Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Profiler

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Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt von oben zwei Männer hinter einem Absperrband auf einem gepflasterten Boden mit einem Stapel Papier in der Mitte und langen, ins Bild fallenden Schatten. Ein Overlay zeigt die Nummer 01 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Thun­ders­now ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. In die Sie­ges­säule hat es mich bis­her nie ver­schla­gen. Ist wohl auch nur was für Tou­ris. Dies­mal sind keine hier, weil die Mord­kom­mis­sion alles abge­sperrt hat. Uwe Albo tritt mir ent­ge­gen. »So was ist mir im Leb­tag noch nicht unter­ge­kom­men. Echt übel. Den Scheiß­kerl kauf ich mir per­sön­lich, wenn …« Er ver­liert den Faden. Sieht ver­stört aus. Dem kann ich nach­hel­fen: »Den Kerl? Oder die Frau?« Albo stutzt, aber merkt schnell, dass ich natür­lich noch nicht mehr wis­sen kann als er. »So was macht keine Frau.« Er gibt mir den Weg frei. Der Foto­graf ist gerade bei der Arbeit. Sein Blitz erhellt einen Sta­pel loser Blät­ter, auf dem ein blu­ti­ger Klum­pen Fleisch liegt. Ein fri­sches Herz, wie es scheint, und zwar ver­mut­lich das eines Men­schen, sonst wären wohl kaum Albo und die Mord­kom­mis­sion ange­rückt – und er hätte auch mich nicht gleich her­kom­men las­sen. Na, das Jahr hört ja gut auf. Ich sehe mich in dem Kor­ri­dor um, kann aber nichts psy­cho­lo­gisch Beson­de­res ent­de­cken.

Spä­ter in sei­nem Büro drückt mir Kom­mis­sar Albo, nach­dem ich gefühlte zwan­zig Papp­tas­sen vol­ler bit­te­rem Kaf­fee auf ihn gewar­tet habe, die Blät­ter in die Hand. Das Blut hat dun­kel­rote Fle­cken dar­auf hin­ter­las­sen. Ich bin ganz froh, dass die Foren­si­ker jedes ein­zelne Blatt in eine Plas­tik­hülle gesteckt haben.

»Es sind fünf­zig«, sagt Albo. Er sieht müder aus als sonst – seine dunk­len Trä­nen­sä­cke schei­nen noch mehr vom Leid der Welt absor­biert zu haben. »Durch­num­me­riert.« Er lässt sich auf sei­nen Dreh­stuhl fal­len. »Sonst haben wir nichts. Täter-DNA, Fin­ger­ab­drü­cke, Fuß­spu­ren: Fehl­an­zeige.« Ich sehe die Blät­ter durch. Maschi­n­ege­schrie­be­nes. Kurze Texte. Geschich­ten. Kein Beken­ner­brief allem Anschein nach. Auch keine Lie­bes­briefe. »Das Herz?«, frage ich.

Albo greift nach sei­nem Handy, als habe es gerade vibriert. Aber er muss sich getäuscht haben, steckt es mit einem fast unmerk­li­chen Kopf­schüt­teln wie­der weg. »Das Herz, ja. Das Opfer ist männ­lich, dem Blut nach. Vom Rest keine Spur.«

Ich stehe auf und winke mit dem Blät­ter­sta­pel: »Guck ich mir zuhause mal näher an.« Albo sieht mich an, als hätte ich gerade mein Jackett geöff­net und ihm einen Spreng­stoff­gür­tel prä­sen­tiert: »Die kannst du nicht mit­neh­men. Hast du sie noch alle? Das ist wich­ti­ges Beweis­ma­te­rial.« Ich mache die drei Schritte zum Kopie­rer und hebe den Deckel hoch. Der Schnell­ein­zug nützt mir hier nichts, mit dem Plas­tik um die Blät­ter. Albo sieht aus, als wolle er pro­tes­tie­ren. Grü­nes Leuch­ten fährt unter dem Deckel ent­lang. Kann das Kopie­rer­licht irgend­wel­che Spu­ren ver­nich­ten? Albo scheint zu dem Ergeb­nis zu kom­men, dass das eher unwahr­schein­lich ist. Er sackt wie­der auf sei­nen Stuhl zurück. Dass wir es mit einer kran­ken Psy­che zu tun haben, muss er gleich gespürt haben. Sonst wär ich jetzt nicht hier.

Ich lege das zweite Blatt auf. Auf dem ers­ten, das ich zur Seite lege, ist jede Menge ein­ge­trock­ne­tes Blut, das auf der Kopie häss­li­che schwarze Kon­ti­nente hin­ter­las­sen hat, ähn­lich der Tin­ten­kleckse für einen Ror­schach­test. Die Fle­cke umflie­ßen den Text mit der Num­mer 1 auf dem Blatt. Es ist nur ein ein­zi­ger Satz. Er lau­tet: »Ich betrete den Kor­ri­dor …«

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Das Titelbild, ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand, zeigt einen Blick aus einem Büro mit Schreibtisch, Telefonen und Papieren auf eine Stadt mit Feuerwerk über einem Fluss bei Nacht.

♫ Under the Throne ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Neon­röhre fla­ckert. Die Tür zu Albos Büro ist nur ange­lehnt. »Komm rein«, ruft er, »fro­hes Neues!«. Er sitzt halb im Licht­ke­gel sei­ner Schreib­tisch­lampe. Der Rest des Zim­mers ist dun­kel. Drau­ßen gehen ein paar ver­spä­tete Rake­ten hoch. Es ist lange nach Mit­ter­nacht.

»Fro­hes Neues!«, ant­worte ich, obwohl mich der grau­sige Fund vom Mor­gen des Tages nicht gerade froh gestimmt hat.

»Und?«, fragt er. Mir ist klar, was er von mir will. Albo muss einen Mör­der fin­den, und ich soll ihm dabei hel­fen. Ich gehe erst mal zur Kaf­fee­ma­schine. Ihr rotes Betriebs­lämp­chen leuch­tet mir den Weg. Schlechte Ange­wohn­heit, aber sicher­lich bes­ser, als immer sofort zu was Hoch­pro­zen­ti­gem zu grei­fen.

Auch Albo hat die­ses Sil­ves­ter offen­bar mit Kaf­fee began­gen. Und er hat sich, sehe ich, eben­falls Kopien der fünf­zig Blät­ter gemacht. Ver­mut­lich hat er sie in den letz­ten Stun­den ebenso oft gele­sen wie ich. Wäre sogar eine ganz nette Lek­türe für den Jah­res­wech­sel gewe­sen, wenn nicht gerade ein mensch­li­ches Herz drauf gele­gen hätte.

Albos Kopf bleibt im Dun­keln. Viel­leicht sogar bes­ser so. Ich setze mich ihm gegen­über: »Alles maschi­n­ege­schrie­ben. Also Schreib­ma­schine, meine ich. Und zwar unter­schied­li­che Schreib­ma­schi­nen, dem Schrift­bild nach zu urtei­len.«

»Fünf­zig ver­schie­dene Schreib­ma­schi­nen. Ich hab das schon che­cken las­sen. Es gibt da einen Ebay-Account, Rechtschreibfehler68, der hat sich vor Mona­ten fünf­zig alte Schreib­ma­schi­nen gekauft und den Account dann deak­ti­viert. Wir haben Ebay und die Ver­käu­fer kon­tak­tiert – bis­her nichts Ver­wert­ba­res, soweit wir’s an ‘nem Fei­er­tag raus­fin­den konn­ten. Hat seine Spu­ren offen­bar gründ­lich ver­wischt.«

»Recht­schreib­feh­ler?«

»Ja, gibt da zahl­rei­che Accounts, die so hei­ßen. Wieso?«

»Weil er keine macht.«

»Wenn du meinst, das ist ein Wider­spruch, dann doch nur einer von zahl­rei­chen, oder?« Albo legt seine Hand­flä­che mit gespreiz­ten Fin­gern auf die Kopien, als wolle er sie mit einem Fluch bele­gen. »Mal Mann, mal Frau, mal alt, mal jung, mal tut er doof, mal tut er klug …«

»Was sagt dir, dass das vom Mör­der geschrie­ben wurde?«

Albo zieht die Hand zurück: »Der Anfang. Immer der glei­che. Ein Kor­ri­dor. Weißt du noch, wo wir das raus­ge­schnit­tene Herz gefun­den haben? In einem Kor­ri­dor.«

»Ist ja wohl kein Beweis«, sage ich, »und außer­dem: Wer sagt dir, dass das eine ein­zelne Per­son geschrie­ben hat. Könn­ten auch meh­rere sein.« Albo beugt sich vor und taucht sein Stop­pel­kinn in den Licht­ke­gel. »Komm schon, Mann« sagt er, »ich brau­che Ergeb­nisse, Hin­weise, Spu­ren, irgend­was!«

Ich zer­knit­tere den lee­ren Papp­be­cher und werfe ihn in die Rich­tung, wo bei Tages­licht sonst der Papier­korb steht.

Albo fuch­telt mit den Hän­den. »Ist es ein Ver­rück­ter? Ein ver­kann­ter Künst­ler? Ein Deutsch­leh­rer? Jemand, dem man seine Texte gestoh­len hat und der sich blu­tig rächt? Der glaubt, er schafft’s so auf den Titel der BZ? Du bist der Pro­fi­ler, also sag schon, Mann.«

»Falls es ein Autor ist, und falls es ein Autor und keine Autorin ist – was ich bei­des für wahr­schein­lich halte –, dann ist es jemand, der gerne mit Mög­lich­kei­ten jon­gliert. Und der offen­bar gerne Ver­steck spielt.«

»Was soll das hei­ßen?«, pol­tert Albo wie in sei­nen bes­ten Jah­ren. »Dass er es drauf anlegt, dass wir ihn jagen? Dass der Kerl den Mord als Spiel ansieht?«

Ich ver­ziehe die Lip­pen und wiege den Kopf. Ver­mut­lich kann mich Albo ebenso wenig sehen wie ich ihn. Aber ich brau­che das für mich. Hier klare Aus­sa­gen zu tref­fen heißt, sich weit auf dün­nes Eis raus­zu­wa­gen. »Ein Spiel, ja. Oder eine Art Rät­sel­par­cours durch Kor­ri­dore. Irgendwo ist von ins­ge­samt rund vier­hun­dert Tex­ten die Rede: Wenn wir Pech haben, wird es wei­ter­ge­hen.«

»Das wer­den wir ver­hin­dern. Und des­halb brauch ich irgend­wel­che Anhalts­punkte!«

»Was willst du hören? Dass er gebil­det ist, ver­mut­lich stu­diert hat, die neue deut­sche Recht­schrei­bung beherrscht, sich für ein brei­tes The­men­spek­trum inter­es­siert, das Mär­chen, Mythen, His­to­rie und Sci­ence-Fic­tion mit ein­schließt, tro­cke­nen Humor besitzt, sich für einen Dich­ter oder ›Kurz­pro­sa­schrei­ber‹ zu hal­ten scheint, zu Sprach­spie­le­reien und exis­ten­zia­li­schen Tira­den neigt und eine Obses­sion mit Kor­ri­do­ren pflegt? Dass er drei­und­vier­zig Jahre alt ist?«

»Drei­und­vier­zig? Schreibt er das?«

»Nur so ’ne Ver­mu­tung, wegen ›Rechtschreibfehler68‹ – da könnte er sein Geburts­jahr genom­men haben. Machen viele.«

Albo beugt sich wie­der vor, dies­mal, um mir zu zei­gen, dass er lächelt. »Na, das ist doch schon was. Da haben wir ihn doch schon ein­ge­kreist. Was ist mit der Frau, von der er am Anfang schreibt?«

»Könnte eine unglück­li­che Lie­bes­ge­schichte sein. Sie taucht spä­ter als Ana­gramm noch mal auf – ich hoffe nur, der ›Aus­er­ko­re­nen‹ fehlt seit ges­tern nicht das Herz.«

Albo brummt. »Das Opfer war männ­lich.«

»Stimmt, ja. Viel­leicht bringt uns Text Num­mer 50 auf seine Spur.«

Albo kramt durch die Kopien, bis er die rich­tige gefun­den hat: »Die The­ra­peu­tin?«

»Japp. Da könnte was dran sein: Ein Trauma, Alp­träume, eine The­ra­pie. Und das blu­tige Herz könnte ein Mani­fest sein. Oder ein Hil­fe­ruf.«

»Also lasse ich alle Ber­li­ner Trau­ma­the­ra­peu­tin­nen durch­che­cken, ob sie einen mit einer Kor­ri­dor-Obses­sion auf der Couch haben …«

»Ich würde da auch eher die männ­li­chen The­ra­peu­ten che­cken. In den Tex­ten ist immer irgend­was ver­dreht.«

Albo hält mir eine der Kopien hin. »Wer ist R. L. St.?«

Ich stehe auf und trete an Fens­ter. Es reg­net, was die Stra­ßen­be­leuch­tung vor der Wache noch trü­ber als ohne­hin schon wir­ken lässt. Immer­hin kann ich von hier aus zwei schim­mernde Fle­cke in dem schwar­zen Loch sehen, das Albos Kopf sein muss. »Robert Louis Ste­ven­son. Hat Jekyll and Hyde geschrie­ben und sich dabei von hal­lu­zi­nier­ten klei­nen Männ­chen inspi­rie­ren las­sen.«

»Jekyll and Hyde. Das kann ja hei­ter wer­den«, grunzt er.

»Ich brau­che mehr Zeit, Uwe«, sage ich. Albo brummt etwas, das ich als ärger­li­che Zustim­mung ver­stehe. Ich lasse ihn allein. Das neue Jahr ist jetzt schon ein paar Stun­den alt, und als ich auf die Straße trete, hört der Schnee­re­gen auf, als hätte plötz­lich jemand die Hand über die nächt­li­che Stadt gehal­ten.

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Das Titelbild zeigt eine schwarz-weiße Aufnahme eines Schreibtischs mit Schreibmaschine der Marke Adler, altem Wählscheibentelefon, Tasse Kaffee, kleinem Blumentopf, Stift auf Papier und einem gerahmten Bild, das eine menschenähnliche Gestalt mit Stierkopf zeigt.

♫ Wim­mel­bild ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor auf der Wache. Schon von hier höre ich Albo brül­len. Scheint miese Laune zu haben. Kein Wun­der. Als er mich sieht, schmeißt er die Grün­schnä­bel aus dem Büro. Rückt mir sogar den Stuhl hin. Tut er sonst nie, der Kom­mis­sar.

»Was raus­ge­fun­den?« Er klingt hei­ser. Mit dem Kinn zeigt er auf die Kopien mit dem Blut­fleck, der bis zu Text Nr. 10 run­ter lang­sam ver­blasst. »Hier im Team heißt es, er sei Kan­ni­bale und hat bis auf das Herz ein­fach alles ver­putzt.«

Ich nehme mir einen Kaf­fee. »Die mei­nen wohl Text Nr. 15, den ›Men­schen­fres­ser‹. Ist eine lite­ra­ri­sche Anspie­lung auf den Mino­tau­rus-Mythos. Unwahr­schein­lich, dass er sich auf die Weise mit ihm iden­ti­fi­ziert.«

Albo setzt sich auf den Schreib­tisch und reibt sich sei­nen rech­ten Ober­schen­kel. »Es gibt aber keine Lei­che. Und auch keine Ver­miss­ten­mel­dung, die pas­sen würde. Das Herz hat er mit einem Mes­ser raus­ge­schnit­ten, das, sagen die Exper­ten, ›weder son­der­lich scharf noch son­der­lich stumpf war‹. Na toll! Hast wenigs­tens du irgend­was vor­zu­wei­sen?«

»Ist alles nicht so rich­tig fest­zu­na­geln. Den Tex­ten nach schätze ich, dass er Sin­gle und Ein­zel­gän­ger ist, nicht gern unter Men­schen.«

»Die Sache mit dem Olymp?«

»Japp. Aber auch die mit den Hip­pies. Und er hat was gegen staat­li­che Ein­rich­tun­gen und Büro­kra­tie. Die Nr. 42 mit dem ange­kün­dig­ten Blut­bad …«

»Könnte aber auch sein, dass er nur Ärger mit sei­nem Finanz­amt hat. Das ist doch alles Schmarrn, Mann. Ich sag’s noch mal für Doofe: Wonach soll ich fahn­den las­sen? Und jetzt erzähl mir nicht, nach einer jun­gen Bau­amts­an­ge­stell­ten namens Cory d’Or!«

»Das ist nur eine der vie­len fal­schen Spu­ren, klar. Obwohl …«

Albo ver­sucht, sich beque­mer hin­zu­set­zen, und fegt dabei einen Blei­stift­spit­zer vom Schreib­tisch. Äch­zend beugt er sich hin­un­ter. »Was obwohl?«

»Es besteht eine gewisse Chance, dass er tat­säch­lich auch im rich­ti­gen Leben Cory heißt. Ist ja auch ein Män­ner­name.«

Albo angelt mit aus­ge­streck­ten Fin­ger­spit­zen, aber der Anspit­zer rutscht nur wei­ter unter den Tisch.

»Die Nr. 8 mit Hohl­raum, Horn und Sie­de­be­cken etce­tera«, setze ich nach.

»Ja?« Er gibt es auf, lässt sich wie­der in sei­nen Dreh­stuhl fal­len und sieht mich erwar­tungs­voll an.

»Alles eine mög­li­che Her­kunft des Namens ›Cory‹. Und wenn er nicht gerade Sprach­for­scher ist, was ich nicht ganz aus­schlie­ßen kann, dann weiß das wohl nur jemand, der auch so heißt.«

Albo streicht sich über die Stop­peln. »Lass ich che­cken. ‚Ne dünne Spur und nur ’ne dünne Chance, aber ich lass es che­cken. So viele Corys wird’s in Ber­lin und Umge­bung ja nicht geben.«

»Und noch was, Uwe.« Albo nimmt die Hand run­ter. »Ich hab über­legt, ob wir die Texte, einige davon, ver­öf­fent­li­chen soll­ten. Mit irgend­was, das klar­macht, dass wir den Autor suchen.«

»Und du meinst nicht, dass der das beab­sich­tigt haben könnte?«

Die Frage habe ich erwar­tet. »Doch, ja, könnte sein. Aber wir ver­öf­fent­li­chen nur Teile, und wir bauen ein paar Recht­schreib­feh­ler ein. So dass er sich grün und blau ärgert. Was meinst du? Viel­leicht kennt jemand die Texte. Oder erkennt den Stil oder irgend­eine Anspie­lung.«

»Mehr hast du nicht? Wenn er sich nun pro­vo­ziert fühlt? Ich will nicht mor­gen irgendwo ’ne Leber fin­den, oder ’ne Lunge, raus­prak­ti­ziert mit einem nicht zu stump­fen, aber auch nicht zu schar­fen Mes­ser.«

Ich deute auf die Kopien: »Ich hab die aus­ge­presst wie eine Zitrone. Das Ganze ist ein Ver­wirr­spiel und führt einen dau­ernd an der Nase rum. Ich kann nicht ein­fach mit dem Fin­ger auf jeman­den zei­gen und sagen, der ist’s, der hat sie geschrie­ben, in sei­ner Garage fin­dest du fünf­zig Schreib­ma­schi­nen und in sei­nem Küchen­schrank das Mes­ser mit dem Blut.«

Albo wiegt den Kopf. Wir ken­nen uns jetzt schon so viele Jahre – immer mal wie­der hat er sich bei kniff­li­gen Mord­fäl­len von mir, sei­nem alten Psy­cho­lo­gen-Freund, bera­ten las­sen. Aber trotz der wich­ti­gen Hin­weise, die ich ihm gele­gent­lich geben konnte: Ihm sollte klar sein, dass ich nicht zau­bern kann. Er senkt die Stimme, um mir kei­nen Zwei­fel daran zu las­sen, dass das, was jetzt kommt, wich­tig ist. »Ich will ein Pro­fil, schrift­lich, mög­lichst exakt, klar? Eines, das sagt, dass er kein Men­schen­fres­ser ist, son­dern ein Intel­lek­tu­el­ler mit Spaß an grau­sa­men Spiel­chen. Der viel­leicht Cory heißt und des­we­gen ein Trauma hat und ’ne Obses­sion mit Kor­ri­do­ren ent­wi­ckelt hat. Klar?!«

»Viel mehr habe ich aber gar nicht.«

»Schreib’s auf. Ich brauch’s für die Rech­nungs­stelle. Wenn dir dabei zufäl­lig etwas Brauch­ba­res ein­fal­len sollte: meld dich! Und was die Sache mit dem Ver­öf­fent­li­chen angeht – ich denk drü­ber nach.«

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Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißbild: Vier dunkel gekleidete Personen stehen in einem Gang mit Backsteinwänden vor einem Gitter, hinter dem aufrecht eine Bärenfigur steht. Ein Overlay zeigt die Nummer 04 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Shi­ver Policy ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es stinkt erbärm­lich nach Tier­ge­hege – kein Wun­der, ich bin hier ja auch in einem Bären­zwin­ger. Die bei­den Bewoh­ner, Maxi und Schnute, haben sie auf die andere Seite gesperrt, um der Mord­kom­mis­sion den Zutritt zu ermög­li­chen.

»Das haben die Bären nicht ange­rührt. Sind sogar rich­tig davor zurück­ge­schreckt, sagt die Wär­te­rin«, begrüßt mich Uwe Albo, wie immer in einem schlecht­sit­zen­den Anzug, das Gesicht von Sor­gen­fal­ten durch­furcht. Die Bären kön­nen hier an zwei Sei­ten ins Freie tre­ten und von Besu­chern bestaunt wer­den, mit­ten in Ber­lin in einem klei­nen Park zwi­schen der Bot­schaft von Angola und dem Deut­schen Psy­cho­lo­gen Ver­lag. Der Kor­ri­dor im klei­nen Bären­haus zwi­schen den bei­den ein­ge­zäun­ten und von blau­ge­ka­chel­ten Grä­ben umge­be­nen Frei­area­len liegt im Zwie­licht.

»Wie­der ein Herz«, sagt Albo. Er klingt erschöpft. »Und wie­der fünf­zig Blät­ter.«

»Deja vu«, sage ich. Mir ist flau im Magen. Sollte ein ent­spann­tes lan­ges Wochen­ende wer­den.

Spä­ter durch­misst der Kom­mis­sar vol­ler unter­drück­ter Wut sein Büro dia­go­nal, hin und her, von der Tür zur Kaf­fee­ma­schine, von der Kaf­fee­ma­schine zur Tür. Und wie­der zurück. Mor­gen zie­hen Rosen­mon­tags­züge durch die deut­schen Städte. Aber die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion wird wohl kei­nen Grund haben, zu fei­ern und Kamelle zu wer­fen. »Jetzt haben wir schon zwei Opfer. Und einen Seri­en­mör­der, über den wir nichts wis­sen, außer dass er uns jetzt ganze hun­dert ver­dammte Bot­schaf­ten geschickt hat, aus denen wir nicht schlau wer­den.«

Das ist auf mich gemünzt. Die neuen Texte konnte ich bis­her nur über­flie­gen. Um irgend­was zu sagen, ant­worte ich mit einer Gegen­frage – alter Psy­cho­lo­gen­trick: »Warum erst die Sie­ges­säule und dann der Bären­zwin­ger? Ber­li­ner Wahr­zei­chen. Damit will er doch irgend­was signa­li­sie­ren.«

Albo hält sich an der offen­ste­hen­den Tür fest. »Sag du es mir.« Er wird unter­bro­chen, tritt aus dem Zim­mer, um mit einem Mit­ar­bei­ter zu reden. Irgend­wie ahne ich schon, was es für Neu­ig­kei­ten gibt.

Und tat­säch­lich: »Keine ver­wert­ba­ren Spu­ren. Der Mann ist nachts ver­mut­lich ein­fach ins Gehege geklet­tert. Muss lebens­müde sein. Oder kennt sich mit Bären aus. Und die Blät­ter: wie­der fünf­zig Schreib­ma­schi­nen. Die­sel­ben fünf­zig Schreib­ma­schi­nen. In der glei­chen Rei­hen­folge.«

Ich sehe einen Syn­chron­schach­spie­ler vor mir, der von Tisch zu Tisch tritt und dort jeweils einen Zug macht. Fünf­zig Tische, fünf­zig Schach­bret­ter, fünf­zig Spiele. Immer einen Zug wei­ter. Albo sage ich nichts davon. Schlech­ter Zeit­punkt. Er ist müde und wütend, ein ver­letz­ter Bär, der nicht weiß, warum alle auf ihn ein­ha­cken und wo er sich ver­ste­cken soll.

Auf mich war­tet Arbeit. Lesen. Nach­den­ken. Spu­ren nach­ge­hen. Kom­bi­nie­ren. Ich sehe zu, dass ich ver­schwinde.

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Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißfoto einer Ermittlungswand mit aufgepinnten Fotos, verbunden durch Fäden, und einem Fragezeichen in der Mitte. Die Pinnwand hängt über einem Schreibtisch mit Akten und einer Pistole. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 05 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Insom­nia ob omnia ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ver­däch­tig still hin­ter der Tür zum Büro des Kom­mis­sars. Ich klopfe, was ich sonst nie tue. Eine Art Stöh­nen ant­wor­tet mir: Albo rich­tet sich äch­zend von sei­nem Dreh­stuhl auf. Er wirkt des­ori­en­tiert. »Wie spät ist es?«

»Offen­bar zu früh. Sag mal, Uwe, hast du hier gepennt?« Albo mas­siert eines sei­ner Beine, das ihm offen­bar eben­falls ein­ge­schla­fen ist. »Ich muss mal kurz in den Wasch­raum.« Er hum­pelt aus dem Raum.

Ich nutze die Zeit und werfe noch mal einen Blick in die Kopien der Bot­schaf­ten, die uns der Kil­ler hin­ter­las­sen hat. Hab schon die ganze Nacht drü­ber ver­bracht. Albo sitzt meist schon in aller Frühe in sei­nem Büro – ich dachte, das sei eine gute Gele­gen­heit, mal nach­zu­fra­gen, ob es von Sei­ten der Poli­zei schon was Neues gibt.

Albo kommt zurück, Haare nass und Was­ser­sprit­zer auf dem Hemd. Einen Rasie­rer hat er hier in der Wache offen­bar nicht depo­niert.

»Die 73«, sagt er und blät­tert ziel­los durch seine Kopien, ohne die gesuchte zu fin­den, »ist ein Witz, oder?«

Der Kaf­fee schmeckt am frü­hen Mor­gen noch bit­te­rer als sonst. Ich stelle den Papp­be­cher Albo auf den Schreib­tisch. Er kann ihn brau­chen. »Die Num­mer mit ›aller­or­ten Froh­sinn‹? Der macht sich lus­tig über uns. Aber ich glaube, dies­mal nageln wir ihn fest.«

»Erzähl«, for­dert Albo mich auf, wäh­rend er sich in sei­nen Stuhl fal­len lässt, der ihm dabei fast unterm Hin­tern weg­rollt.

»Ich hatte von vorn­her­ein den Ein­druck, dass der Kerl unter einer Zwangs­stö­rung lei­det. Text Nr. 95 spricht da Bände. Außer­dem haben wir ein Kind­heits­trauma, eine Schi­zo­iden-Story mit Mord­dro­hun­gen und die Sache mit der Sack­gasse.«

»Die 54 meinst du? Die ist zu alt. Da hat er sich längst raus­ge­ar­bei­tet. Ver­giss nicht, er hat die­sel­ben Schreib­ma­schi­nen in der­sel­ben Rei­hen­folge genom­men.« Er trinkt aus dem Becher, den ich ihm hin­ge­stellt habe, und muss hus­ten.

»Kann er auch rück­wärts oder durch­ein­an­der ver­wen­det haben. Aber du hast recht, Uwe, so leicht lässt der sich nicht stop­pen.«

»Schizo, sagst du? Die Num­mer mit dem Spie­gel-Ich.«

»Da legt er eine Bombe.«

»Sein isla­mis­ti­scher Selbst­mord­at­ten­tä­ter will auch alles hoch­ja­gen. Warum der Kerl selbst dann mit einem Mes­ser mor­det …?« Albos Satz ver­liert sich. Er ist mit den Gedan­ken schon wie­der woan­ders. Viel­leicht ist es auch der feh­lende Schlaf.

»Du soll­test nach Hause gehen und dich aufs Ohr hauen, Uwe. Siehst nicht gut aus.«

»Danke gleich­falls«, kon­tert er. »Und schlag hier erst wie­der auf, wenn du was Ver­wert­ba­res auf­wei­sen kannst.« Sein Tele­fon klin­gelt. Mit einer unwir­schen Husch-Husch-Bewe­gung schmeißt er mich raus. Bevor ich gehe, mus­tere ich die Wände. Wir soll­ten irgendwo eins die­ser gro­ßen Kork­bret­ter anbrin­gen, wie in den ame­ri­ka­ni­schen Fil­men, wo sie da all ihre Indi­zien und Quer­ver­bin­dun­gen dran­pin­nen. Die Mitte las­sen wir frei, und irgend­wann, all­mäh­lich, würde sich da das Bild des Gesuch­ten abzeich­nen. Wie war das noch? Cory heißt »Hohl­raum«?

Ich beschließe, mei­nem eige­nen Rat zu fol­gen, alle Ter­mine für den Mor­gen abzu­sa­gen und mich noch mal ins Bett zu ver­krie­chen.

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Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit zwei Mädchen in ärmellosen Kleidern  nebeneinander vor einer Wand. Beide haben ein großes, herzförmiges Loch in der Brust. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 06 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Don’t Wake the Fer­ry­man ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und dem Geruch nach hat hier einer der Beam­ten Hun­de­ka­cke mit rein­ge­schleppt. Oder bin das etwa ich? Ich kon­trol­liere meine Soh­len: zwar nicht sau­ber, aber augen­schein­lich nichts, das so bes­tia­lisch stin­ken könnte.

In Albos Büro riecht es wie immer nach Kaf­fee.

»Es waren Zwil­linge«, sagt Albo, als er mich sieht. Ohne, dass ich es groß steu­ern kann, lässt das einen Film in mei­nem Kopf ablau­fen. Ich sehe die Kess­ler-Zwil­linge vor mir, beide haben je eine Hand an einem Schlach­ter­mes­ser. Ellen sagt: Wir wol­len dein Herz. Und Alice sagt: Es ist für die Dicht­kunst, sorry.

»Die Toten«, ergänzt Albo, »haben die glei­che DNA. Wenn’s nicht zwei­mal das­selbe Herz war, dann waren’s ein­ei­ige Zwil­linge.«

Ach, nicht die Täter! Die Opfer! Schlag­ar­tig ändert sich die Szene. Ellen sagt: Ich wollte gar nicht ster­ben. Und Alice: Aber es musste wohl sein. Beide haben Löcher in der Brust.

Ich muss mich set­zen.

Warum schnei­det der Bas­tard einem Zwil­lings­pär­chen die Her­zen raus? Und dann noch in genau fünf­zig Tagen Abstand? Was zur Hölle erwar­tet uns, wenn wie­der fünf­zig Tage rum sind?

»Und? Hast du auch was für mich?« Albo sieht aus, als habe er einen son­ni­gen Nach­mit­tag im Gar­ten sei­ner Dat­sche ver­bracht. Oder nur mal so rich­tig aus­ge­schla­fen. Weiß er was? Hat er mir noch nicht alles erzählt?

»Was ist mit den Zwil­lin­gen? Fin­det ihr die?« Albo lacht sein typi­sches tro­cke­nes Lachen: »Davon gibt’s dann doch zu viele. Und sie müs­sen ja gar nicht von hier sein. Die Her­zen waren bei der Auf­fin­dung jeweils zwölf bis sech­zehn Stun­den aus dem Kör­per raus. Mit Küh­lung hat er das noch um ein paar Stun­den ver­län­gern kön­nen.«

»Woher dann die gute Laune, Uwe?«, frage ich. Warum lange spe­ku­lie­ren, wenn ich gleich den Fin­ger auf die Wunde legen kann?

»Weil du mir jetzt sagst, nach wem zum Teu­fel ich fahn­den soll.«

Schlech­ter Ein­stieg. Mit hohen Erwar­tungs­hal­tun­gen kam ich nie gut zurecht. Schon in der Schule hat mich das immer stot­tern las­sen. Mal sehen, ob ich dazu­ge­lernt habe. »Viel­leicht bringt uns das mit der Simu­la­tion wei­ter.«

»Die Num­mer mit den Simu­la­ti­ons­pa­ti­en­ten? Tja, die gibt’s wirk­lich. Über hun­dert. Aber nie­man­den mit die­ser Sym­ptom­zu­sam­men­stel­lung. Außer­dem suchen wir nach einem Mann.«

»Der Täter könnte einer der ange­hen­den Ärzte sein. Oder einer der Pro­fes­so­ren.«

Albo ver­zieht den Mund und deu­tet ein Kopf­schüt­teln an. Über­lass das mal den Pro­fis, will er sagen. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschla­gen. »Wenn er simu­liert, eine Simu­la­ti­ons­pa­ti­en­tin zu sein – viel­leicht sind dann auch die Morde nur simu­liert. Viel­leicht ist alles nur eine große Simu­la­tion für ihn.«

»Simu­la­tion von was? Und was bit­te­schön ist ein simu­lier­ter Mord?«

»Einer, der nur nach Mord aus­sieht. Auch in den Tex­ten ist doch nichts echt.«

Albo grunzt abfäl­lig. »Aber die Her­zen. Die sind echt. Die hat er irgend­wel­chen Zwil­lin­gen raus­ge­schnit­ten, und da hört die Simu­la­tion auf, oder? Was immer er auch da schreibt. Mord bleibt Mord, das kann er sich nicht von der Seele schrei­ben.«

Er ist ärger­lich gewor­den. Am bes­ten reite ich da nicht wei­ter drauf rum. Zum Glück hab ich noch was, wor­auf er garan­tiert nicht drauf gekom­men ist. »Der Gauk­ler.«

»Mhmh. Die Num­mer 85 mit den Gogo-Girls. Ich wusste, dass da mehr dahin­ter­steckt.«

»Diese Samt­kis­sen, auf denen da irgend­wel­che Dinge gereicht wer­den.« Albo beugt sich inter­es­siert nach vorn. »Ich hab raus­ge­kriegt, was die Far­ben sol­len. Die Rei­hen­folge gibt es näm­lich.«

Albo kramt in sei­nen Kopien: »Regen­bo­gen?«

»Eben nicht. Es ist eine Folge von Ent­wick­lungs­stu­fen einer bestimm­ten sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Sie umfasst das ganze Mensch­heits­ge­sche­hen von ihren Anfän­gen bis heute. Und wei­ter bis in irgend­eine Zukunft. Eine Art nach oben offene Rich­ter­skala der mensch­li­chen Evo­lu­ti­ons­schritte.«

Albo run­zelt die Brauen. Das ist ver­mut­lich nicht, was er hören wollte.

»Stam­mes­ge­sell­schaf­ten, König­rei­che, Demo­kra­tien«, doziere ich. »Und es geht wei­ter. Ver­stehst du? Der glaubt, was Bes­se­res zu sein als du und ich. Der glaubt, er hätte das alles hin­ter sich gelas­sen: Büro­kra­tie, Gesell­schafts­ver­trag, Moral …«

Ich lasse es bei Albo wir­ken. In sei­nem Gesicht arbei­tet es. Dann: »Und das will er uns bewei­sen? Dass für ihn die Gesetze unse­rer Zivi­li­sa­tion nicht gel­ten?« Albo hält es nicht mehr auf sei­nem Stuhl. Er springt auf und tritt ans Fens­ter. Sieht hin­aus. Denkt nach. »Aber wie hilft uns das wei­ter?«

Dar­auf habe ich gewar­tet. »Diese Theo­rie mit den Stu­fen und Far­ben ist ziem­lich en vogue bei ganz bestimm­ten Leu­ten. Frei­geis­ter, die mit ihrer Phi­lo­so­phie die Welt ret­ten wol­len. Es gibt da so eine Szene, die ›inte­grale Szene‹. Klein aber fein. Mit Schwer­punkt Ber­lin.«

Albo dreht sich zu mir um. »Ber­li­ner Intel­lek­tu­elle. Aha. Und einer von denen ist aus­ge­tickt. Hält sich für …« Ihm fällt kein pas­sen­des Wort ein. Bevor ich aus­hel­fen kann, hat Albo schon den Tele­fon­hö­rer in der Hand: »Ich lass das che­cken. ›Inte­grale Szene‹, sagst du?« Und als er mich nicken sieht: »Schleus dich da mal ein. Kann nicht scha­den. Hör dich um, ob denen da irgend­ein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Spin­ner auf­ge­fal­len ist.«

Ich will pro­tes­tie­ren, doch Albo lässt kei­nen Wider­stand zu: »Du woll­test doch auch mal als Frei­geist die Welt ret­ten. Und heißt es nicht: Um einen Phi­lo­so­phen zu fan­gen, braucht’s ’nen Phi­lo­so­phen?«

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Das Titelbild ist ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt einen Schreibtisch, auf dem mehrere altmodische Fernseher oder Überwachungsmonitore übereinander gestapelt sind. Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven einen Mann, der auf einem Stuhl sitzt. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 07 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Before the Ritual ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Ein uni­for­mier­ter Beam­ter, den ich hier noch nie gese­hen habe, tritt mir ent­ge­gen. »Ich will zu Albo«, sage ich und folge ihm durch den Gang, bis er an eine Tür klopft.

Drin­nen sitzt der Kom­mis­sar vor meh­re­ren Moni­to­ren, die offen­bar das Ver­hör­zim­mer zei­gen. An einem schmuck­lo­sen Holz­tisch dort, allein: ein Mann. Er trägt Hand­schel­len und hat seine Hände auf den Tisch gelegt.

»Wir haben ihn«, sagt Albo und blickt zu mir hoch, »und ich will dich unbe­dingt beim Ver­hör dabei haben.«

Viel­leicht wär’s nett gewe­sen, zuerst eine Ent­schul­di­gung von ihm dafür zu hören, mich mit­ten in der Nacht in die Poli­zei­di­rek­tion zu beor­dern. Aber das ist halt nicht Albos Art. Dabei hat mich sein Anruf aus dem Tief­schlaf geris­sen, und ich fühle mich immer noch, als sei ich see­krank und die Welt von Watte.

»Er wollte in den Alex ein­bre­chen. Den Fern­seh­turm«, fügt er über­flüs­si­ger­weise hinzu.

»Hat er da … ein wei­te­res Herz in einen Kor­ri­dor legen wol­len?«

Es ist ein jun­ger Mann mit zer­zaus­ten blon­den Haa­ren. Ich sehe getrock­nete blaue Farbe an sei­nen Hän­den und auf sei­nem Over­all.

Albo kratzt sich die Augen­braue und schüt­telt dann den Kopf: »Er hat sich als Anstrei­cher getarnt, mit Blau­mann und Farb­ei­mer und so, ist aber auf­ge­flo­gen, als er über die Not­treppe nach oben wollte.«

»Also kein Herz«, sage ich erleich­tert, »und wie steht es mit Tex­ten?«

»Fehl­an­zeige«, sagt Albo, »damit wär er ja auch zu früh dran. Der wollte nur den nächs­ten Kor­ri­dor aus­kund­schaf­ten. An den wich­tigs­ten Wahr­zei­chen der Stadt lasse ich seit ein, zwei Näch­ten ver­mehrt Streife gehen.«

»Hat er was gesagt? Gestan­den?« Ich ver­su­che den Mann auf dem Moni­tor irgend­wie ein­zu­ord­nen. Seine Augen schei­nen ins Leere zu star­ren, doch viel­leicht täuscht das Moni­tor­bild auch. Er ist jung. Eigent­lich viel zu jung. Zu grün hin­ter den Ohren.

»Nichts aus ihm raus­zu­krie­gen«, sagt Albo, aber trotz­dem wirkt er ein wenig stolz und erleich­tert. Er boxt mir jovial in den Ober­schen­kel: »Ich hoffe, du knackst ihn mir. Bevor ich zu mei­nen Metho­den grei­fen muss.«

»Und wenn er es gar nicht ist?«, frage ich. Albo rutscht unru­hig auf sei­nem Hocker hin und her: »Was soll er sonst da auf dem Alex gewollt haben?«

»Selbst­mord«, sage ich, »eine Wette mit sei­nen Kum­pels, ein Lie­bes­be­weis für seine Ange­be­tete …«

Albo macht eine fah­rige Hand­be­we­gung.

Ich lasse nicht locker: »Ich glaube kaum, dass der Kerl weiß, was die Viele-Wel­ten-Theo­rie ist.«

»Viele-Wel­ten-Theo­rie?«, fragt Albo.

»Text 63«, sage ich, »und ich bezweifle auch, dass er weiß, wie man ›Mega­lith­völ­ker‹ schreibt, Nr. 97, oder …«

Albo ist auf­ge­stan­den. »Denk dir lie­ber mal aus, wie wir ihn zu einem Geständ­nis brin­gen!«

»Uwe, Mann, sieh’s ein: Das ist nicht der Typ, den wir suchen. Soll­ten deine Leute aller­dings bei ihm in der Woh­nung fünf­zig Schreib­ma­schi­nen fin­den, ruf mich an, mei­net­hal­ben auch mit­ten in der Nacht, und ich komm auf den Knien hier­her­ge­kro­chen und ent­schul­dige mich bei dir.« Manch­mal muss man bei Albo mit dem Zaun­pfahl win­ken – oder bes­ser noch: damit auf ihn ein­schla­gen –, damit er kapiert, dass er sich ver­rannt hat.

Er sackt jeden­falls sicht­lich in sich zusam­men: »Dabei war ich mir so sicher.«

»Du bist über­ar­bei­tet. Wenn ich dir einen guten Rat als Freund geben darf: Nimm dir ein paar Tage frei, fahr in die Dat­sche am See, setz dich in die Sonne und starr Löcher in die Luft.«

Albo lächelt säu­er­lich.

»Tut mir leid«, sagt er, und ich spüre, dass die Worte nicht so rich­tig aus sei­nem Mund her­aus­wol­len, »dass ich dich aus dem Schlaf geholt habe. War’n biss­chen vor­ei­lig von mir, fürchte ich. Kaf­fee?«

Ich schüttle den Kopf. »Dann komm«, sagt er, »ich fahr dich nach Hause.« Das kenn ich schon. Mit Blau­licht über rote Ampeln. Nie wie­der. Da lass ich mir lie­ber ein Taxi rufen.

Das lässt auf sich war­ten, und ich gehe doch noch zu dem Anstrei­cher rein.

»Tach«, sage ich und warte keine Ant­wort ab, »viel­leicht kann ich dir für ein Graf­fiti auf dem Alex­an­der­turm eine Geneh­mi­gung besor­gen. Man muss halt die rich­ti­gen Leute ken­nen. Isses denn ein guter Spruch?«

Er blickt mich an, als sei ich eine Erschei­nung. Schließ­lich öff­net er den Mund, bewegt ihn mehr­mals wie ein nach Luft schnap­pen­der Fisch und ant­wor­tet schließ­lich: »Sollte unser Logo wer­den.«

»Aha«, sage ich, »ein Fir­men­logo?«

»Nein, nein: das von mir und mei­ner Freun­din.« ›Fal­sche Rei­hen­folge, Freund­chen‹, denke ich, ›so wird das nix mit euch bei­den.‹ Ich will ihn fra­gen, was es für ein Logo ist, aber da kommt der Beamte rein, der mich zu Albo geführt hatte, und flüs­tert mir ins Ohr: »Ihr Taxi ist da.«

»Dann viel Spaß noch«, sage ich, hebe meine Hand, und tat­säch­lich hebt der Kerl auch seine Hand, als seien wir Kum­pels. O selige Blau­äu­gig­keit! Ver­mut­lich kann diese Gene­ra­tion nicht für fünf Pfen­nig den­ken, weil die Pfen­nige abge­schafft wur­den. Alles geht den Bach run­ter.

Der Taxi­fah­rer will mir was von irgend­wel­chen Fuß­ball­spie­len erzäh­len. Albo würde jetzt sagen: »Schnauze hal­ten und fah­ren.« Ich ver­such das auch mal – und siehe da, es funk­tio­niert präch­tig.

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♫ Silen­cer ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zum »Raum der Stille« im Bran­den­bur­ger Tor. Bevor mich Uwe Albo ange­ru­fen hat, hatte ich keine Ahnung, dass es den über­haupt gibt. »Stille« steht hier in ver­schie­de­nen Spra­chen an der Wand. Eigent­lich ein guter Ort zu Ostern, aber ich ahne schon, was mich hier erwar­tet.

Alles ist abge­sperrt. Albos Kol­le­gen ken­nen mich und win­ken mich durch. Der Kom­mis­sar selbst steht in dem klei­nen schmuck­lo­sen Medi­ta­ti­ons­raum wie ein Holz­fäl­ler in einer Par­fü­me­rie. Mein Blick geht gleich auf den Boden, und tat­säch­lich, wie erwar­tet: In der Mitte des Rau­mes liegt ein Sta­pel Papier, und dar­auf ein blu­ti­ges Etwas.

»Wie­der ein Herz«, sagt Albo, als er mich sieht. »Das dritte.«

Eine knappe Hand­be­we­gung von ihm ver­scheucht die jun­gen Beam­ten. Wir sind allein. »Der Raum hier ist nachts ver­schlos­sen. Trotz­dem lag heute Mor­gen das Herz hier drin.« Albo fasst mir an den Arm. Ich sehe deut­lich das Weiße in sei­nen Augen. »Der Scheiß­kerl macht mir Angst, weißt du? Schreibt jeden Tag eine sei­ner Geschich­ten auf einer sei­ner Schreib­ma­schi­nen und ver­teilt, wenn er merkt, dass er mit den fünf­zig Schreib­ma­schi­nen durch ist, see­len­ru­hig ein wei­te­res sei­ner Her­zen in Ber­lin – ohne dass wir auch nur eine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men sind mit der Fahn­dung!«

Ich kann Albos Atem rie­chen, so nah steht er bei mir. Ist das ein Hil­fe­ruf? Kann er nicht mehr, ist er am Ende? Aber Albo lockert sei­nen Griff, lässt los und ballt zwei Fäuste. Seine Augen sind nur noch Schlitze, als er sagt, bedroh­lich leise: »Ich kauf ihn mir, mit die­sen alten Hän­den, und wenn ich ihn hab, kann er es mit sei­nen Ver­steck­spie­len gern mal in der Zelle ver­su­chen, in der er dann den Rest sei­nes Lebens ver­bringt.«

Er blickt mich an, wie um sich mei­ner Unter­stüt­zung zu ver­si­chern. Ich nicke ernst. Das scheint ihm zu genü­gen: »Komm, fah­ren wir. Die Spu­ren­si­che­rung über­nimmt den Rest.«

Spä­ter in Albos Büro stu­die­ren wir die Kopien der neuen Texte. Bekannte The­men, neue Wen­dun­gen, immer wie­der schim­mert das Spie­le­ri­sche, aber auch das Zwang­hafte durch.

»Ich war bei den Inte­gra­len«, sage ich. Albo blickt inter­es­siert auf, hatte wohl ganz ver­ges­sen, dass er mich beauf­tragt hatte, die Inte­grale Szene Ber­lins zu infil­trie­ren. »Durch­weg nette Leute, die glau­ben, den Stein der Wei­sen gefun­den zu haben – eine Art geschlif­fe­ner Kris­tall mit einer Reihe von Facet­ten, die alle berück­sich­tigt sein wol­len, was den Men­schen und die Welt angeht.«

»Facet­ten?«, fragt Albo stirn­run­zelnd.

»Ja, wie bei den Tex­ten des Mör­ders. Alles lässt sich aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln und Per­spek­ti­ven betrach­ten …«

»Aus denen ich mir dann ganz nach Belie­ben etwas rau­s­pi­cke.«

Ich schüttle den Kopf: »Nein, nein, ent­schei­dend bei der inte­gra­len Sicht­weise ist ja gerade, dass das Ganze ganz­heit­lich ist und man sich nicht auf Ein­zel­aspekte beschränkt.«

»Sprich: Du hast dich pudel­wohl bei denen gefühlt.«

»Es ist jeden­falls eine Phi­lo­so­phie, die das Leben in all sei­nen Erschei­nungs­for­men wert­schätzt und keine Mör­der pro­du­ziert, wenn du das meinst.«

Albo kratzt sich die Bart­stop­peln. »Wo fin­den wir ihn dann?« Ich klopfe mit dem Knö­chel auf mei­nen Sta­pel Kopien. Unsere ein­zige Spur.

Ein Uni­for­mier­ter mit Zie­gen­bärt­chen und Pfer­de­schwanz klopft an die offen ste­hende Tür, um auf sich auf­merk­sam zu machen. Albo tritt zu ihm. Ich ver­tiefe mich in die Texte vor mir. Da ist von einem Zwil­ling die Rede. Inter­es­sant. Eine Spur zu den Opfern, von denen die ers­ten bei­den offen­bar ein­ei­ige Zwil­linge waren? »Dann macht euch gefäl­ligst wie­der ran!«, höre ich Albo brül­len.

Schnau­bend kommt er wie­der ins Büro und schwenkt einen schma­len Akten­ord­ner: »Das Herz hat die glei­che DNA wie die bei­den vor­her.«

»Ein drit­ter ein­ei­iger Zwil­ling?«, frage ich über­rascht. »Gibt es das über­haupt? Ein­ei­ige Dril­linge?«

Albo schlägt die Akte auf sei­nen Schreib­tisch, dass es knallt. »Die sind so sel­ten, dass alle von denen regis­triert sind. Aber das passt alles nicht, ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass kein Dril­lings­pär­chen ver­misst wird.«

Das mit dem »Dril­lings­pär­chen« lasse ich ihm durch­ge­hen. »Dann sind es eben unre­gis­trierte Dril­linge. Oder sie haben im Labor einen Feh­ler gemacht …«

Albo nickt und wirkt plötz­lich sehr erschöpft. Er sagt: »Habe ich ihnen auch erklärt. Sie sol­len alles noch mal nach­prü­fen, jeden ein­zel­nen Schritt.« – »… oder«, fahre ich fort, »es sind Klone.« Albo starrt mich an. »Das waren drei­mal die Her­zen von erwach­se­nen Men­schen«, sagt er hei­ser. Ich nicke.

Albo stützt sich schwer auf den Schreib­tisch und blickt mir müde in die Augen. »Es gibt offi­zi­ell keine Men­schen-Klone, und schon gar keine Erwach­se­nen.« Ich nicke wie­der. »Offi­zi­ell«, sage ich.

»Oh Mann«, stöhnt Albo und lässt sich in sei­nen Schreib­tisch­stuhl fal­len. »Hous­ton, wir haben ein Pro­blem.«

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♫ Sloe Sea­son ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor der Wache, den Kopiensta­pel mit den Tex­ten des drei­fa­chen Mör­ders in der Hand, Texte, an denen buch­stäb­lich Blut klebt. Das Blut von ille­ga­len Klo­nen?

Albo ist in seine Akten ver­tieft. Ich spare mir die Begrü­ßung: »Gibt es eigent­lich ein­ei­ige Vier­linge?«

Albo blickt auf. »Die gab’s erst letzt­hin in Leip­zig. Sind ver­dammt sel­ten, aber nicht unmög­lich.«

Ich nehme mir einen Kaf­fee. Der Zucker ist alle.

Albo lässt mich nicht aus den Augen. »Warum fragst du?«

»Weil es dann viel­leicht vor­bei ist.«

Albo lacht bit­ter. »Vor­bei? Ich muss einen Mör­der fin­den, unab­hän­gig davon, was in fünf­zig Tagen ist!« – »Acht­und­vier­zig«, ver­bes­sere ich ihn. Albo bedenkt mich mit einem Blick, den man nicht im Kin­der­pro­gramm sen­den dürfte.

»Ray Brad­bury«, sagt er dann. Ich bli­cke ihn etwas ver­ständ­nis­los an. »Ame­ri­ka­ni­scher Autor«, sage ich. Albo nickt: »Charles Dickens lebt.« Ich zucke die Schul­tern. Albo wirft mir ein dün­nes, zer­le­se­nes Taschen­buch zu, Ray Brad­bu­rys Die ver­ges­sene Mars­stadt. »Charles Dickens lebt« heißt eine der Geschich­ten, die das Inhalts­ver­zeich­nis auf­führt.

»Du liest so was?«, frage ich ver­wun­dert. Albo schüt­telt den Kopf. »Hat mich einer unse­rer Foren­si­ker drauf gebracht. Da gibt’s einen Kerl drin, der sich für Charles Dickens hält, aber nichts Ver­nünf­ti­ges zu Papier brin­gen kann. Er kauft sich sechs Dut­zend Schreib­ma­schi­nen und schreibt wie ein Wahn­sin­ni­ger …« Damit steht er auf, tritt zu mir und nimmt mir das schmale Bänd­chen wie­der aus der Hand. Er schlägt es auf, sucht die Stelle und zitiert: »Gedichte, Essays, Tra­gi­sche Stü­cke, Komö­dien, Kurz­ge­schich­ten – und sie alle waren schlecht.«

»Was willst du mir sagen, Albo?«

»Das ist er, ver­stehst du? Die Schreib­ma­schi­nen, die unter­schied­li­chen Texte. Und dann setzt er sich …« Albo klopft auf das Büch­lein. »… hin­ten in einen Zug und schmeißt all die Sei­ten ein­zeln raus, und sie flat­tern davon. Tau­sende davon.«

»Aber das ist nur eine Geschichte, Albo. Wir haben drei Tote und einen Seri­en­kil­ler.«

Albo wirft das Buch auf sei­nen Tisch. »Nur eine Geschichte, sagst du? Aber das sind doch auch alles Geschich­ten! Die Schreib­ma­schi­nen, ver­stehst du denn nicht? Er kennt die Brad­bury-Story und iden­ti­fi­ziert sich mit ihr!«

»Jetzt komm mal run­ter, Albo. Der iden­ti­fi­ziert sich mit allem und mit gar nichts. Das ist ja gerade unser Pro­blem. Der ist ein Gestalt­wand­ler, und wir bekom­men ihn nicht in den Griff. Mal ist er ›inte­gral‹, mal sur­rea­lis­tisch. Wir begrei­fen ihn nicht, kapierst du? Du kannst nicht eine Facette raus­grei­fen, und das ist es dann. Nicht hier. Nicht bei dem. Und sechs Dut­zend Schreib­ma­schi­nen sind nicht fünf­zig.«

Albo sieht aus wie kurz vor einem Wut­aus­bruch. Irgend­wie muss er sich in die Brad­bury-Sache ver­bis­sen haben. Ich lasse ihn gar nicht erst zu Atem kom­men: »Die Nr. 122 ist auch so ein Teil. Unver­ständ­li­ches Gebrab­bel …« – ich such ihm den Text aus den Kopien raus – »… bis man das Ori­gi­nal ent­deckt.«

»Wel­ches Ori­gi­nal?«, fragt Albo. Er sieht stirn­run­zelnd in den Text.

»Da wird doch ein Brau­lio Are­nas erwähnt, rich­tig? Ein chi­le­ni­scher Dich­ter, und der hat rein zufäl­lig mal ein Gedicht ver­fasst mit dem Titel ›Druck­feh­ler‹, das eine Auf­zäh­lung von, äh, Druck­feh­lern ent­hält, die sich in einem unge­nann­ten Text befin­den. Ein sur­rea­lis­ti­sches Gedicht.«

»Und?«

»Die Nr. 122 ist die­ser Text. Er ent­hält alle auf­ge­lis­te­ten Druck­feh­ler. Bei­spiels­weise heißt es im Gedicht ›Statt aus einem Schuss zwei Tref­fer machen muss es hei­ßen aus einem Mund zwei Lip­pen machen‹. Kommt dir das bekannt vor? Oder ›Statt die Jugend die Schön­heit die Mühle muss es hei­ßen die Mühle die Schön­heit die Jugend‹. Letzt­lich haben mich die feh­len­den Kom­mata drauf gebracht, dass der Text die­ses Gedicht zur Grund­lage hat.«

Albo sieht in seine Kopie, reibt sich die Stop­peln, denkt nach. Schließ­lich fragt er: »Ergibt es denn so einen Sinn?« – »Nein«, sage ich, »es ist bloß die – ich zitiere – ›gro­teske Par­odie von etwas, das an sich schon absurd ist‹.« – »Aha«, sagt Albo.

Ich tippe in seine Kopie. »Ein Druck­feh­ler fehlt da übri­gens.« Albos Stirn legt sich in Fal­ten. »Ein Vers lau­tet: ›Statt ich liebe dich muss es hei­ßen ich liebe dich‹«.

»Wo ist da der Feh­ler?«

»Das macht ja gerade den Sur­rea­lis­mus aus. Und das­selbe gilt für den Kil­ler. Er ist genauso wenig Brau­lio Are­nas wie Charles Dickens!«

Albo nickt, ohne zu mir auf­zu­bli­cken: »Und wie nageln wir ihn fest?«

»Reden wir über jeman­den, der beschlos­sen hat, seine bizar­ren Gedan­ken­spiele so sehr in die Wirk­lich­keit aus­zu­de­hen, dass sich die Mord­kom­mis­sion mit ihnen beschäf­tigt«, sage ich und nehme die Kopien in die Hand. »Reden wir über unver­ein­bare Aus­sa­gen und zusam­men­bre­chende Glau­bens­sys­teme.«

Albo blickt auf. »Immer eine gute Idee«, sagt er. Sehe ich da so etwas wie ein säu­er­li­ches Lächeln um seine Mund­win­kel? Viel­leicht kommt es ihm auch so vor, dass es ein wenig ist wie vor drei­ßig, vier­zig Jah­ren, als wir bei­sam­men saßen und näch­te­lang über Gott und die Welt dis­ku­tier­ten – und all den Irr­sinn, den wir Men­schen hin­ein­tra­gen.

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♫ Hun­ting Spree ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor in der Wache und schließe die Tür zum Klo hin­ter mir. Hin und wie­der kommt mir da bei einer Sit­zung ein guter Gedan­ken, aber dies­mal herrscht bei mir tabula rasa. Viele, zu viele Stun­den schon sitze ich mit Albo zusam­men und gehe die hun­dert­fünf­zig Texte des Mör­ders mit ihm durch, als setz­ten wir ein Puz­zle zusam­men. Irgendwo muss doch ein­fach ein Hin­weis dar­auf ver­steckt sein, wer er ist und warum er unschul­di­gen Dril­lin­gen die Her­zen raus­schnei­det!

Albo tele­fo­niert gerade, als ich zurück­komme. So spät in der Nacht? Es scheint sich zu bewahr­hei­ten, dass die Mord­kom­mis­sion kei­nen Schlaf kennt: Albo legt auf und blickt mich mit rot­ge­äder­ten Augen an: »Der umge­baute Dop­pel­de­cker­bus, der nachts durch die Pro­vinz tourt …« Ich wider­stehe der Ver­su­chung, mir einen wei­te­ren Kaf­fee zu neh­men, und setze mich: »Mit Chill-out-Musik und phi­lo­so­phi­scher Selbst­er­grün­dung.« Albo hält die ent­spre­chende Seite hoch: »Hat er erfun­den. Gibt’s in Wirk­lich­keit nicht. Hab’s che­cken las­sen.«

Hatte ich mir schon gedacht. Es fing schon mit den fünf­zig Schreib­ma­schi­nen an. Der Mann, der sie Stück für Stück gebraucht erstei­gert hatte, exis­tiert nur als ehe­ma­li­ger eBay-Name »Rechtschreibfehler68« mit einer Ber­li­ner Emp­fän­ger­adresse und einem Pay­pal-Konto. Alle Kon­ten hat er inzwi­schen gelöscht, und unter der Adresse hat seit vie­len Jah­ren nie­mand gewohnt. Sämt­li­che Spu­ren sind gründ­lich ver­wischt, alle Nach­for­schun­gen lau­fen ins Leere, genau wie in den Tex­ten: Es gibt – nach allem, was wir wis­sen – genauso wenig den Hotel­koch Pas­cal wie den Haus­boot­be­woh­ner Norbu oder einen oder eine Cory d’Or.

»Ein Rät­sel inner­halb eines Geheim­nis­ses, umge­ben von einem Mys­te­rium«, hatte ich frü­her am Abend gemur­melt.

»Hape Ker­ke­ling«, meinte Albo dar­auf­hin nickend, doch ich schüt­telte den Kopf. »Win­s­ton Chur­chill.« Albo grinste schief: »Jeden­falls füh­ren alle Spu­ren ins Nichts.« Was ange­sichts die­ser hun­dert­fünf­zig Texte auch für mich als Psy­cho­lo­gen und – wozu Albo mich gerne hoch­sti­li­siert – Pro­fi­ler gilt. Auch die »KISTe«, das »Kri­mi­nal­tech­ni­sche Infor­ma­ti­ons-Sys­tem Texte«, mit dem das Bun­des­kri­mi­nal­amt zen­tral schrift­li­che Äuße­run­gen von Ver­bre­chern – Beken­ner­briefe und Erpres­ser­schrei­ben bei­spiels­weise – aus­wer­tet, konnte uns nicht wei­ter­hel­fen.

Zuletzt haben wir über den Außer­ir­di­schen dis­ku­tiert. »Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gespro­chen. Dann müs­sen wir es eben auf diese Weise tun«, heißt es da in Nr. 106, als das Alien den irdi­schen Raum­fah­rer, mit dem eine Kom­mu­ni­ka­tion unmög­lich scheint, tötet. Ver­rückte Geschichte. Wer denkt sich so was aus? Ein reli­giö­ser Fana­ti­ker?

Ich trete ans Fens­ter. Die Stadt ist still. Auch wenn Ber­lin viel­leicht nie schläft: Um halb vier Uhr mor­gens ver­fällt es immer­hin kurz in eine Art Halb­schlaf. »Viel­leicht glaubt er, etwas Gutes zu tun«, sage ich. »Es gibt da einen Film, in dem ein Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor einen Mord vor­täuscht, der sich in letz­ter Sekunde als Selbst­mord ent­puppt – aber als Kri­tik an der Todes­strafe und am ame­ri­ka­ni­schen Jus­tiz­sys­tem ver­zich­tet er auf eine Revi­sion und geht als angeb­li­cher Mör­der in den Tod.«

Albo streckt äch­zend sein Kreuz: »Wie stellst du dir das vor? Dass die Dril­linge mit ihm zusam­men­ar­bei­ten? Dass er Klone von sich gezüch­tet hat, die nur atmende Kör­per, aber keine füh­len­den Men­schen sind, und die schnei­det er auf, um Kri­tik an der Moral unse­rer Wis­sen­schaft­ler zu üben?«

Ich ver­su­che, das Fens­ter zu öff­nen. Seit Jah­ren schon klemmt es. »Ich werd’s repa­rie­ren las­sen«, sagt Albo, und ich habe kurz das Gefühl, in einer Zeit­schleife zu ste­cken und das schon min­des­tens ein Dut­zend Mal von ihm gehört zu haben. »Sag ich jedes Mal, oder?« fragt Albo, der offen­bar gerade das­selbe dachte.

»Wenn er ein Psy­cho­path wäre, könnte er sich nicht der­art in andere Men­schen rein­ver­set­zen, wie das in den Tex­ten immer wie­der der Fall ist.« Ich merke, dass ich anfange zu dozie­ren, denn ich laufe auf und ab. »Natür­lich sind wir wei­ter­hin nicht sicher, ob die Texte über­haupt vom Mör­der stam­men. Viel­leicht stam­men sie von den Dril­lin­gen. Aber mal ange­nom­men, der Mör­der hat sie ver­fasst: Dann wei­sen die Texte auf die Morde hin – und die Morde wie­derum auf die Texte.«

»Da waren wir schon. Wir dre­hen uns im Kreis, mein Lie­ber«, brummt Albo miss­mu­tig.

»Nein«, sage ich, »denn dein Geis­tes­blitz von wegen Kri­tik am wis­sen­schaft­li­chen Estab­lish­ment ist die beste Idee, die wir bis­her dazu hat­ten. Morde, die eigent­lich gar keine sind – die aber Fra­gen auf­wer­fen und auf­rüt­teln sol­len.«

»Bist du jetzt auf seine Seite über­ge­wech­selt? Willst du viel­leicht einen mit ihm trin­ken gehen und sein Kum­pel wer­den?«

Ich bleibe ste­hen. Albo ist gereizt. Kein Wun­der, die Sache kratzt übel an sei­ner Berufs­ehre.

»Ich würde mich nicht wun­dern«, sage ich, »wenn es sein eige­nes Herz wäre. Also sym­bo­lisch, meine ich – das er sich raus­reißt als Autor die­ser Texte, weil ihm irgend­was darin wirk­lich an die Nie­ren geht, weil irgend­ei­ner die­ser Texte ehr­lich gemeint ist und er sich uns darin offen­bart. Viel­leicht mit dem, was er hin­ter der schwar­zen Tür lagert? Oder die Sache mit den zer­bre­chen­den Welt­bil­dern?«

Albo blickt mich müde, aber auch ein wenig pro­vo­zie­rend an. »In so einem Fall guckt man sich die mög­li­chen Kan­di­da­ten an und streicht alles raus, bis nur noch die wahr­schein­lichs­ten übrig blei­ben, rich­tig? Also geh nach Hause, Mann, und mach deine Haus­auf­ga­ben.«

Es däm­mert bereits, als ich die Wache ver­lasse. Die fri­sche Luft tut gut. ›Das Leben des David Gale‹ kommt mir plötz­lich in den Sinn, mit Kevin Spacey. So hieß der Film über den Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor. Aber wie hat es Cory d’Or geschafft, sich gleich drei­mal das Herz aus dem Leib zu rei­ßen und an drei ver­schie­de­nen Wahr­zei­chen Ber­lins zu depo­nie­ren? Meine Gedan­ken erge­ben schon lange kei­nen Sinn mehr. Höchste Zeit, noch ein wenig Schlaf zu fin­den.