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Ich betrete den Korridor auf der Wache. Schon von hier höre ich Albo brüllen. Scheint miese Laune zu haben. Kein Wunder. Als er mich sieht, schmeißt er die Grünschnäbel aus dem Büro. Rückt mir sogar den Stuhl hin. Tut er sonst nie, der Kommissar.
»Was rausgefunden?« Er klingt heiser. Mit dem Kinn zeigt er auf die Kopien mit dem Blutfleck, der bis zu Text Nr. 10 runter langsam verblasst. »Hier im Team heißt es, er sei Kannibale und hat bis auf das Herz einfach alles verputzt.«
Ich nehme mir einen Kaffee. »Die meinen wohl Text Nr. 15, den ›Menschenfresser‹. Ist eine literarische Anspielung auf den Minotaurus-Mythos. Unwahrscheinlich, dass er sich auf die Weise mit ihm identifiziert.«
Albo setzt sich auf den Schreibtisch und reibt sich seinen rechten Oberschenkel. »Es gibt aber keine Leiche. Und auch keine Vermisstenmeldung, die passen würde. Das Herz hat er mit einem Messer rausgeschnitten, das, sagen die Experten, ›weder sonderlich scharf noch sonderlich stumpf war‹. Na toll! Hast wenigstens du irgendwas vorzuweisen?«
»Ist alles nicht so richtig festzunageln. Den Texten nach schätze ich, dass er Single und Einzelgänger ist, nicht gern unter Menschen.«
»Die Sache mit dem Olymp?«
»Japp. Aber auch die mit den Hippies. Und er hat was gegen staatliche Einrichtungen und Bürokratie. Die Nr. 42 mit dem angekündigten Blutbad …«
»Könnte aber auch sein, dass er nur Ärger mit seinem Finanzamt hat. Das ist doch alles Schmarrn, Mann. Ich sag’s noch mal für Doofe: Wonach soll ich fahnden lassen? Und jetzt erzähl mir nicht, nach einer jungen Bauamtsangestellten namens Cory d’Or!«
»Das ist nur eine der vielen falschen Spuren, klar. Obwohl …«
Albo versucht, sich bequemer hinzusetzen, und fegt dabei einen Bleistiftspitzer vom Schreibtisch. Ächzend beugt er sich hinunter. »Was obwohl?«
»Es besteht eine gewisse Chance, dass er tatsächlich auch im richtigen Leben Cory heißt. Ist ja auch ein Männername.«
Albo angelt mit ausgestreckten Fingerspitzen, aber der Anspitzer rutscht nur weiter unter den Tisch.
»Die Nr. 8 mit Hohlraum, Horn und Siedebecken etcetera«, setze ich nach.
»Ja?« Er gibt es auf, lässt sich wieder in seinen Drehstuhl fallen und sieht mich erwartungsvoll an.
»Alles eine mögliche Herkunft des Namens ›Cory‹. Und wenn er nicht gerade Sprachforscher ist, was ich nicht ganz ausschließen kann, dann weiß das wohl nur jemand, der auch so heißt.«
Albo streicht sich über die Stoppeln. »Lass ich checken. ‘Ne dünne Spur und nur ’ne dünne Chance, aber ich lass es checken. So viele Corys wird’s in Berlin und Umgebung ja nicht geben.«
»Und noch was, Uwe.« Albo nimmt die Hand runter. »Ich hab überlegt, ob wir die Texte, einige davon, veröffentlichen sollten. Mit irgendwas, das klarmacht, dass wir den Autor suchen.«
»Und du meinst nicht, dass der das beabsichtigt haben könnte?«
Die Frage habe ich erwartet. »Doch, ja, könnte sein. Aber wir veröffentlichen nur Teile, und wir bauen ein paar Rechtschreibfehler ein. So dass er sich grün und blau ärgert. Was meinst du? Vielleicht kennt jemand die Texte. Oder erkennt den Stil oder irgendeine Anspielung.«
»Mehr hast du nicht? Wenn er sich nun provoziert fühlt? Ich will nicht morgen irgendwo ’ne Leber finden, oder ’ne Lunge, rauspraktiziert mit einem nicht zu stumpfen, aber auch nicht zu scharfen Messer.«
Ich deute auf die Kopien: »Ich hab die ausgepresst wie eine Zitrone. Das Ganze ist ein Verwirrspiel und führt einen dauernd an der Nase rum. Ich kann nicht einfach mit dem Finger auf jemanden zeigen und sagen, der ist’s, der hat sie geschrieben, in seiner Garage findest du fünfzig Schreibmaschinen und in seinem Küchenschrank das Messer mit dem Blut.«
Albo wiegt den Kopf. Wir kennen uns jetzt schon so viele Jahre – immer mal wieder hat er sich bei kniffligen Mordfällen von mir, seinem alten Psychologen-Freund, beraten lassen. Aber trotz der wichtigen Hinweise, die ich ihm gelegentlich geben konnte: Ihm sollte klar sein, dass ich nicht zaubern kann. Er senkt die Stimme, um mir keinen Zweifel daran zu lassen, dass das, was jetzt kommt, wichtig ist. »Ich will ein Profil, schriftlich, möglichst exakt, klar? Eines, das sagt, dass er kein Menschenfresser ist, sondern ein Intellektueller mit Spaß an grausamen Spielchen. Der vielleicht Cory heißt und deswegen ein Trauma hat und ’ne Obsession mit Korridoren entwickelt hat. Klar?!«
»Viel mehr habe ich aber gar nicht.«
»Schreib’s auf. Ich brauch’s für die Rechnungsstelle. Wenn dir dabei zufällig etwas Brauchbares einfallen sollte: meld dich! Und was die Sache mit dem Veröffentlichen angeht – ich denk drüber nach.«

