Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Profiler

201/398

Lethal Spe­li­cans

LogoSwitch language

 
 
 
Ich betrete den Kor­ri­dor und folge einem Beam­ten, der ein Paket zu Albos Büro trägt. »Keine Bombe drin«, sagt er und setzt das Päck­chen auf Albos Schreib­tisch ab. Der nickt mir grü­ßend zu und meint: »Post für dich. Eben ein­ge­trof­fen.«

Heute ist der zwei­hun­dertste Tag nach dem ers­ten grau­si­gen Fund eines mensch­li­chen Her­zens auf einem Sta­pel Papier. Das ist der Anlass für mich, hier auf­zu­kreu­zen: die Sorge, der Mör­der könnte wie­der zuge­schla­gen haben. Und dann dies: ein Päck­chen. Es steht tat­säch­lich mein Name drauf, c/o Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion. »Ich hab’s vor­sichts­hal­ber mal durch­leuch­ten las­sen«, sagt Albo. Er blickt mich prü­fend an. Ich zucke die Schul­tern und reiße das Paket­kle­be­band run­ter, öffne die obe­ren Laschen und stoße auf Stoff. Offen­bar ein oben ver­schnür­ter Jute­sack. Ich öffne den Kno­ten und ziehe die Jute zur Seite, aber dann durch­zuckt mir ein jäher Schmerz, und ich ziehe meine Fin­ger zurück. Mein rech­ter Mit­tel­fin­ger blu­tet – ich ste­cke ihn in den Mund.

Albo unter­sucht den Paket­in­halt vor­sich­tig und ent­deckt, innen in den Jute­sack ein­ge­näht, meh­rere Rasier­klin­gen. An einer von ihnen: fri­sches Blut. Mein Blut. An ihr habe ich mich geschnit­ten.

Und dar­un­ter: ein Sta­pel Papier. Es ist fle­ckig, und von den letz­ten drei Mal weiß ich, dass es sich um ein­ge­trock­ne­tes Blut han­deln dürfte.

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, liest Albo den ers­ten Satz vom obers­ten Blatt ab. Es wer­den genau fünf­zig sein, mit fünf­zig ver­schie­de­nen Schreib­ma­schi­nen geschrie­ben. Ich nehme den Fin­ger aus dem Mund: »Kein Herz dabei?«

Albo schüt­telt den Kopf. »Ich geb das Zeug in die Foren­sik«, sagt er, »Fin­ger okay?« Es ist nur ein klei­ner Schnitt, nichts Ernst­haf­tes. Albo trägt das Paket wie­der raus. Ich trete ans Fens­ter. Was sollte das? Warum schickt der Kerl mir die Texte? Woher weiß er über­haupt von mir? Und was soll die Num­mer mit den Rasier­klin­gen?

Albo kommt zurück: »Kopien kön­nen wir in einer knap­pen Stunde haben, sagt das Labor.« Albo blickt mich an, ein selt­sa­mes Fun­keln in sei­nen Augen. »Hast du schon eine Idee?«

Mir ist natür­lich klar, was er meint. Der Mör­der scheint zu wis­sen, wer hin­ter ihm her ist, und sogar, dass ich heute, an dem Tag, an dem wir ein wei­te­res Zei­chen von ihm – schlimms­ten­falls ein wei­te­res Herz – erwar­ten, bei Albo im Büro auf­kreuze. Es ist ein wenig gespens­tisch.

»Könnte es sein, dass er die Morde dei­net­we­gen ver­übt hat?« Albo sieht nicht aus, als ob er scher­zen würde. Er fällt schwer auf sei­nen Stuhl, der das mit einem Äch­zen quit­tiert. »Es war viel­leicht einer dei­ner Pati­en­ten. Denk nach!«, for­dert er mich auf.

»Da gibt es nie­man­den«, ant­worte ich, aber das kam zu schnell. Albo blickt mich for­schend an: »Mann, du hast jahr­zehn­te­lang als Psych­ia­ter gear­bei­tet!« – »Psy­cho­loge«, berich­tige ich ihn, auch wenn es dar­auf jetzt nicht ankommt.

»Bring mir doch mal das hier«, sagt Albo und weist auf meine Auf­zeich­nun­gen, »mit der Tat­sa­che zusam­men, dass er die nächs­ten fünf­zig Texte dir höchst­per­sön­lich schickt!« Ich bin alles haar­klein durch­ge­gan­gen, alle hun­dert­fünf­zig Texte, die uns vom Mör­der vor­lie­gen, und habe so was wie eine sta­tis­ti­sche Erhe­bung gemacht. Dar­aus haben wir in den letz­ten Wochen ein Pro­fil ent­wi­ckelt – ich mit mei­ner beruf­li­chen Erfah­rung als Psy­cho­loge, und Albo mit sei­nem Instinkt als lang­jäh­ri­ger Haupt­kom­mis­sar der Mord­kom­mis­sion. Zwei Vete­ra­nen ihres Fachs.

Unse­ren The­sen haben wir jeweils einen Wahr­schein­lich­keits­wert zuge­ord­net, von 1 = höchst unwahr­schein­lich bis 10 = höchst­wahr­schein­lich.

Mein Notiz­blatt ist, obwohl ich ver­sucht habe, sys­te­ma­tisch vor­zu­ge­hen, über­sät mit Strei­chun­gen, Pfei­len und ein­ge­kreis­ten Wor­ten und Sät­zen. »Der Mör­der ist der Autor der Texte (8)«, lese ich da, und »Die Texte stam­men alle aus einer Hand (7,5)« – Letz­te­res ein Mit­tel­wert aus mei­ner 8 und Albos 7. Es ste­hen aber auch Annah­men wie diese auf dem Blatt: »Es han­delt sich in Wahr­heit nicht um mensch­li­che Her­zen, auch wenn die Gerichts­me­di­zi­ner sich des­sen sicher sind (2)«.

»Er lebt in Ber­lin«, sagt Albo mit Blick auf seine Auf­zeich­nun­gen, und ich ergänze im Geiste »oder im direk­ten Umland (8)«. Albo fährt fort: »Es han­delt sich um einen Mann« – ich ergänze »(9)« – »etwa vier­zig Jahre alt, stu­diert, viel­fäl­tige Inter­es­sen, liest viel, ist hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Ratio­na­li­tät und einem Hang zu Roman­tik, Mär­chen, Fan­tasy und Sci­ence-Fic­tion.« Ich komme mit den Wahr­schein­lich­kei­ten nicht hin­ter­her, aber Albo greift nur die The­sen raus, die bei (7) oder höher lie­gen.

»Er ist katho­lisch erzo­gen, hetero, Sin­gle«, zitiert Albo wei­ter aus unse­rer Text­ana­lyse, »nicht gut auf Obrig­kei­ten zu spre­chen, hat Erfah­rung mit psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen, ist Rau­cher und hasst das Rau­chen gleich­zei­tig.« Albo blickt zu mir hoch: »Impul­si­ver Cha­rak­ter, even­tu­ell psy­cho­ti­sche Schübe, will als Welt­ver­bes­se­rer die Mensch­heit beglü­cken …«

»Wobei ich mir dabei …« – ich kra­kle, wäh­rend ich mei­nen Ein­wand mache, auf mei­nen Noti­zen herum – »… da nicht mehr ganz sicher bin. Viel­leicht ist das mit der neuen Leit­idee fürs 21. Jahr­hun­dert doch eher sar­kas­tisch gemeint.«

Albo blickt genervt zu mir. Stimmt, das hat­ten wir schon. Aber es ist eben kein ein­fa­cher, ein­deu­ti­ger, ein­di­men­sio­na­ler Fall.
»Die­ses ›Ich bin nicht allein. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.‹: Das kann der Kerl ein­fach nicht ernst mei­nen. Wenn du mich fragst, ist das Ver­ar­sche. Der macht sich lus­tig über Welt­ver­bes­se­rer.«

Obwohl ich keine neue Zahl genannt habe, radiert Albo in sei­nen Noti­zen etwas aus und trägt mit Blei­stift eine Kor­rek­tur ein. »Wie auch immer«, er blickt wie­der hoch zu mir, »jeden­falls schreibt er von Visio­nen und scheint sich für eine Art Mys­ti­ker zu hal­ten. Und jetzt die Preis­frage an dich: Klin­gelt da was?«

Doch mir will nichts ein­fal­len. Einer mei­ner Kli­en­ten aus den letz­ten Jahr­zehn­ten? Ein Pro­band? Etwa ein Kol­lege?!

»Ich lass dich jetzt mal allein, mein Freund«, sagt Albo und erhebt sich. »Wenn ich wie­der­komme, sind dir ein bis drei Leute aus dei­nem Umfeld ein­ge­fal­len, auf die das Pro­fil pas­sen könnte.« Das meint er nicht als Frage oder als Ange­bot. Das ist der Ton­fall, der keine Wider­rede dul­det. Er stapft aus dem Büro.

Ich drehe mei­nen Notiz­zet­tel um und beginne auf der lee­ren Seite mit dem Wort »Stu­dium« und den ent­spre­chen­den Jah­res­zah­len, um einen Lebens­lauf anzu­le­gen. Irgendwo zwi­schen mei­nem ers­ten Semes­ter und heute muss sich der Mör­der ver­ste­cken – das Päck­chen an mich lässt daran kei­nen Zwei­fel. Dann kom­men die Namen. Ich schreibe sie dazu, soweit sie mir noch ein­fal­len. Bald brau­che ich wei­te­res Papier.

204/398

The Ungras­pa­ble

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor mit meh­re­ren Blät­tern in den Hän­den, auf denen ich mei­nen Lebens­lauf und viele Namen notiert habe. Einige habe ich ein­ge­kreist und will sie mit Albo bespre­chen. Der hat mich im Büro zurück­ge­las­sen und ist nicht mehr auf­ge­taucht. Wurde viel­leicht doch noch irgendwo in Ber­lin ein Herz gefun­den?

Als sich eine Hand auf meine Schul­ter legt, zucke ich zusam­men. »Lauf nicht weg, wir müs­sen reden.« Es ist Albo. In der ande­ren Hand hält er einen Akten­ord­ner. Er sieht aus, als müsse er eine schlechte Nach­richt ver­dauen, und schiebt mich zurück in sein Büro.

»Setz dich«, sagt er.

»Ich habe hier …«, setze ich an, aber plötz­lich wird er laut: »Setz dich, Herr­gott noch mal!« Ich setze mich.

Auch er lässt sich in sei­nen Stuhl plump­sen und sackt in sich zusam­men. Er fasst sich mit bei­den Hän­den an den Kopf und fährt sich durch die Haare. Dann sagt er: »Ich habe die Ana­lyse aus dem Labor. Und sie wird dir nicht gefal­len.«

Ich bli­cke ihn erwar­tungs­voll an.

»Das Blut hat die glei­che DNA wie bei den drei Malen vor­her.« – »Aber es war kein vier­tes Herz in dem Päck­chen«, pro­tes­tiere ich. »Viel­leicht ist es altes Blut, Blut von einem der Her­zen, die wir schon gefun­den haben.«

Albo schüt­telt lang­sam den Kopf. »Das ist es nicht.« Er sieht mich an. »Ist ein­ge­trock­net, ja, das Alter nicht genau bestimm­bar, könnte von einem der drei Her­zen stam­men. Aber das ist es nicht.«

Was ist es dann?

»Es geht um dein Blut, das fri­sche Blut aus dei­nem Mit­tel­fin­ger. Das Labor hat es auch unter­sucht.«

»Bin ich …?« Ich wage nicht, irgend­eine Ver­mu­tung auf­zu­stel­len. Haben sie eine töd­li­che Krank­heit bei mir dia­gnos­ti­ziert?

Albo macht eine Kunst­pause. Er sieht furcht­bar zer­knit­tert aus. Was immer mir nicht gefal­len wird: Ihm gefällt es genauso wenig.

»Dein Blut hat die glei­che DNA wie die drei Her­zen.«

Es dau­ert einige Herz­schläge lang, bevor mir wirk­lich klar wird, was Albo da gesagt hat.

»Das muss ein Irr­tum sein«, sage ich, aber Albo schüt­telt kaum merk­lich den Kopf: »Ich lass es von einem exter­nen Insti­tut che­cken. Steht aller­dings nicht zu erwar­ten, dass sie zu einem ande­ren Ergeb­nis kom­men.«

Ein paar Atem­züge lang sit­zen wir beide schwei­gend da. Mehr­fach setze ich an, etwas zu sagen, ver­stumme aber sofort wie­der. Ich drehe mei­nen klei­nen Sta­pel Notiz­zet­tel um, um unsere The­sen zu stu­die­ren, unser Pro­fil des Mör­ders. Davon, dass ich das Opfer bin, das drei­fa­che Opfer, steht nichts da. Mein Blick geht ins Leere.

»Uwe, ich weiß von nichts. Ich habe damit nichts zu tun. Ich bin genauso ahnungs­los wie du«, sage ich. Albo nickt. Dann beugt er sich vor und schlägt mir auf die Schul­ter. Gut, in ihm einen ech­ten Freund zu wis­sen.

»Wir gehen jetzt beide nach Hause und lesen die fünf­zig neuen Texte. Du stehst bis auf Wei­te­res unter Poli­zei­schutz.« Albo zieht einen Sta­pel Kopien aus dem Akten­ord­ner und schiebt sie mir hin. »Ich muss jetzt ein paar Anrufe machen. Wäre schön, wenn du hier mor­gen früh wie­der auf der Matte stehst.«

Albo greift zu sei­nem Tele­fon­hö­rer. Ich räume alles zusam­men.

»Es kann nicht sein«, sage ich, »es ist unmög­lich.«

Albo wählt bereits eine Num­mer, hält aber inne und blickt mich an. »Hast du jeman­den, der heut Nacht bei dir sein kann?«, fragt er. Mein Zögern deu­tet er als Nein, denn er fragt wei­ter: »Soll ich rüber­kom­men?«

Ich schüttle den Kopf. »Meine Katze passt auf mich auf«, sage ich und ver­su­che ver­geb­lich, ein wenig scherz­haft zu klin­gen.

Auf dem Heim­weg muss ich plötz­lich schluch­zen. Ein eigen­ar­ti­ges Gefühl: Eine anschei­nend tief ver­gra­bene Trauer scheint sich da kurz Bahn zu bre­chen, und dann ist der Anfall auch schon wie­der vor­über, und es wird alles dumpf, und meine Gedan­ken sind wie in Watte gepackt. Ich habe das glei­che Blut wie die drei Toten. Es ist sozu­sa­gen drei­mal mein eige­nes Herz gewe­sen. Aber wie? Was zum Teu­fel hat meine DNA mit den Mor­den zu tun?!

Ein unüber­hör­ba­res und for­dern­des Miauen emp­fängt mich, als ich auf­schließe und die Woh­nung betrete. Plu­ra­belle streicht mir hung­rig um die Beine, und wie immer mache ich ihr als Ers­tes eine Dose Kat­zen­fut­ter auf.

251/398

O nada o todo

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg zu mei­nem klin­geln­den Tele­fon. Wer ruft mich so früh an? Albo? Um mich dar­über zu infor­mie­ren, wo die nächs­ten fünf­zig Texte des Seri­en­kil­lers gefun­den wur­den? Es sind näm­lich wie­der fünf­zig Tage rum seit unse­rem letz­ten Fund. Ich nehme den Hörer ab, doch erst ein­mal höre ich nur Stör­ge­räu­sche und Rau­schen. Das kenne ich schon. Da bin ich wohl ges­tern wie­der mit dem Staub­sauger an die Wand­buchse unterm Schrank gesto­ßen. Ich lasse mich auf die Knie run­ter und angle unter dem High­board nach dem Tele­fon­ka­bel. Die Hoff­nung, dass mein Arm dies­mal lang genug ist, erfüllt sich erwar­tungs­ge­mäß nicht. Also lege ich mich äch­zend auf den Bauch, schiebe meine Schul­ter unter den Schrank, bis ich mit den Fin­ger­spit­zen die Wand­buchse errei­che und daran rüt­teln kann. Einen Moment lang werde ich durch Plu­ra­belle abge­lenkt, die miau­end her­an­trabt, um die Gele­gen­heit zu nut­zen, ihr Gesicht an mei­nem rei­ben zu kön­nen. Dann macht es Klick.

Meine aus­ge­streckte Hand sitzt fest, küh­les Metall hat sich um das Gelenk gelegt. Flu­chend zerre und ziehe ich, aber ich komme nicht wie­der los.

»Ist unbe­quem, ich weiß«, sagt eine Stimme in mei­nem Rücken. Ich will mich umdre­hen, was mir jedoch den Arm bre­chen würde. Keu­chend beob­achte ich, wie die Spitze eines schwar­zen Leder­schuhs einen Kar­ton in mein Blick­feld schiebt.

»Wird aller­dings nicht lange dau­ern, ver­spro­chen!«, fährt die Stimme des Unbe­kann­ten fort. »Wenn ich weg bin, springt die Hand­schelle wie­der auf.« Der Mann tritt hin­ter mich.

»Wer zur Hölle sind Sie?« Aber ich ahne bereits, mit wem ich es zu tun habe und wer mich hier mit einer fern­ge­steu­er­ten Hand­schelle unters High­board geklemmt hat.

»Ver­mut­lich ist dir längst klar­ge­wor­den, dass die Sache mit den raus­ge­schnit­te­nen Her­zen ganz auf dich gemünzt ist. Es ist eine Bot­schaft an dich. Ich werde dir jetzt in aller Ruhe erklä­ren, was es damit auf sich hat und wie in aller Welt es drei Her­zen geben kann, die deine DNA haben. Dann geh ich wie­der, und du bist frei.«

Die Stimme kommt mir bekannt vor, nur weiß ich nicht, wo ich sie ein­ord­nen soll. Irgend­je­mand aus mei­ner Jugend?

»Na, da bin ich aber gespannt«, presse ich her­vor. Auch wenn der Mann momen­tan ganz gelas­sen klingt: Ich habe es mit einem mehr­fa­chen Mör­der zu tun. Und mir sind buch­stäb­lich die Hände gebun­den.

»Du hast doch sicher die Kor­ri­dore gele­sen, die ich dir geschickt habe …« Damit meint er wohl die zwei­hun­dert Texte, die Albo und mir bereits vor­lie­gen. Ich gebe einen zustim­men­den Laut von mir.

»Da geht es doch auch immer wie­der um Par­al­lel­wel­ten, rich­tig?«

Ich schnaube. Das kann er ver­ste­hen, wie er will.

»Neh­men wir ein­mal an, es gibt, wie einige Phy­si­ker pos­tu­lie­ren, unzäh­lige Par­al­lel­wel­ten, die sich nur in win­zi­gen Details von unse­rer unter­schei­den.«

Ich habe es mit einem Ver­rück­ten zu tun. Was wird er mit mir anstel­len? Mir auch das Herz her­aus­schnei­den, wie er es schon mit sei­nen letz­ten drei oder mehr Opfern getan hat? Nur nicht hys­te­risch wer­den!, schärfe ich mir ein. Viel­leicht macht er einen Feh­ler, und ich bekomme eine Chance.

»Dann gibt es auch«, fährt er see­len­ru­hig fort, »zahl­rei­che par­al­lele Ver­sio­nen von dir.« Er macht eine Pause.

»Willst du etwa sagen …?« Ich bre­che mit­ten im Satz ab. Das kann er nicht ernst mei­nen, oder?

»Genau«, sagt er, »die drei Her­zen stam­men von drei par­al­le­len Dop­pel­gän­gern von uns. Denn falls dir meine Stimme bekannt vor­kommt: Auch ich bin eine alter­na­tive Ver­sion von dir. Oder du eine von mir. Wie auch immer. Wir haben die glei­che DNA, aber unsere Lebens­ge­schich­ten unter­schei­den sich in eini­gen Details.«

»Zum Bei­spiel darin, dass ich kein Mör­der bin«, presse ich wütend her­vor.

»Ich wollte ein­fach nur Schlim­me­res ver­hin­dern.« Er klingt nach­denk­lich, als er das sagt. Wenn ich ihn doch nur sehen könnte! Aber genau das hat er mit der Hand­schelle erfolg­reich ver­hin­dert. »Die drei Her­zen habe ich hier­her­ge­schafft, um dich ganz hand­fest davon zu über­zeu­gen, dass meine Geschichte, so ver­rückt sie klingt, wahr ist. Wahr sein muss! Es gibt keine andere ver­nünf­tige Erklä­rung – oder fällt dir viel­leicht eine ein?«

Der Mann folgt einem Kon­zept, einem Skript, das er sich zurecht­ge­legt hat. »Ich will die Geschichte nicht hören«, sage ich, um ihn aus dem Tritt zu brin­gen.

Er lacht leise. »Du ver­gisst, mein Lie­ber, dass ich dich sehr gut kenne. Wir sind wie ein­ei­ige Zwil­linge, die getrennt von­ein­an­der auf­ge­wach­sen sind. Und vie­les in unse­ren par­al­le­len Leben gleicht sich auf eine rät­sel­hafte, fast schon erschre­ckende Weise. Wovon die Quan­ten­phy­si­ker näm­lich kei­nen Schim­mer haben, das sind die vie­len Über­lap­pun­gen und Über­schnei­dun­gen. Das Mul­ti­ver­sum ist da sehr öko­no­misch.«

»Hast du all diese Texte geschrie­ben?« Viel­leicht habe ich die Chance, ihn von dem abzu­brin­gen, was er augen­schein­lich mit mir vor­hat, wenn es mir gelingt, die Gesprächs­füh­rung zu über­neh­men: »Auch die hier, die ver­mut­lich in dem Kar­ton sind, den du mir hin­ge­stellt hast. Wie­der fünf­zig, nehme ich an.«

»Ich habe«, sagt er, »Dut­zende unse­rer par­al­le­len Alter Egos ken­nen­ge­lernt. Viele von uns schrei­ben diese Texte. Es ist eigen­ar­tig. Sie tun es aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den. Und sie fan­gen alle mit dem­sel­ben Satz an, immer wie­der. So wie deine auch.«

»Meine? Ich habe keine geschrie­ben.«

»Ach, komm schon. Du hast dir drei Schreib­ma­schi­nen besorgt, weil dir fünf­zig zu viel waren, und um dich in die Psy­che des Mör­ders hin­ein­zu­ver­set­zen, hast du Kor­ri­dore geschrie­ben, Tag für Tag einen, immer mit der jeweils nächs­ten Schreib­ma­schine.«

Ich schweige. Woher weiß er das? Wie kommt er in meine Woh­nung? Hat er mich von Anfang an über­wacht und beob­ach­tet?

»Es geht aber letzt­lich nur um einen Text. Einen, den ich geschrie­ben habe, und den auch nur ich schrei­ben konnte. Weißt du, wel­chen ich meine?«

Bruch­stü­cke der Minia­tu­ren und Kurz­ge­schich­ten rasen mir durch den Kopf. Meint er den Mino­tau­rus? Die Begeg­nung mit Korian? Den kopf­schmerz­ge­plag­ten Zeit­geist­rei­sen­den? Den Rin­po­che aus dem Hima­laja? Den Unter­gang von Atlan­tis? Die geis­ter­haf­ten Besu­cher in Zim­mer 27? …

»Es ist der Text, in dem ich erzähle – etwas ver­klau­su­liert, gebe ich zu – wie ich mit mei­ner ver­fluch­ten Freie-Ener­gie-Maschine die Vaku­um­fluk­ta­tion ange­zapft und ein Loch ins Uni­ver­sum gebla­sen habe.«

»Ein Loch ins Uni­ver­sum?« Im Kopf gehe ich die Erfin­dun­gen von Pro­fes­sor Ceril, dem ver­rück­ten Wis­sen­schaft­ler, durch. Dann fällt mir schlag­ar­tig die äußerst selt­same Geschichte ein, in der jemand erfährt, dass er im Traum die gesamte Mensch­heit ver­nich­tet hat – die Mensch­heit einer Par­al­lel­welt.

»Nur dass es kein Traum war«, sagt er hei­ser. »Ich bin selbst der Phy­si­ker, der – mit bes­ten Absich­ten – eine Ket­ten­re­ak­tion in Gang gesetzt hat, die einen gan­zen Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße in einen Dimen­si­ons­ab­grund riss. Und das möchte ich wie­der rück­gän­gig machen.«

Ich will irgend­et­was sagen, das mir einen psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil ver­schafft, aber alles, was ich her­vor­bringe, ist: »Das … Das ist doch Irr­sinn!« Mein Hand­ge­lenk schmerzt. Immer wie­der ver­su­che ich, mich unauf­fäl­lig aus der Schelle zu befreien, aber ohne Erfolg.

»Was willst du von mir?«, frage ich hei­ser. »Mich töten?«

Ein Psy­cho­ti­ker glaubt an seine wahn­hafte Geschichte und deu­tet alle Erleb­nisse als Beweise für seine Para­noia. Die­ser Mann glaubt, er könne in Par­al­lel­wel­ten rei­sen und par­al­lele Ver­sio­nen sei­ner selbst auf­spü­ren. Viel­leicht bringt er sie alle um, weil er der Ein­zige sein will. Natur­völ­ker glau­ben oft, die Kraft, das »Mana« der von ihnen Getö­te­ten könne auf sie über­ge­hen, indem sie bei­spiels­weise deren Herz oder Hirn essen.

»Ich sage doch: Ent­spann dich. Du hast nichts zu befürch­ten. Du bist keine der par­al­le­len Ver­sio­nen von uns, die mehr oder weni­ger wis­sent­lich die Mensch­heit ver­nich­ten. Das sind die, die Phy­si­ker gewor­den sind. Du bist Psy­cho­loge, schon ver­ges­sen? Ich möchte im Gegen­teil von dir, dass du mich tötest.«

Als er den Satz been­det, höre ich ein Schnur­ren. Es kommt aus sei­ner Rich­tung. Erneut ver­su­che ich, mich zu ihm umzu­dre­hen, auch wenn ich mir dabei die Haut auf­schürfe und fast mein Hand­ge­lenk aus­kugle. In den Augen­win­keln kann ich nun sche­men­haft erken­nen, dass er sich auf den Stuhl neben der Tür zur Küche gesetzt hat, auf dem ich sonst immer erst mal meine Ein­käufe depo­niere. Und ver­mut­lich hat er meine Katze auf dem Schoß. Dabei faucht sie Fremde sonst immer an.

»Weißt du, mein Lie­ber«, sagt er, »in einem Film würde ich dir jetzt lau­ter Ein­zel­hei­ten aus dei­nem Leben auf­zäh­len, die nur dir und sonst nie­man­dem bekannt sind, um zu bewei­sen, dass ich mit mei­ner Geschichte recht habe und wirk­lich ein Rei­sen­der aus einer Par­al­lel­welt bin. Ich würde zum Bei­spiel behaup­ten, dass du deine Katze ›Plu­ra­belle‹ genannt hast, oder genauer ›Anna Livia Plu­ra­belle‹ – nach der weib­li­chen Haupt­fi­gur aus Fin­ne­gans Wake. Ist dir eigent­lich noch gar nicht auf­ge­fal­len, wie viel all diese Kor­ri­dore mit dir zu tun haben?«

Ich schüttle den Kopf. Ich will es nicht wahr­ha­ben. Doch plötz­lich höre ich mich selbst schluch­zen, fühle ich eine Trau­rig­keit ganz tief in mir auf­wal­len, wie sie mich schon vor fünf­zig Tagen ein­mal ganz unver­mit­telt ansprang, als ich die Sache mit der DNA erfuhr. Wie­der dau­ert das Gefühl nur einen kur­zen Moment.

Als ob er auf die­ses Auf­schluch­zen gewar­tet hätte, sagt der Mann hin­ter mir jetzt mit lei­ser, aber ein­drück­li­cher Stimme: »Wir Men­schen haben eine weise Instanz in uns, die wir lei­der nur sel­ten oder im Grunde genom­men nie in Anspruch neh­men. Wenn wir sie befra­gen, wird sie uns sagen, dass es – kos­misch, uni­ver­sal, von einem all­um­fas­sen­den Stand­punkt aus betrach­tet –, wenn es schon nicht nichts gibt, dann alles geben muss, alles nur denk­bar Mög­li­che, wie es die Anfangs­be­din­gun­gen des Kos­mos erlau­ben. Und ver­mut­lich auch alles Unmög­li­che, Undenk­bare. Ein­fach kom­plett­amente und ulti­ma­tiv alles. Punkt. Drun­ter macht es das Mul­ti­ver­sum nicht.«

Als er ver­stummt, höre ich drau­ßen im Trep­pen­flur Schritte. Ein Nach­bar. Ich könnte um Hilfe rufen, aber: Was, wenn er recht hat? Wenn er tat­säch­lich eine par­al­lele Ver­sion von mir ist? Viel­leicht wollte die unver­mit­telte Trau­rig­keit in mir nichts ande­res sagen als: Genau so ist es – es gibt unzäh­lige Vari­an­ten von dir in unend­lich vie­len Wel­ten des Mul­ti­ver­sums, und einige davon sind Mör­der, Mas­sen­mör­der, die ganze Pla­ne­ten­sys­teme auf dem Gewis­sen haben.

»Ich kann in einen schma­len Bereich die­ser Wel­ten hin­ein­sprin­gen. Die, die mei­ner nicht zu ähn­lich sind, aber auch nicht allzu weit von ihr abwei­chen. Den Zeit­punkt kann ich jeweils belie­big ansteu­ern. Nur kann ich nicht zurück in meine eigene Welt, ver­stehst du? Und so kann ich mich lei­der Got­tes auch nicht selbst daran hin­dern, sie zu zer­stö­ren.«

Er wirkt ruhig, wäh­rend er das sagt. Auch Plu­ra­belle schnurrt nur so, wenn sie völ­lig ent­spannt ist. Ich bin der Ein­zige hier, des­sen Ner­ven flat­tern, der schwitzt wie ein Schwein und kei­nen ver­nünf­ti­gen Gedan­ken zuwege bringt.

»Du jedoch kannst es«, sagt er nach einer Weile. »Du kannst in meine Welt rei­sen, in die Zeit, bevor ich die Maschine ange­schal­tet, ja, bevor ich sie über­haupt kon­stru­iert oder erdacht habe. Du kannst den größ­ten und tra­gischs­ten Feh­ler ver­hin­dern, den je ein Mensch gemacht hat.«

Seine Stimme ist jetzt drän­gend, fast ein wenig fle­hend. Dann schweigt er. Auch Plu­ra­belle schnurrt nicht mehr. Ich höre nur mei­nen eige­nen keu­chen­den Atem.

»Du willst mich zum Mör­der machen? Ich soll dich umbrin­gen, damit du deine Maschine nicht in Gang setzt? Aber das ist kom­plet­ter Wahn­sinn: Es ist doch alles schon gesche­hen! Es lässt sich nicht mehr ver­hin­dern. Wie stellst du dir das vor?«

Er ant­wor­tet nicht.

Dann klickt es unter dem High­board. Meine Hand ist frei. Ich wälze mich herum, doch der Küchen­stuhl hin­ter mir ist leer. Plu­ra­belle liegt dar­auf und schläft selig.

254/398

The Two Way Frog (in My Throat)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Albo steht in der Tür zu sei­nem Büro und dis­ku­tiert mit einem Kol­le­gen. Als er mich kom­men sieht, ein Päck­chen unter dem Arm, schickt er den Poli­zis­ten mit einer Hand­be­we­gung fort. »Woher?«, fragt er und erkun­digt sich gar nicht erst, ob ich tat­säch­lich die nächs­ten fünf­zig Texte des Mör­ders dabei­habe.

Ein flaues Gefühl macht sich in mei­ner Magen­ge­gend breit. Wie soll ich ihm nur erklä­ren, was mir der Mör­der erzählt hat? Zwei Tage lang habe ich mich von der Welt abge­schot­tet, Ter­mine abge­sagt, nach­ge­dacht, ver­sucht, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, sie wie­der ver­wor­fen. Schließ­lich bin ich ein­fach mit dem Päck­chen zur Wache auf­ge­bro­chen, ohne einen Plan zu haben.

»Kam mit der Post.« Ich muss Albo lang­sam vor­be­rei­ten. Und auf dem Päck­chen steht tat­säch­lich meine Adresse, und es sind die rich­ti­gen Auf­kle­ber und Stem­pel drauf. Mein Alter Ego, der Kil­ler, hat wohl mit ein­kal­ku­liert, dass ich die Texte zu Albo schleppe – und mir so die Tür offen­ge­hal­ten, ihm nichts von sei­nem Besuch bei mir erzäh­len zu müs­sen.

»Und?«, fragt Albo, wäh­rend wir sein Büro betre­ten, »Blut? Ein Herz? Rasier­klin­gen?«

Ich schüttle den Kopf und hole den Papier­sta­pel aus dem Päck­chen her­aus. Er ist unbe­fleckt.

»Das hätte trotz­dem alles in die Foren­sik gemusst!«, meint Albo tadelnd.

»Ich weiß«, sage ich, »sorry.« Ich winde mich ein wenig unter sei­nem Blick.

»Na, mal sehen, was er dies­mal schreibt.« Albo blät­tert die Sei­ten durch. Ich will ihm sagen, dass das alles von par­al­le­len Ichs von mir stammt, gesam­melt vom Mör­der, der ver­sucht, seine Alter Egos von einer Untat abzu­hal­ten, die er selbst began­gen hat – und der tötet, wenn sonst nichts hilft.

»Bin ja schon froh, wenn kein blu­ti­ges Herz drauf liegt«, mur­melt Albo mehr zu sich selbst als zu mir. Die Her­zen, will ich ihm sagen, hat der Mör­der drauf­ge­legt, um mich davon zu über­zeu­gen, dass stimmt, was er behaup­tet – und mit den Mor­den hat er jeweils das Ende der Welt ver­hin­dert. Es ist Irr­sinn. Ich bin die ganze Geschichte immer wie­der durch­ge­gan­gen. Wenn sie wahr wäre, ging mir irgend­wann auf, hätte ich an sei­ner Stelle viel­leicht genauso gehan­delt. Denn ohne die Her­zen, ohne die inzwi­schen zwei­hun­dert­fünf­zig Texte hätte ich mei­nem par­al­lel­welt­rei­sen­den Gegen­stück das Gru­sel­mär­chen nie­mals geglaubt.

Albo blät­tert inter­es­siert und scannt die neuen Texte durch. »Hm, da sind ja wie­der unsere zwei Gra­zien aus dem Amt. Offen­bar auch unser alter Bekann­ter, der Atlan­ter – wow, lange Geschichte dies­mal, hüb­sche Tipp­ar­beit. Und die­ser Norbu auf dem Haus­boot hat auch wie­der einen Auf­tritt. Gehö­ren ja alle sozu­sa­gen schon zur Fami­lie.« Er wirft mir einen Blick zu. »Irgend­was Neues oder Auf­fäl­li­ges dabei?«

»Wir müs­sen reden, Uwe«, ant­worte ich. Das mit dem flauen Gefühl wird schlim­mer. Aber ich kann nicht noch län­ger war­ten. Zuerst fülle ich mir an der Kaf­fee­ma­schine einen Plas­tik­be­cher. Mir ist woh­ler, solange ich Albo den Rücken zuwende. »Es ist da in den Tex­ten doch immer wie­der von Par­al­lel­wel­ten die Rede …«

Albo brummt. »Cerils Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon? Oder was meinst du?«

»Ich meine die­sen Text, wo er schreibt, dass er Anhän­ger der Viele-Wel­ten-Theo­rie ist. Was ja immer wie­der Thema ist. Bis hin zu Rei­sen in diese par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Der Kaf­fee ist ein­ge­schüt­tet, gezu­ckert, gerührt – ich muss mich wie­der zu Albo umdre­hen.

»Wor­auf willst du hin­aus?«, fragt er und sieht mich miss­trau­isch an.

»Auf die drei Her­zen mit iden­ti­scher DNA.«

»Vier Her­zen. Und eines schlägt noch. Gott­lob.«

Ich setze mich ihm gegen­über und stelle den Papp­be­cher auf sei­nem Schreib­tisch ab. »Was für eine Erklä­rung kann es für die Her­zen geben?«

»Klone«, sagt Albo, »oder er kann Organe wach­sen las­sen. Oder er ist Spe­cial-Effects-Tech­ni­ker und kann Her­zen täu­schend echt nach­bauen.« Er zieht eine sei­ner Brauen hoch. »Aber wahr­schein­lich gibt es eine ganz simple Erklä­rung, eine, auf die wir noch gar nicht gekom­men sind. Wenn wir ihn erst haben, fin­den wir auch die Erklä­rung.«

»Und wenn es sich nun vier­mal um die glei­che Per­son han­delt?«

Albo wirft mir einen über­rasch­ten Blick zu. »Jeman­den mit mul­ti­plen Her­zen? Nie davon gehört.«

»Nein. Es ist die­selbe Per­son – in ver­schie­de­nen par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Wie­der weckt Albos Blick in mir das drin­gende Bedürf­nis, mich unter sei­nem Tisch zu ver­krie­chen. Er öff­net den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn dann aber wie­der. Ich halte es nicht aus und bli­cke zu Boden. Und ich muss nicht Psy­cho­loge sein, um zu wis­sen, dass ich damit ver­lo­ren habe.

»Wenn ich in andere Wel­ten rei­sen könnte, ein­fach so …« Albo schnippt. Ich hebe mei­nen Blick wie­der. »Dann hätte ich echt was Bes­se­res zu tun als Leu­ten ihre Pumpe raus­zu­schnei­den, mir in einer der vie­len Wel­ten eine raue, graue, schmut­zige Stadt raus­zu­su­chen und die Her­zen in irgend­wel­chen Sehens­wür­dig­kei­ten auf irgend­wel­chen splee­ni­gen Geschicht­chen zu plat­zie­ren, damit sich die Mord­kom­mis­sion auf meine Spur setzt.«

Aber er ist eine geschun­dene Seele, will ich sagen, er hat eine mons­tröse Schuld auf sich gela­den, und er sieht nur eine Mög­lich­keit, für sei­nen Feh­ler gera­de­zu­ste­hen! All das will ich Albo erklä­ren, ihn beschwö­ren, ihm alles erzäh­len vom Besuch des Mör­ders bei mir und dass ich ihm hel­fen soll. Dass ich vor der wohl schwers­ten und fol­gen­reichs­ten Ent­schei­dung mei­nes Lebens stehe und jetzt nichts drin­gen­der bräuchte als den Rat eines Freun­des.

All das bringe ich jedoch nicht über die Lip­pen.

»Wir suchen einen Mör­der. Hast du etwas Neues dazu bei­zu­tra­gen?«

Albo ist sauer. Das ist nicht zu über­hö­ren. Der erste Mord ist schon über ein hal­bes Jahr her, und mit der Fahn­dung ist er keine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men.

»In Text 233 schreibt er«, sage ich und hasse mich gleich­zei­tig dafür, »dass er die Texte im Inter­net hat schrei­ben las­sen, von irgend­wel­chen Leu­ten, die für ein Taschen­geld mehr oder weni­ger krea­tive Mikro­jobs über­neh­men. Mecha­ni­cal Turk heißt die Methode. Viel­leicht stimmt’s, und wir kön­nen ihn dar­über ding­fest machen.«

»Lass ich che­cken«, meint Albo. Seine Augen blit­zen – der alte Spür­hund hat wie­der eine Fährte auf­ge­nom­men. Sie wird ins Leere füh­ren. Es macht mich trau­rig, mei­nen Freund belü­gen zu müs­sen.

»Den Zodiac-Kil­ler haben sie nie gefasst, obwohl er zahl­rei­che Briefe und Kar­ten geschrie­ben hat.« Mit mei­nem hilf­lo­sen Ver­such, Albo dar­auf vor­zu­be­rei­ten, dass seine Fahn­dung erfolg­los blei­ben wird, mache ich alles nur noch schlim­mer. In sei­nem Blick lese ich seine abgrund­tiefe Ent­täu­schung dar­über, ihn und die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion mit dem glück­lo­sen FBI zu ver­glei­chen.

Ich muss schlu­cken. »Schick mir Kopien«, sage ich hei­ser und mit Fin­ger­zeig auf den Papier­sta­pel auf sei­nem Schreib­tisch, »viel­leicht find ich noch was raus.« Auch das eine Not­lüge. Ehr­lich wäre, ein »über mich« anzu­fü­gen.

»Mach ich«, sagt er kurz ange­bun­den.

Der Papp­be­cher ist leer­ge­trun­ken. Ich werfe ihn im hohen Bogen in den Papier­korb. Einen klei­nen Augen­blick lang tanzt er auf dem Rand, bevor er hin­ein­fällt. Das Zei­chen für mei­nen Auf­bruch. Auch Albo erhebt sich. Ein wenig erstaunt es ihn, als ich ihn kurz umarme. Er grunzt leise, und ich drehe mich schnell von ihm weg, weil ich Angst habe, er sieht, dass mir Trä­nen in den Augen ste­hen.

 

301/398

Crème brûlée

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor und habe sofort den Geruch von gebra­te­nem Gemüse in der Nase. Alar­miert ziehe ich, ohne den Man­tel abzu­le­gen, eine Schub­lade mei­nes High­boards auf. Unter gefal­te­ten Tisch­de­cken, die ich nie benutzt habe: meine Pis­tole, eben­falls unbe­nutzt.

Die Tür zur Küche steht halb offen. »Du kommst genau rich­tig.« Die Stimme des Mör­ders. »Ich bin gleich fer­tig.« Offen­bar steht er am Herd.

Wenn mein Alter Ego, der Kil­ler, von der wack­li­gen Wand­buchse mei­nes Tele­fons weiß, dann auch von der Pis­tole. Ich tau­sche das Maga­zin in der Waffe aus. Seit sei­nem Besuch bei mir trage ich eins in der Hosen­ta­sche, genau für die­sen Zweck. Lang­sam und mit erho­be­ner Waffe drü­cke ich die Küchen­tür auf. Es riecht wür­zig.

»Ich habe dei­nen Wok reak­ti­viert.« Er steht mit dem Rücken zu mir, hat sich eine Schürze umge­bun­den. Die Sta­tur, die Hal­tung – das könnte wirk­lich ich sein, in jün­ge­ren Jah­ren natür­lich. Ich ziele genau aufs Herz.

»Eins vor­weg«, sagt er, als wisse er genau, dass ich hin­ter ihm stehe, »es ist nicht anste­ckend, und, ja, es tut höl­lisch weh.« Er dreht sich um. Es ist ein Schock. Sein Gesicht, seine linke Gesichts­hälfte ist von einer Wuche­rung über­zo­gen, nackte, blu­men­kohl­ar­tige Fleischwülste, aus denen sein lin­kes Auge kaum her­aus­schauen kann – es sieht wie eine ein­zige, große, offene Wunde aus. Meine Hand zit­tert.

»Das ist die Rache des Uni­ver­sums an dem, der es zer­reißt. Dabei hat mich der Strah­lungs­stoß nur gestreift, gestrei­chelt sozu­sa­gen. Ich hoffe« – damit dreht er sich kurz zum damp­fen­den Wok um – »ich kann dir mit vege­ta­ri­scher Küche eine Freude berei­ten. Seit ich Mil­li­ar­den von Lebe­we­sen den Gar­aus gemacht habe, esse ich kein Fleisch mehr.«

»Aber du tötest Men­schen!« Nicht nur meine Hand, auch meine Stimme zit­tert.

»Scheinst du ja auch gerade vor­zu­ha­ben. Es sind übri­gens Platz­pa­tro­nen. Ich habe die Maga­zine aus­ge­tauscht.«

Ich lächle böse. Er lächelt zurück. Links ist es die Gri­masse eines Mons­ters, rechts ein selt­sam ver­trau­tes Gesicht. »Alle Maga­zine. Und zwar schon vor mei­nem letz­ten Besuch hier.«

Ich lasse die Pis­tole sin­ken.

»Ich trage auf, du ziehst den Man­tel aus, und wir unter­hal­ten uns wie zivi­li­sierte Men­schen beim Essen. Schlage ich vor.«

Was bleibt mir auch sonst übrig: Ich nicke.

Mein klei­ner Ess­tisch im Wohn­zim­mer ist bereits gedeckt. Der Mör­der – ich habe beschlos­sen, ihn weder Cory noch mit mei­nem eige­nen Namen zu nen­nen, son­dern mir stän­dig bewusst zu hal­ten, mit wem ich es hier zu tun habe – hat den Stuhl aus dem Flur mit dazu­ge­stellt. Er häuft erst mir, dann sich das damp­fende Wok­ge­müse auf den Tel­ler, ver­schwin­det mit der Schüs­sel in der Küche und kommt ohne Schürze wie­der. Es fällt mir schwer, ihm ins ver­un­stal­tete Gesicht zu sehen.

»Ich hab uns ein Rad­ler gemischt. Ist doch rich­tig, oder?«

Offen­bar hat der Mör­der meine Ess- und Trink­ge­wohn­hei­ten stu­diert. Den Wok habe ich mir vor Jah­ren gekauft – in der Anwand­lung, ich müsse was für meine Gesund­heit tun und mehr Gemüse essen. Benutzt habe ich ihn, wie meine Pis­tole, noch nie.

»Prost!«, sagt er: »Auf das Leben!« Ich zögere kurz, hebe dann mein Glas. Nie hätte ich gedacht, ein­mal mit einem mehr­fa­chen Mör­der anzu­sto­ßen, aber ich hätte mir auch nie träu­men las­sen, dass ich mal mit Par­al­lel­wel­ten zu tun bekom­men würde.

Schwei­gend las­sen wir es uns schme­cken. Die Sauce ist hin­rei­ßend: süß-scharf wie im Thai-Restau­rant.

»Als du ein­und­zwan­zig Jahre alt warst«, sagt er unver­mit­telt, »bist du ein­mal an einem Sonn­tag im Win­ter früh­mor­gens spa­zie­ren­ge­gan­gen. Die Kälte, der Schnee, die unglaub­li­che Klar­heit der Luft – du hät­test die Welt umar­men kön­nen. Und bist übers Eis raus auf den See.«

Ich weiß, wovon er spricht. Ich habe nie jeman­dem davon erzählt. Nur Albo weiß es. Und selbst er weiß nichts von dem Nah­tod­erleb­nis, das ich hatte, nach­dem ich ins Eis ein­brach und fast ertrank.

»Wenn du nicht von einem wei­te­ren frü­hen Spa­zier­gän­ger gefun­den und wie­der­be­lebt wor­den wärst …«

»Ja«, sage ich, »Uwe Albo hat mir das Leben geret­tet.«

»In mei­nem Fall wirst du sie auf­hal­ten.«

»Sie?«

»Es ist ein ent­schei­den­der Moment in unser aller Leben, aber wer uns da jeweils ret­tet, das ist unter­schied­lich.«

Ich schüttle ver­ständ­nis­los den Kopf.

»Ich bringe dich zu die­sem Ort und zu die­ser Zeit, und du wirst die Jog­ge­rin auf­hal­ten, die mich damals ent­deckt und wie­der­be­lebt hat.«

»Was …?« Nur sto­ckend däm­mert mir, was er da gerade sagt.

»Und Plu­ra­belle kannst du mit­neh­men.«

Meine Katze? Ich habe sie völ­lig ver­ges­sen. Ich folge dem Blick des Mör­ders. Sie liegt unter dem Fens­ter an der Hei­zung und schläft. Er muss sie gefüt­tert haben.

»Wie stellst du dir das vor?«, fahre ich ihn an. »Du kannst doch nicht ein­fach so über mein Leben ver­fü­gen und mich zum Mör­der machen!«

»Streng genom­men ist es fahr­läs­sige Tötung bezie­hungs­weise unter­las­sene Hil­fe­leis­tung. Und ver­giss nicht: Du ret­test die Mensch­heit vor dem Unter­gang.«

»Du bist doch irre!«, ent­fährt mir. Ich werfe wütend meine Gabel auf den Tel­ler. »Selbst wenn das alles stimmt, was du erzählst: Du hast dich in einen Wahn ver­stie­gen, indem du als mor­den­der Vege­ta­rier durch die Wel­ten ziehst und deine Alter Egos umbringst!« Ich bin auf­ge­sprun­gen und ges­ti­ku­liere. Doch es ist mir egal, ob ich die Kon­trolle ver­liere. Ich bin wütend.

Der Mör­der bleibt ruhig sit­zen und legt seine Gabel aus der Hand. »Mord war immer nur die aller­letzte Not­lö­sung.«

»Man muss nie­man­den exe­ku­tie­ren, um ihn von irgend­was abzu­hal­ten.«

»Ich habe alles ver­sucht, ver­dammt.« Er springt jetzt auch auf. Wir ste­hen uns wut­schnau­bend gegen­über. »Ich habe mit ihnen gere­det, sie ange­fleht, dafür gesorgt, dass sie zum ent­schei­den­den Zeit­punkt krank wer­den, ich habe ihren Gene­ra­tor zer­stört, immer und immer wie­der, ich habe die Poli­zei auf sie gehetzt und ihre Kin­der als Gei­seln genom­men. Ver­stehst du? Ich habe es mit allen Mit­teln ver­hin­dert!«

Er wen­det sich schwer­at­mend ab und muss sich an der Stuhl­lehne fest­hal­ten. »Aber manch­mal kam ich zu spät für all das«, keucht er, »und mir blieb nur noch eins.« Er blickt mich ver­zwei­felt an. Seine linke Gesichts­hälfte ist flam­mend rot.

Ich halte sei­nem Blick stand. Er hat all das getan, und er ist der Mör­der. Nicht ich muss mit die­ser Schuld leben – auch wenn wir die glei­che DNA haben und viel­leicht sogar so etwas wie eine Seele tei­len.

»Ich kann Plu­ra­belle mit­neh­men?«

Er wirkt erleich­tert, als ich das frage. Wir set­zen uns wie­der vor unsere Tel­ler.

»Du wirst wis­sen wol­len: Was kann ich über­haupt noch ändern, wenn es doch schon gesche­hen ist?« Er wirkt jetzt ruhi­ger, gefass­ter. Ver­mut­lich redet er von der Zer­stö­rung eines Teils der Milch­straße. Die Vor­stel­lung, dass er, dass ein ein­zel­ner Mensch auf einen Schlag meh­rere Zivi­li­sa­tio­nen aus­lö­schen konnte, will mir immer noch nicht in den Kopf. Aber in den letz­ten Wochen sind mir Par­al­le­len ein­ge­fal­len: Vor dem ers­ten Atom­bom­ben­test waren sich die Phy­si­ker unsi­cher, ob sie nicht die gesamte Atmo­sphäre des Pla­ne­ten in Brand set­zen und abfa­ckeln wür­den. Sie haben trotz­dem gezün­det. Vor dem Anschal­ten des LHC gab es Phy­si­ker, die warn­ten, der Col­l­i­der könne ein schwar­zes Loch erzeu­gen, das Stück für Stück unsere Erde ver­schluckt. Er wurde trotz­dem in Betrieb genom­men. Und dann gibt es ja auch noch Tscher­no­byl und Fuku­shima: weite, durch Men­schen­hand für Jahr­hun­derte, viel­leicht Jahr­tau­sende umbe­wohn­bar gemachte Land­stri­che.

Er trinkt von sei­nem Rad­ler. Auch ich geneh­mige mir einen Schluck, auch wenn ich jetzt eigent­lich etwas Här­te­res ver­tra­gen könnte.

»Wenn du mein frü­he­res Ich ster­ben lässt, ver­hin­derst du nicht, was gesche­hen ist. Und doch ver­hin­derst du es auf einer höhe­ren Ebene. Die Wahr­schein­lich­keit dafür ist dann so weit her­ab­ge­sun­ken, dass im Mul­ti­ver­sum die Kette end­lo­ser Wie­der­ho­lun­gen …«

Ich unter­bre­che ihn: »Hör schon auf mit die­sem Mist. Das ist doch alles bloße Spe­ku­la­tion! Was kön­nen wir schon über das Mul­ti­ver­sum wis­sen, außer dass …«

»… alles mög­lich ist? Alles?«

Ich zögere kurz, will ihm aber nicht zustim­men, son­dern bringe statt­des­sen ein neues Thema auf: »Sag mir lie­ber, warum du – unter all dei­nen Alter Egos – mich aus­ge­sucht hast.«

Der Mör­der blickt auf mei­nen Tel­ler. Ich habe den Rest des Gemü­ses nicht mehr ange­rührt. »Es gibt noch Des­sert«, sagt er, steht auf und räumt ab.

Crème brûlée. Der Mör­der flam­biert sie fach­ge­recht. Vor­sich­tig klopfe ich mit dem Löf­fel auf die harte Ober­flä­che. Schon wie beim Wok­ge­müse beschleicht mich das Gefühl, wenn ich mir das Essen des Mör­ders schme­cken lasse, lasse ich mich von ihm kau­fen.

»Ich habe es ver­spro­chen, weißt du«, sagt er leise, »all den Tau­sen­den, Mil­lio­nen, Mil­li­ar­den von Wesen, die mich in mei­nen Träu­men heim­su­chen, all den ankla­gen­den Gesich­tern, all den heu­len­den Geis­tern, die mich jede Nacht bedrän­gen. Und du bist meine ein­zige Hoff­nung, die­ses Ver­spre­chen zu erfül­len.«

Jetzt ist mein Löf­fel zu der wei­chen, süßen Masse unter der kara­mel­li­sier­ten Rohr­zu­cker­schicht vor­ge­drun­gen. Ich pro­biere eine Löf­fel­spitze voll. Himm­lisch.

»Warum ich?«

Der Mör­der zögert und atmet ein­mal tief durch. »Weil du ein­sam bist.«

»Ich habe Freunde. Meine Katze. Albo.«

»Albo und deine Katze – ja, das sind deine Freunde. Aber du hast keine Frau, keine Kin­der.«

»Die ande­ren sind alle ver­hei­ra­tet?«

»Die meis­ten.«

Schwei­gend löf­feln wir unsere Crème. »Mit wem?«, will ich fra­gen, nur kommt diese Frage ver­mut­lich drei­ßig, vier­zig Jahre zu spät.

»Und wann geht’s los? Jetzt, sofort, nach die­ser … Hen­kers­mahl­zeit?«

Wir haben unsere Schäl­chen leer­ge­ges­sen. Der Mör­der erhebt sich und bedeu­tet mir, ihm zu fol­gen. Wir gehen in mein Arbeits­zim­mer. Neben dem Schreib­tisch steht ein Trans­port­kä­fig für Klein­tiere mit Atem­schlit­zen in den Plas­tik­wän­den und Tra­ge­griff. Mir wird das Herz schwer. Wer­den wir Plu­ra­belle da rein­set­zen, und dann schickt er uns auf die Reise?

Aber dann ent­de­cke ich auf dem Schreib­tisch ein klei­nes ver­kleb­tes Paket. »Kor­ri­dore?«, frage ich. Der Mör­der nickt. »Fünf­zig Stück?« Er nickt ein wei­te­res Mal. »Die letz­ten?«

»Für dich, ja«, sagt er, nimmt seine Jacke, die er über mei­nen Schreib­tisch­stuhl gewor­fen hatte, und zieht sie sich über. »Kann ich dir das Spü­len über­las­sen?«

Er streckt die Hand aus. Ich will sie schüt­teln, ziehe meine Hand jedoch zurück, weil es mir unan­ge­mes­sen erscheint. Ein paar Augen­bli­cke ste­hen wir da und wis­sen nicht, was wir tun wol­len. Dann umarme ich ihn, mit dem Kopf an sei­ner rech­ten Seite, weil ich die­ser mons­trö­sen Wuche­rung auf kei­nen Fall zu nahe kom­men möchte. Er presst mich kurz und hef­tig an sich, dann weicht er zurück.

»Ich melde mich dann«, sagt er, bevor er sich umdreht und geht. Ich höre, wie die Haus­tür ins Schloss fällt. Plötz­lich streift meine Katze an mei­nem Bein ent­lang und beäugt inter­es­siert den Trans­port­kä­fig.

»Wir wer­den eine Reise unter­neh­men, Plu­ra­belle«, sage ich. »Aber wir haben fünf­zig Tage Zeit, uns vor­her von allem zu ver­ab­schie­den.« Das Päck­chen ist wie­der an mich adres­siert und bereits gestem­pelt. Der Absen­der fehlt. Es wer­den wie­der fünf­zig Texte darin sein, vom Mör­der mit fünf­zig ver­schie­de­nen Schreib­ma­schi­nen getippt, und sie haben immer den glei­chen Anfangs­satz: »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

340/398

Past All Belief

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor gleich hin­ter Albo. Er brummt, ohne sich umzu­dre­hen, einen Abschied und will hin­ter einer der Türen ver­schwin­den. Ich greife sei­nen Arm: »Uwe«, sage ich und weiß eigent­lich gar nicht, was ich sagen will. Er sieht mich fra­gend an. »Das ist eine ziem­lich ver­rückte Welt, in der wir leben«, sage ich und lasse wie­der los.

Albo weiß nichts davon, dass der Seri­en­kil­ler mich kon­tak­tiert hat, dem wir seit Anfang des Jah­res auf der Spur sind – ich bringe es ein­fach nicht übers Herz, es ihm zu erzäh­len. Den­noch spürt er, dass sich bei mir, sei­nem Freund und per­sön­li­chen »Pro­fi­ler«, etwas ver­än­dert hat. Und ver­mut­lich ahnt er auch, dass das heute ver­mut­lich unser letz­tes Zusam­men­tref­fen ist. Natür­lich ging es wie­der um das Täter­pro­fil. Albo hat sich schließ­lich doch dazu durch­ge­run­gen, die Texte des Mör­ders – drei­hun­dert sind inzwi­schen zusam­men­ge­kom­men – Stück für Stück ver­öf­fent­li­chen zu las­sen. Im Inter­net. Viel­leicht gehen, glaubt er, ver­wert­bare Hin­weise ein. Wir haben lange dar­über dis­ku­tiert. Dabei ging es haupt­säch­lich um meine Kor­ri­dor-Texte: Albo wollte unbe­dingt, dass die Morde und ihre Umstände beschrie­ben wer­den, damit sich die Leser ein Bild von der Sache machen kön­nen. Dar­auf­hin gab ich ihm meine Texte zu lesen. Wenigs­tens diese Ehr­lich­keit bin ich ihm schul­dig, dachte ich.

»Du hast dir drei Schreib­ma­schi­nen gekauft?«

Ich zog unwill­kür­lich die Schul­tern ein: »Fünf­zig wäre ein wenig über­trie­ben gewe­sen.«

»Und dann hast du abwech­selnd auf ihnen …?«

»Aber nicht täg­lich!«, unter­brach ich ihn. »Es ging mir darum, mich irgend­wie in seine Psy­che ein­zu­füh­len.«

»Und du hast über uns geschrie­ben?«

»Na ja. Für mich fing alles damit an, dass ich einen Kor­ri­dor betrat, in dem ein Sta­pel Papier lag – mit einem blu­ti­gen Herz drauf, frisch extra­hiert …«

Albo stülpte die Lip­pen vor und schien zu über­le­gen. »Ihr Psy­chofrit­zen seid schon ein komi­sches Völk­chen. Deine Texte jeden­falls könn­ten uns noch nütz­lich wer­den …«

Ich gab sie ihm – ohne die neus­ten natür­lich, die ich über meine Begeg­nung mit dem Mör­der geschrie­ben hatte. Und über des­sen Anruf bei mir. Denn rund drei Wochen nach unse­rem gemein­sa­men Abend­essen in mei­ner Woh­nung rief mich der Mör­der an, »für den Fall, dass du irgend­wel­che Fra­gen oder Zwei­fel hast«. Und ob ich die hatte!

Mein Alter Ego hatte auf alles eine Ant­wort. Nein, ich werde bei der Reise durch Zeit und Raum und wei­tere Dimen­sio­nen nicht im Welt­raum lan­den, weil ich ein, zwei Sekun­den zu spät komme und sich die Erde der­weil wei­ter durchs All gedreht hat: »Es geht dabei nicht um phy­si­sche Koor­di­na­ten, son­dern um psy­chi­sche.« Ich habe von dem Dimen­si­ons­sprung auch keine Wuche­run­gen im Gesicht zu erwar­ten, und ich werde auch nicht nackt inmit­ten einer Men­schen­menge appa­rie­ren. »Ehr­lich gesagt«, meinte er, »bin ich mir nicht hun­dert­pro­zen­tig sicher, ob es über­haupt funk­tio­niert. Falls nicht – dann habe ich es wenigs­tens ver­sucht, du kannst Plu­ra­belle ein­fach wie­der aus dem Käfig las­sen, und fer­tig.«

Ich fragte ihn, ob er mir, statt mich ohne die Mög­lich­keit einer Rück­kehr an den Ziel­ort zu schi­cken, das Par­al­lel­welt­rei­sen nicht bei­brin­gen könne. Seine Stimme am ande­ren Ende der Lei­tung klang ernst: »Nein, und du wür­dest es dir auch nicht wün­schen. Du hast mich gese­hen: Ich bin ein Mons­ter, eine Miss­ge­burt. Nie­man­dem sollte es erlaubt sein, hin­ter die Kulis­sen des Uni­ver­sums zu bli­cken.«

Meine wich­tigste Frage hatte ich mir bis zuletzt auf­ge­spart. Ist es wirk­lich unum­gäng­lich, den jun­gen Mann, der an einem Win­ter­tag einen zuge­fro­re­nen See betritt und ein­bricht – der Mör­der in jun­gen Jah­ren und irgend­wie ja auch mein frü­he­res Ich –, ster­ben zu las­sen? Oder ist das nicht nur ein ver­que­rer sui­zi­da­ler Wahn eines Ver­zwei­fel­ten, der mit der Schuld, die er auf sich gela­den hat, nicht zurande kommt?

Zum ers­ten Mal hörte ich den Mör­der stot­tern. »Es … es ist … Ich habe … Es gibt im Leben offen­bar Schick­sals­mo­mente, aber auch so etwas wie schick­sal­hafte Ent­wick­lun­gen – eine Art Strö­mung, zu stark, als dass du sie auf­hal­ten kannst. Sie reißt dich mit. Du musst schon an die Quelle gehen, und da reicht es nicht, dem Rinn­sal ein ande­res Bett zu gra­ben. Die Quelle selbst muss ver­sie­gen. Andern­falls sucht sich das Schick­sal sei­nen Weg. Ver­stehst du?«

»Das klingt furcht­bar fata­lis­tisch«, sagte ich in den Hörer.

»Nein, eben nicht! Es war ein qual­vol­ler Weg, bis ich end­lich wusste, wo ich jeweils den Hebel anset­zen kann. Und in die­sem Falle möchte ich ein­fach unbe­dingt sicher gehen. Sieh es als die Bitte, die letzte und ein­zige Bitte von jeman­dem, der tod­krank ist und sich von dir Ster­be­hilfe wünscht. Ver­stehst du denn nicht?«

Albo erzählte ich nichts von die­sem Tele­fo­nat. Aller­dings bekam ich einen Schreck, als er mich beim nächs­ten Tref­fen mit den Wor­ten »Jetzt weiß ich Bescheid!« begrüßte. Hatte er mein Tele­fon abhö­ren las­sen? Nein, es ging um meine Kor­ri­dor-Texte.

»Du hältst mich für einen alten Mann, was?«

Ich schüt­telte ver­dat­tert den Kopf.

»Trä­nen­sä­cke, miese Laune, schlecht­sit­zen­der Anzug, wüten­der ver­letz­ter Bär, wie ein Holz­fäl­ler in einer Par­fü­me­rie …«, zitiert er, und seine Augen zie­hen sich zu schma­len Schlit­zen zusam­men.

»Oh, tut mir leid, Uwe, ich wollte nur ein wenig Farbe mit rein­brin­gen.«

»Schon gut, schon gut«, brummt er und klopft mir auf die Schul­ter. »Bin über das Alter drü­ber, wo ich mir Eitel­keit erlau­ben könnte.« Dabei grinst er jun­gen­haft. »Aber wie du die Poli­zei­ar­beit dar­ge­stellt hast … Da scheint’s ja nur mich und dich zu geben. Die Staats­an­walt­schaft hast du mit kei­nem Wort erwähnt, und …«

Ich hake gleich ein: »Das kann ich alles noch ändern. Die Texte waren doch gar nicht für die Ver­öf­fent­li­chung bestimmt.«

»Nee, nee, das ist schon ganz gut so. Das passt per­fekt für die Ver­öf­fent­li­chung. Genau so, wie sie sind. An dir ist ja ein Heft­chen­schrei­ber ver­lo­ren­ge­gan­gen.«

Dar­auf gehe ich nicht ein. An der Tür halte ich ihn noch ein­mal auf: »Eine ziem­lich ver­rückte Welt, in der wir leben«, sage ich.

»Ja, ziem­lich. Hast du auch irgend­was Sub­stan­zi­el­les? Ich hab zu tun, weißt du?«

Ich nicke. Ob sich das auf den ers­ten oder zwei­ten Teil bezieht, lasse ich offen. »Als du mich damals aus dem See gezo­gen und wie­der­be­lebt hast …«

»Wenn’s darum geht: Nein, du küsst nicht gut. Nicht, wenn du bewusst­los bist.«

»Ich war nicht bewusst­los.«

»Was …?«

»Nein, anders. Ich war … Mein Geist war an einem ande­ren Ort.«

»Und hörte die Eng­lein sin­gen?«

»So ähn­lich. Seit­dem habe ich jeden­falls keine Angst vor dem Tod mehr.«

»Gut zu wis­sen«, sagt Albo. Er sieht mich inter­es­siert an.

»Eigent­lich vor gar nichts mehr. Außer …« Fal­ten bil­den sich auf Albos Stirn. Offen­bar hat er keine Ahnung, wor­auf ich hin­aus­will. Ich auch nicht. »Außer viel­leicht, dass ich dich mal ent­täu­schen könnte, Uwe.«

Er bläst Luft aus der Nase und lacht auf, schlägt mir auf die Schul­ter. »Mach dir da mal keine Sor­gen. Mir musst du nichts bewei­sen. Na komm schon, das haben wir doch längst hin­ter uns, oder?«

»Gut«, sage ich, »dann …«

Er hebt die Hand zum Abschied. Ich wende mich um und gehe Rich­tung Aus­gang. Obwohl ich sei­nen leicht ver­wun­der­ten Blick in mei­nem Rücken spüre, wider­stehe ich dem Impuls, mich noch ein letz­tes Mal zu ihm umzu­dre­hen.

351/398

Zugriff

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich! Es hat an der Haus­tür geklin­gelt. Das wird er sein. Schon seit Stun­den bin ich unru­hig, gehe im Wohn­zim­mer auf und ab. Rei­se­angst. Heute ist der Tag: Ich werde in eine andere Welt rei­sen. Immer wie­der zer­mar­tere ich mir das Hirn: Wie konnte ich mich nur auf die­sen Irr­sinn ein­las­sen? Aber jetzt ist es zu spät.

Ich öffne. Der Mör­der steht da. Er trägt Er trägt einen grauen Hoo­die – die Kapuze ver­deckt ein wenig die Fleisch­wu­che­run­gen in sei­nem Gesicht. Er zieht sie her­un­ter und tritt zu mir her­ein.

»Konn­test du dich ver­ab­schie­den?«

Ich ant­worte nicht dar­auf. Was soll ich schon sagen?

Wir gehen ins Wohn­zim­mer. Plu­ra­belle habe ich bereits in den Trans­port­kä­fig gesteckt. Anfangs miaute sie pro­tes­tie­rend, aber inzwi­schen hat sie sich mit der unge­wohn­ten Situa­tion abge­fun­den und es sich bequem gemacht.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie dank­bar ich dir bin.«

»Keine Texte?«, frage ich kurz ange­bun­den. »Keine Maschine?«

Er zieht etwas aus der Tasche, das wie ein klei­nes Touch­pad aus­sieht. »Die Texte«, sagt er, »habe ich direkt an Albo geschickt. Und die Maschine, von der du sprichst, ist hier drin.« Er zeigt auf mei­nen Kopf. »Kön­nen wir?«

»Und es besteht wirk­lich kei­ner­lei Gefahr? Für mich, für Plu­ra­belle – und für den Spi­ral­arm der Milch­straße, in der sich unser Son­nen­sys­tem befin­det?«

Er lacht kurz auf. »Nein«, sagt er, »das Schlimmste, was pas­sie­ren kann, ist, dass nichts pas­siert. Hier.« Er schal­tet das Dis­play ein und zeigt es mir. Ich sehe einen lan­gen Schacht, in dem tief unten ein Licht wabert. Nein, jetzt erkenne ich es, wie könnte es auch anders sein: ein Kor­ri­dor! Er wabert, bläht sich auf und ver­jüngt sich wie­der – das Bild auf dem Dis­play ist ani­miert. Das Ganze erin­nert mich an die Peris­tal­tik eines Darms, und an sei­nem Ende zuckt der Kor­ri­dor leicht, ähn­lich wie die Schwanz­spitze einer Katze auf der Jagd. »Sieh’s dir gut an.«

»Kann ich das mit­neh­men?« Irgend­wie habe ich immer noch die schwa­che Hoff­nung, zurück­keh­ren zu kön­nen, wenn ich mei­nen Auf­trag erfüllt habe. Könnte das hier mein Ticket dafür sein?

»Das allein würde dir nichts nüt­zen. Ich muss dich schub­sen. Fer­tig? Siehst du ihn vor dir?« Er meint den pul­sie­ren­den Kor­ri­dor. Ich nicke und nehme den Griff des Trans­port­kä­figs fest in die Hand.

»Denke an den Über­gang und sieh mir in die Augen.«

Doch in die­sem Moment zucken wir beide zusam­men, weil es im Woh­nungs­flur einen lau­ten Knall gibt, gefolgt von einem Pol­tern. Fast hätte ich vor Schreck Plu­ra­belle fal­len las­sen. Ich setze sie ab. Der Mör­der fasst sich schnel­ler wie­der als ich und zieht eine Pis­tole aus der Jacken­ta­sche, die er auf mich rich­tet. Schon ist der Raum vol­ler Uni­for­mier­ter mit gezo­ge­nen Waf­fen.

»Fal­len las­sen!«, bellt Albo mei­nen Besu­cher an. Fünf, sechs Dienst­waf­fen zie­len auf ihn. Er zögert kurz, lässt dann aber seine Pis­tole fal­len und schiebt sie mit dem Fuß in Rich­tung des Kom­mis­sars. Ein Beam­ter dreht ihm die Hände auf den Rücken und legt ihm Hand­schel­len an. »Ist das Lepra?«, fragt er ange­wi­dert und viel­leicht auch mit der Sorge, er könne sich anste­cken.

»Ich komme aus der Zukunft, und das ist da der­zeit Mode«, ant­wor­tet der Mör­der. Er grinst – zumin­dest rechts.

Albo bleibt völ­lig unge­rührt. »Ich ver­hafte Sie wegen Ein­bruchs, Land­frie­dens­bruchs und Mord in min­des­tens drei Fäl­len.« Mit einer Kopf­be­we­gung lässt er mein Alter Ego abfüh­ren. Dann wen­det er sich mir zu, bedenkt den Trans­port­kä­fig in mei­ner Hand mit einem Stirn­run­zeln. »Was machst du nur für Sachen?«

Meine Gedan­ken rasen. Was weiß Albo? Hat er unsere Gesprä­che abhö­ren las­sen?

»Oder willst du als blu­ti­ges Herz auf einem Sta­pel lite­ra­risch frag­wür­di­ger Texte enden?« Ich schüttle den Kopf. »Er ist es, oder? Wir haben ihn end­lich erwischt!«

»Und was jetzt?«, frage ich.

»Wir ver­hö­ren den Kerl. Oder hat er dir irgend­was erzählt?«

Also weiß er von nichts. Da mein Alter Ego geis­tes­ge­gen­wär­tig seine Pis­tole auf mich rich­tete, muss Albo anneh­men, ich sei bedroht wor­den.

Immer wie­der hatte ich über­legt, ob ich den Mör­der aus­lie­fere. Er will bestraft wer­den für seine Taten? Kein Pro­blem. Albo wird ihn in die Man­gel neh­men, die Gerichte wer­den ihn für geis­tes­ge­stört erklä­ren und für den Rest sei­nes Lebens hin­ter Git­ter brin­gen. Aber jetzt, mit genau die­sen Aus­sich­ten, weiß ich, dass das nicht das Ende der Geschichte sein kann.

»Wie …?« Meine Hand­be­we­gung umfasst Albo und alles, was gerade hier in mei­nem Wohn­zim­mer pas­siert ist.

»Ich habe eine Über­wa­chungs­ka­mera im Trep­pen­flur vor dei­ner Woh­nung instal­lie­ren las­sen, mit Funk­über­tra­gung.« Ich ver­zichte dar­auf, nach­zu­fra­gen, ob das legal ist.

»Kommst du mit?«, fragt mich Albo.

Den Man­tel habe ich ja bereits an. Albo bemerkt stirn­run­zelnd, dass ich den Käfig mit Plu­ra­belle mit­nehme, sagt aber nichts dazu.

356/398

Under Sur­veil­lance

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier ist die Luft nicht ganz so sti­ckig. Stunde um Stunde haben Albo und seine Kol­le­gen den Mör­der ins Kreuz­feuer genom­men. Ohne Ergeb­nis. Sie erfah­ren nichts. Nichts über die Morde, die Schreib­ma­schi­nen, die Her­zen, die iden­ti­sche DNA, nichts dar­über, was das alles mit mir zu tun hat, und auch nichts über die ver­stö­ren­den Fotos. Auf den schwarz­wei­ßen Über­wa­chungs­mo­ni­to­ren sieht das end­lose Ver­hör aus wie ein Hor­ror­film aus Stumm­film­zei­ten – mit dem eigent­li­chen Hor­ror, dass der Ver­haf­tete völ­lig ruhig bleibt und die Situa­tion sogar nicht ganz unko­misch zu fin­den scheint.

Albo und ich haben lange über den sicher­ge­stell­ten digi­ta­len Bil­der­rah­men dis­ku­tiert, auf dem mir der Mör­der die Film­ani­ma­tion des peris­tal­ti­schen Wel­ten­wech­sel­kor­ri­dors gezeigt hatte. Im Spei­cher fand sich nicht nur das kleine Film­chen: Albo war ziem­lich kon­ster­niert, als er eine ganze Reihe von Fotos auf das Dis­play holte, die uns eigen­tüm­lich bekannt vor­ka­men.

Ein Raum, der das Innere einer Berg­hütte aus dicken Holz­boh­len sein könnte. Er ist vol­ler unter­schied­li­cher Schreib­ma­schi­nen, die sich teil­weise an den Wän­den sta­peln. Ich muss nicht erst zäh­len, um zu wis­sen, dass es fünf­zig sind.

Ein Dop­pel­de­cker­bus auf einem Schrott­platz. Meh­rere Fotos zei­gen ein teil­weise aus­ge­schlach­te­tes Wrack, in das jemand anstelle der Fahr­gast­sitze Schlaf­ko­jen ein­ge­baut hatte. Jetzt ist es nur noch Schrott.

Ein Mann mit asia­ti­schen Gesichts­zü­gen steht in der Tür sei­nes Haus­boots und winkt lächelnd in die Kamera. Norbu?

Mathe­ma­ti­sche For­meln in Form von Filz­stift-Graf­fiti, die sämt­li­che Wände eines Hotel­zim­mers bede­cken.

Ein abfo­to­gra­fier­ter Zei­tungs­ar­ti­kel mit der Über­schrift »Unbe­kann­ter macht Kir­che zum Clown« und einem Foto von einem Kirch­turm, der mit einer rie­sen­gro­ßen Plas­tik­nase ver­un­stal­tet ist.

Der Blick in einen Woh­nungs­flur mit unzäh­li­gen Kar­teik­ärt­chen an Wän­den, Decke und Boden – mit bun­ten Schnü­ren unter­ein­an­der ver­bun­den. Seit­lich erkennt man einen Holz­kas­ten mit Knöp­fen und Anzei­gen.

Albo ver­steifte sich sofort dar­auf, dass das alles Fäl­schun­gen sein müs­sen: »Er hat offen­bar ver­sucht, sich seine kranke Welt am Com­pu­ter nach­zu­bauen. Ich lass das sofort von unse­ren Exper­ten über­prü­fen.«

Ich fürchte, die Exper­ten wer­den keine Hin­weise auf Mani­pu­la­tio­nen fin­den. Und genauso wenig wird Albo jemals her­aus­be­kom­men, wo und wie diese Fotos ent­stan­den sind: Sie sind buch­stäb­lich nicht von die­ser Welt.

Plu­ra­bel­les Käfig habe ich in den Gang vor das Ver­hör­zim­mer gestellt. Jetzt, als sie meine Anwe­sen­heit spürt, beginnt sie sofort, for­dernd zu miauen. Ich öffne eine Dose Kat­zen­fut­ter – Rei­se­pro­vi­ant für sie im klei­nen Stau­fach unter der Plas­tik­ver­scha­lung. Das Miauen wird von lust­vol­len Fress­ge­räu­schen abge­löst.

Albo kommt aus dem Ver­hör­raum. »Harte Nuss, der Kerl«, sagt er, »hab nicht übel Lust, zu här­te­ren Metho­den zu grei­fen.«

»Soll ich mal über­neh­men?«

Albo schürzt die Lip­pen und sieht mich abschät­zig an. Dann nickt er lang­sam. »Wär einen Ver­such wert, ja.«

Ich greife zum Trans­port­kä­fig.

»Äh …«, setzt Albo an, doch ich habe mir schon etwas zurecht­ge­legt: »Psy­cho­lo­gie«, sage ich mit Blick auf Plu­ra­belle.

»Okay«, sagt Albo, »aber lass dich zu nichts hin­rei­ßen.«

Der Mör­der sitzt in Hand­schel­len hin­ter dem Tisch, die Beine über­ein­an­der­ge­schla­gen. »Die Fotos«, sagt er unauf­ge­for­dert, »waren wei­tere Beweise für dich, falls das nötig gewe­sen wäre.«

War es nicht. Ich setze mich ihm gegen­über und lasse die Hand nicht vom Käfig­griff. »Und was jetzt?«

»Ich dachte, ich gehe zur Abwechs­lung mal wie jeder nor­male Mensch die Treppe hoch und klingle bei dir. War ein Feh­ler.«

»Und all das andere? Die Morde? Kann das auch ein Feh­ler gewe­sen sein?«

Seine zer­störte Gesichts­hälfte leuch­tet signal­rot. Er presst die Lip­pen auf­ein­an­der. »Es tut höl­lisch weh«, hat er mal gesagt, aber auch ohne Schmer­zen sollte nie­mand so gestraft wer­den. Ganz gleich, was er auch getan hat.

Er ringt um Worte. Die Ant­wort fällt ihm schwer: »Ich hätte das alles gerne in Ruhe mit dir dis­ku­tiert. Aber …« Er spricht den Satz nicht zuende. Wir schwei­gen.

»Hast du es noch vor Augen?«, fragt er nach einer Weile. Er meint sein Film­chen mit der pul­sie­ren­den Peris­tal­tik. Ich nicke. »Albo wird irgend­wann klar wer­den«, sagt er, »dass das kein Zufall war.« Er deu­tet auf den Kat­zen­kä­fig.

Ich beuge mich vor zu ihm. »Was ist mit dir?«

»Ich hab nur auf dich gewar­tet.«

»Aber Albo …« Ich ertappe mich dabei, dass ich mir Sor­gen mache, wie mein alter Freund mit all­dem zurecht­kom­men wird. Natür­lich weiß ich, dass er jedes Wort mit­hört. Und ver­mut­lich wird er sich die Video­auf­zeich­nung davon noch oft anse­hen, wie­der und wie­der.

Denn ich habe mich ent­schie­den. Ich bli­cke dem Mör­der in die Augen und denke inten­siv an das peris­tal­ti­sche Zucken des Gangs, an des­sen Ende ein Licht strahlt. Ein Ruck geht durch mei­nen Kör­per. Irgend­wie hat er mich, nicht kör­per­lich natür­lich, geschubst. Es ist wie bei mei­nem Nah­tod­e­s­er­leb­nis, als ich ins Eis ein­brach und ertrank: Ich befinde mich plötz­lich über mei­nem Kör­per, sehe mich selbst, den Trans­port­kä­fig in der Hand, dem Mör­der gegen­über­sit­zen. Dann treibe ich ab, gelange in den Neben­raum, schwebe über Albo und sei­nen Kol­le­gen. Ein hel­ler Glanz ist neben mir, ein strah­len­des Wesen. Ein Engel? Bin ich tot? Es herrscht auf ein­mal große Auf­re­gung im Zim­mer.

»Wo zum Teu­fel ist er hin?«, brüllt Albo irri­tiert und vol­ler Zorn. Er stürmt aus dem Raum. Ich ver­su­che, auf den Moni­tor zu sehen, weiß aber schon, dass der Mör­der jetzt allein im Ver­hör­zim­mer sitzt. Oder eben­falls fort ist. Der Glanz an mei­ner Seite zieht mich sanft wei­ter. Plötz­lich weiß ich, wer das ist. Zwi­schen den Wel­ten, zwi­schen Zeit und Raum, ver­lie­ren wir offen­bar die gewohnte Gestalt. Es ist meine Katze! Alles glit­zert, als wür­den, wie Heer­scha­ren von Pflan­zen­sa­men in einem Som­mer­wind, win­zige Kris­talle durch die Luft wehen. Plu­ra­belle und ich haben uns auf die Reise bege­ben.

381/398

Saviour Busi­ness

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor aus wir­beln­den Ster­nen und Gala­xien, der mir einen kur­zen Blick in das Mul­ti­ver­sum gestat­tet, bevor mich ein gewal­ti­ger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt. Alles in mir schwankt. Ich keu­che und muss gegen einen hef­ti­gen Wür­ge­reiz ankämp­fen. Da tut es gut, schnei­dend kalte Luft in die Lun­gen zu sau­gen. Das Erste, was ich klar erken­nen kann, ist Plu­ra­bel­les Käfig. Sie miaut kläg­lich. Ver­mut­lich hat sie genau wie ich unter den Neben­wir­kun­gen der Par­al­lel­welt­reise zu lei­den.

Ich liege im Schnee. Ganz vor­sich­tig setze ich mich auf. Ich lebe – sonst würde mir nicht jeder Kno­chen schmer­zen. Und ich bin am rich­ti­gen Ort: der Park, die schmale Halb­in­sel, der zuge­fro­rene See. Es ist früh­mor­gens.

Gleich, jeden Moment, müsste das jün­gere Ich des Mör­ders hier ent­lang kom­men und unter­neh­mungs­lus­tig auf das Eis hin­aus­schlid­dern, wie auch ich das an jenem schick­sal­haf­ten Sonn­tag getan habe, vor vie­len, vie­len Jah­ren. Meine Auf­gabe ist klar.

Plu­ra­belle nehme ich natür­lich mit. Der Schnee auf dem Weg ist noch unbe­rührt. Aus den Augen­win­keln her­aus nehme ich eine Gestalt wahr, die auf der ande­ren Seite unter den ver­schnei­ten Buchen zum Ende der Halb­in­sel schlen­dert. Ich will, ich darf mei­nem Alter Ego nicht begeg­nen – mit aller Kraft zwinge ich mich, nicht hin­zu­se­hen, und kon­zen­triere mich auf das, was ich zu tun habe: die Eng­stelle errei­chen, bevor die Jog­ge­rin sie pas­sie­ren kann.

Es ist nie­mand hier. Ich sehe mich um. Wie lange war ich damals auf dem Eis, bis es plötz­lich unter mir nach­gab? War es nicht ein wol­ken­lo­ser Tag? Hier ist der Him­mel ver­han­gen, und es ist neb­lig. Ein paar Atem­züge lang bin ich mir unsi­cher, ob ich hier über­haupt rich­tig bin. Oder spielt mir die Erin­ne­rung einen Streich? Dann sehe ich die Jog­ge­rin.

Es ist eine junge, hüb­sche Frau. Sie trägt eine Woll­mütze und kommt im ste­ten Trab auf mich zu.

»Hallo?«, rufe ich, »ent­schul­di­gen Sie?« Doch sie beach­tet mich nicht. Im letz­ten Moment trete ich ihr in den Weg. »Ent­schul­di­gung?«

Sie stoppt, läuft aber auf der Stelle wei­ter, lächelt und nimmt sich die Ohr­hö­rer her­aus, die ich vor­her gar nicht bemerkt hatte. »Ja?«, sagt sie, und dabei formt sich wei­ßer Kon­dens­atem vor ihrem Mund.

»Könnte es sein, dass Sie ver­ges­sen haben, Ihren Herd aus­zu­stel­len?«

Sie sieht mich ver­blüfft an. Der Mör­der hatte mir davon erzählt – er erfuhr spä­ter, nach­dem sie ihn gefun­den und wie­der­be­lebt hatte, von ihrem Mal­heur, bei dem ihre Woh­nung fast in Brand gera­ten war.

»Oh Shit!«, sagt die Frau, die immer noch auf der Stelle läuft, um ihr Trai­ning nicht zu unter­bre­chen. Sie dreht um und sprin­tet davon. Jetzt bin ich ver­blüfft. Ich hatte erwar­tet, dass sie sich erst ein­mal danach erkun­digt, woher ich davon wis­sen kann. Aber auch so ist es gut. Gut? Ich drehe mich um. Irgendwo da hin­ten auf dem See bricht jetzt ein jun­ger, hoff­nungs­vol­ler Phy­si­ker ins Eis ein und ertrinkt. Und es kommt nie­mand, um ihn in letz­ter Sekunde ins Leben zurück­zu­ho­len und einen Kran­ken­wa­gen zu rufen. Mir wird das Herz schwer. Weder der Gedanke, dass er in fast allen ande­ren par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten des Mul­ti­ver­sums geret­tet wird, noch der an die Welt, die ich dadurch vor dem Unter­gang bewahre – diese Welt hier –, kann mich trös­ten. Plu­ra­belle spürt mei­nen Kum­mer. Sie maunzt und miaut. Ich weiß nicht, wie lange ich da wie fest­ge­fro­ren stehe und mir die Trä­nen aus den Augen rin­nen.

»He, Sie!« Die Stimme der jun­gen Frau reißt mich aus mei­nen düs­te­ren Gedan­ken. »Wie konn­ten Sie das wis­sen?«

Ich drehe mich zu ihr um. Sie war offen­bar schon bei zu Hause, ist wie­der zu mir zurück­ge­spur­tet und ganz außer Atem. »War nur so ein Gedanke«, ant­worte ich aus­wei­chend.

»Sie sind nicht zufäl­lig ein her­ab­ge­stie­ge­ner Engel?«

»Ich komme zwar von weit her, aber ein Engel – nein, ein Engel bin ich nun wahr­haf­tig nicht.«

»Darf ich Sie trotz­dem zu einem Kaf­fee ein­la­den?«, fragt sie. Ich freue mich dar­über, zu mei­nem eige­nen Ver­wun­dern, doch ver­mut­lich ist jetzt alles bes­ser als daran den­ken zu müs­sen, was gerade nur wenige Dut­zend Meter von hier ent­fernt gesche­hen ist.

Das Café am Park hat so früh noch nicht geöff­net, doch der Besit­zer, der zusam­men mit sei­ner Frau dabei ist, sei­nen Gast­raum umzu­de­ko­rie­ren, hat Mit­leid mit uns und bringt zwei damp­fende Tas­sen auf die Ter­rasse.

»Sind Sie auf der Durch­reise, Sie beide?«, fragt die Jog­ge­rin neu­gie­rig und mit Blick auf den Trans­port­kä­fig.

»Plu­ra­belle«, stelle ich ihr meine Katze vor, »eigent­lich Anna Livia Plu­ra­belle. Nein, wir sind gekom­men, um zu blei­ben.«

»Und wo?«

»Zuerst ein­mal in einem Hotel ver­mut­lich.«

Wir nip­pen an unse­rem Kaf­fee, und sie bie­tet mir an, bei ihr zur Unter­miete ein­zu­zie­hen. »Das Zim­mer liegt im Erd­ge­schoss, aber mit Fens­ter zum Innen­hof. Den könnte dann Ihre Katze erobern. Sind Sie Schrift­stel­ler?« Ver­wun­dert schüttle ich den Kopf. »Wer sonst liest schon so ein ver­wor­re­nes Laby­rinth von einem Roman wie Fin­ne­gans Wake?«

Offen­bar weiß sie, woher meine Katze ihren Namen hat. Sie hat grüne Augen und ein sym­pa­thi­sches Lachen. Wäre ich vier­zig Jahre jün­ger, würde ich mich bis über beide Ohren ver­lie­ben. Und da wird mir schlag­ar­tig klar, wer sie ist! Mich hatte damals, als ich im Eis ein­ge­bro­chen war, Uwe Albo gefun­den, und es wurde eine lebens­lange Freund­schaft dar­aus. Dies hier – und so unver­mit­telt mir die­ser Gedanke kommt, so sicher bin ich mir damit – ist die spä­tere Frau mei­nes Alter Egos, des Mör­ders! Gerade eben hat sie, durch meine Schuld, ihren zukünf­ti­gen Ehe­mann und Vater ihrer Kin­der ver­lo­ren. Ich muss schlu­cken. Sie war­tet auf eine Ant­wort von mir. Ich muss ein­fach fest daran glau­ben, alles rich­tig gemacht zu haben. Lei­der bin ich einige Jahr­zehnte zu alt, um die Rolle des Toten ein­neh­men zu kön­nen.

»Ihr Zim­mer sehe ich mir gerne an. Es klingt ganz so, als wäre es per­fekt für einen zurück­ge­zo­gen leben­den Pri­vat­ge­lehr­ten wie mich.«

Sie sieht mich mit gro­ßen Augen an. »Womit beschäf­ti­gen Sie sich denn?«

»In gewis­ser Weise mit ziem­lich ver­wor­re­nen Laby­rin­then. Mit par­al­le­len Wel­ten näm­lich«, sage ich.

»Oha!«, sagt sie und zieht ein klein wenig die Brauen zusam­men, als wisse sie nicht genau, ob ich das auch ernst meine. »Die Viele-Wel­ten-Theo­rie?« Ich nicke. »Ein Mul­ti­ver­sal­ge­nie also, ver­stehe.«

Sie grinst spitz­bü­bisch, und in mein Lachen mischt sich das beklem­mende Gefühl, dass sich das Ken­nen­ler­nen zwi­schen ihr und mei­nem tra­gi­schen Phy­si­ker-Alter-Ego womög­lich ganz ähn­lich abge­spielt hätte. Ihr Leben wird jetzt in gänz­lich ande­ren Bah­nen ver­lau­fen. Viel­leicht kann ich ein wenig auf sie auf­pas­sen und zuse­hen, dass sie in gute Hände kommt.

»Sagen Sie, wol­len wir uns nicht duzen?«, fragt sie und ver­zieht das Gesicht bei ihrem letz­ten Schluck vom Kaf­fee. »Uäh, Boden­satz!«

Ich muss wie­der lachen. Sie stimmt mit ein und streckt mir ihre Hand hin: »Meine Freunde nen­nen mich Ria. Man­che – also die, die mich für eine Drama Queen hal­ten, die ich aber gar nicht bin – nen­nen mich Aria. Eigent­lich jedoch heiße ich, bitte nicht lachen!, Ari­adne.«

393/398

Caro autem infirma

LogoSwitch language

 
 
 

»Ich betrete den Kor­ri­dor aus wir­beln­den Ster­nen und Gala­xien, der mir einen kur­zen Blick in das Mul­ti­ver­sum gestat­tet, bevor mich ein gewal­ti­ger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt.«

Viel­leicht kommt Ihnen das bekannt vor. So habe ich meine Reise hier­her beschrie­ben, und bis dahin stimmt es auch. Aber alles danach …

Ich brachte es ein­fach nicht übers Herz. Ich konnte es nicht, beim bes­ten Wil­len nicht: den jun­gen Phy­si­ker, der vor lau­ter Über­mut aufs Eis hin­aus­schlid­derte, ster­ben las­sen. Von Ferne beob­ach­tete ich ihn und dann die junge Jog­ge­rin, die ihn unter Lebens­ge­fahr aus dem Was­ser zog und wie­der­be­lebte.

Noch nie im Leben habe ich mich so elend gefühlt. Alle habe ich ver­ra­ten. Den Mör­der, der sich nichts sehn­li­cher wünschte, als dass ich sein jün­ge­res Alter Ego ster­ben lasse, damit es nicht die Welt in den Unter­gang reißt. Albo, den ich ange­lo­gen und ohne ein Wort des Abschieds zurück­ge­las­sen habe in sei­ner Welt – ver­mut­lich ernst­haft ver­stört, weil ich zusam­men mit mei­ner Katze unter den Augen einer Über­wa­chungs­ka­mera plötz­lich spur­los ver­schwun­den bin. Und mich, der ich hoffte, mit mei­ner Reise hier­her etwas Bedeu­ten­des tun und neu anfan­gen zu kön­nen: als Pri­vat­ge­lehr­ter, der sich den Lebens­abend ganz nach Gut­dün­ken aus­ge­stal­ten kann – immer in dem Wis­sen, die Mensch­heit vor der Ver­nich­tung bewahrt zu haben, auch wenn es kei­ner ahnt.

Das ist jetzt alles vier, fünf Jahre her. Ich lebe auf der Straße, bin regel­mä­ßi­ger Gast in der Sup­pen­kü­che. Was ich besitze, passt in eine Plas­tik­tüte. Plu­ra­belle ist mir weg­ge­lau­fen. Zu den Pfer­de­ren­nen bin ich nicht hin­ge­gan­gen – der Mör­der hatte mir alles auf­ge­schrie­ben, und ich hätte am Tota­li­sa­tor ein Ver­mö­gen machen kön­nen, mit Schia­pa­relli, Dis­kre­tion und wie sie alle hei­ßen. Doch ich konnte es nicht, genauso wenig wie eine fremde Iden­ti­tät anneh­men. Ich bin in der Gosse gelan­det.

Immer und immer wie­der stelle ich mir vor, ich hätte den Schneid beses­sen, die Jog­ge­rin auf­zu­hal­ten. Oder dass es zumin­dest in allen ande­ren par­al­le­len Wel­ten so pas­siert ist. Was aber nichts daran ändert, dass der junge Phy­si­ker hier, sozu­sa­gen direkt vor mei­nen Augen, unge­hin­dert sei­nen Gene­ra­tor bauen konnte.

Ja, ich bin dort gewe­sen, bin um den Lager­schup­pen, den er ange­mie­tet hat, her­um­ge­schli­chen, habe ihn beob­ach­tet. Ich wollte ein Feuer legen, aber selbst dazu hatte ich nicht den Mut, weil ich Angst hatte, es könn­ten ihn da gerade zufäl­lig seine Frau mit den Zwil­lin­gen, Magnus und Dig­nus, besu­chen kom­men. Präch­tige Jungs, die bei­den, stroh­blond, quir­lig und kaum im Zaum zu hal­ten – die Kin­der, die ich hätte in die Welt set­zen kön­nen, wenn alles anders gelau­fen wäre, von vorn­her­ein anders.

Es ist nicht mehr lang hin, dann legt er den Schal­ter um und star­tet den Test­be­trieb. Ich sollte mich mit einem Pla­kat auf den Pots­da­mer Platz stel­len: »Das Ende der Welt ist nah!« Dafür wäre ich genau der Rich­tige: ein alter, stin­ken­der Pen­ner mit strup­pi­gem Bart und einer Fla­sche bil­li­gen Fusels in der Hand.

Er wird vol­ler Hoff­nung seine geniale Erfin­dung anschal­ten, und sie wird die halbe Gala­xis zer­trüm­mern, eine Hälfte sei­nes Gesichts zer­stö­ren und ihn in eine andere Welt schleu­dern. Dort wird er ver­zwei­felt nach einem Weg suchen, sei­nen Feh­ler unge­sche­hen zu machen, Morde dafür bege­hen, sich fünf­zig Schreib­ma­schi­nen besor­gen … Und das alles, ohne zu wis­sen, dass eigent­lich ich schuld bin, nicht er, denn ich Unglück­se­li­ger hatte es in der Hand, die Kata­stro­phe zu ver­hin­dern!

Wenn ich Papier finde auf der Straße oder in den Müll­ei­mern, dann kritzle ich kleine Texte und Geschich­ten dar­auf. Sie begin­nen alle mit »Ich betrete den Kor­ri­dor«. Manch­mal passt nicht mehr drauf als der erste Satz. Auch gut. Oder ich erin­nere mich nicht genau, obwohl ich sie so oft gele­sen habe. Dann schreibe ich neue. Wie die­sen Text hier auf eine Rolle Fax­pa­pier. Ich werde ihn wie die ande­ren in der Stadt ver­tei­len, an Lit­fass­säu­len und Fahr­rad­stän­der hef­ten und in die Sei­ten­fens­ter von Kios­ken ste­cken oder in die Zei­tun­gen auf den Stän­dern.

Aber auch das kann nichts mehr ändern. Ich habe ver­sagt. Er, der andere, der Phy­si­ker – ich habe ihm auch solch einen Zet­tel unter die Schei­ben­wi­scher sei­nes Autos geklemmt, doch er hat ihn ein­fach fort­ge­wor­fen.

Der Mör­der hat mir damals, in mei­ner Welt, als noch nicht alles ver­lo­ren war, erzählt, warum er sei­nen Gene­ra­tor gerade an die­sem Tag in Gang gebracht hat: »Na ja, alle spra­chen vom Ende der Welt und dass die Maya es gewusst hät­ten, und da dachte ich, mach ich’s an genau die­sem besag­ten und besun­ge­nen 21. Dezem­ber 2012. Denn wenn der unwahr­schein­li­che Fall ein­tritt, dass ich damit die Welt ver­nichte, fällt das an dem Tag viel­leicht nicht so auf.« Dann hat er gelacht.

Ich kann dar­über nicht lachen, nicht ein­mal bit­ter. Immer und immer wie­der schreibe ich des­halb auf, wie es hätte kom­men kön­nen, wenn ich die Jog­ge­rin auf­ge­hal­ten hätte, in der Hoff­nung, dass es irgendwo Wirk­lich­keit wird und nicht ein gan­zer Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße von einem Augen­blick zum ande­ren ver­dampft.

Ande­rer­seits hat ja schon Anfang des 14. Jahr­hun­derts, habe ich irgendwo gele­sen, der Logi­ker und Erfin­der des Com­pu­ters Ramon Llull bewie­sen, dass die Welt nicht ewig dau­ern kann, son­dern irgend­wann enden muss.

Oder viel­leicht, rede ich mir ein, ist es ja auch gut, dass die Schöp­fung sich auf­löst! Ist sie viel­leicht der laby­rin­thi­sche Fie­ber­traum eines Got­tes, der vor Ein­sam­keit wahn­sin­nig gewor­den ist, und erst wenn sie ver­geht, kann er aus sei­nem unru­hi­gen Schlaf erwa­chen?

Ja, irgend­wie bin ich zum Mys­ti­ker gewor­den. Ver­rückt, nicht? Aber auch irgend­wie pas­send. Manch­mal, wenn ich genü­gend trinke, kann ich daran glau­ben: dass das alles nicht wahr ist. Dass irgendwo ein klü­ge­res Alter Ego von mir einen Weg gefun­den hat, die end­lo­sen Wie­der­ho­lun­gen des Irr­sinns ein für alle Mal zu unter­bre­chen. Oder beginnt immer wie­der alles von vorn, und es liegt wie­der ein blu­ti­ges Men­schen­herz in einem Kor­ri­dor auf einem Sta­pel von fünf­zig Geschich­ten?

In zwei Wochen wird es sich her­aus­stel­len. Auch wenn Sie und ich nie davon erfah­ren wer­den. Ver­mut­lich haben wir, wenn die Welt unter­geht, auch wirk­lich andere Sor­gen. Tut mir leid, Sie mit all­dem beläs­tigt zu haben. Wie hat mal jemand in den Kor­ri­do­ren gesagt? Machen Sie sich bis dahin ein­fach eine schöne Zeit!