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♫ Cuore non duole ♫
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Ich betrete den Korridor und eile ihn entlang bis zum Seminarraum. Vor der Tür sitzen schon drei weitere SPs. Bin spät dran. John P. ist dabei. Er grinst mir entgegen: »Du bist als Erste dran. Der Professor ist schon wieder rein.« Wie immer genieße ich seinen goldigen britischen Akzent. »Dachte schon, ich muss die ›verkappte Depression‹ für dich übernehmen!« Er weist knapp auf die Tür zum Seminarraum, hinter der wie immer an die zwanzig Studenten auf uns warten.
Ich nicke den anderen Simulantenkollegen kurz zu und setze mich zu ihnen.
Damit sich die Psychosomatiker im achten Semester mal mit dem wahren Leben auseinandersetzen können, das sie nach der Ausbildung erwartet, lassen ihre Professoren sie zu Anfang jedes Jahres auf ›Simulationspatienten‹ treffen. Also: auf uns, die SPs. Mit einer genau umrissenen und einstudierten Rolle werden wir auf die angehenden Ärzte losgelassen – und da sie noch nie mit echten Patienten zu tun hatten, sind die wenigsten von ihnen der Aufgabe gewachsen. Für die meisten stellen wir eine ebenso peinliche wie prägende Erfahrung dar.
Ich gebe – für die Somatiker – unter anderem auch Hysterektomie, Salmonellen, die Angehörige eines Alzheimer-Falls und eine krebskranke und unwissentlich todgeweihte mehrfache Mutter. Aber die Rollen für die Psychosomatiker, also die Manien und die Depressionen – wie die »verkappte« von heute oder die »mit somatoformer Schmerzstörung« –, sind mir die liebsten: Sie stellen schauspielerisch die größere Herausforderung dar.
»Auch Schauspielerin und arbeitslos?«, fragt mich die Blonde mit den zerfransten Haaren neben mir. Sie streckt mir ihre Hand entgegen: »Bin die Lara, hallo. Äh, ›Frau Edna Gierke‹ natürlich.« Aha, demnach geben die drei die Familie mit dem Halbwüchsigen, der seine Insulinspritzen abgesetzt hat: der Vater arbeitslos, die Mutter Politesse. Das Vergnügen hatte ich auch schon. Den Halbwüchsigen spielt heute ein pickliger Zwanzigjähriger mit Brille, der schwitzt und nervös auf seinem Stuhl hin- und herrutscht.
»Frau Karsten«, stelle ich mich den beiden mit meinem Rollennamen vor. Um die vierzig, leicht übergewichtig, vor der Primärdiagnose Angestellte bei der Telekom, geht mit ihrer Krankheit sehr vernunftorientiert um usw.
Die Tür zum Seminarraum geht auf. Ein Student in weißem Kittel tritt in den Korridor. »Frau Karsten?«, fragt er forsch, als sei dies hier sein Wartezimmer. In Wirklichkeit ist er wahnsinnig nervös: sein erster Patientenkontakt. Den wird er so schnell nicht vergessen!
Ich springe auf und ziehe einen Briefumschlag hervor: »Herr Doktor, gut, dass Sie mich gleich drannehmen, sehen Sie nur, Herr Doktor, hier!« Ich lasse ihn in den Umschlag blicken. Der Student reagiert erwartungsgemäß verdattert. Es liegt ein Büschel Haare drin – die ich für diesen Zweck wochenlang im Ausguss meiner Dusche gesammelt habe. »Ich hab’s gerade schon Herrn und Frau Gierke hier gezeigt«, flunkere ich ungeniert, »mir gehen die Haare aus!« Meine drei Kollegen nicken, aber ich achte nicht weiter darauf. Meine Stimme wird schrill, und ich umklammere den Arm meines Arztes. »Das kann doch nur ein schlechtes Zeichen sein, oder? Herr Doktor? Was meinen Sie? Sie sind doch der Experte. Ich will doch keine Glatze bekommen!« Der Student weiß erst nicht, was er sagen soll, stottert dann: »Kommen Sie äh doch erst einmal herein, Frau äh Karsten.«
Ich folge ihm brav, drehe mich aber noch einmal um und zwinkere John P. zu. Wir sind alte Hasen im Geschäft und haben gleich gemerkt, dass dieser Weißkittel das erste Patientengespräch seiner Karriere gründlich vergeigen wird.

