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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer mit großem Bett auf Podest, umgeben von verschiedenen Klangschalen und einem Gongständer, zu dem ein oranger Schlauch verläuft. Ein digitaler Button zeigt eine mechanische Lotusblüte.

♫ Druck­luft-Medi­ta­tion (Ura­ni­borg-Mix) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, falls man das so sagen kann, denn eigent­lich skype ich nur, und es ist mein Gesprächs­part­ner, der mit sei­nem Lap­top auf dem Arm den Kor­ri­dor betritt, um mich mit ins Stu­dio zu neh­men. »Ura­ni­borg« heißt es, und ihn soll ich Tycho nen­nen, was gut zusam­men­passt, denn die soge­nannte »Him­mels­feste« war einst die For­schungs­sta­tion des däni­schen Astro­no­men Tycho Brahe.

Die­ser Tycho jedoch ist Musi­ker, und genau darum geht es mir auch: um Musik für meine Texte. Obwohl ich ihn gerade nicht sehe, weil die Web­cam mir wackelnde Bil­der des Kor­ri­dors zum Stu­dio zeigt, wie­der­hole ich zur Vor­sicht noch ein­mal, was ich Tycho schon in mei­ner E‑Mail geschrie­ben hatte, in das Mikro mei­nes Head­sets: »Ich kann euch aller­dings nichts dafür zah­len.«

»Hast du ja schon geschrie­ben«, sagt er und öff­net eine schall­ge­dämmte Tür. Ich hatte Syn­the­si­zer­bur­gen und einen Hau­fen Instru­mente erwar­tet. Aber der große, helle Raum mit Pan­ora­ma­fens­tern in den Gar­ten ent­hält neben einer von Klang­scha­len unter­schied­li­cher Größe umstan­de­nen Liege nicht viel mehr als ein Key­board. Die­ses lässt sich unter dem Schreib­tisch, vor dem ein Kla­vier­ho­cker steht, offen­bar her­aus­zie­hen. Den zahl­rei­chen Kabeln auf dem Tisch ent­nehme ich, dass hier ein Com­pu­ter ange­schlos­sen wird – ver­mut­lich nimmt Tycho dafür sonst den, mit dem er mich gerade her­um­trägt.

»Will­kom­men in Ura­ni­borg«, sagt Tycho. Er stellt den Lap­top auf dem Tisch ab und ver­deckt mit sei­nem Gesicht die Klang­scha­len­kon­struk­tion.

»Was ist das für eine Liege hin­ter dir? Ist das für eine Klang­mas­sage?«, frage ich neu­gie­rig.

»Oh, das«, sagt er, »wir expe­ri­men­tie­ren gerade mit Sound­scapes, die der Haut­wi­der­stand des­je­ni­gen steu­ert, der sich in die Liege legt. Sie wird mit Druck­luft betrie­ben.« Tat­säch­lich erkenne ich hin­ter ihm zwi­schen den Klang­scha­len einen eigen­ar­ti­gen Mecha­nis­mus mit Schläu­chen und chrom­glän­zen­den Kol­ben.

»Möch­test du auch mal? Wol­len doch mal sehen, was für einen Haut­wi­der­stand der Com­pu­ter hat …« Das Bild kippt. Tycho setzt sein Lap­top auf die Liege. Mit des­sen ein­ge­bau­ter Web­cam habe ich jetzt einige der Klang­scha­len im Blick. Der Druck­luft­per­kus­sio­nist beginnt zu zischen und zu stamp­fen und bewegt die Klöp­pel, und bald umhül­len mich hyp­no­ti­sche Sphä­ren­klänge.

»Bevor ich hier ganz weg­drifte …«, rufe ich in mein Head­set, und da kippt auch schon wie­der das Bild, und Tycho setzt mich, nach­dem er die Press­luft­ma­schi­ne­rie abge­schal­tet hat, wie­der auf den Tisch. Auch er stülpt sich jetzt ein Head­set auf. Die Klang­scha­len hin­ter ihm hal­len noch lange nach.

»Wie bist du auf mich gekom­men?«, fragt er neu­gie­rig. »Warst du auf einem mei­ner Schlaf­kon­zerte?«

Ich schüttle den Kopf: »Noch nicht. Ich hab ein paar Tracks von euch im Inter­net gehört und dachte …« Ja, was hab ich mir eigent­lich dabei gedacht?

»Du willst eine Reihe von Tex­ten ver­öf­fent­li­chen und hät­test gern jeweils einen klei­nen Sound­track dazu. Hab ich das rich­tig ver­stan­den?«

»Genau«, sage ich.

Ich hatte schon in der E‑Mail ein biss­chen von mir erzählt: Dass ich im Bau­amt einer klei­nen Stadt in den neuen Bun­des­län­dern arbeite, da wenig zu tun habe, aber beschäf­tigt wir­ken will, weil ich am Gang zu den Toi­let­ten sitze und die Kol­le­gen mich hin­ter der Glas­tür gut sehen kön­nen, und dass ich ange­fan­gen habe, kleine »archi­tek­to­ni­sche« Skiz­zen in den Com­pu­ter zu tip­pen, inspi­riert von den Anträ­gen auf mei­nem Schreib­tisch und den Besich­ti­gun­gen und Abnah­men, bei denen ich manch­mal dabei­sein darf.

Und dass ich Musik brau­che für die Ver­öf­fent­li­chung. Viel Musik. Unge­wöhn­li­che Musik. Musik, die Bil­der im Kopf macht.

»Das Laby­rinth des Mino­tau­rus«, sagt er nach­denk­lich.

»Ja. Ich hab dir ein paar Mino­tau­rus-Frag­mente geschickt, weil das doch auch mal Thema eurer Schlaf­kon­zerte war und in der Musik vor­kommt. Das ver­bin­det uns sozu­sa­gen. Am 11. Novem­ber will ich anfan­gen.«

»So bald schon?« Mir rutscht das Herz in die Hose, als er das sagt. Ich bin viel zu spät dran mit mei­ner Suche nach Musik. Aber kleine Sound­tracks zu den Geschich­ten wären mein Traum, und den will ich nicht so ein­fach auf­ge­ben.

»Was macht«, fragt er, »eine junge Frau wie du als Sach­be­ar­bei­te­rin im Bau­amt?«

»Ich hab in Leip­zig Geschichte und Ori­ent­wis­sen­schaf­ten stu­diert, aber als His­to­ri­ke­rin nichts gefun­den. Tja und da … Jeden­falls dür­fen meine Kol­le­gen nichts von mei­nen lite­ra­ri­schen Ambi­tio­nen wis­sen.«

Tycho lächelt ein wenig spitz­bü­bisch: »Ich ver­rat kei­nem was. Wie viele Texte lie­gen denn schon vor?«

»Einen ers­ten Schwung habe ich schon, und ich will immer min­des­tens drei, vier im Vor­aus fer­tig haben. Was die Zuord­nung der Musik angeht, würde ich euch völ­lig freie Hand las­sen. Es sol­len ins­ge­samt knapp, äh, vier­hun­dert wer­den.«

Er zuckt bei der Zahl nicht zusam­men. Schon mal gut.

»Ich weiß«, fahre ich has­tig fort, »dass es urst viel ver­langt ist, aber …« Tycho unter­bricht mich: »Kein Pro­blem. Wir haben mas­sig Mate­rial im Archiv, alles unver­öf­fent­licht. Aber es sind schräge Sachen dabei.«

»Find ich super«, sage ich.

Tycho muss bei so viel Enthu­si­as­mus grin­sen: »Das wären dann Dro­nes, Sound­scapes, kom­po­si­to­ri­sche Skiz­zen, Stu­dio-Ses­si­ons, Field Recor­dings, psy­cho­ak­tive Klang­ex­pe­ri­mente …«

»Na, das klingt doch alles ganz schau! Was die jewei­lige Dauer betrifft, hab ich gedacht, die Musik sollte immer in etwa so lange dau­ern, wie man zum lau­ten Lesen braucht, also so zwi­schen sie­ben Sekun­den und sie­ben Minu­ten.«

»Okay. Schick mir einen Text, und vier­und­zwan­zig Stun­den spä­ter hast du einen Sound­track dazu. Sollte dir ein Stück nicht zusa­gen, kriegst du ein ande­res.«

Wow. Ich kann mein Glück gar nicht fas­sen. Meine geplante Ver­öf­fent­li­chung bekommt eine Begleit­mu­sik! Aber …

»Aber was«, frage ich besorgt, «wenn dir meine Texte nicht zusa­gen?«

Tycho ver­zieht keine Miene: »Wird nicht pas­sie­ren. Ich les sie gar nicht, son­dern guck nur, wie lang sie jeweils sind.« Er lässt sich nichts anmer­ken – außer einem klei­nen Fun­keln in sei­nen Augen, das mir ver­rät, dass er das wohl nicht ganz ernst meint.