Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Cory?

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♫ Hun­ting Spree ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor in der Wache und schließe die Tür zum Klo hin­ter mir. Hin und wie­der kommt mir da bei einer Sit­zung ein guter Gedan­ken, aber dies­mal herrscht bei mir tabula rasa. Viele, zu viele Stun­den schon sitze ich mit Albo zusam­men und gehe die hun­dert­fünf­zig Texte des Mör­ders mit ihm durch, als setz­ten wir ein Puz­zle zusam­men. Irgendwo muss doch ein­fach ein Hin­weis dar­auf ver­steckt sein, wer er ist und warum er unschul­di­gen Dril­lin­gen die Her­zen raus­schnei­det!

Albo tele­fo­niert gerade, als ich zurück­komme. So spät in der Nacht? Es scheint sich zu bewahr­hei­ten, dass die Mord­kom­mis­sion kei­nen Schlaf kennt: Albo legt auf und blickt mich mit rot­ge­äder­ten Augen an: »Der umge­baute Dop­pel­de­cker­bus, der nachts durch die Pro­vinz tourt …« Ich wider­stehe der Ver­su­chung, mir einen wei­te­ren Kaf­fee zu neh­men, und setze mich: »Mit Chill-out-Musik und phi­lo­so­phi­scher Selbst­er­grün­dung.« Albo hält die ent­spre­chende Seite hoch: »Hat er erfun­den. Gibt’s in Wirk­lich­keit nicht. Hab’s che­cken las­sen.«

Hatte ich mir schon gedacht. Es fing schon mit den fünf­zig Schreib­ma­schi­nen an. Der Mann, der sie Stück für Stück gebraucht erstei­gert hatte, exis­tiert nur als ehe­ma­li­ger eBay-Name »Rechtschreibfehler68« mit einer Ber­li­ner Emp­fän­ger­adresse und einem Pay­pal-Konto. Alle Kon­ten hat er inzwi­schen gelöscht, und unter der Adresse hat seit vie­len Jah­ren nie­mand gewohnt. Sämt­li­che Spu­ren sind gründ­lich ver­wischt, alle Nach­for­schun­gen lau­fen ins Leere, genau wie in den Tex­ten: Es gibt – nach allem, was wir wis­sen – genauso wenig den Hotel­koch Pas­cal wie den Haus­boot­be­woh­ner Norbu oder einen oder eine Cory d’Or.

»Ein Rät­sel inner­halb eines Geheim­nis­ses, umge­ben von einem Mys­te­rium«, hatte ich frü­her am Abend gemur­melt.

»Hape Ker­ke­ling«, meinte Albo dar­auf­hin nickend, doch ich schüt­telte den Kopf. »Win­s­ton Chur­chill.« Albo grinste schief: »Jeden­falls füh­ren alle Spu­ren ins Nichts.« Was ange­sichts die­ser hun­dert­fünf­zig Texte auch für mich als Psy­cho­lo­gen und – wozu Albo mich gerne hoch­sti­li­siert – Pro­fi­ler gilt. Auch die »KISTe«, das »Kri­mi­nal­tech­ni­sche Infor­ma­ti­ons-Sys­tem Texte«, mit dem das Bun­des­kri­mi­nal­amt zen­tral schrift­li­che Äuße­run­gen von Ver­bre­chern – Beken­ner­briefe und Erpres­ser­schrei­ben bei­spiels­weise – aus­wer­tet, konnte uns nicht wei­ter­hel­fen.

Zuletzt haben wir über den Außer­ir­di­schen dis­ku­tiert. »Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gespro­chen. Dann müs­sen wir es eben auf diese Weise tun«, heißt es da in Nr. 106, als das Alien den irdi­schen Raum­fah­rer, mit dem eine Kom­mu­ni­ka­tion unmög­lich scheint, tötet. Ver­rückte Geschichte. Wer denkt sich so was aus? Ein reli­giö­ser Fana­ti­ker?

Ich trete ans Fens­ter. Die Stadt ist still. Auch wenn Ber­lin viel­leicht nie schläft: Um halb vier Uhr mor­gens ver­fällt es immer­hin kurz in eine Art Halb­schlaf. »Viel­leicht glaubt er, etwas Gutes zu tun«, sage ich. »Es gibt da einen Film, in dem ein Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor einen Mord vor­täuscht, der sich in letz­ter Sekunde als Selbst­mord ent­puppt – aber als Kri­tik an der Todes­strafe und am ame­ri­ka­ni­schen Jus­tiz­sys­tem ver­zich­tet er auf eine Revi­sion und geht als angeb­li­cher Mör­der in den Tod.«

Albo streckt äch­zend sein Kreuz: »Wie stellst du dir das vor? Dass die Dril­linge mit ihm zusam­men­ar­bei­ten? Dass er Klone von sich gezüch­tet hat, die nur atmende Kör­per, aber keine füh­len­den Men­schen sind, und die schnei­det er auf, um Kri­tik an der Moral unse­rer Wis­sen­schaft­ler zu üben?«

Ich ver­su­che, das Fens­ter zu öff­nen. Seit Jah­ren schon klemmt es. »Ich werd’s repa­rie­ren las­sen«, sagt Albo, und ich habe kurz das Gefühl, in einer Zeit­schleife zu ste­cken und das schon min­des­tens ein Dut­zend Mal von ihm gehört zu haben. »Sag ich jedes Mal, oder?« fragt Albo, der offen­bar gerade das­selbe dachte.

»Wenn er ein Psy­cho­path wäre, könnte er sich nicht der­art in andere Men­schen rein­ver­set­zen, wie das in den Tex­ten immer wie­der der Fall ist.« Ich merke, dass ich anfange zu dozie­ren, denn ich laufe auf und ab. »Natür­lich sind wir wei­ter­hin nicht sicher, ob die Texte über­haupt vom Mör­der stam­men. Viel­leicht stam­men sie von den Dril­lin­gen. Aber mal ange­nom­men, der Mör­der hat sie ver­fasst: Dann wei­sen die Texte auf die Morde hin – und die Morde wie­derum auf die Texte.«

»Da waren wir schon. Wir dre­hen uns im Kreis, mein Lie­ber«, brummt Albo miss­mu­tig.

»Nein«, sage ich, »denn dein Geis­tes­blitz von wegen Kri­tik am wis­sen­schaft­li­chen Estab­lish­ment ist die beste Idee, die wir bis­her dazu hat­ten. Morde, die eigent­lich gar keine sind – die aber Fra­gen auf­wer­fen und auf­rüt­teln sol­len.«

»Bist du jetzt auf seine Seite über­ge­wech­selt? Willst du viel­leicht einen mit ihm trin­ken gehen und sein Kum­pel wer­den?«

Ich bleibe ste­hen. Albo ist gereizt. Kein Wun­der, die Sache kratzt übel an sei­ner Berufs­ehre.

»Ich würde mich nicht wun­dern«, sage ich, »wenn es sein eige­nes Herz wäre. Also sym­bo­lisch, meine ich – das er sich raus­reißt als Autor die­ser Texte, weil ihm irgend­was darin wirk­lich an die Nie­ren geht, weil irgend­ei­ner die­ser Texte ehr­lich gemeint ist und er sich uns darin offen­bart. Viel­leicht mit dem, was er hin­ter der schwar­zen Tür lagert? Oder die Sache mit den zer­bre­chen­den Welt­bil­dern?«

Albo blickt mich müde, aber auch ein wenig pro­vo­zie­rend an. »In so einem Fall guckt man sich die mög­li­chen Kan­di­da­ten an und streicht alles raus, bis nur noch die wahr­schein­lichs­ten übrig blei­ben, rich­tig? Also geh nach Hause, Mann, und mach deine Haus­auf­ga­ben.«

Es däm­mert bereits, als ich die Wache ver­lasse. Die fri­sche Luft tut gut. ›Das Leben des David Gale‹ kommt mir plötz­lich in den Sinn, mit Kevin Spacey. So hieß der Film über den Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor. Aber wie hat es Cory d’Or geschafft, sich gleich drei­mal das Herz aus dem Leib zu rei­ßen und an drei ver­schie­de­nen Wahr­zei­chen Ber­lins zu depo­nie­ren? Meine Gedan­ken erge­ben schon lange kei­nen Sinn mehr. Höchste Zeit, noch ein wenig Schlaf zu fin­den.

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♫ Too Hum­ble ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor nie wie­der.

Nach­dem ich als aku­ter Not­fall ein­ge­lie­fert wurde, haben sie mich im Kran­ken­haus erst ein­mal mit Medi­ka­men­ten ruhig­ge­stellt und bei mir die Sucht (die Fach­leute spre­chen von »Zwangs­stö­rung«) dia­gnos­ti­ziert, stän­dig Kor­ri­dore betre­ten zu müs­sen. Des­halb wurde ich an eine Ent­zugs­kli­nik über­wie­sen. Dr. A. Ein­rad, meine hüb­sche, aber sehr strenge The­ra­peu­tin, setzt eine Mischung aus dem 12-Schritte-Kata­log der Anony­men Alko­ho­li­ker und einer Ver­hal­tens­the­ra­pie ein, um mich von dem inne­ren Zwang zu hei­len, bei jeder Gele­gen­heit unkon­trol­liert in Flure und Gänge hin­ein­lau­fen zu müs­sen.

Wir hal­ten uns viel im Freien auf, und ich betrete unter ihrer Anlei­tung Lich­tun­gen, Haine, Pilz­kreise, Halb­in­seln, Stein­brü­che und Hügel­kup­pen. Manch­mal – bei einem Hohl­weg bei­spiels­weise – stockt mir kurz der Atem, und ich spüre wie­der den über­mäch­ti­gen Drang in mir hoch­krie­chen. Aber von Mal zu Mal wird es bes­ser. Nicht so, wenn ich an die Liste denke, die mich meine The­ra­peu­tin anle­gen ließ. Im Rah­men einer gründ­li­chen und mit­leids­lo­sen Inven­tur för­derte sie mit mir all die zutage, die durch mich und meine Sucht geschä­digt wur­den: Fami­li­en­mit­glie­der, Freunde, ahnungs­lose Haus­be­sit­zer, Muse­ums­an­ge­stellte, Wach­leute, meine Lese­rin­nen und Leser …

Den­noch: Ich fühle mich hier in guten Hän­den und kann hof­fen, nicht wie­der rück­fäl­lig zu wer­den. Letz­ten Endes tut es ein­fach gut, zu wis­sen, dass ich macht­los gegen die Kor­ri­dore bin und nur etwas, das grö­ßer ist als ich, mich davor bewah­ren kann, ihnen wie­der zu ver­fal­len. Und am Ende der The­ra­pie, mit Got­tes Hilfe, werde ich ein klei­nes und beschei­de­nes, siche­res, behü­te­tes und vor allen Din­gen kor­ri­dorfreies Leben füh­ren kön­nen.

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Ásko­run

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« stand auf der Kar­tei­karte, die ich zog. Zehn Kar­tei­kar­ten hatte Pas­cal beschrif­tet und mir, mit der Schrift nach unten, auf­ge­fä­chert hin­ge­hal­ten. Der Satz stand kra­ke­lig da und war mir fremd. Pas­cal und ich hat­ten schon eini­ges von dem Haus­wein intus, von dem er meh­rere Fla­schen aus dem Hotel mit­ge­bracht hatte, und ich hatte ihn genervt mit einem lan­gen Mono­log über Denk­blo­cka­den und Krea­ti­vi­tät, der darin gip­felte, dass ich behaup­tet hatte – ver­mut­lich schon leicht lal­lend –, dass man jede krea­tive Blo­ckade ganz ein­fach dadurch durch­bre­chen könnte, statt nur einer ein­zi­gen per­fek­ten Idee gleich ein Bün­del von fünf­zig oder hun­dert von sich selbst zu ver­lan­gen. Pas­cal lachte mich aus.

Ich war ein wenig ange­pisst und nannte ihm Bei­spiele. Ein­mal wollte mir für eine Preis­rede für einen Tau­ben­züch­ter par­tout nichts ein­fal­len. Irgend­wann kam ich auf die ver­zwei­felte Idee, mich selbst auzu­trick­sen und gleich zehn Ver­sio­nen der Rede zu schrei­ben – und schrieb ein­fach drauf­los, ohne mich selbst oder die Sache län­ger ernst­zu­neh­men. Nach der sechs­ten Rede wurde mir klar, dass ich nur die dritte und die fünfte kom­bi­nie­ren musste, und ich bekam genau das, was mir vor­ge­schwebt hatte. So mach ich’s seit­dem immer, wenn ich eine Schreib­blo­ckade habe.

Pas­cal schien nicht über­zeugt.

»Statt das eine rich­tige Ding mit vol­lem Qua­li­täts­an­spruch in die Welt zu set­zen, zwingt man sich, erst mal einen Hau­fen von Mate­ria­lien zu pro­du­zie­ren. Und plötz­lich fließt’s. Klar, eine Menge davon kannste in der Pfeife rau­chen, aber wenn irgendwo der große Wurf raus­schim­mert, hat sich’s doch schon gelohnt, oder?«

Da kam Pas­cal mit der Wette. Er erin­nerte mich daran, dass ich immer wie­der mal ange­setzt habe, einen Band mit Kurz­ge­schich­ten zu ver­fas­sen, einer­seits, um meine teils ziem­lich gro­tes­ken Erleb­nisse als pro­fes­sio­nel­ler Reden­schrei­ber zu reflek­tie­ren, ande­rer­seits, um end­lich mal von die­sen Vor­trags­tex­ten weg­zu­kom­men, die stän­dig und meist unter hohem Zeit­druck von mir ver­langt wer­den, von Poli­ti­kern, Fir­men­chefs, Braut­vä­tern, Ver­an­stal­tungs­mo­de­ra­to­ren und so wei­ter – wie es halt kommt, wenn man seine Dienste im Inter­net anbie­tet und orts­un­ab­hän­gig damit ist. Die Anfra­gen kom­men von über­all, auch schon mal eine aus Malay­sien.

»Woll­test du nicht ein knap­pes Dut­zend Kurz­ge­schich­ten schrei­ben, mit denen du dir einen Namen als Bel­le­trist machen willst? Um dann einen Roman nach­zu­le­gen – oder auch sie­ben wie Row­ling?« Ich sparte mir das Nicken und nahm noch einen Schluck Rot­wein. »Wie viel von den Kurz­ge­schich­ten hast du denn schon?«, fragte Pas­cal so harm­los wie mög­lich. Ich kenne die­sen Blick von ihm und zählte an den Fin­gern ab. »Eine«, sagte ich, ver­bes­serte mich dann aber und sagte: »Eine halbe.« Pas­cal grinste: »Also eigent­lich gar keine.« Ich nickte gott­er­ge­ben und nahm einen wei­te­ren Schluck. Irgend­wie war mir klar, was jetzt kom­men musste.

Pas­cal: »Warum hast du da noch nicht dein tol­les Schreib­fluss­prin­zip ange­wen­det?«

Ich: »Ist ja keine Blo­ckade im eigent­li­chen Sinn. Aber es würde natür­lich funk­tio­nie­ren.« Letz­te­res im Brust­ton der Über­zeu­gung, außer dass meine Zunge dabei ein wenig über das Wort »funk­tio­nie­ren« stol­perte.

Pas­cal: »Glaub ich nicht. Wie wär’s mit einer Wette?«

Und so lief es dann plötz­lich auf vier­hun­dert Kurz­ge­schich­ten hin­aus. Ich hatte ihn run­ter­ge­han­delt von fünf­hun­dert, und klei­nere Vignet­ten waren auch erlaubt. Und damit das Ganze einen Rah­men bekommt, krit­zelte er hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand irgend­was auf die Kar­tei­kar­ten.

»Ich schreib dir ein paar erste Sätze auf. Muss alles immer mit dem glei­chen Satz anfan­gen.«

»Was?!«, fuhr ich auf. Aber Pas­cal erin­nerte mich grin­send an einen Mono­log von mir, den ich letz­ten oder vor­letz­ten Monat mal über das Schrei­ben und die Krea­ti­vi­tät im All­ge­mei­nen gehal­ten hatte – mit dem Fazit, dass erst die Ein­schrän­kung wahre Kunst her­vor­bringt. Wer alle Frei­hei­ten hat, ver­liert sich darin – war meine Über­le­gung, die viel­leicht aber auch dem Absinth geschul­det war, an dem wir uns an dem Abend güt­lich taten.

Jetzt fiel meine wer­mut­se­lige Erkennt­nis in aller Härte auf mich zurück: »Ich betrete den Kor­ri­dor« – als Anfangs­satz für vier­hun­dert Sto­rys. Aua.

Was wären die ande­ren Anfangs­sätze gewe­sen? Pas­cal zog seine Hand mit den Kar­tei­kar­ten zurück. Zwei erwischte ich noch. Pas­cal konnte nicht ver­hin­dern, dass ich sie las. »Das war der Anfang vom Ende.« Und: »Ein­mal Cali­for­nia Maki bitte!«

»Damit hätte ich viel mehr anfan­gen kön­nen«, pro­tes­tierte ich. Pas­cal wiegte non­cha­lant den Kopf: »Die Wahl ist getrof­fen, der Wür­fel ist gefal­len.« Den Spruch griff ich sofort auf: »Selbst das wäre bes­ser! Ich kann doch nicht vier­hun­dert Ich-Erzäh­lun­gen im Prä­sens schrei­ben über jeman­den, der in irgend­wel­chen Gebäu­den rum­irrt …«

Aber ich hatte vor­her schon ein­ge­schla­gen. Die Wette galt.

Und heute ist der Stich­tag. Pas­cal wird jeden Augen­blick anru­fen und nach­fra­gen, wie es um seine vier­hun­dert Kurz­ge­schich­ten steht. »Ich betrete den Kor­ri­dor.« Damals war mir der Satz fremd. Und heute? Was soll ich sagen? Knapp zwei­hun­dert­acht­zig habe ich geschafft. Zuerst dachte ich, mir fal­len nicht mal zwan­zig ein. Aber dann hatte ich doch noch ein paar unge­wöhn­li­che Ideen und lernte, den Satz und meine Auf­gabe aus vie­len ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven zu sehen.

Ich bleibe also dabei. Wenn man die eine Sache nicht hin­kriegt: Nimm dir so viele Arbeits­ver­sio­nen davon vor, dass dir die Auf­gabe schlicht­weg unmög­lich scheint. Und dann leg los.

Längst näm­lich will ich es selbst wis­sen: Komme ich auf vier­hun­dert? Die Zahl scheint mir immer noch gewal­tig und uner­reich­bar. Aber genauso hätte ich über zwei­hun­dert gedacht. Oder auch nur hun­dert.

Die Wette habe ich ver­lo­ren, und natür­lich bekommt Pas­cal seine Fla­sche Bour­bon-Ein­zel­fass­ab­fül­lung. Aller­dings werde ich wei­ter­schrei­ben, auch wenn es meine Frei­zeit inzwi­schen kom­plett aus­füllt – was Pas­cal womög­lich nicht gefal­len wird, denn so habe ich auch wei­ter­hin erst ein­mal keine Zeit mehr für unsere feucht­fröh­li­chen Tref­fen.

201/398

Lethal Spe­li­cans

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Ich betrete den Kor­ri­dor und folge einem Beam­ten, der ein Paket zu Albos Büro trägt. »Keine Bombe drin«, sagt er und setzt das Päck­chen auf Albos Schreib­tisch ab. Der nickt mir grü­ßend zu und meint: »Post für dich. Eben ein­ge­trof­fen.«

Heute ist der zwei­hun­dertste Tag nach dem ers­ten grau­si­gen Fund eines mensch­li­chen Her­zens auf einem Sta­pel Papier. Das ist der Anlass für mich, hier auf­zu­kreu­zen: die Sorge, der Mör­der könnte wie­der zuge­schla­gen haben. Und dann dies: ein Päck­chen. Es steht tat­säch­lich mein Name drauf, c/o Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion. »Ich hab’s vor­sichts­hal­ber mal durch­leuch­ten las­sen«, sagt Albo. Er blickt mich prü­fend an. Ich zucke die Schul­tern und reiße das Paket­kle­be­band run­ter, öffne die obe­ren Laschen und stoße auf Stoff. Offen­bar ein oben ver­schnür­ter Jute­sack. Ich öffne den Kno­ten und ziehe die Jute zur Seite, aber dann durch­zuckt mir ein jäher Schmerz, und ich ziehe meine Fin­ger zurück. Mein rech­ter Mit­tel­fin­ger blu­tet – ich ste­cke ihn in den Mund.

Albo unter­sucht den Paket­in­halt vor­sich­tig und ent­deckt, innen in den Jute­sack ein­ge­näht, meh­rere Rasier­klin­gen. An einer von ihnen: fri­sches Blut. Mein Blut. An ihr habe ich mich geschnit­ten.

Und dar­un­ter: ein Sta­pel Papier. Es ist fle­ckig, und von den letz­ten drei Mal weiß ich, dass es sich um ein­ge­trock­ne­tes Blut han­deln dürfte.

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, liest Albo den ers­ten Satz vom obers­ten Blatt ab. Es wer­den genau fünf­zig sein, mit fünf­zig ver­schie­de­nen Schreib­ma­schi­nen geschrie­ben. Ich nehme den Fin­ger aus dem Mund: »Kein Herz dabei?«

Albo schüt­telt den Kopf. »Ich geb das Zeug in die Foren­sik«, sagt er, »Fin­ger okay?« Es ist nur ein klei­ner Schnitt, nichts Ernst­haf­tes. Albo trägt das Paket wie­der raus. Ich trete ans Fens­ter. Was sollte das? Warum schickt der Kerl mir die Texte? Woher weiß er über­haupt von mir? Und was soll die Num­mer mit den Rasier­klin­gen?

Albo kommt zurück: »Kopien kön­nen wir in einer knap­pen Stunde haben, sagt das Labor.« Albo blickt mich an, ein selt­sa­mes Fun­keln in sei­nen Augen. »Hast du schon eine Idee?«

Mir ist natür­lich klar, was er meint. Der Mör­der scheint zu wis­sen, wer hin­ter ihm her ist, und sogar, dass ich heute, an dem Tag, an dem wir ein wei­te­res Zei­chen von ihm – schlimms­ten­falls ein wei­te­res Herz – erwar­ten, bei Albo im Büro auf­kreuze. Es ist ein wenig gespens­tisch.

»Könnte es sein, dass er die Morde dei­net­we­gen ver­übt hat?« Albo sieht nicht aus, als ob er scher­zen würde. Er fällt schwer auf sei­nen Stuhl, der das mit einem Äch­zen quit­tiert. »Es war viel­leicht einer dei­ner Pati­en­ten. Denk nach!«, for­dert er mich auf.

»Da gibt es nie­man­den«, ant­worte ich, aber das kam zu schnell. Albo blickt mich for­schend an: »Mann, du hast jahr­zehn­te­lang als Psych­ia­ter gear­bei­tet!« – »Psy­cho­loge«, berich­tige ich ihn, auch wenn es dar­auf jetzt nicht ankommt.

»Bring mir doch mal das hier«, sagt Albo und weist auf meine Auf­zeich­nun­gen, »mit der Tat­sa­che zusam­men, dass er die nächs­ten fünf­zig Texte dir höchst­per­sön­lich schickt!« Ich bin alles haar­klein durch­ge­gan­gen, alle hun­dert­fünf­zig Texte, die uns vom Mör­der vor­lie­gen, und habe so was wie eine sta­tis­ti­sche Erhe­bung gemacht. Dar­aus haben wir in den letz­ten Wochen ein Pro­fil ent­wi­ckelt – ich mit mei­ner beruf­li­chen Erfah­rung als Psy­cho­loge, und Albo mit sei­nem Instinkt als lang­jäh­ri­ger Haupt­kom­mis­sar der Mord­kom­mis­sion. Zwei Vete­ra­nen ihres Fachs.

Unse­ren The­sen haben wir jeweils einen Wahr­schein­lich­keits­wert zuge­ord­net, von 1 = höchst unwahr­schein­lich bis 10 = höchst­wahr­schein­lich.

Mein Notiz­blatt ist, obwohl ich ver­sucht habe, sys­te­ma­tisch vor­zu­ge­hen, über­sät mit Strei­chun­gen, Pfei­len und ein­ge­kreis­ten Wor­ten und Sät­zen. »Der Mör­der ist der Autor der Texte (8)«, lese ich da, und »Die Texte stam­men alle aus einer Hand (7,5)« – Letz­te­res ein Mit­tel­wert aus mei­ner 8 und Albos 7. Es ste­hen aber auch Annah­men wie diese auf dem Blatt: »Es han­delt sich in Wahr­heit nicht um mensch­li­che Her­zen, auch wenn die Gerichts­me­di­zi­ner sich des­sen sicher sind (2)«.

»Er lebt in Ber­lin«, sagt Albo mit Blick auf seine Auf­zeich­nun­gen, und ich ergänze im Geiste »oder im direk­ten Umland (8)«. Albo fährt fort: »Es han­delt sich um einen Mann« – ich ergänze »(9)« – »etwa vier­zig Jahre alt, stu­diert, viel­fäl­tige Inter­es­sen, liest viel, ist hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Ratio­na­li­tät und einem Hang zu Roman­tik, Mär­chen, Fan­tasy und Sci­ence-Fic­tion.« Ich komme mit den Wahr­schein­lich­kei­ten nicht hin­ter­her, aber Albo greift nur die The­sen raus, die bei (7) oder höher lie­gen.

»Er ist katho­lisch erzo­gen, hetero, Sin­gle«, zitiert Albo wei­ter aus unse­rer Text­ana­lyse, »nicht gut auf Obrig­kei­ten zu spre­chen, hat Erfah­rung mit psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen, ist Rau­cher und hasst das Rau­chen gleich­zei­tig.« Albo blickt zu mir hoch: »Impul­si­ver Cha­rak­ter, even­tu­ell psy­cho­ti­sche Schübe, will als Welt­ver­bes­se­rer die Mensch­heit beglü­cken …«

»Wobei ich mir dabei …« – ich kra­kle, wäh­rend ich mei­nen Ein­wand mache, auf mei­nen Noti­zen herum – »… da nicht mehr ganz sicher bin. Viel­leicht ist das mit der neuen Leit­idee fürs 21. Jahr­hun­dert doch eher sar­kas­tisch gemeint.«

Albo blickt genervt zu mir. Stimmt, das hat­ten wir schon. Aber es ist eben kein ein­fa­cher, ein­deu­ti­ger, ein­di­men­sio­na­ler Fall.
»Die­ses ›Ich bin nicht allein. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.‹: Das kann der Kerl ein­fach nicht ernst mei­nen. Wenn du mich fragst, ist das Ver­ar­sche. Der macht sich lus­tig über Welt­ver­bes­se­rer.«

Obwohl ich keine neue Zahl genannt habe, radiert Albo in sei­nen Noti­zen etwas aus und trägt mit Blei­stift eine Kor­rek­tur ein. »Wie auch immer«, er blickt wie­der hoch zu mir, »jeden­falls schreibt er von Visio­nen und scheint sich für eine Art Mys­ti­ker zu hal­ten. Und jetzt die Preis­frage an dich: Klin­gelt da was?«

Doch mir will nichts ein­fal­len. Einer mei­ner Kli­en­ten aus den letz­ten Jahr­zehn­ten? Ein Pro­band? Etwa ein Kol­lege?!

»Ich lass dich jetzt mal allein, mein Freund«, sagt Albo und erhebt sich. »Wenn ich wie­der­komme, sind dir ein bis drei Leute aus dei­nem Umfeld ein­ge­fal­len, auf die das Pro­fil pas­sen könnte.« Das meint er nicht als Frage oder als Ange­bot. Das ist der Ton­fall, der keine Wider­rede dul­det. Er stapft aus dem Büro.

Ich drehe mei­nen Notiz­zet­tel um und beginne auf der lee­ren Seite mit dem Wort »Stu­dium« und den ent­spre­chen­den Jah­res­zah­len, um einen Lebens­lauf anzu­le­gen. Irgendwo zwi­schen mei­nem ers­ten Semes­ter und heute muss sich der Mör­der ver­ste­cken – das Päck­chen an mich lässt daran kei­nen Zwei­fel. Dann kom­men die Namen. Ich schreibe sie dazu, soweit sie mir noch ein­fal­len. Bald brau­che ich wei­te­res Papier.

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The Ungras­pa­ble

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit meh­re­ren Blät­tern in den Hän­den, auf denen ich mei­nen Lebens­lauf und viele Namen notiert habe. Einige habe ich ein­ge­kreist und will sie mit Albo bespre­chen. Der hat mich im Büro zurück­ge­las­sen und ist nicht mehr auf­ge­taucht. Wurde viel­leicht doch noch irgendwo in Ber­lin ein Herz gefun­den?

Als sich eine Hand auf meine Schul­ter legt, zucke ich zusam­men. »Lauf nicht weg, wir müs­sen reden.« Es ist Albo. In der ande­ren Hand hält er einen Akten­ord­ner. Er sieht aus, als müsse er eine schlechte Nach­richt ver­dauen, und schiebt mich zurück in sein Büro.

»Setz dich«, sagt er.

»Ich habe hier …«, setze ich an, aber plötz­lich wird er laut: »Setz dich, Herr­gott noch mal!« Ich setze mich.

Auch er lässt sich in sei­nen Stuhl plump­sen und sackt in sich zusam­men. Er fasst sich mit bei­den Hän­den an den Kopf und fährt sich durch die Haare. Dann sagt er: »Ich habe die Ana­lyse aus dem Labor. Und sie wird dir nicht gefal­len.«

Ich bli­cke ihn erwar­tungs­voll an.

»Das Blut hat die glei­che DNA wie bei den drei Malen vor­her.« – »Aber es war kein vier­tes Herz in dem Päck­chen«, pro­tes­tiere ich. »Viel­leicht ist es altes Blut, Blut von einem der Her­zen, die wir schon gefun­den haben.«

Albo schüt­telt lang­sam den Kopf. »Das ist es nicht.« Er sieht mich an. »Ist ein­ge­trock­net, ja, das Alter nicht genau bestimm­bar, könnte von einem der drei Her­zen stam­men. Aber das ist es nicht.«

Was ist es dann?

»Es geht um dein Blut, das fri­sche Blut aus dei­nem Mit­tel­fin­ger. Das Labor hat es auch unter­sucht.«

»Bin ich …?« Ich wage nicht, irgend­eine Ver­mu­tung auf­zu­stel­len. Haben sie eine töd­li­che Krank­heit bei mir dia­gnos­ti­ziert?

Albo macht eine Kunst­pause. Er sieht furcht­bar zer­knit­tert aus. Was immer mir nicht gefal­len wird: Ihm gefällt es genauso wenig.

»Dein Blut hat die glei­che DNA wie die drei Her­zen.«

Es dau­ert einige Herz­schläge lang, bevor mir wirk­lich klar wird, was Albo da gesagt hat.

»Das muss ein Irr­tum sein«, sage ich, aber Albo schüt­telt kaum merk­lich den Kopf: »Ich lass es von einem exter­nen Insti­tut che­cken. Steht aller­dings nicht zu erwar­ten, dass sie zu einem ande­ren Ergeb­nis kom­men.«

Ein paar Atem­züge lang sit­zen wir beide schwei­gend da. Mehr­fach setze ich an, etwas zu sagen, ver­stumme aber sofort wie­der. Ich drehe mei­nen klei­nen Sta­pel Notiz­zet­tel um, um unsere The­sen zu stu­die­ren, unser Pro­fil des Mör­ders. Davon, dass ich das Opfer bin, das drei­fa­che Opfer, steht nichts da. Mein Blick geht ins Leere.

»Uwe, ich weiß von nichts. Ich habe damit nichts zu tun. Ich bin genauso ahnungs­los wie du«, sage ich. Albo nickt. Dann beugt er sich vor und schlägt mir auf die Schul­ter. Gut, in ihm einen ech­ten Freund zu wis­sen.

»Wir gehen jetzt beide nach Hause und lesen die fünf­zig neuen Texte. Du stehst bis auf Wei­te­res unter Poli­zei­schutz.« Albo zieht einen Sta­pel Kopien aus dem Akten­ord­ner und schiebt sie mir hin. »Ich muss jetzt ein paar Anrufe machen. Wäre schön, wenn du hier mor­gen früh wie­der auf der Matte stehst.«

Albo greift zu sei­nem Tele­fon­hö­rer. Ich räume alles zusam­men.

»Es kann nicht sein«, sage ich, »es ist unmög­lich.«

Albo wählt bereits eine Num­mer, hält aber inne und blickt mich an. »Hast du jeman­den, der heut Nacht bei dir sein kann?«, fragt er. Mein Zögern deu­tet er als Nein, denn er fragt wei­ter: »Soll ich rüber­kom­men?«

Ich schüttle den Kopf. »Meine Katze passt auf mich auf«, sage ich und ver­su­che ver­geb­lich, ein wenig scherz­haft zu klin­gen.

Auf dem Heim­weg muss ich plötz­lich schluch­zen. Ein eigen­ar­ti­ges Gefühl: Eine anschei­nend tief ver­gra­bene Trauer scheint sich da kurz Bahn zu bre­chen, und dann ist der Anfall auch schon wie­der vor­über, und es wird alles dumpf, und meine Gedan­ken sind wie in Watte gepackt. Ich habe das glei­che Blut wie die drei Toten. Es ist sozu­sa­gen drei­mal mein eige­nes Herz gewe­sen. Aber wie? Was zum Teu­fel hat meine DNA mit den Mor­den zu tun?!

Ein unüber­hör­ba­res und for­dern­des Miauen emp­fängt mich, als ich auf­schließe und die Woh­nung betrete. Plu­ra­belle streicht mir hung­rig um die Beine, und wie immer mache ich ihr als Ers­tes eine Dose Kat­zen­fut­ter auf.

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Accor­ding to a Lost Book

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Ich betrete den Kor­ri­dor in den Fuß­stap­fen von Isi­do­ros, dem Phi­lo­so­phen.

In den Archi­ven des Vati­kans, zu denen ich nach jah­re­lan­gem büro­kra­ti­schen Hick­hack Zutritt bekom­men hatte, um dort für meine For­schun­gen über Bilo­ka­tion recher­chie­ren zu kön­nen, stieß ich auf einen unbe­kann­ten Text des neu­pla­to­ni­schen Meta­phy­si­kers Isi­dor. Seine Ideen brachte er in Form von Hym­nen, die er »Kor­ri­dore«, dia­dro­moi, nannte, zu Papier.

Ich habe den Text, ein mit­tel­al­ter­li­ches Palim­psest, aus dem Archiv her­aus­ge­schmug­gelt, ursprüng­lich mit der Absicht, eine kom­men­tierte Über­set­zung anzu­fer­ti­gen. Sie hätte mich, dachte ich, berühmt gemacht und viel­leicht auch ein wenig aus mei­nen noto­ri­schen Schul­den her­aus­ge­holt. Doch habe ich mich in Isi­dors ver­schlun­ge­nen Kor­ri­do­ren heil­los ver­irrt und ange­fan­gen, statt einer ernst­zu­neh­men­den Über­set­zung kurze Nach­dich­tun­gen der Hym­nen zu ver­fas­sen, Umschrei­bun­gen und unver­hoh­lene Epi­go­nis­men, die dann schnell ein sehr selt­sa­mes Eigen­le­ben ent­wi­ckel­ten.

Ich muss damit auf­hö­ren!

Heute in aller Frühe erwachte ich und hatte den Nach­klang eines Lime­ricks im Ohr. Ja, auch Lime­ricks zäh­len zu mei­nen para­phra­sier­ten Neu­ge­stal­tun­gen von Isi­dors weg­wei­sen­den Dia­dro­moi. Das wis­sen­schaft­li­che Estab­lish­ment würde mich dafür stei­ni­gen. Ach was, mich mit einem Ig-Nobel­preis ver­höh­nen und aus­la­chen wür­den sie mich.

Also mach ich jetzt Schluss damit! Ich werde diese ver­ma­le­deite Abschrift ins vati­ka­ni­sche Archiv zurück­schmug­geln, all meine Auf­zeich­nun­gen ver­nich­ten und mich wie­der an meine ursprüng­lich beab­sich­tigte Unter­su­chung der Bilo­ka­tion bege­ben, bei der mich der Geist von Isi­dor hof­fent­lich nicht län­ger heim­su­chen wird.

 

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Trum­ping Bum­per Cars

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der den U‑Bahnsteig mit der unter­ir­di­schen Mall ver­bin­det. Ein jun­ger Mann kommt mir ent­ge­gen, des­sen Gesicht mir bekannt vor­kommt. Ich kann ihn nur nicht rich­tig ein­ord­nen. Er jeden­falls erkennt mich. »Willst du zum Inter­net-Café?«, fragt er. Er hat dunkle Ringe unter den Augen und sieht mit­ge­nom­men aus. Klar will ich zum Inter­net-Café, wie jeden Tag um die Zeit – mein Blog füt­tern. Die kleine 24-Stun­den-Klit­sche in der Unter­füh­rung ist ja fast schon meine zweite Hei­mat. Und klar ist mir inzwi­schen auch, wer der junge Mann ist. Der steht da hin­ter der Theke und kas­siert mei­nen Euro für die Stunde am Com­pu­ter – alters­schwa­che PCs mit Düsen­jet-Lüf­tern und einem der­art lang­sa­men Sei­ten­auf­bau, dass ich mir immer zwi­schen fünf und zehn von den kos­ten­lo­sen Kaf­fees von sei­ner Theke hole, bis die Online-Stunde vor­über ist.

»Wir haben dicht­ge­macht«, sagt er, »hat sich wohl nicht ren­tiert. Sind inzwi­schen ja auch alle mit ihren Smart­phones online.« Ach ja? Dann wohl alle bis auf mich. Dumm gelau­fen. Ich frage ihn, was jetzt aus ihm wer­den soll.

»Bin den Job los. Ist nicht mal zehn Minu­ten her. Hab kei­nen Schim­mer, was ich machen soll, weiß sonst nichts. Hast du was für mich?« Was soll ich für ihn haben? Bin selbst seit ein paar Jah­ren nur eine die­ser Ich-AGs, die stän­dig hart am Hart­zen vor­bei­schrap­pen. Und von wo soll ich jetzt ins Netz, mein Blog betreuen?

»Kauf dir’n Smart­phone«, sagt er und grinst säu­er­lich.

»Kann ich mir nicht leis­ten«, ant­worte ich und grinse dabei ebenso schief, »aber zwei Kaf­fee sit­zen drin. Komm, ich lad dich ein.«

 

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Crowd in a Cloud

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Ich betrete den Kor­ri­dor.

So lau­tet der Anfang. Die Auf­gabe: Ein Geschicht­chen dazu zu erzäh­len, ein Erleb­nis, eine Anek­dote, etwas Geist­vol­les, Berüh­ren­des, Absur­des. Der Mecha­ni­cal Turk von Ama­zon erlaubt mir, die­sen »Task« einem Heer von Arbeits­su­chen­den zu stel­len, die ihn am Com­pu­ter und via Inter­net erle­di­gen. Das Kon­tin­gent: tau­send Kor­ri­dore – für 10 Cent das Stück, mit denen sämt­li­che Rechte am Text an mich über­ge­hen.

»Human Intel­li­gence Tasks« wird das groß­spu­rig genannt. Aber, na ja, die meis­ten Texte sind statt »intel­li­gent« ein­fach nur Müll. Doch es sind auch ein paar ori­gi­nelle und inspi­rie­rende Ein­fälle dar­un­ter. Ich über­lege, ob ich die High­lights nicht unter mei­nem Namen ver­öf­fent­li­che. Dafür jedoch sind es noch zu wenig.

Also noch eine wei­tere Kor­ri­dor-Runde beim Mecha­ni­cal Turk. Viel­leicht machen ja dies­mal sogar Sie mit? Ver­die­nen sich ein paar Cent dazu oder star­ten eine neue Kar­riere als Tele­ar­bei­ter und klei­nes Räd­chen in der gro­ßen Crowd-Sourcing-Maschine … Sie schaf­fen das schon!

Ich betrete den Kor­ri­dor.

 

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O nada o todo

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg zu mei­nem klin­geln­den Tele­fon. Wer ruft mich so früh an? Albo? Um mich dar­über zu infor­mie­ren, wo die nächs­ten fünf­zig Texte des Seri­en­kil­lers gefun­den wur­den? Es sind näm­lich wie­der fünf­zig Tage rum seit unse­rem letz­ten Fund. Ich nehme den Hörer ab, doch erst ein­mal höre ich nur Stör­ge­räu­sche und Rau­schen. Das kenne ich schon. Da bin ich wohl ges­tern wie­der mit dem Staub­sauger an die Wand­buchse unterm Schrank gesto­ßen. Ich lasse mich auf die Knie run­ter und angle unter dem High­board nach dem Tele­fon­ka­bel. Die Hoff­nung, dass mein Arm dies­mal lang genug ist, erfüllt sich erwar­tungs­ge­mäß nicht. Also lege ich mich äch­zend auf den Bauch, schiebe meine Schul­ter unter den Schrank, bis ich mit den Fin­ger­spit­zen die Wand­buchse errei­che und daran rüt­teln kann. Einen Moment lang werde ich durch Plu­ra­belle abge­lenkt, die miau­end her­an­trabt, um die Gele­gen­heit zu nut­zen, ihr Gesicht an mei­nem rei­ben zu kön­nen. Dann macht es Klick.

Meine aus­ge­streckte Hand sitzt fest, küh­les Metall hat sich um das Gelenk gelegt. Flu­chend zerre und ziehe ich, aber ich komme nicht wie­der los.

»Ist unbe­quem, ich weiß«, sagt eine Stimme in mei­nem Rücken. Ich will mich umdre­hen, was mir jedoch den Arm bre­chen würde. Keu­chend beob­achte ich, wie die Spitze eines schwar­zen Leder­schuhs einen Kar­ton in mein Blick­feld schiebt.

»Wird aller­dings nicht lange dau­ern, ver­spro­chen!«, fährt die Stimme des Unbe­kann­ten fort. »Wenn ich weg bin, springt die Hand­schelle wie­der auf.« Der Mann tritt hin­ter mich.

»Wer zur Hölle sind Sie?« Aber ich ahne bereits, mit wem ich es zu tun habe und wer mich hier mit einer fern­ge­steu­er­ten Hand­schelle unters High­board geklemmt hat.

»Ver­mut­lich ist dir längst klar­ge­wor­den, dass die Sache mit den raus­ge­schnit­te­nen Her­zen ganz auf dich gemünzt ist. Es ist eine Bot­schaft an dich. Ich werde dir jetzt in aller Ruhe erklä­ren, was es damit auf sich hat und wie in aller Welt es drei Her­zen geben kann, die deine DNA haben. Dann geh ich wie­der, und du bist frei.«

Die Stimme kommt mir bekannt vor, nur weiß ich nicht, wo ich sie ein­ord­nen soll. Irgend­je­mand aus mei­ner Jugend?

»Na, da bin ich aber gespannt«, presse ich her­vor. Auch wenn der Mann momen­tan ganz gelas­sen klingt: Ich habe es mit einem mehr­fa­chen Mör­der zu tun. Und mir sind buch­stäb­lich die Hände gebun­den.

»Du hast doch sicher die Kor­ri­dore gele­sen, die ich dir geschickt habe …« Damit meint er wohl die zwei­hun­dert Texte, die Albo und mir bereits vor­lie­gen. Ich gebe einen zustim­men­den Laut von mir.

»Da geht es doch auch immer wie­der um Par­al­lel­wel­ten, rich­tig?«

Ich schnaube. Das kann er ver­ste­hen, wie er will.

»Neh­men wir ein­mal an, es gibt, wie einige Phy­si­ker pos­tu­lie­ren, unzäh­lige Par­al­lel­wel­ten, die sich nur in win­zi­gen Details von unse­rer unter­schei­den.«

Ich habe es mit einem Ver­rück­ten zu tun. Was wird er mit mir anstel­len? Mir auch das Herz her­aus­schnei­den, wie er es schon mit sei­nen letz­ten drei oder mehr Opfern getan hat? Nur nicht hys­te­risch wer­den!, schärfe ich mir ein. Viel­leicht macht er einen Feh­ler, und ich bekomme eine Chance.

»Dann gibt es auch«, fährt er see­len­ru­hig fort, »zahl­rei­che par­al­lele Ver­sio­nen von dir.« Er macht eine Pause.

»Willst du etwa sagen …?« Ich bre­che mit­ten im Satz ab. Das kann er nicht ernst mei­nen, oder?

»Genau«, sagt er, »die drei Her­zen stam­men von drei par­al­le­len Dop­pel­gän­gern von uns. Denn falls dir meine Stimme bekannt vor­kommt: Auch ich bin eine alter­na­tive Ver­sion von dir. Oder du eine von mir. Wie auch immer. Wir haben die glei­che DNA, aber unsere Lebens­ge­schich­ten unter­schei­den sich in eini­gen Details.«

»Zum Bei­spiel darin, dass ich kein Mör­der bin«, presse ich wütend her­vor.

»Ich wollte ein­fach nur Schlim­me­res ver­hin­dern.« Er klingt nach­denk­lich, als er das sagt. Wenn ich ihn doch nur sehen könnte! Aber genau das hat er mit der Hand­schelle erfolg­reich ver­hin­dert. »Die drei Her­zen habe ich hier­her­ge­schafft, um dich ganz hand­fest davon zu über­zeu­gen, dass meine Geschichte, so ver­rückt sie klingt, wahr ist. Wahr sein muss! Es gibt keine andere ver­nünf­tige Erklä­rung – oder fällt dir viel­leicht eine ein?«

Der Mann folgt einem Kon­zept, einem Skript, das er sich zurecht­ge­legt hat. »Ich will die Geschichte nicht hören«, sage ich, um ihn aus dem Tritt zu brin­gen.

Er lacht leise. »Du ver­gisst, mein Lie­ber, dass ich dich sehr gut kenne. Wir sind wie ein­ei­ige Zwil­linge, die getrennt von­ein­an­der auf­ge­wach­sen sind. Und vie­les in unse­ren par­al­le­len Leben gleicht sich auf eine rät­sel­hafte, fast schon erschre­ckende Weise. Wovon die Quan­ten­phy­si­ker näm­lich kei­nen Schim­mer haben, das sind die vie­len Über­lap­pun­gen und Über­schnei­dun­gen. Das Mul­ti­ver­sum ist da sehr öko­no­misch.«

»Hast du all diese Texte geschrie­ben?« Viel­leicht habe ich die Chance, ihn von dem abzu­brin­gen, was er augen­schein­lich mit mir vor­hat, wenn es mir gelingt, die Gesprächs­füh­rung zu über­neh­men: »Auch die hier, die ver­mut­lich in dem Kar­ton sind, den du mir hin­ge­stellt hast. Wie­der fünf­zig, nehme ich an.«

»Ich habe«, sagt er, »Dut­zende unse­rer par­al­le­len Alter Egos ken­nen­ge­lernt. Viele von uns schrei­ben diese Texte. Es ist eigen­ar­tig. Sie tun es aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den. Und sie fan­gen alle mit dem­sel­ben Satz an, immer wie­der. So wie deine auch.«

»Meine? Ich habe keine geschrie­ben.«

»Ach, komm schon. Du hast dir drei Schreib­ma­schi­nen besorgt, weil dir fünf­zig zu viel waren, und um dich in die Psy­che des Mör­ders hin­ein­zu­ver­set­zen, hast du Kor­ri­dore geschrie­ben, Tag für Tag einen, immer mit der jeweils nächs­ten Schreib­ma­schine.«

Ich schweige. Woher weiß er das? Wie kommt er in meine Woh­nung? Hat er mich von Anfang an über­wacht und beob­ach­tet?

»Es geht aber letzt­lich nur um einen Text. Einen, den ich geschrie­ben habe, und den auch nur ich schrei­ben konnte. Weißt du, wel­chen ich meine?«

Bruch­stü­cke der Minia­tu­ren und Kurz­ge­schich­ten rasen mir durch den Kopf. Meint er den Mino­tau­rus? Die Begeg­nung mit Korian? Den kopf­schmerz­ge­plag­ten Zeit­geist­rei­sen­den? Den Rin­po­che aus dem Hima­laja? Den Unter­gang von Atlan­tis? Die geis­ter­haf­ten Besu­cher in Zim­mer 27? …

»Es ist der Text, in dem ich erzähle – etwas ver­klau­su­liert, gebe ich zu – wie ich mit mei­ner ver­fluch­ten Freie-Ener­gie-Maschine die Vaku­um­fluk­ta­tion ange­zapft und ein Loch ins Uni­ver­sum gebla­sen habe.«

»Ein Loch ins Uni­ver­sum?« Im Kopf gehe ich die Erfin­dun­gen von Pro­fes­sor Ceril, dem ver­rück­ten Wis­sen­schaft­ler, durch. Dann fällt mir schlag­ar­tig die äußerst selt­same Geschichte ein, in der jemand erfährt, dass er im Traum die gesamte Mensch­heit ver­nich­tet hat – die Mensch­heit einer Par­al­lel­welt.

»Nur dass es kein Traum war«, sagt er hei­ser. »Ich bin selbst der Phy­si­ker, der – mit bes­ten Absich­ten – eine Ket­ten­re­ak­tion in Gang gesetzt hat, die einen gan­zen Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße in einen Dimen­si­ons­ab­grund riss. Und das möchte ich wie­der rück­gän­gig machen.«

Ich will irgend­et­was sagen, das mir einen psy­cho­lo­gi­schen Vor­teil ver­schafft, aber alles, was ich her­vor­bringe, ist: »Das … Das ist doch Irr­sinn!« Mein Hand­ge­lenk schmerzt. Immer wie­der ver­su­che ich, mich unauf­fäl­lig aus der Schelle zu befreien, aber ohne Erfolg.

»Was willst du von mir?«, frage ich hei­ser. »Mich töten?«

Ein Psy­cho­ti­ker glaubt an seine wahn­hafte Geschichte und deu­tet alle Erleb­nisse als Beweise für seine Para­noia. Die­ser Mann glaubt, er könne in Par­al­lel­wel­ten rei­sen und par­al­lele Ver­sio­nen sei­ner selbst auf­spü­ren. Viel­leicht bringt er sie alle um, weil er der Ein­zige sein will. Natur­völ­ker glau­ben oft, die Kraft, das »Mana« der von ihnen Getö­te­ten könne auf sie über­ge­hen, indem sie bei­spiels­weise deren Herz oder Hirn essen.

»Ich sage doch: Ent­spann dich. Du hast nichts zu befürch­ten. Du bist keine der par­al­le­len Ver­sio­nen von uns, die mehr oder weni­ger wis­sent­lich die Mensch­heit ver­nich­ten. Das sind die, die Phy­si­ker gewor­den sind. Du bist Psy­cho­loge, schon ver­ges­sen? Ich möchte im Gegen­teil von dir, dass du mich tötest.«

Als er den Satz been­det, höre ich ein Schnur­ren. Es kommt aus sei­ner Rich­tung. Erneut ver­su­che ich, mich zu ihm umzu­dre­hen, auch wenn ich mir dabei die Haut auf­schürfe und fast mein Hand­ge­lenk aus­kugle. In den Augen­win­keln kann ich nun sche­men­haft erken­nen, dass er sich auf den Stuhl neben der Tür zur Küche gesetzt hat, auf dem ich sonst immer erst mal meine Ein­käufe depo­niere. Und ver­mut­lich hat er meine Katze auf dem Schoß. Dabei faucht sie Fremde sonst immer an.

»Weißt du, mein Lie­ber«, sagt er, »in einem Film würde ich dir jetzt lau­ter Ein­zel­hei­ten aus dei­nem Leben auf­zäh­len, die nur dir und sonst nie­man­dem bekannt sind, um zu bewei­sen, dass ich mit mei­ner Geschichte recht habe und wirk­lich ein Rei­sen­der aus einer Par­al­lel­welt bin. Ich würde zum Bei­spiel behaup­ten, dass du deine Katze ›Plu­ra­belle‹ genannt hast, oder genauer ›Anna Livia Plu­ra­belle‹ – nach der weib­li­chen Haupt­fi­gur aus Fin­ne­gans Wake. Ist dir eigent­lich noch gar nicht auf­ge­fal­len, wie viel all diese Kor­ri­dore mit dir zu tun haben?«

Ich schüttle den Kopf. Ich will es nicht wahr­ha­ben. Doch plötz­lich höre ich mich selbst schluch­zen, fühle ich eine Trau­rig­keit ganz tief in mir auf­wal­len, wie sie mich schon vor fünf­zig Tagen ein­mal ganz unver­mit­telt ansprang, als ich die Sache mit der DNA erfuhr. Wie­der dau­ert das Gefühl nur einen kur­zen Moment.

Als ob er auf die­ses Auf­schluch­zen gewar­tet hätte, sagt der Mann hin­ter mir jetzt mit lei­ser, aber ein­drück­li­cher Stimme: »Wir Men­schen haben eine weise Instanz in uns, die wir lei­der nur sel­ten oder im Grunde genom­men nie in Anspruch neh­men. Wenn wir sie befra­gen, wird sie uns sagen, dass es – kos­misch, uni­ver­sal, von einem all­um­fas­sen­den Stand­punkt aus betrach­tet –, wenn es schon nicht nichts gibt, dann alles geben muss, alles nur denk­bar Mög­li­che, wie es die Anfangs­be­din­gun­gen des Kos­mos erlau­ben. Und ver­mut­lich auch alles Unmög­li­che, Undenk­bare. Ein­fach kom­plett­amente und ulti­ma­tiv alles. Punkt. Drun­ter macht es das Mul­ti­ver­sum nicht.«

Als er ver­stummt, höre ich drau­ßen im Trep­pen­flur Schritte. Ein Nach­bar. Ich könnte um Hilfe rufen, aber: Was, wenn er recht hat? Wenn er tat­säch­lich eine par­al­lele Ver­sion von mir ist? Viel­leicht wollte die unver­mit­telte Trau­rig­keit in mir nichts ande­res sagen als: Genau so ist es – es gibt unzäh­lige Vari­an­ten von dir in unend­lich vie­len Wel­ten des Mul­ti­ver­sums, und einige davon sind Mör­der, Mas­sen­mör­der, die ganze Pla­ne­ten­sys­teme auf dem Gewis­sen haben.

»Ich kann in einen schma­len Bereich die­ser Wel­ten hin­ein­sprin­gen. Die, die mei­ner nicht zu ähn­lich sind, aber auch nicht allzu weit von ihr abwei­chen. Den Zeit­punkt kann ich jeweils belie­big ansteu­ern. Nur kann ich nicht zurück in meine eigene Welt, ver­stehst du? Und so kann ich mich lei­der Got­tes auch nicht selbst daran hin­dern, sie zu zer­stö­ren.«

Er wirkt ruhig, wäh­rend er das sagt. Auch Plu­ra­belle schnurrt nur so, wenn sie völ­lig ent­spannt ist. Ich bin der Ein­zige hier, des­sen Ner­ven flat­tern, der schwitzt wie ein Schwein und kei­nen ver­nünf­ti­gen Gedan­ken zuwege bringt.

»Du jedoch kannst es«, sagt er nach einer Weile. »Du kannst in meine Welt rei­sen, in die Zeit, bevor ich die Maschine ange­schal­tet, ja, bevor ich sie über­haupt kon­stru­iert oder erdacht habe. Du kannst den größ­ten und tra­gischs­ten Feh­ler ver­hin­dern, den je ein Mensch gemacht hat.«

Seine Stimme ist jetzt drän­gend, fast ein wenig fle­hend. Dann schweigt er. Auch Plu­ra­belle schnurrt nicht mehr. Ich höre nur mei­nen eige­nen keu­chen­den Atem.

»Du willst mich zum Mör­der machen? Ich soll dich umbrin­gen, damit du deine Maschine nicht in Gang setzt? Aber das ist kom­plet­ter Wahn­sinn: Es ist doch alles schon gesche­hen! Es lässt sich nicht mehr ver­hin­dern. Wie stellst du dir das vor?«

Er ant­wor­tet nicht.

Dann klickt es unter dem High­board. Meine Hand ist frei. Ich wälze mich herum, doch der Küchen­stuhl hin­ter mir ist leer. Plu­ra­belle liegt dar­auf und schläft selig.

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The Two Way Frog (in My Throat)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Albo steht in der Tür zu sei­nem Büro und dis­ku­tiert mit einem Kol­le­gen. Als er mich kom­men sieht, ein Päck­chen unter dem Arm, schickt er den Poli­zis­ten mit einer Hand­be­we­gung fort. »Woher?«, fragt er und erkun­digt sich gar nicht erst, ob ich tat­säch­lich die nächs­ten fünf­zig Texte des Mör­ders dabei­habe.

Ein flaues Gefühl macht sich in mei­ner Magen­ge­gend breit. Wie soll ich ihm nur erklä­ren, was mir der Mör­der erzählt hat? Zwei Tage lang habe ich mich von der Welt abge­schot­tet, Ter­mine abge­sagt, nach­ge­dacht, ver­sucht, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, sie wie­der ver­wor­fen. Schließ­lich bin ich ein­fach mit dem Päck­chen zur Wache auf­ge­bro­chen, ohne einen Plan zu haben.

»Kam mit der Post.« Ich muss Albo lang­sam vor­be­rei­ten. Und auf dem Päck­chen steht tat­säch­lich meine Adresse, und es sind die rich­ti­gen Auf­kle­ber und Stem­pel drauf. Mein Alter Ego, der Kil­ler, hat wohl mit ein­kal­ku­liert, dass ich die Texte zu Albo schleppe – und mir so die Tür offen­ge­hal­ten, ihm nichts von sei­nem Besuch bei mir erzäh­len zu müs­sen.

»Und?«, fragt Albo, wäh­rend wir sein Büro betre­ten, »Blut? Ein Herz? Rasier­klin­gen?«

Ich schüttle den Kopf und hole den Papier­sta­pel aus dem Päck­chen her­aus. Er ist unbe­fleckt.

»Das hätte trotz­dem alles in die Foren­sik gemusst!«, meint Albo tadelnd.

»Ich weiß«, sage ich, »sorry.« Ich winde mich ein wenig unter sei­nem Blick.

»Na, mal sehen, was er dies­mal schreibt.« Albo blät­tert die Sei­ten durch. Ich will ihm sagen, dass das alles von par­al­le­len Ichs von mir stammt, gesam­melt vom Mör­der, der ver­sucht, seine Alter Egos von einer Untat abzu­hal­ten, die er selbst began­gen hat – und der tötet, wenn sonst nichts hilft.

»Bin ja schon froh, wenn kein blu­ti­ges Herz drauf liegt«, mur­melt Albo mehr zu sich selbst als zu mir. Die Her­zen, will ich ihm sagen, hat der Mör­der drauf­ge­legt, um mich davon zu über­zeu­gen, dass stimmt, was er behaup­tet – und mit den Mor­den hat er jeweils das Ende der Welt ver­hin­dert. Es ist Irr­sinn. Ich bin die ganze Geschichte immer wie­der durch­ge­gan­gen. Wenn sie wahr wäre, ging mir irgend­wann auf, hätte ich an sei­ner Stelle viel­leicht genauso gehan­delt. Denn ohne die Her­zen, ohne die inzwi­schen zwei­hun­dert­fünf­zig Texte hätte ich mei­nem par­al­lel­welt­rei­sen­den Gegen­stück das Gru­sel­mär­chen nie­mals geglaubt.

Albo blät­tert inter­es­siert und scannt die neuen Texte durch. »Hm, da sind ja wie­der unsere zwei Gra­zien aus dem Amt. Offen­bar auch unser alter Bekann­ter, der Atlan­ter – wow, lange Geschichte dies­mal, hüb­sche Tipp­ar­beit. Und die­ser Norbu auf dem Haus­boot hat auch wie­der einen Auf­tritt. Gehö­ren ja alle sozu­sa­gen schon zur Fami­lie.« Er wirft mir einen Blick zu. »Irgend­was Neues oder Auf­fäl­li­ges dabei?«

»Wir müs­sen reden, Uwe«, ant­worte ich. Das mit dem flauen Gefühl wird schlim­mer. Aber ich kann nicht noch län­ger war­ten. Zuerst fülle ich mir an der Kaf­fee­ma­schine einen Plas­tik­be­cher. Mir ist woh­ler, solange ich Albo den Rücken zuwende. »Es ist da in den Tex­ten doch immer wie­der von Par­al­lel­wel­ten die Rede …«

Albo brummt. »Cerils Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon? Oder was meinst du?«

»Ich meine die­sen Text, wo er schreibt, dass er Anhän­ger der Viele-Wel­ten-Theo­rie ist. Was ja immer wie­der Thema ist. Bis hin zu Rei­sen in diese par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Der Kaf­fee ist ein­ge­schüt­tet, gezu­ckert, gerührt – ich muss mich wie­der zu Albo umdre­hen.

»Wor­auf willst du hin­aus?«, fragt er und sieht mich miss­trau­isch an.

»Auf die drei Her­zen mit iden­ti­scher DNA.«

»Vier Her­zen. Und eines schlägt noch. Gott­lob.«

Ich setze mich ihm gegen­über und stelle den Papp­be­cher auf sei­nem Schreib­tisch ab. »Was für eine Erklä­rung kann es für die Her­zen geben?«

»Klone«, sagt Albo, »oder er kann Organe wach­sen las­sen. Oder er ist Spe­cial-Effects-Tech­ni­ker und kann Her­zen täu­schend echt nach­bauen.« Er zieht eine sei­ner Brauen hoch. »Aber wahr­schein­lich gibt es eine ganz simple Erklä­rung, eine, auf die wir noch gar nicht gekom­men sind. Wenn wir ihn erst haben, fin­den wir auch die Erklä­rung.«

»Und wenn es sich nun vier­mal um die glei­che Per­son han­delt?«

Albo wirft mir einen über­rasch­ten Blick zu. »Jeman­den mit mul­ti­plen Her­zen? Nie davon gehört.«

»Nein. Es ist die­selbe Per­son – in ver­schie­de­nen par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Wie­der weckt Albos Blick in mir das drin­gende Bedürf­nis, mich unter sei­nem Tisch zu ver­krie­chen. Er öff­net den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn dann aber wie­der. Ich halte es nicht aus und bli­cke zu Boden. Und ich muss nicht Psy­cho­loge sein, um zu wis­sen, dass ich damit ver­lo­ren habe.

»Wenn ich in andere Wel­ten rei­sen könnte, ein­fach so …« Albo schnippt. Ich hebe mei­nen Blick wie­der. »Dann hätte ich echt was Bes­se­res zu tun als Leu­ten ihre Pumpe raus­zu­schnei­den, mir in einer der vie­len Wel­ten eine raue, graue, schmut­zige Stadt raus­zu­su­chen und die Her­zen in irgend­wel­chen Sehens­wür­dig­kei­ten auf irgend­wel­chen splee­ni­gen Geschicht­chen zu plat­zie­ren, damit sich die Mord­kom­mis­sion auf meine Spur setzt.«

Aber er ist eine geschun­dene Seele, will ich sagen, er hat eine mons­tröse Schuld auf sich gela­den, und er sieht nur eine Mög­lich­keit, für sei­nen Feh­ler gera­de­zu­ste­hen! All das will ich Albo erklä­ren, ihn beschwö­ren, ihm alles erzäh­len vom Besuch des Mör­ders bei mir und dass ich ihm hel­fen soll. Dass ich vor der wohl schwers­ten und fol­gen­reichs­ten Ent­schei­dung mei­nes Lebens stehe und jetzt nichts drin­gen­der bräuchte als den Rat eines Freun­des.

All das bringe ich jedoch nicht über die Lip­pen.

»Wir suchen einen Mör­der. Hast du etwas Neues dazu bei­zu­tra­gen?«

Albo ist sauer. Das ist nicht zu über­hö­ren. Der erste Mord ist schon über ein hal­bes Jahr her, und mit der Fahn­dung ist er keine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men.

»In Text 233 schreibt er«, sage ich und hasse mich gleich­zei­tig dafür, »dass er die Texte im Inter­net hat schrei­ben las­sen, von irgend­wel­chen Leu­ten, die für ein Taschen­geld mehr oder weni­ger krea­tive Mikro­jobs über­neh­men. Mecha­ni­cal Turk heißt die Methode. Viel­leicht stimmt’s, und wir kön­nen ihn dar­über ding­fest machen.«

»Lass ich che­cken«, meint Albo. Seine Augen blit­zen – der alte Spür­hund hat wie­der eine Fährte auf­ge­nom­men. Sie wird ins Leere füh­ren. Es macht mich trau­rig, mei­nen Freund belü­gen zu müs­sen.

»Den Zodiac-Kil­ler haben sie nie gefasst, obwohl er zahl­rei­che Briefe und Kar­ten geschrie­ben hat.« Mit mei­nem hilf­lo­sen Ver­such, Albo dar­auf vor­zu­be­rei­ten, dass seine Fahn­dung erfolg­los blei­ben wird, mache ich alles nur noch schlim­mer. In sei­nem Blick lese ich seine abgrund­tiefe Ent­täu­schung dar­über, ihn und die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion mit dem glück­lo­sen FBI zu ver­glei­chen.

Ich muss schlu­cken. »Schick mir Kopien«, sage ich hei­ser und mit Fin­ger­zeig auf den Papier­sta­pel auf sei­nem Schreib­tisch, »viel­leicht find ich noch was raus.« Auch das eine Not­lüge. Ehr­lich wäre, ein »über mich« anzu­fü­gen.

»Mach ich«, sagt er kurz ange­bun­den.

Der Papp­be­cher ist leer­ge­trun­ken. Ich werfe ihn im hohen Bogen in den Papier­korb. Einen klei­nen Augen­blick lang tanzt er auf dem Rand, bevor er hin­ein­fällt. Das Zei­chen für mei­nen Auf­bruch. Auch Albo erhebt sich. Ein wenig erstaunt es ihn, als ich ihn kurz umarme. Er grunzt leise, und ich drehe mich schnell von ihm weg, weil ich Angst habe, er sieht, dass mir Trä­nen in den Augen ste­hen.