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Das Titelbild zeigt einen bunt bemalten Wegweiser mit Schildern in alle Richtungen vor einem kunstvoll verzierten Torbogen in einem historischen Gebäude. Ein digitaler Button in der oberen linken Ecke zeigt das Piktogramm eines sich drehenden Derwischs.

♫ Meta­phras­tes ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Zel­len. Eine große Ehre! – was habe ich gebe­ten, gebet­telt und gebe­tet, ein­mal die Chance zu bekom­men, mit den alten Meis­ter­poe­ten zu spre­chen, ihren Rat ein­zu­ho­len, von ihrer Weis­heit zu pro­fi­tie­ren? Nun end­lich, nach lan­gen Ver­hand­lun­gen, wird mir der Zutritt zum Aka­sha-Palast gewährt. Hier wer­den nicht nur ihre zeit­lo­sen Werke sicher ver­wahrt, hier lebt eben­falls ihre dama­lige Per­sön­lich­keit in immer­wäh­ren­der Sicher­heits­ver­wah­rung fort. Nichts ver­geht, auch nicht der Geist unse­rer Ahnen, die uns Rede und Ant­wort ste­hen, falls wir denn den Weg zu ihnen fin­den.

Man hat mich in den Kor­ri­dor der Dich­ter gelas­sen – einen eige­nen für Kurz­pro­sa­tex­ter gibt es nicht – und wer sich von ihnen nicht nur auf Lyrik beschränkt hat, des­sen Zelle öff­net sich schät­zungs­weise noch zu ande­ren Kor­ri­do­ren hin: Tra­gö­dien, epi­sche Dich­tung, Komö­dien, Chor­ly­rik, astro­lo­gi­sche Deu­tun­gen …

Aber das ist nur eine Ver­mu­tung, keine Gewiss­heit. Die Wäch­ter hier sind nicht sehr aus­kunfts­freu­dig. Jeden­falls scheint das Auf­nah­me­kri­te­rium für die Insas­sen der Kuss einer Muse zu sein. Hier also wohl der von Euterpe. Ich lese auf den Schild­chen an den Türen Namen wie Mil­ton, Dante, Bolo, Orpheus, Neid­hart, Brant, Shiki, Bukow­ski, Ver­gil, Yeats, Tyr­taios, Tao Yuan­ming und viele, die ich noch nie gehört habe. Euterpe war flei­ßig. Oder war es Erato?

Wen soll ich hier befra­gen? Man lässt mir nicht viel Zeit. Ich darf einem der Dich­ter hin­ter den schwe­ren Boh­len­tü­ren eine Frage stel­len. Jahre, Jahr­zehnte habe ich über diese eine Frage nach­den­ken kön­nen. Ich kenne sie in- und aus­wen­dig. Es ist die Frage, der Schlüs­sel zur Ant­wort hin­ter allen Ant­wor­ten.

Der Wäch­ter wirkt bereits unge­dul­dig. Aus der Zelle Bukow­skis scheint ein Heu­len zu drin­gen, aber viel­leicht ist es auch der Wind der Zeit, der sich in die­sen end­lo­sen ver­schlun­ge­nen Kor­ri­do­ren gefan­gen hat. Mein Blick fällt auf den Namens­zug Rumi. Ja! Er soll es sein! Er wird die Ant­wort wis­sen und sie mir gerne sagen. Inner­lich jubi­liere ich, als ich die kleine Holz­platte in der Tür zur Seite schiebe. Ja, wer könne mir bes­ser Aus­kunft geben als der per­si­sche Meis­ter­poet und Visio­när der mys­ti­schen Lie­bes- und Got­tesek­stase!

»Dscha­la­lud­din?«, rufe ich ins Dun­kel sei­ner Zelle. Undeut­lich sehe ich dort einen Mann mit einer tur­ba­n­um­kränz­ten Der­wisch­mütze, der sich mit aus­ge­brei­te­ten Armen auf der Stelle dreht. Er strahlt, jen­seits aller denk­ba­ren Worte, eine unend­li­che Ruhe dabei aus, und gleich­zei­tig dringt mir eine unsäg­li­che Freude, die in schim­mern­den Spi­ra­len von ihm aus­geht, tief ins Herz.

Ich weiß nicht, ob ich einen Atem­zug lang dort stand oder eine Ewig­keit ver­ging. Die Hand des Wäch­ters schiebt die kleine Holz­pforte zu Rumis Zelle zu. Er gelei­tet mich zurück. Als ich end­lich wie­der im Freien stehe und der Wäch­ter die Tore des Palasts hin­ter sich geschlos­sen hat, beginne ich mich zu dre­hen, lang­sam um meine Achse, mit aus­ge­brei­te­ten Armen.