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Das Titelbild zeigt einen Menschen mit Stierkopf in Anzug und roter Krawatte an einem Rednerpult vor einem historischen Gebäude mit Säulen. Er hält eine Rede am Mikrofon. 
Ein digitaler Button zeigt einen Mechanismus mit Glocke und Bett.

♫ From the Bön Scrip­tures ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der in das Laby­rinth führt, das ich nie mehr ver­las­sen werde. Däda­lus steht hin­ter mir und lächelt stolz. Er hat Monate damit ver­bracht, es zu kon­stru­ie­ren und für mich ein­zu­rich­ten. Er nennt es »Palast«.

»Ich werde ver­durs­ten und ver­hun­gern«, sage ich. Däda­lus schüt­telt den Kopf: »Wirst du nicht. Unten, im Kel­ler des Palas­tes, gibt es eine Quelle. Es gibt Innen­höfe mit zahl­rei­chen Obst­bäu­men, und es gibt ein feuch­tes Gewölbe, in dem zahl­lose Cham­pi­gnons wach­sen.«

»Ich werde ein­sam sein«, pro­phe­zeie ich düs­ter. Däda­lus hält dage­gen: »Wir wer­den dir immer wie­der Unter­hal­tung schi­cken. Junge Män­ner und Jung­frauen unse­rer Vasal­len­staa­ten, mit denen du ver­fah­ren kannst, wie du möch­test.«

»Fleisch«, sage ich. »Wie du meinst«, sagt Däda­lus.

»Ich werde mich nach Frei­heit seh­nen und ver­rückt wer­den.« Däda­lus scheint wenig beein­druckt: »Wirst du nicht. Der Palast wird dir unend­lich groß erschei­nen, und du wirst immer wie­der neue Räume ent­de­cken, neuen Wun­dern begeg­nen. Ich habe dafür gesorgt, dass du dir einen gere­gel­ten Tages­ab­lauf gestal­ten kannst, mit allem, was du gerne tust. Das fängt an mit einem gro­ßen, wei­chen Bett aus Stroh, an das ich eine kleine Glo­cke gestellt habe, die – sobald die Sonne auf­geht – von einem Mecha­nis­mus ange­schla­gen wird. Das Bim­meln wird dann immer lau­ter, bis du end­lich auf­stehst.« Als er mich stöh­nen hört, fügt er an: »Wenn du aller­dings noch ein wenig wei­ter­schla­fen möch­test, kannst du den Mecha­nis­mus mit einem klei­nen Hebel dazu brin­gen, für einige Zeit mit dem Schla­gen der Glo­cke auf­zu­hö­ren.«

»Erfin­dun­gen …«, sage ich abfäl­lig, »das ist alles, was du kannst: Dir irgend­wel­che Mecha­nis­men und Vor­rich­tun­gen aus­den­ken. Was aber ist mit den Men­schen und ihren Gefüh­len?«

»Du bist kein Mensch. Jeden­falls nicht rich­tig.« Doch als er bemerkt, dass mir Trä­nen in die Augen tre­ten, beeilt er sich zu sagen: »Aber auch an deine Gefühle habe ich gedacht, mein Lie­ber.«

Hoff­nungs­froh sehe ich ihn an, wie er da im Ein­gang zu dem Kor­ri­dor steht, hin­ter ihm der blaue Him­mel und das Meer – die Frei­heit, die ich jetzt zum letz­ten Mal sehen, rie­chen und hören darf.

»Ich weiß«, sagt Däda­lus, »dass dir eigent­lich die Königs­würde zustünde. Dass ein … böses Schick­sal dir dein Erbe und Anrecht ver­wehrt.« Er ver­gisst zu sagen, dass er es war, der die­ses Schick­sal her­bei­ge­führt hat. Den­noch lau­sche ich erwar­tungs­voll sei­nen Wor­ten. Was hat er mir zuge­dacht?

»Du wirst in dei­nem Palast«, sagt er, »einen Bal­kon fin­den, der sich auf einen gro­ßen Platz hin öff­net. Dort kannst du dich prä­sen­tie­ren und Reden hal­ten. Und wenn du an dem höl­zer­nen Knauf ziehst, den du neben der Brüs­tung siehst, wird dir dein Volk applau­die­ren und aus vie­len Keh­len zuju­beln.«

»Mein Volk?«

»So wird es sich anhö­ren, ja. Ich habe lange an der Hydrau­lik getüf­telt.«

Ich sacke in mich zusam­men. Wie­der nur eine mecha­ni­sche Vor­rich­tung, eine Attrappe wie die, auf die mein Vater, der Stier, her­ein­fiel.

»Es wird dir gefal­len. Da bin ich ganz sicher!«

Däda­lus lächelt mir auf­mun­ternd zu. Er tritt einen Schritt zurück, ins Freie, und legt einen Hebel um. Mit einem Knir­schen senkt sich ein Wand­stück her­un­ter, um den Kor­ri­dor zu ver­schlie­ßen. Ich könnte diese Stelle hier mar­kie­ren, mit mei­nen Hör­nern ein Kreuz in die Wand rit­zen, damit sich sie wie­der­fin­den und zer­stö­ren kann. Aber ich bin sicher, auch daran hat Däda­lus gedacht und Mit­tel und Wege erson­nen, mich daran zu hin­dern, mich zu ver­wir­ren und zu nar­ren und auf ewig zum Gefan­ge­nen in die­sem Palast zu machen.

Er beugt sich her­un­ter, um mir unter der lang­sam her­ab­rut­schen­den Wand ein letz­tes Mal zuzu­win­ken.

»Sei nicht trau­rig! Du weißt ja …«, ruft er.

»Es ist für alle das Beste so«, wie­der­hole ich brav, was er mir immer wie­der ein­ge­schärft hat, »auch für mich.« Däda­lus nickt lächelnd. Dann ist er hin­ter der Wand ver­schwun­den. Mit einem dump­fen Laut schließt sie den Kor­ri­dor ab, als habe sie immer schon dort gestan­den.

Ich fühle mich ein wenig nie­der­ge­schla­gen. Schließ­lich mache ich kehrt und betrete mei­nen Palast auf der Suche nach dem Bal­kon.