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Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes vor einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem großen Mond am Himmel. Oben rechts ist eine Art grünes Notausgangsschild eingeblendet. Im Sand liegt ein Schlüssel, dessen Anhänger die Nummer 27 trägt.

♫ Mare Chronium––Contemplating ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, das Tablett mit den zwei Mahl­zei­ten in der Hand. Es ist Coq au Vin und duf­tet köst­lich.

Unser Gast möchte, dass ich um fünf Minu­ten nach Mit­ter­nacht ser­viere. Es ist ein net­ter älte­rer Herr mit grauen Bart­stop­peln, der bereits alles im Vor­aus bezahlt hat. »K. K. Kori­an­der« hat er auf den Mel­de­zet­tel geschrie­ben und sich gleich mehr­fach ver­si­chert, dass die Rezep­tion in unse­rem klei­nen Land­ho­tel auch wirk­lich rund um die Uhr besetzt und der Zim­mer­ser­vice abso­lut pünkt­lich ist. Die nächt­li­che Rezep­tio­nis­tin und der Zim­mer­ser­vice, das bin ich, und es ist genau fünf nach Mit­ter­nacht. Ich klopfe an die Tür von Zim­mer Nr. 27.

Die Tür öff­net sich: »Kom­men Sie her­ein. Das riecht ja köst­lich.« Herr Kori­an­der ist nicht allein. Es sitzt ein jun­ger Mann dort, viel­leicht drei­ßig Jahre alt. Er trägt einen Anzug, und sein Haar ist ein wenig ver­strub­belt.

Herr Kori­an­der weist auf den Tisch. Ich stelle ihnen die Tel­ler hin, lege Besteck und Ser­vi­et­ten hinzu und gieße zwei Glä­ser stil­les Tafel­was­ser ein. Der junge Mann lächelt mir zu. Mir ist etwas selt­sam zumute. Wie ist er hier her­ein­ge­kom­men? Ich stand doch die ganze Zeit an der Rezep­tion. Oder kam er gerade in den Minu­ten, in denen ich in der Küche war und den Coq au vin holte?

»Blei­ben Sie bitte«, meint Herr Kori­an­der zu mir, »falls wir noch etwas benö­ti­gen soll­ten.« Ich nicke und trete neben das Bett. Sollte um diese Zeit uner­war­te­ter­weise jemand etwas von mir wol­len, gibt es dafür einen Ruf­knopf an der Rezep­tion.

Die bei­den Män­ner pros­ten sich mit dem Was­ser zu, und wäh­rend sich der junge Mann heiß­hung­rig auf sein Hähn­chen stürzt, stellt ihm der ältere Fra­gen. Sie unter­hal­ten sich auf Eng­lisch, und Herr Kori­an­ders Gast ist offen­bar Ame­ri­ka­ner. Es geht, soweit ich das ver­stehe, um den Mars und irgend­wel­che Lebe­we­sen dort.

»Tweerl?«, fragt Herr Kori­an­der, oder zumin­dest klingt es so. Der junge Mann lacht und meint, Men­schen kön­nen das nicht aus­spre­chen, also er selbst auch nicht. Herr Kori­an­der jeden­falls ist ganz inter­es­siert an etwas, dass er nicht-mensch­li­ches Bewusst­sein nennt. Es ist sehr selt­sam, was die bei­den da reden – der junge Mann, der immer wie­der fer­tig­kaut und schluckt, bevor er ant­wor­tet, und Herr Kori­an­der, der über­haupt nicht isst, son­dern sich in ein klei­nes Büch­lein Noti­zen macht.

Sie reden über das Wesen mit dem unaus­sprech­li­chen Namen, als stünde es im Raum. Herr Kori­an­der will wis­sen, wie es sich ent­wi­ckeln konnte und was mit den ande­ren »Thots« ist. Ich bin ganz ver­wirrt, denn einer­seits schei­nen sie über eine Art Vogel zu reden – »beak« heißt doch »Schna­bel«, oder? –, ande­rer­seits über einen ägyp­ti­schen Gott, der den alten Ägyp­tern das Schrei­ben und Lesen bei­gebracht haben soll.

Der junge Mann wirft den letz­ten abge­nag­ten Kno­chen zurück auf den Tel­ler und wischt sich die Hände an der Ser­vi­ette.

»Ich hätte gerne noch über die Venus mit Ihnen gespro­chen«, meint Herr Kori­an­der bedau­ernd, »und die intel­li­gen­ten Pflan­zen dort.« Mir scheint ziem­lich ver­schro­ben, über was die bei­den sich da mit­ten in der Nacht unter­hal­ten. Der junge Mann zuckt mit den Schul­tern. »Yum­mie«, sagt er und wischt sich über die Lip­pen, was wohl hei­ßen soll, dass es ihm geschmeckt hat.

Herr Kori­an­der wen­det sich mir zu: »Wir sind dann fer­tig. Sie kön­nen abräu­men.« Das tue ich. Das Was­ser lasse ich ihnen ste­hen.

Eigen­ar­tig, denke ich, als ich mit unse­rem alters­chwa­chen Auf­zug nach unten fahre. »Tweerl« geht mir noch ein­mal durch den Kopf. Was immer es ist, es muss ein sehr eigen­ar­ti­ges Wesen sein, das ganz anders denkt als nor­male Men­schen. Aber nor­male Men­schen waren das ja nicht gerade, die bei­den.

Kurze Zeit spä­ter tritt Herr Kori­an­der zu mir an den Coun­ter und gibt mir sei­nen Zim­mer­schlüs­sel. »Möch­ten Sie noch aus­ge­hen?«, frage ich ver­wirrt, denn hier im Dorf liegt um diese Zeit alles im tie­fen Schlaf. Doch Herr Kori­an­der möchte aus­che­cken. Er legt mir ein groß­zü­gi­ges Trink­geld hin. Ich bedanke mich und bli­cke ihm ver­wun­dert hin­ter­her. Es ist kurz nach eins in der Nacht.

Und erst dann fällt mir der junge Ame­ri­ka­ner ein. Aber irgend­wie weiß ich schon, dass er nicht mehr im Hotel ist. Er wird auf die glei­che Weise ver­schwun­den sein, wie er auf­ge­taucht ist.

Der Coq au vin, den Herr Kori­an­der nicht ange­rührt hatte, schmeckt jeden­falls auch kalt noch über­aus köst­lich.