irgendwas vorzuweisen?«

»Ist alles nicht so richtig festzunageln. Den Texten nach schätze ich, dass er Single und Einzelgänger ist, nicht gern unter Menschen.«

»Die Sache mit dem Olymp?«

»Japp. Aber auch die mit den Hippies. Und er hat was gegen staatliche Einrichtungen und Bürokratie. Die Nr. 42 mit dem angekündigten Blutbad …«

»Könnte aber auch sein, dass er nur Ärger mit seinem Finanzamt hat. Das ist doch alles Schmarrn, Mann. Ich sag’s noch mal für Doofe: Wonach soll ich fahnden lassen? Und jetzt erzähl mir nicht, nach einer jungen Bauamtsangestellten namens Cory d’Or!«

»Das ist nur eine der vielen falschen Spuren, klar. Obwohl …«

Albo versucht, sich bequemer hinzusetzen, und fegt dabei einen Bleistiftspitzer vom Schreibtisch. Ächzend beugt er sich hinunter. »Was obwohl?«

»Es besteht eine gewisse Chance, dass er tatsächlich auch im richtigen Leben Cory heißt. Ist ja auch ein Männername.«

Albo angelt mit ausgestreckten Fingerspitzen, aber der Anspitzer rutscht nur weiter unter den Tisch.

»Die Nr. 8 mit Hohlraum, Horn und Siedebecken etcetera«, setze ich nach.

»Ja?« Er gibt es auf, lässt sich wieder in seinen Drehstuhl fallen und sieht mich erwartungsvoll an.

»Alles eine mögliche Herkunft des Namens ›Cory‹. Und wenn er nicht gerade Sprachforscher ist, was ich nicht ganz ausschließen kann, dann weiß das wohl nur jemand, der auch so heißt.«

Albo streicht sich über die Stoppeln. »Lass ich checken. ‚Ne dünne Spur und nur ’ne dünne Chance, aber ich lass es checken. So viele Corys wird’s in Berlin und Umgebung ja nicht geben.«

»Und noch was, Uwe.« Albo nimmt die Hand runter. »Ich hab überlegt, ob wir die Texte, einige davon, veröffentlichen sollten. Mit irgendwas, das klarmacht, dass wir den Autor suchen.«

»Und du meinst nicht, dass der das beabsichtigt haben könnte?«

Die Frage habe ich erwartet. »Doch, ja, könnte sein. Aber wir veröffentlichen nur Teile, und wir bauen ein paar Rechtschreibfehler ein. So dass er sich grün und blau ärgert. Was meinst du? Vielleicht kennt jemand die Texte. Oder erkennt den Stil oder irgendeine Anspielung.«

»Mehr hast du nicht? Wenn er sich nun provoziert fühlt? Ich will nicht morgen irgendwo ’ne Leber finden, oder ’ne Lunge, rauspraktiziert mit einem nicht zu stumpfen, aber auch nicht zu scharfen Messer.«

Ich deute auf die Kopien: »Ich hab die ausgepresst wie eine Zitrone. Das Ganze ist ein Verwirrspiel und führt einen dauernd an der Nase rum. Ich kann nicht einfach mit dem Finger auf jemanden zeigen und sagen, der ist’s, der hat sie geschrieben, in seiner Garage findest du fünfzig Schreibmaschinen und in seinem Küchenschrank das Messer mit dem Blut.«

Albo wiegt den Kopf. Wir kennen uns jetzt schon so viele Jahre – immer mal wieder hat er sich bei kniffligen Mordfällen von mir, seinem alten Psychologen-Freund, beraten lassen. Aber trotz der wichtigen Hinweise, die ich ihm gelegentlich geben konnte: Ihm sollte klar sein, dass ich nicht zaubern kann. Er senkt die Stimme, um mir keinen Zweifel daran zu lassen, dass das, was jetzt kommt, wichtig ist. »Ich will ein Profil, schriftlich, möglichst exakt, klar? Eines, das sagt, dass er kein Menschenfresser ist, sondern ein Intellektueller mit Spaß an grausamen Spielchen. Der vielleicht Cory heißt und deswegen ein Trauma hat und ’ne Obsession mit Korridoren entwickelt hat. Klar?!«

»Viel mehr habe ich aber gar nicht.«

»Schreib’s auf. Ich brauch’s für die Rechnungsstelle. Wenn dir dabei zufällig etwas Brauchbares einfallen sollte: meld dich! Und was die Sache mit dem Veröffentlichen angeht – ich denk drüber nach.«

101/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißbild: Vier dunkel gekleidete Personen stehen in einem Gang mit Backsteinwänden vor einem Gitter, hinter dem aufrecht eine Bärenfigur steht. Ein Overlay zeigt die Nummer 04 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Shiver Policy ♫


101/398

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Ich betrete den Korridor. Es stinkt erbärmlich nach Tiergehege – kein Wunder, ich bin hier ja auch in einem Bärenzwinger. Die beiden Bewohner, Maxi und Schnute, haben sie auf die andere Seite gesperrt, um der Mordkommission den Zutritt zu ermöglichen.

»Das haben die Bären nicht angerührt. Sind sogar richtig davor zurückgeschreckt, sagt die Wärterin«, begrüßt mich Uwe Albo, wie immer in einem schlechtsitzenden Anzug, das Gesicht von Sorgenfalten durchfurcht. Die Bären können hier an zwei Seiten ins Freie treten und von Besuchern bestaunt werden, mitten in Berlin in einem kleinen Park zwischen der Botschaft von Angola und dem Deutschen Psychologen Verlag. Der Korridor im kleinen Bärenhaus zwischen den beiden eingezäunten und von blaugekachelten Gräben umgebenen Freiarealen liegt im Zwielicht.

»Wieder ein Herz«, sagt Albo. Er klingt erschöpft. »Und wieder fünfzig Blätter.«

»Deja vu«, sage ich. Mir ist flau im Magen. Sollte ein entspanntes langes Wochenende werden.

Später durchmisst der Kommissar voller unterdrückter Wut sein Büro diagonal, hin und her, von der Tür zur Kaffeemaschine, von der Kaffeemaschine zur Tür. Und wieder zurück. Morgen ziehen Rosenmontagszüge durch die deutschen Städte. Aber die Berliner Mordkommission wird wohl keinen Grund haben, zu feiern und Kamelle zu werfen. »Jetzt haben wir schon zwei Opfer. Und einen Serienmörder, über den wir nichts wissen, außer dass er uns jetzt ganze hundert verdammte Botschaften geschickt hat, aus denen wir nicht schlau werden.«

Das ist auf mich gemünzt. Die neuen Texte konnte ich bisher nur überfliegen. Um irgendwas zu sagen, antworte ich mit einer Gegenfrage – alter Psychologentrick: »Warum erst die Siegessäule und dann der Bärenzwinger? Berliner Wahrzeichen. Damit will er doch irgendwas signalisieren.«

Albo hält sich an der offenstehenden Tür fest. »Sag du es mir.« Er wird unterbrochen, tritt aus dem Zimmer, um mit einem Mitarbeiter zu reden. Irgendwie ahne ich schon, was es für Neuigkeiten gibt.

Und tatsächlich: »Keine verwertbaren Spuren. Der Mann ist nachts vermutlich einfach ins Gehege geklettert. Muss lebensmüde sein. Oder kennt sich mit Bären aus. Und die Blätter: wieder fünfzig Schreibmaschinen. Dieselben fünfzig Schreibmaschinen. In der gleichen Reihenfolge.«

Ich sehe einen Synchronschachspieler vor mir, der von Tisch zu Tisch tritt und dort jeweils einen Zug macht. Fünfzig Tische, fünfzig Schachbretter, fünfzig Spiele. Immer einen Zug weiter. Albo sage ich nichts davon. Schlechter Zeitpunkt. Er ist müde und wütend, ein verletzter Bär, der nicht weiß, warum alle auf ihn einhacken und wo er sich verstecken soll.

Auf mich wartet Arbeit. Lesen. Nachdenken. Spuren nachgehen. Kombinieren. Ich sehe zu, dass ich verschwinde.

105/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißfoto einer Ermittlungswand mit aufgepinnten Fotos, verbunden durch Fäden, und einem Fragezeichen in der Mitte. Die Pinnwand hängt über einem Schreibtisch mit Akten und einer Pistole. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 05 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Insomnia ob omnia ♫


105/398

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Ich betrete den Korridor. Es ist verdächtig still hinter der Tür zum Büro des Kommissars. Ich klopfe, was ich sonst nie tue. Eine Art Stöhnen antwortet mir: Albo richtet sich ächzend von seinem Drehstuhl auf. Er wirkt desorientiert. »Wie spät ist es?«

»Offenbar zu früh. Sag mal, Uwe, hast du hier gepennt?« Albo massiert eines seiner Beine, das ihm offenbar ebenfalls eingeschlafen ist. »Ich muss mal kurz in den Waschraum.« Er humpelt aus dem Raum.

Ich nutze die Zeit und werfe noch mal einen Blick in die Kopien der Botschaften, die uns der Killer hinterlassen hat. Hab schon die ganze Nacht drüber verbracht. Albo sitzt meist schon in aller Frühe in seinem Büro – ich dachte, das sei eine gute Gelegenheit, mal nachzufragen, ob es von Seiten der Polizei schon was Neues gibt.

Albo kommt zurück, Haare nass und Wasserspritzer auf dem Hemd. Einen Rasierer hat er hier in der Wache offenbar nicht deponiert.

»Die 73«, sagt er und blättert ziellos durch seine Kopien, ohne die gesuchte zu finden, »ist ein Witz, oder?«

Der Kaffee schmeckt am frühen Morgen noch bitterer als sonst. Ich stelle den Pappbecher Albo auf den Schreibtisch. Er kann ihn brauchen. »Die Nummer mit ›allerorten Frohsinn‹? Der macht sich lustig über uns. Aber ich glaube, diesmal nageln wir ihn fest.«

»Erzähl«, fordert Albo mich auf, während er sich in seinen Stuhl fallen lässt, der ihm dabei fast unterm Hintern wegrollt.

»Ich hatte von vornherein den Eindruck, dass der Kerl unter einer Zwangsstörung leidet. Text Nr. 95 spricht da Bände. Außerdem haben wir ein Kindheitstrauma, eine Schizoiden-Story mit Morddrohungen und die Sache mit der Sackgasse.«

»Die 54 meinst du? Die ist zu alt. Da hat er sich längst rausgearbeitet. Vergiss nicht, er hat dieselben Schreibmaschinen in derselben Reihenfolge genommen.« Er trinkt aus dem Becher, den ich ihm hingestellt habe, und muss husten.

»Kann er auch rückwärts oder durcheinander verwendet haben. Aber du hast recht, Uwe, so leicht lässt der sich nicht stoppen.«

»Schizo, sagst du? Die Nummer mit dem Spiegel-Ich.«

»Da legt er eine Bombe.«

»Sein islamistischer Selbstmordattentäter will auch alles hochjagen. Warum der Kerl selbst dann mit einem Messer mordet …?« Albos Satz verliert sich. Er ist mit den Gedanken schon wieder woanders. Vielleicht ist es auch der fehlende Schlaf.

»Du solltest nach Hause gehen und dich aufs Ohr hauen, Uwe. Siehst nicht gut aus.«

»Danke gleichfalls«, kontert er. »Und schlag hier erst wieder auf, wenn du was Verwertbares aufweisen kannst.« Sein Telefon klingelt. Mit einer unwirschen Husch-Husch-Bewegung schmeißt er mich raus. Bevor ich gehe, mustere ich die Wände. Wir sollten irgendwo eins dieser großen Korkbretter anbringen, wie in den amerikanischen Filmen, wo sie da all ihre Indizien und Querverbindungen dranpinnen. Die Mitte lassen wir frei, und irgendwann, allmählich, würde sich da das Bild des Gesuchten abzeichnen. Wie war das noch? Cory heißt »Hohlraum«?

Ich beschließe, meinem eigenen Rat zu folgen, alle Termine für den Morgen abzusagen und mich noch mal ins Bett zu verkriechen.

120/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit zwei Mädchen in ärmellosen Kleidern  nebeneinander vor einer Wand. Beide haben ein großes, herzförmiges Loch in der Brust. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 06 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Don’t Wake the Ferryman ♫


120/398

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Ich betrete den Korridor, und dem Geruch nach hat hier einer der Beamten Hundekacke mit reingeschleppt. Oder bin das etwa ich? Ich kontrolliere meine Sohlen: zwar nicht sauber, aber augenscheinlich nichts, das so bestialisch stinken könnte.

In Albos Büro riecht es wie immer nach Kaffee.

»Es waren Zwillinge«, sagt Albo, als er mich sieht. Ohne, dass ich es groß steuern kann, lässt das einen Film in meinem Kopf ablaufen. Ich sehe die Kessler-Zwillinge vor mir, beide haben je eine Hand an einem Schlachtermesser. Ellen sagt: Wir wollen dein Herz. Und Alice sagt: Es ist für die Dichtkunst, sorry.

»Die Toten«, ergänzt Albo, »haben die gleiche DNA. Wenn’s nicht zweimal dasselbe Herz war, dann waren’s eineiige Zwillinge.«

Ach, nicht die Täter! Die Opfer! Schlagartig ändert sich die Szene. Ellen sagt: Ich wollte gar nicht sterben. Und Alice: Aber es musste wohl sein. Beide haben Löcher in der Brust.

Ich muss mich setzen.

Warum schneidet der Bastard einem Zwillingspärchen die Herzen raus? Und dann noch in genau fünfzig Tagen Abstand? Was zur Hölle erwartet uns, wenn wieder fünfzig Tage rum sind?

»Und? Hast du auch was für mich?« Albo sieht aus, als habe er einen sonnigen Nachmittag im Garten seiner Datsche verbracht. Oder nur mal so richtig ausgeschlafen. Weiß er was? Hat er mir noch nicht alles erzählt?

»Was ist mit den Zwillingen? Findet ihr die?« Albo lacht sein typisches trockenes Lachen: »Davon gibt’s dann doch zu viele. Und sie müssen ja gar nicht von hier sein. Die Herzen waren bei der Auffindung jeweils zwölf bis sechzehn Stunden aus dem Körper raus. Mit Kühlung hat er das noch um ein paar Stunden verlängern können.«

»Woher dann die gute Laune, Uwe?«, frage ich. Warum lange spekulieren, wenn ich gleich den Finger auf die Wunde legen kann?

»Weil du mir jetzt sagst, nach wem zum Teufel ich fahnden soll.«

Schlechter Einstieg. Mit hohen Erwartungshaltungen kam ich nie gut zurecht. Schon in der Schule hat mich das immer stottern lassen. Mal sehen, ob ich dazugelernt habe. »Vielleicht bringt uns das mit der Simulation weiter.«

»Die Nummer mit den Simulationspatienten? Tja, die gibt’s wirklich. Über hundert. Aber niemanden mit dieser Symptomzusammenstellung. Außerdem suchen wir nach einem Mann.«

»Der Täter könnte einer der angehenden Ärzte sein. Oder einer der Professoren.«

Albo verzieht den Mund und deutet ein Kopfschütteln an. Überlass das mal den Profis, will er sagen. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. »Wenn er simuliert, eine Simulationspatientin zu sein – vielleicht sind dann auch die Morde nur simuliert. Vielleicht ist alles nur eine große Simulation für ihn.«

»Simulation von was? Und was bitteschön ist ein simulierter Mord?«

»Einer, der nur nach Mord aussieht. Auch in den Texten ist doch nichts echt.«

Albo grunzt abfällig. »Aber die Herzen. Die sind echt. Die hat er irgendwelchen Zwillingen rausgeschnitten, und da hört die Simulation auf, oder? Was immer er auch da schreibt. Mord bleibt Mord, das kann er sich nicht von der Seele schreiben.«

Er ist ärgerlich geworden. Am besten reite ich da nicht weiter drauf rum. Zum Glück hab ich noch was, worauf er garantiert nicht drauf gekommen ist. »Der Gaukler.«

»Mhmh. Die Nummer 85 mit den Gogo-Girls. Ich wusste, dass da mehr dahintersteckt.«

»Diese Samtkissen, auf denen da irgendwelche Dinge gereicht werden.« Albo beugt sich interessiert nach vorn. »Ich hab rausgekriegt, was die Farben sollen. Die Reihenfolge gibt es nämlich.«

Albo kramt in seinen Kopien: »Regenbogen?«

»Eben nicht. Es ist eine Folge von Entwicklungsstufen einer bestimmten soziologischen Theorie. Sie umfasst das ganze Menschheitsgeschehen von ihren Anfängen bis heute. Und weiter bis in irgendeine Zukunft. Eine Art nach oben offene Richterskala der menschlichen Evolutionsschritte.«

Albo runzelt die Brauen. Das ist vermutlich nicht, was er hören wollte.

»Stammesgesellschaften, Königreiche, Demokratien«, doziere ich. »Und es geht weiter. Verstehst du? Der glaubt, was Besseres zu sein als du und ich. Der glaubt, er hätte das alles hinter sich gelassen: Bürokratie, Gesellschaftsvertrag, Moral …«

Ich lasse es bei Albo wirken. In seinem Gesicht arbeitet es. Dann: »Und das will er uns beweisen? Dass für ihn die Gesetze unserer Zivilisation nicht gelten?« Albo hält es nicht mehr auf seinem Stuhl. Er springt auf und tritt ans Fenster. Sieht hinaus. Denkt nach. »Aber wie hilft uns das weiter?«

Darauf habe ich gewartet. »Diese Theorie mit den Stufen und Farben ist ziemlich en vogue bei ganz bestimmten Leuten. Freigeister, die mit ihrer Philosophie die Welt retten wollen. Es gibt da so eine Szene, die ›integrale Szene‹. Klein aber fein. Mit Schwerpunkt Berlin.«

Albo dreht sich zu mir um. »Berliner Intellektuelle. Aha. Und einer von denen ist ausgetickt. Hält sich für …« Ihm fällt kein passendes Wort ein. Bevor ich aushelfen kann, hat Albo schon den Telefonhörer in der Hand: »Ich lass das checken. ›Integrale Szene‹, sagst du?« Und als er mich nicken sieht: »Schleus dich da mal ein. Kann nicht schaden. Hör dich um, ob denen da irgendein größenwahnsinniger Spinner aufgefallen ist.«

Ich will protestieren, doch Albo lässt keinen Widerstand zu: »Du wolltest doch auch mal als Freigeist die Welt retten. Und heißt es nicht: Um einen Philosophen zu fangen, braucht’s ’nen Philosophen?«

148/398

Das Titelbild ist ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt einen Schreibtisch, auf dem mehrere altmodische Fernseher oder Überwachungsmonitore übereinander gestapelt sind. Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven einen Mann, der auf einem Stuhl sitzt. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 07 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Before the Ritual ♫


148/398

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Ich betrete den Korridor. Ein uniformierter Beamter, den ich hier noch nie gesehen habe, tritt mir entgegen. »Ich will zu Albo«, sage ich und folge ihm durch den Gang, bis er an eine Tür klopft.

Drinnen sitzt der Kommissar vor mehreren Monitoren, die offenbar das Verhörzimmer zeigen. An einem schmucklosen Holztisch dort, allein: ein Mann. Er trägt Handschellen und hat seine Hände auf den Tisch gelegt.

»Wir haben ihn«, sagt Albo und blickt zu mir hoch, »und ich will dich unbedingt beim Verhör dabei haben.«

Vielleicht wär’s nett gewesen, zuerst eine Entschuldigung von ihm dafür zu hören, mich mitten in der Nacht in die Polizeidirektion zu beordern. Aber das ist halt nicht Albos Art. Dabei hat mich sein Anruf aus dem Tiefschlaf gerissen, und ich fühle mich immer noch, als sei ich seekrank und die Welt von Watte.

»Er wollte in den Alex einbrechen. Den Fernsehturm«, fügt er überflüssigerweise hinzu.

»Hat er da … ein weiteres Herz in einen Korridor legen wollen?«

Es ist ein junger Mann mit zerzausten blonden Haaren. Ich sehe getrocknete blaue Farbe an seinen Händen und auf seinem Overall.

Albo kratzt sich die Augenbraue und schüttelt dann den Kopf: »Er hat sich als Anstreicher getarnt, mit Blaumann und Farbeimer und so, ist aber aufgeflogen, als er über die Nottreppe nach oben wollte.«

»Also kein Herz«, sage ich erleichtert, »und wie steht es mit Texten?«

»Fehlanzeige«, sagt Albo, »damit wär er ja auch zu früh dran. Der wollte nur den nächsten Korridor auskundschaften. An den wichtigsten Wahrzeichen der Stadt lasse ich seit ein, zwei Nächten vermehrt Streife gehen.«

»Hat er was gesagt? Gestanden?« Ich versuche den Mann auf dem Monitor irgendwie einzuordnen. Seine Augen scheinen ins Leere zu starren, doch vielleicht täuscht das Monitorbild auch. Er ist jung. Eigentlich viel zu jung. Zu grün hinter den Ohren.

»Nichts aus ihm rauszukriegen«, sagt Albo, aber trotzdem wirkt er ein wenig stolz und erleichtert. Er boxt mir jovial in den Oberschenkel: »Ich hoffe, du knackst ihn mir. Bevor ich zu meinen Methoden greifen muss.«

»Und wenn er es gar nicht ist?«, frage ich. Albo rutscht unruhig auf seinem Hocker hin und her: »Was soll er sonst da auf dem Alex gewollt haben?«

»Selbstmord«, sage ich, »eine Wette mit seinen Kumpels, ein Liebesbeweis für seine Angebetete …«

Albo macht eine fahrige Handbewegung.

Ich lasse nicht locker: »Ich glaube kaum, dass der Kerl weiß, was die Viele-Welten-Theorie ist.«

»Viele-Welten-Theorie?«, fragt Albo.

»Text 63«, sage ich, »und ich bezweifle auch, dass er weiß, wie man ›Megalithvölker‹ schreibt, Nr. 97, oder …«

Albo ist aufgestanden. »Denk dir lieber mal aus, wie wir ihn zu einem Geständnis bringen!«

»Uwe, Mann, sieh’s ein: Das ist nicht der Typ, den wir suchen. Sollten deine Leute allerdings bei ihm in der Wohnung fünfzig Schreibmaschinen finden, ruf mich an, meinethalben auch mitten in der Nacht, und ich komm auf den Knien hierhergekrochen und entschuldige mich bei dir.« Manchmal muss man bei Albo mit dem Zaunpfahl winken – oder besser noch: damit auf ihn einschlagen –, damit er kapiert, dass er sich verrannt hat.

Er sackt jedenfalls sichtlich in sich zusammen: »Dabei war ich mir so sicher.«

»Du bist überarbeitet. Wenn ich dir einen guten Rat als Freund geben darf: Nimm dir ein paar Tage frei, fahr in die Datsche am See, setz dich in die Sonne und starr Löcher in die Luft.«

Albo lächelt säuerlich.

»Tut mir leid«, sagt er, und ich spüre, dass die Worte nicht so richtig aus seinem Mund herauswollen, »dass ich dich aus dem Schlaf geholt habe. War’n bisschen voreilig von mir, fürchte ich. Kaffee?«

Ich schüttle den Kopf. »Dann komm«, sagt er, »ich fahr dich nach Hause.« Das kenn ich schon. Mit Blaulicht über rote Ampeln. Nie wieder. Da lass ich mir lieber ein Taxi rufen.

Das lässt auf sich warten, und ich gehe doch noch zu dem Anstreicher rein.

»Tach«, sage ich und warte keine Antwort ab, »vielleicht kann ich dir für ein Graffiti auf dem Alexanderturm eine Genehmigung besorgen. Man muss halt die richtigen Leute kennen. Isses denn ein guter Spruch?«

Er blickt mich an, als sei ich eine Erscheinung. Schließlich öffnet er den Mund, bewegt ihn mehrmals wie ein nach Luft schnappender Fisch und antwortet schließlich: »Sollte unser Logo werden.«

»Aha«, sage ich, »ein Firmenlogo?«

»Nein, nein: das von mir und meiner Freundin.« ›Falsche Reihenfolge, Freundchen‹, denke ich, ›so wird das nix mit euch beiden.‹ Ich will ihn fragen, was es für ein Logo ist, aber da kommt der Beamte rein, der mich zu Albo geführt hatte, und flüstert mir ins Ohr: »Ihr Taxi ist da.«

»Dann viel Spaß noch«, sage ich, hebe meine Hand, und tatsächlich hebt der Kerl auch seine Hand, als seien wir Kumpels. O selige Blauäugigkeit! Vermutlich kann diese Generation nicht für fünf Pfennig denken, weil die Pfennige abgeschafft wurden. Alles geht den Bach runter.

Der Taxifahrer will mir was von irgendwelchen Fußballspielen erzählen. Albo würde jetzt sagen: »Schnauze halten und fahren.« Ich versuch das auch mal – und siehe da, es funktioniert prächtig.

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♫ Silencer ♫


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Ich betrete den Korridor zum »Raum der Stille« im Brandenburger Tor. Bevor mich Uwe Albo angerufen hat, hatte ich keine Ahnung, dass es den überhaupt gibt. »Stille« steht hier in verschiedenen Sprachen an der Wand. Eigentlich ein guter Ort zu Ostern, aber ich ahne schon, was mich hier erwartet.

Alles ist abgesperrt. Albos Kollegen kennen mich und winken mich durch. Der Kommissar selbst steht in dem kleinen schmucklosen Meditationsraum wie ein Holzfäller in einer Parfümerie. Mein Blick geht gleich auf den Boden, und tatsächlich, wie erwartet: In der Mitte des Raumes liegt ein Stapel Papier, und darauf ein blutiges Etwas.

»Wieder ein Herz«, sagt Albo, als er mich sieht. »Das dritte.«

Eine knappe Handbewegung von ihm verscheucht die jungen Beamten. Wir sind allein. »Der Raum hier ist nachts verschlossen. Trotzdem lag heute Morgen das Herz hier drin.« Albo fasst mir an den Arm. Ich sehe deutlich das Weiße in seinen Augen. »Der Scheißkerl macht mir Angst, weißt du? Schreibt jeden Tag eine seiner Geschichten auf einer seiner Schreibmaschinen und verteilt, wenn er merkt, dass er mit den fünfzig Schreibmaschinen durch ist, seelenruhig ein weiteres seiner Herzen in Berlin – ohne dass wir auch nur eine Handbreit weitergekommen sind mit der Fahndung!«

Ich kann Albos Atem riechen, so nah steht er bei mir. Ist das ein Hilferuf? Kann er nicht mehr, ist er am Ende? Aber Albo lockert seinen Griff, lässt los und ballt zwei Fäuste. Seine Augen sind nur noch Schlitze, als er sagt, bedrohlich leise: »Ich kauf ihn mir, mit diesen alten Händen, und wenn ich ihn hab, kann er es mit seinen Versteckspielen gern mal in der Zelle versuchen, in der er dann den Rest seines Lebens verbringt.«

Er blickt mich an, wie um sich meiner Unterstützung zu versichern. Ich nicke ernst. Das scheint ihm zu genügen: »Komm, fahren wir. Die Spurensicherung übernimmt den Rest.«

Später in Albos Büro studieren wir die Kopien der neuen Texte. Bekannte Themen, neue Wendungen, immer wieder schimmert das Spielerische, aber auch das Zwanghafte durch.

»Ich war bei den Integralen«, sage ich. Albo blickt interessiert auf, hatte wohl ganz vergessen, dass er mich beauftragt hatte, die Integrale Szene Berlins zu infiltrieren. »Durchweg nette Leute, die glauben, den Stein der Weisen gefunden zu haben – eine Art geschliffener Kristall mit einer Reihe von Facetten, die alle berücksichtigt sein wollen, was den Menschen und die Welt angeht.«

»Facetten?«, fragt Albo stirnrunzelnd.

»Ja, wie bei den Texten des Mörders. Alles lässt sich aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven betrachten …«

»Aus denen ich mir dann ganz nach Belieben etwas rauspicke.«

Ich schüttle den Kopf: »Nein, nein, entscheidend bei der integralen Sichtweise ist ja gerade, dass das Ganze ganzheitlich ist und man sich nicht auf Einzelaspekte beschränkt.«

»Sprich: Du hast dich pudelwohl bei denen gefühlt.«

»Es ist jedenfalls eine Philosophie, die das Leben in all seinen Erscheinungsformen wertschätzt und keine Mörder produziert, wenn du das meinst.«

Albo kratzt sich die Bartstoppeln. »Wo finden wir ihn dann?« Ich klopfe mit dem Knöchel auf meinen Stapel Kopien. Unsere einzige Spur.

Ein Uniformierter mit Ziegenbärtchen und Pferdeschwanz klopft an die offen stehende Tür, um auf sich aufmerksam zu machen. Albo tritt zu ihm. Ich vertiefe mich in die Texte vor mir. Da ist von einem Zwilling die Rede. Interessant. Eine Spur zu den Opfern, von denen die ersten beiden offenbar eineiige Zwillinge waren? »Dann macht euch gefälligst wieder ran!«, höre ich Albo brüllen.

Schnaubend kommt er wieder ins Büro und schwenkt einen schmalen Aktenordner: »Das Herz hat die gleiche DNA wie die beiden vorher.«

»Ein dritter eineiiger Zwilling?«, frage ich überrascht. »Gibt es das überhaupt? Eineiige Drillinge?«

Albo schlägt die Akte auf seinen Schreibtisch, dass es knallt. »Die sind so selten, dass alle von denen registriert sind. Aber das passt alles nicht, einmal ganz abgesehen davon, dass kein Drillingspärchen vermisst wird.«

Das mit dem »Drillingspärchen« lasse ich ihm durchgehen. »Dann sind es eben unregistrierte Drillinge. Oder sie haben im Labor einen Fehler gemacht …«

Albo nickt und wirkt plötzlich sehr erschöpft. Er sagt: »Habe ich ihnen auch erklärt. Sie sollen alles noch mal nachprüfen, jeden einzelnen Schritt.« – »… oder«, fahre ich fort, »es sind Klone.« Albo starrt mich an. »Das waren dreimal die Herzen von erwachsenen Menschen«, sagt er heiser. Ich nicke.

Albo stützt sich schwer auf den Schreibtisch und blickt mir müde in die Augen. »Es gibt offiziell keine Menschen-Klone, und schon gar keine Erwachsenen.« Ich nicke wieder. »Offiziell«, sage ich.

»Oh Mann«, stöhnt Albo und lässt sich in seinen Schreibtischstuhl fallen. »Houston, wir haben ein Problem.«

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♫ Sloe Season ♫


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Ich betrete den Korridor der Wache, den Kopienstapel mit den Texten des dreifachen Mörders in der Hand, Texte, an denen buchstäblich Blut klebt. Das Blut von illegalen Klonen?

Albo ist in seine Akten vertieft. Ich spare mir die Begrüßung: »Gibt es eigentlich eineiige Vierlinge?«

Albo blickt auf. »Die gab’s erst letzthin in Leipzig. Sind verdammt selten, aber nicht unmöglich.«

Ich nehme mir einen Kaffee. Der Zucker ist alle.

Albo lässt mich nicht aus den Augen. »Warum fragst du?«

»Weil es dann vielleicht vorbei ist.«

Albo lacht bitter. »Vorbei? Ich muss einen Mörder finden, unabhängig davon, was in fünfzig Tagen ist!« – »Achtundvierzig«, verbessere ich ihn. Albo bedenkt mich mit einem Blick, den man nicht im Kinderprogramm senden dürfte.

»Ray Bradbury«, sagt er dann. Ich blicke ihn etwas verständnislos an. »Amerikanischer Autor«, sage ich. Albo nickt: »Charles Dickens lebt.« Ich zucke die Schultern. Albo wirft mir ein dünnes, zerlesenes Taschenbuch zu, Ray Bradburys Die vergessene Marsstadt. »Charles Dickens lebt« heißt eine der Geschichten, die das Inhaltsverzeichnis aufführt.

»Du liest so was?«, frage ich verwundert. Albo schüttelt den Kopf. »Hat mich einer unserer Forensiker drauf gebracht. Da gibt’s einen Kerl drin, der sich für Charles Dickens hält, aber nichts Vernünftiges zu Papier bringen kann. Er kauft sich sechs Dutzend Schreibmaschinen und schreibt wie ein Wahnsinniger …« Damit steht er auf, tritt zu mir und nimmt mir das schmale Bändchen wieder aus der Hand. Er schlägt es auf, sucht die Stelle und zitiert: »Gedichte, Essays, Tragische Stücke, Komödien, Kurzgeschichten – und sie alle waren schlecht.«

»Was willst du mir sagen, Albo?«

»Das ist er, verstehst du? Die Schreibmaschinen, die unterschiedlichen Texte. Und dann setzt er sich …« Albo klopft auf das Büchlein. »… hinten in einen Zug und schmeißt all die Seiten einzeln raus, und sie flattern davon. Tausende davon.«

»Aber das ist nur eine Geschichte, Albo. Wir haben drei Tote und einen Serienkiller.«

Albo wirft das Buch auf seinen Tisch. »Nur eine Geschichte, sagst du? Aber das sind doch auch alles Geschichten! Die Schreibmaschinen, verstehst du denn nicht? Er kennt die Bradbury-Story und identifiziert sich mit ihr!«

»Jetzt komm mal runter, Albo. Der identifiziert sich mit allem und mit gar nichts. Das ist ja gerade unser Problem. Der ist ein Gestaltwandler, und wir bekommen ihn nicht in den Griff. Mal ist er ›integral‹, mal surrealistisch. Wir begreifen ihn nicht, kapierst du? Du kannst nicht eine Facette rausgreifen, und das ist es dann. Nicht hier. Nicht bei dem. Und sechs Dutzend Schreibmaschinen sind nicht fünfzig.«

Albo sieht aus wie kurz vor einem Wutausbruch. Irgendwie muss er sich in die Bradbury-Sache verbissen haben. Ich lasse ihn gar nicht erst zu Atem kommen: »Die Nr. 122 ist auch so ein Teil. Unverständliches Gebrabbel …« – ich such ihm den Text aus den Kopien raus – »… bis man das Original entdeckt.«

»Welches Original?«, fragt Albo. Er sieht stirnrunzelnd in den Text.

»Da wird doch ein Braulio Arenas erwähnt, richtig? Ein chilenischer Dichter, und der hat rein zufällig mal ein Gedicht verfasst mit dem Titel ›Druckfehler‹, das eine Aufzählung von, äh, Druckfehlern enthält, die sich in einem ungenannten Text befinden. Ein surrealistisches Gedicht.«

»Und?«

»Die Nr. 122 ist dieser Text. Er enthält alle aufgelisteten Druckfehler. Beispielsweise heißt es im Gedicht ›Statt aus einem Schuss zwei Treffer machen muss es heißen aus einem Mund zwei Lippen machen‹. Kommt dir das bekannt vor? Oder ›Statt die Jugend die Schönheit die Mühle muss es heißen die Mühle die Schönheit die Jugend‹. Letztlich haben mich die fehlenden Kommata drauf gebracht, dass der Text dieses Gedicht zur Grundlage hat.«

Albo sieht in seine Kopie, reibt sich die Stoppeln, denkt nach. Schließlich fragt er: »Ergibt es denn so einen Sinn?« – »Nein«, sage ich, »es ist bloß die – ich zitiere – ›groteske Parodie von etwas, das an sich schon absurd ist‹.« – »Aha«, sagt Albo.

Ich tippe in seine Kopie. »Ein Druckfehler fehlt da übrigens.« Albos Stirn legt sich in Falten. »Ein Vers lautet: ›Statt ich liebe dich muss es heißen ich liebe dich‹«.

»Wo ist da der Fehler?«

»Das macht ja gerade den Surrealismus aus. Und dasselbe gilt für den Killer. Er ist genauso wenig Braulio Arenas wie Charles Dickens!«

Albo nickt, ohne zu mir aufzublicken: »Und wie nageln wir ihn fest?«

»Reden wir über jemanden, der beschlossen hat, seine bizarren Gedankenspiele so sehr in die Wirklichkeit auszudehen, dass sich die Mordkommission mit ihnen beschäftigt«, sage ich und nehme die Kopien in die Hand. »Reden wir über unvereinbare Aussagen und zusammenbrechende Glaubenssysteme.«

Albo blickt auf. »Immer eine gute Idee«, sagt er. Sehe ich da so etwas wie ein säuerliches Lächeln um seine Mundwinkel? Vielleicht kommt es ihm auch so vor, dass es ein wenig ist wie vor dreißig, vierzig Jahren, als wir beisammen saßen und nächtelang über Gott und die Welt diskutierten – und all den Irrsinn, den wir Menschen hineintragen.

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♫ Hunting Spree ♫


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Ich betrete den Korridor in der Wache und schließe die Tür zum Klo hinter mir. Hin und wieder kommt mir da bei einer Sitzung ein guter Gedanken, aber diesmal herrscht bei mir tabula rasa. Viele, zu viele Stunden schon sitze ich mit Albo zusammen und gehe die hundertfünfzig Texte des Mörders mit ihm durch, als setzten wir ein Puzzle zusammen. Irgendwo muss doch einfach ein Hinweis darauf versteckt sein, wer er ist und warum er unschuldigen Drillingen die Herzen rausschneidet!

Albo telefoniert gerade, als ich zurückkomme. So spät in der Nacht? Es scheint sich zu bewahrheiten, dass die Mordkommission keinen Schlaf kennt: Albo legt auf und blickt mich mit rotgeäderten Augen an: »Der umgebaute Doppeldeckerbus, der nachts durch die Provinz tourt …« Ich widerstehe der Versuchung, mir einen weiteren Kaffee zu nehmen, und setze mich: »Mit Chill-out-Musik und philosophischer Selbstergründung.« Albo hält die entsprechende Seite hoch: »Hat er erfunden. Gibt’s in Wirklichkeit nicht. Hab’s checken lassen.«

Hatte ich mir schon gedacht. Es fing schon mit den fünfzig Schreibmaschinen an. Der Mann, der sie Stück für Stück gebraucht ersteigert hatte, existiert nur als ehemaliger eBay-Name »Rechtschreibfehler68« mit einer Berliner Empfängeradresse und einem Paypal-Konto. Alle Konten hat er inzwischen gelöscht, und unter der Adresse hat seit vielen Jahren niemand gewohnt. Sämtliche Spuren sind gründlich verwischt, alle Nachforschungen laufen ins Leere, genau wie in den Texten: Es gibt – nach allem, was wir wissen – genauso wenig den Hotelkoch Pascal wie den Hausbootbewohner Norbu oder einen oder eine Cory d’Or.

»Ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium«, hatte ich früher am Abend gemurmelt.

»Hape Kerkeling«, meinte Albo daraufhin nickend, doch ich schüttelte den Kopf. »Winston Churchill.« Albo grinste schief: »Jedenfalls führen alle Spuren ins Nichts.« Was angesichts dieser hundertfünfzig Texte auch für mich als Psychologen und – wozu Albo mich gerne hochstilisiert – Profiler gilt. Auch die »KISTe«, das »Kriminaltechnische Informations-System Texte«, mit dem das Bundeskriminalamt zentral schriftliche Äußerungen von Verbrechern – Bekennerbriefe und Erpresserschreiben beispielsweise – auswertet, konnte uns nicht weiterhelfen.

Zuletzt haben wir über den Außerirdischen diskutiert. »Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gesprochen. Dann müssen wir es eben auf diese Weise tun«, heißt es da in Nr. 106, als das Alien den irdischen Raumfahrer, mit dem eine Kommunikation unmöglich scheint, tötet. Verrückte Geschichte. Wer denkt sich so was aus? Ein religiöser Fanatiker?

Ich trete ans Fenster. Die Stadt ist still. Auch wenn Berlin vielleicht nie schläft: Um halb vier Uhr morgens verfällt es immerhin kurz in eine Art Halbschlaf. »Vielleicht glaubt er, etwas Gutes zu tun«, sage ich. »Es gibt da einen Film, in dem ein Philosophieprofessor einen Mord vortäuscht, der sich in letzter Sekunde als Selbstmord entpuppt – aber als Kritik an der Todesstrafe und am amerikanischen Justizsystem verzichtet er auf eine Revision und geht als angeblicher Mörder in den Tod.«

Albo streckt ächzend sein Kreuz: »Wie stellst du dir das vor? Dass die Drillinge mit ihm zusammenarbeiten? Dass er Klone von sich gezüchtet hat, die nur atmende Körper, aber keine fühlenden Menschen sind, und die schneidet er auf, um Kritik an der Moral unserer Wissenschaftler zu üben?«

Ich versuche, das Fenster zu öffnen. Seit Jahren schon klemmt es. »Ich werd’s reparieren lassen«, sagt Albo, und ich habe kurz das Gefühl, in einer Zeitschleife zu stecken und das schon mindestens ein Dutzend Mal von ihm gehört zu haben. »Sag ich jedes Mal, oder?« fragt Albo, der offenbar gerade dasselbe dachte.

»Wenn er ein Psychopath wäre, könnte er sich nicht derart in andere Menschen reinversetzen, wie das in den Texten immer wieder der Fall ist.« Ich merke, dass ich anfange zu dozieren, denn ich laufe auf und ab. »Natürlich sind wir weiterhin nicht sicher, ob die Texte überhaupt vom Mörder stammen. Vielleicht stammen sie von den Drillingen. Aber mal angenommen, der Mörder hat sie verfasst: Dann weisen die Texte auf die Morde hin – und die Morde wiederum auf die Texte.«

»Da waren wir schon. Wir drehen uns im Kreis, mein Lieber«, brummt Albo missmutig.

»Nein«, sage ich, »denn dein Geistesblitz von wegen Kritik am wissenschaftlichen Establishment ist die beste Idee, die wir bisher dazu hatten. Morde, die eigentlich gar keine sind – die aber Fragen aufwerfen und aufrütteln sollen.«

»Bist du jetzt auf seine Seite übergewechselt? Willst du vielleicht einen mit ihm trinken gehen und sein Kumpel werden?«

Ich bleibe stehen. Albo ist gereizt. Kein Wunder, die Sache kratzt übel an seiner Berufsehre.

»Ich würde mich nicht wundern«, sage ich, »wenn es sein eigenes Herz wäre. Also symbolisch, meine ich – das er sich rausreißt als Autor dieser Texte, weil ihm irgendwas darin wirklich an die Nieren geht, weil irgendeiner dieser Texte ehrlich gemeint ist und er sich uns darin offenbart. Vielleicht mit dem, was er hinter der schwarzen Tür lagert? Oder die Sache mit den zerbrechenden Weltbildern?«

Albo blickt mich müde, aber auch ein wenig provozierend an. »In so einem Fall guckt man sich die möglichen Kandidaten an und streicht alles raus, bis nur noch die wahrscheinlichsten übrig bleiben, richtig? Also geh nach Hause, Mann, und mach deine Hausaufgaben.«

Es dämmert bereits, als ich die Wache verlasse. Die frische Luft tut gut. ›Das Leben des David Gale‹ kommt mir plötzlich in den Sinn, mit Kevin Spacey. So hieß der Film über den Philosophieprofessor. Aber wie hat es Cory d’Or geschafft, sich gleich dreimal das Herz aus dem Leib zu reißen und an drei verschiedenen Wahrzeichen Berlins zu deponieren? Meine Gedanken ergeben schon lange keinen Sinn mehr. Höchste Zeit, noch ein wenig Schlaf zu finden.