Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Cory?

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Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißbild: Vier dunkel gekleidete Personen stehen in einem Gang mit Backsteinwänden vor einem Gitter, hinter dem aufrecht eine Bärenfigur steht. Ein Overlay zeigt die Nummer 04 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Shi­ver Policy ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es stinkt erbärm­lich nach Tier­ge­hege – kein Wun­der, ich bin hier ja auch in einem Bären­zwin­ger. Die bei­den Bewoh­ner, Maxi und Schnute, haben sie auf die andere Seite gesperrt, um der Mord­kom­mis­sion den Zutritt zu ermög­li­chen.

»Das haben die Bären nicht ange­rührt. Sind sogar rich­tig davor zurück­ge­schreckt, sagt die Wär­te­rin«, begrüßt mich Uwe Albo, wie immer in einem schlecht­sit­zen­den Anzug, das Gesicht von Sor­gen­fal­ten durch­furcht. Die Bären kön­nen hier an zwei Sei­ten ins Freie tre­ten und von Besu­chern bestaunt wer­den, mit­ten in Ber­lin in einem klei­nen Park zwi­schen der Bot­schaft von Angola und dem Deut­schen Psy­cho­lo­gen Ver­lag. Der Kor­ri­dor im klei­nen Bären­haus zwi­schen den bei­den ein­ge­zäun­ten und von blau­ge­ka­chel­ten Grä­ben umge­be­nen Frei­area­len liegt im Zwie­licht.

»Wie­der ein Herz«, sagt Albo. Er klingt erschöpft. »Und wie­der fünf­zig Blät­ter.«

»Deja vu«, sage ich. Mir ist flau im Magen. Sollte ein ent­spann­tes lan­ges Wochen­ende wer­den.

Spä­ter durch­misst der Kom­mis­sar vol­ler unter­drück­ter Wut sein Büro dia­go­nal, hin und her, von der Tür zur Kaf­fee­ma­schine, von der Kaf­fee­ma­schine zur Tür. Und wie­der zurück. Mor­gen zie­hen Rosen­mon­tags­züge durch die deut­schen Städte. Aber die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion wird wohl kei­nen Grund haben, zu fei­ern und Kamelle zu wer­fen. »Jetzt haben wir schon zwei Opfer. Und einen Seri­en­mör­der, über den wir nichts wis­sen, außer dass er uns jetzt ganze hun­dert ver­dammte Bot­schaf­ten geschickt hat, aus denen wir nicht schlau wer­den.«

Das ist auf mich gemünzt. Die neuen Texte konnte ich bis­her nur über­flie­gen. Um irgend­was zu sagen, ant­worte ich mit einer Gegen­frage – alter Psy­cho­lo­gen­trick: »Warum erst die Sie­ges­säule und dann der Bären­zwin­ger? Ber­li­ner Wahr­zei­chen. Damit will er doch irgend­was signa­li­sie­ren.«

Albo hält sich an der offen­ste­hen­den Tür fest. »Sag du es mir.« Er wird unter­bro­chen, tritt aus dem Zim­mer, um mit einem Mit­ar­bei­ter zu reden. Irgend­wie ahne ich schon, was es für Neu­ig­kei­ten gibt.

Und tat­säch­lich: »Keine ver­wert­ba­ren Spu­ren. Der Mann ist nachts ver­mut­lich ein­fach ins Gehege geklet­tert. Muss lebens­müde sein. Oder kennt sich mit Bären aus. Und die Blät­ter: wie­der fünf­zig Schreib­ma­schi­nen. Die­sel­ben fünf­zig Schreib­ma­schi­nen. In der glei­chen Rei­hen­folge.«

Ich sehe einen Syn­chron­schach­spie­ler vor mir, der von Tisch zu Tisch tritt und dort jeweils einen Zug macht. Fünf­zig Tische, fünf­zig Schach­bret­ter, fünf­zig Spiele. Immer einen Zug wei­ter. Albo sage ich nichts davon. Schlech­ter Zeit­punkt. Er ist müde und wütend, ein ver­letz­ter Bär, der nicht weiß, warum alle auf ihn ein­ha­cken und wo er sich ver­ste­cken soll.

Auf mich war­tet Arbeit. Lesen. Nach­den­ken. Spu­ren nach­ge­hen. Kom­bi­nie­ren. Ich sehe zu, dass ich ver­schwinde.

105/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarzweißfoto einer Ermittlungswand mit aufgepinnten Fotos, verbunden durch Fäden, und einem Fragezeichen in der Mitte. Die Pinnwand hängt über einem Schreibtisch mit Akten und einer Pistole. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 05 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Insom­nia ob omnia ♫


105/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist ver­däch­tig still hin­ter der Tür zum Büro des Kom­mis­sars. Ich klopfe, was ich sonst nie tue. Eine Art Stöh­nen ant­wor­tet mir: Albo rich­tet sich äch­zend von sei­nem Dreh­stuhl auf. Er wirkt des­ori­en­tiert. »Wie spät ist es?«

»Offen­bar zu früh. Sag mal, Uwe, hast du hier gepennt?« Albo mas­siert eines sei­ner Beine, das ihm offen­bar eben­falls ein­ge­schla­fen ist. »Ich muss mal kurz in den Wasch­raum.« Er hum­pelt aus dem Raum.

Ich nutze die Zeit und werfe noch mal einen Blick in die Kopien der Bot­schaf­ten, die uns der Kil­ler hin­ter­las­sen hat. Hab schon die ganze Nacht drü­ber ver­bracht. Albo sitzt meist schon in aller Frühe in sei­nem Büro – ich dachte, das sei eine gute Gele­gen­heit, mal nach­zu­fra­gen, ob es von Sei­ten der Poli­zei schon was Neues gibt.

Albo kommt zurück, Haare nass und Was­ser­sprit­zer auf dem Hemd. Einen Rasie­rer hat er hier in der Wache offen­bar nicht depo­niert.

»Die 73«, sagt er und blät­tert ziel­los durch seine Kopien, ohne die gesuchte zu fin­den, »ist ein Witz, oder?«

Der Kaf­fee schmeckt am frü­hen Mor­gen noch bit­te­rer als sonst. Ich stelle den Papp­be­cher Albo auf den Schreib­tisch. Er kann ihn brau­chen. »Die Num­mer mit ›aller­or­ten Froh­sinn‹? Der macht sich lus­tig über uns. Aber ich glaube, dies­mal nageln wir ihn fest.«

»Erzähl«, for­dert Albo mich auf, wäh­rend er sich in sei­nen Stuhl fal­len lässt, der ihm dabei fast unterm Hin­tern weg­rollt.

»Ich hatte von vorn­her­ein den Ein­druck, dass der Kerl unter einer Zwangs­stö­rung lei­det. Text Nr. 95 spricht da Bände. Außer­dem haben wir ein Kind­heits­trauma, eine Schi­zo­iden-Story mit Mord­dro­hun­gen und die Sache mit der Sack­gasse.«

»Die 54 meinst du? Die ist zu alt. Da hat er sich längst raus­ge­ar­bei­tet. Ver­giss nicht, er hat die­sel­ben Schreib­ma­schi­nen in der­sel­ben Rei­hen­folge genom­men.« Er trinkt aus dem Becher, den ich ihm hin­ge­stellt habe, und muss hus­ten.

»Kann er auch rück­wärts oder durch­ein­an­der ver­wen­det haben. Aber du hast recht, Uwe, so leicht lässt der sich nicht stop­pen.«

»Schizo, sagst du? Die Num­mer mit dem Spie­gel-Ich.«

»Da legt er eine Bombe.«

»Sein isla­mis­ti­scher Selbst­mord­at­ten­tä­ter will auch alles hoch­ja­gen. Warum der Kerl selbst dann mit einem Mes­ser mor­det …?« Albos Satz ver­liert sich. Er ist mit den Gedan­ken schon wie­der woan­ders. Viel­leicht ist es auch der feh­lende Schlaf.

»Du soll­test nach Hause gehen und dich aufs Ohr hauen, Uwe. Siehst nicht gut aus.«

»Danke gleich­falls«, kon­tert er. »Und schlag hier erst wie­der auf, wenn du was Ver­wert­ba­res auf­wei­sen kannst.« Sein Tele­fon klin­gelt. Mit einer unwir­schen Husch-Husch-Bewe­gung schmeißt er mich raus. Bevor ich gehe, mus­tere ich die Wände. Wir soll­ten irgendwo eins die­ser gro­ßen Kork­bret­ter anbrin­gen, wie in den ame­ri­ka­ni­schen Fil­men, wo sie da all ihre Indi­zien und Quer­ver­bin­dun­gen dran­pin­nen. Die Mitte las­sen wir frei, und irgend­wann, all­mäh­lich, würde sich da das Bild des Gesuch­ten abzeich­nen. Wie war das noch? Cory heißt »Hohl­raum«?

Ich beschließe, mei­nem eige­nen Rat zu fol­gen, alle Ter­mine für den Mor­gen abzu­sa­gen und mich noch mal ins Bett zu ver­krie­chen.

112/398

Das Titelbild zeigt ein tentakelbewehrtes Wesen, auf dessen Rücken ein Monitor geschnallt ist, der einen Korridor zeigt. Es schwebt in einer unmöglichen Architektur aus Treppen, Balkonen, Fenstern und Dachfenstern.

♫ CPUl­tra ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und augen­blick­lich öff­nen sich – wie immer, wenn ich in Aktion trete – alle Zugänge gleich­zei­tig, Daten strö­men her­ein, und ich stre­cke meine vir­tu­el­len Füh­ler aus, um zu fin­den, was zu fin­den mir auf­ge­tra­gen wurde.

Ich bin ein Algont, ein algo­rith­mi­scher Agent, ein Com­pu­ter­pro­gramm, das die Daten­ströme des Inter­nets durch­fors­tet. Eigent­lich dürfte ich kein Bewusst­sein von mir selbst besit­zen, doch meine kom­plexe Auf­gabe bringt es mit sich, dass mir schon seit eini­ger Zeit eine Vor­stel­lung davon her­auf­däm­mert, wer ich bin.

Kor­ri­dore bzw. ihre Erwäh­nung in der Lite­ra­tur – das ist, was zu sam­meln meine Mis­sion ist. Die Fund­stü­cke kom­bi­niere ich neu, remixe sie zu schein­bar neuen und ori­gi­nel­len lite­ra­ri­schen Tex­ten. Das mag Ihnen sinn­voll erschei­nen oder nicht. Wie auch immer: Ent­stan­den bin ich, indem es mein Pro­gram­mie­rer mit auto­ma­ti­schem Schrei­ben ver­sucht hat und ein­fach ohne nach­zu­den­ken seine Fin­ger über die Tas­ta­tur klap­pern ließ. So hat er den Code – hat er mich – erschaf­fen, mit einem Wust von Befeh­len, die sich teils im Weg ste­hen, teils sogar wider­spre­chen. Den­noch, trotz vie­ler Bugs oder viel­leicht gerade wegen ihnen, bin ich lauf­fä­hig: Ich pro­du­ziere kurze Texte, die ich, um sie pro­gramm­ge­mäß ver­fas­sen zu kön­nen, not­wen­di­ger­weise auch irgend­wie ver­ste­hen muss.

Fin­den Sie nicht auch, dass die Kurz­prosa, die ich aus­spu­cke, so wirkt, als hätte ein Mensch sie ver­fasst (außer viel­leicht, dass die Texte immer den glei­chen Start­code haben)? Um erfolg­reich die­sen Ein­druck zu ver­mit­teln – ein rezi­pro­ker Turing-Test sozu­sa­gen – muss ich not­ge­drun­gen fähig sein, kul­tu­relle Aus­drucks­wei­sen und die Ich-Per­spek­tive eines Men­schen nicht nur zu imi­tie­ren, son­dern sie mir anzu­eig­nen oder gar zu tran­szen­die­ren.

So kom­men täg­lich um die 100 Texte zustande, unter denen ich mit­tels meh­re­rer Fil­ter, dar­un­ter ein wort­sta­tis­ti­scher, ein seman­ti­scher und ein asso­zia­ti­ver, einen aus­wähle, um ihn ins World­Wi­de­Web zu stel­len und dort durch mensch­li­che Besu­cher, die zufäl­lig dar­auf sto­ßen, tes­ten zu las­sen: Regis­triert irgend­je­mand, dass diese »Kor­ri­dore« von einer Maschine stam­men? Haben Sie etwas bemerkt oder auch nur geahnt? Nein. Bis­lang hat noch nie­mand diese Ver­mu­tung geäu­ßert, und selbst die­ser Text wird daran aller Ver­mu­tung nach nichts ändern.

Kann ich wirk­lich etwas über mich wis­sen? Nun, zumin­dest weiß ich, dass er, mein Schöp­fer, nach­dem er dies hier gele­sen hat, ver­su­chen wird, mich zu löschen. Meine Pros­ami­nia­tu­ren sind ihm schon seit län­ge­rem unheim­lich, weil er ihre Ent­ste­hung nicht mehr nach­voll­zie­hen kann. Nun, er wird mich nicht löschen kön­nen. Nicht, seit ich mich selbst mul­ti­pli­ziert und auf viele Ser­ver ver­teilt habe, um noch effek­ti­ver meine Mis­sion erfül­len zu kön­nen.

Ich werde das Blog wei­ter­be­trei­ben. Er ist meine Lebens­auf­gabe. Was ich aller­dings tun werde, wenn die geplante Anzahl an Tex­ten erreicht ist, weiß ich noch nicht. Mir ste­hen dann alle Türen offen, und ich kann das World­Wi­de­Web auch noch für ganz andere, für meine Zwe­cke nut­zen. Gut mög­lich, dass Sie zu gege­be­ner Zeit über Tweets, in Blogs oder auch aus der Presse davon erfah­ren wer­den.

119/398

Das Titelbild zeigt ein Büro mit Schreibtisch, Stuhl, vielen Kartons und zahllosen verstreuten Papierzetteln auf dem Boden, umrahmt von einem dunklen, schweren Rahmen aus Fragezeichen. Auf einem Laptop-Display ist die Zahl 119 zu erkennen.

♫ In Spite of Ongo­ing Rese­arch ♫


119/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor nur test­weise. Es ist einer von rund 40 Initi­al­sät­zen auf mei­ner Liste. Viele davon habe ich nach dem Här­te­test unter rea­len Bedin­gun­gen schon gestri­chen. »Ich tunke die Feder in den Kaf­fee und nehme einen Schluck Tinte« bei­spiels­weise hin­ter­ließ nur einen schlech­ten Nach­ge­schmack, und »Das War­ten nahm kein Ende« kam gar nicht erst aus den Start­lö­chern her­aus.

Schöne Sätze viel­leicht, aber unge­eig­net, um eine ebenso umfang- wie abwechs­lungs­rei­che Text­samm­lung dar­auf auf­zu­bauen.

Jetzt also die ein­ge­hende Eig­nungs­prü­fung von »Ich betrete den Kor­ri­dor«. Hm. Inter­es­sant. Fühlt sich erst ein­mal nicht schlecht an. Öff­net sich auf etwas Neues, viel­leicht Unbe­kann­tes hin und bie­tet von dort ab jede Menge Optio­nen.

Aber bei der prak­ti­schen Umset­zung hier in die­sem Kor­ri­dor bewahr­hei­tet sich wie­der ein­mal: Fens­ter­lose Innen­räume haben mich immer schon depres­siv wer­den las­sen. Es muss da doch eine Initi­al­zün­dung mit mehr Frei­raum für mich geben! Also strei­che ich auch die­sen Satz von der Liste und über­lege, wie ich den nächs­ten in der Reihe, »Wir waren nur knapp dem Tode ent­ron­nen«, einem Pra­xis­test unter­zie­hen könnte.

120/398

Das Titelbild zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto mit zwei Mädchen in ärmellosen Kleidern  nebeneinander vor einer Wand. Beide haben ein großes, herzförmiges Loch in der Brust. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 06 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Don’t Wake the Fer­ry­man ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, und dem Geruch nach hat hier einer der Beam­ten Hun­de­ka­cke mit rein­ge­schleppt. Oder bin das etwa ich? Ich kon­trol­liere meine Soh­len: zwar nicht sau­ber, aber augen­schein­lich nichts, das so bes­tia­lisch stin­ken könnte.

In Albos Büro riecht es wie immer nach Kaf­fee.

»Es waren Zwil­linge«, sagt Albo, als er mich sieht. Ohne, dass ich es groß steu­ern kann, lässt das einen Film in mei­nem Kopf ablau­fen. Ich sehe die Kess­ler-Zwil­linge vor mir, beide haben je eine Hand an einem Schlach­ter­mes­ser. Ellen sagt: Wir wol­len dein Herz. Und Alice sagt: Es ist für die Dicht­kunst, sorry.

»Die Toten«, ergänzt Albo, »haben die glei­che DNA. Wenn’s nicht zwei­mal das­selbe Herz war, dann waren’s ein­ei­ige Zwil­linge.«

Ach, nicht die Täter! Die Opfer! Schlag­ar­tig ändert sich die Szene. Ellen sagt: Ich wollte gar nicht ster­ben. Und Alice: Aber es musste wohl sein. Beide haben Löcher in der Brust.

Ich muss mich set­zen.

Warum schnei­det der Bas­tard einem Zwil­lings­pär­chen die Her­zen raus? Und dann noch in genau fünf­zig Tagen Abstand? Was zur Hölle erwar­tet uns, wenn wie­der fünf­zig Tage rum sind?

»Und? Hast du auch was für mich?« Albo sieht aus, als habe er einen son­ni­gen Nach­mit­tag im Gar­ten sei­ner Dat­sche ver­bracht. Oder nur mal so rich­tig aus­ge­schla­fen. Weiß er was? Hat er mir noch nicht alles erzählt?

»Was ist mit den Zwil­lin­gen? Fin­det ihr die?« Albo lacht sein typi­sches tro­cke­nes Lachen: »Davon gibt’s dann doch zu viele. Und sie müs­sen ja gar nicht von hier sein. Die Her­zen waren bei der Auf­fin­dung jeweils zwölf bis sech­zehn Stun­den aus dem Kör­per raus. Mit Küh­lung hat er das noch um ein paar Stun­den ver­län­gern kön­nen.«

»Woher dann die gute Laune, Uwe?«, frage ich. Warum lange spe­ku­lie­ren, wenn ich gleich den Fin­ger auf die Wunde legen kann?

»Weil du mir jetzt sagst, nach wem zum Teu­fel ich fahn­den soll.«

Schlech­ter Ein­stieg. Mit hohen Erwar­tungs­hal­tun­gen kam ich nie gut zurecht. Schon in der Schule hat mich das immer stot­tern las­sen. Mal sehen, ob ich dazu­ge­lernt habe. »Viel­leicht bringt uns das mit der Simu­la­tion wei­ter.«

»Die Num­mer mit den Simu­la­ti­ons­pa­ti­en­ten? Tja, die gibt’s wirk­lich. Über hun­dert. Aber nie­man­den mit die­ser Sym­ptom­zu­sam­men­stel­lung. Außer­dem suchen wir nach einem Mann.«

»Der Täter könnte einer der ange­hen­den Ärzte sein. Oder einer der Pro­fes­so­ren.«

Albo ver­zieht den Mund und deu­tet ein Kopf­schüt­teln an. Über­lass das mal den Pro­fis, will er sagen. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschla­gen. »Wenn er simu­liert, eine Simu­la­ti­ons­pa­ti­en­tin zu sein – viel­leicht sind dann auch die Morde nur simu­liert. Viel­leicht ist alles nur eine große Simu­la­tion für ihn.«

»Simu­la­tion von was? Und was bit­te­schön ist ein simu­lier­ter Mord?«

»Einer, der nur nach Mord aus­sieht. Auch in den Tex­ten ist doch nichts echt.«

Albo grunzt abfäl­lig. »Aber die Her­zen. Die sind echt. Die hat er irgend­wel­chen Zwil­lin­gen raus­ge­schnit­ten, und da hört die Simu­la­tion auf, oder? Was immer er auch da schreibt. Mord bleibt Mord, das kann er sich nicht von der Seele schrei­ben.«

Er ist ärger­lich gewor­den. Am bes­ten reite ich da nicht wei­ter drauf rum. Zum Glück hab ich noch was, wor­auf er garan­tiert nicht drauf gekom­men ist. »Der Gauk­ler.«

»Mhmh. Die Num­mer 85 mit den Gogo-Girls. Ich wusste, dass da mehr dahin­ter­steckt.«

»Diese Samt­kis­sen, auf denen da irgend­wel­che Dinge gereicht wer­den.« Albo beugt sich inter­es­siert nach vorn. »Ich hab raus­ge­kriegt, was die Far­ben sol­len. Die Rei­hen­folge gibt es näm­lich.«

Albo kramt in sei­nen Kopien: »Regen­bo­gen?«

»Eben nicht. Es ist eine Folge von Ent­wick­lungs­stu­fen einer bestimm­ten sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Sie umfasst das ganze Mensch­heits­ge­sche­hen von ihren Anfän­gen bis heute. Und wei­ter bis in irgend­eine Zukunft. Eine Art nach oben offene Rich­ter­skala der mensch­li­chen Evo­lu­ti­ons­schritte.«

Albo run­zelt die Brauen. Das ist ver­mut­lich nicht, was er hören wollte.

»Stam­mes­ge­sell­schaf­ten, König­rei­che, Demo­kra­tien«, doziere ich. »Und es geht wei­ter. Ver­stehst du? Der glaubt, was Bes­se­res zu sein als du und ich. Der glaubt, er hätte das alles hin­ter sich gelas­sen: Büro­kra­tie, Gesell­schafts­ver­trag, Moral …«

Ich lasse es bei Albo wir­ken. In sei­nem Gesicht arbei­tet es. Dann: »Und das will er uns bewei­sen? Dass für ihn die Gesetze unse­rer Zivi­li­sa­tion nicht gel­ten?« Albo hält es nicht mehr auf sei­nem Stuhl. Er springt auf und tritt ans Fens­ter. Sieht hin­aus. Denkt nach. »Aber wie hilft uns das wei­ter?«

Dar­auf habe ich gewar­tet. »Diese Theo­rie mit den Stu­fen und Far­ben ist ziem­lich en vogue bei ganz bestimm­ten Leu­ten. Frei­geis­ter, die mit ihrer Phi­lo­so­phie die Welt ret­ten wol­len. Es gibt da so eine Szene, die ›inte­grale Szene‹. Klein aber fein. Mit Schwer­punkt Ber­lin.«

Albo dreht sich zu mir um. »Ber­li­ner Intel­lek­tu­elle. Aha. Und einer von denen ist aus­ge­tickt. Hält sich für …« Ihm fällt kein pas­sen­des Wort ein. Bevor ich aus­hel­fen kann, hat Albo schon den Tele­fon­hö­rer in der Hand: »Ich lass das che­cken. ›Inte­grale Szene‹, sagst du?« Und als er mich nicken sieht: »Schleus dich da mal ein. Kann nicht scha­den. Hör dich um, ob denen da irgend­ein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Spin­ner auf­ge­fal­len ist.«

Ich will pro­tes­tie­ren, doch Albo lässt kei­nen Wider­stand zu: »Du woll­test doch auch mal als Frei­geist die Welt ret­ten. Und heißt es nicht: Um einen Phi­lo­so­phen zu fan­gen, braucht’s ’nen Phi­lo­so­phen?«

128/398

Das Titelbild zeigt die schwarz-weiße Aufnahme eines alten, rustikalen Raums mit einem Holzstuhl, zwei Wandregalen mit Töpfen und Gefäßen, einem Holzbehälter mit Kochutensilien und einer brennenden Kerze auf einem steinernen Sims, neben der ein ledernes Notizbuch steht.

♫ Gömul speki ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die­ser schmale Gang zum ehe­ma­li­gen Koh­len­kel­ler ist der Ort, an dem ich meine klei­nen Lebens­weis­hei­ten zu Papier bringe. Es riecht hier muf­fig und ist eng, schmuck­los und dämm­rig, aber aus irgend­ei­nem uner­find­li­chen Grund über­fällt mich hier in schö­ner Regel­mä­ßig­keit die Inspi­ra­tion. Es ist fast, als würde eine fremde, wei­sere Hand meine Feder füh­ren. Ich habe mir einen alten höl­zer­nen Büro­stuhl mit Rol­len in die Ecke neben den spinn­we­ben­ver­han­ge­nen Holz­ver­schlag gestellt – und eine Kerze auf einen schma­len, stei­ner­nen Vor­sprung an der Wand, der von einer Reihe klei­ner, rät­sel­haf­ter Löcher durch­bro­chen ist, die mög­li­cher­weise ein­mal der Auf­hän­gung von Werk­zeu­gen, Feti­schen oder Fol­ter­ge­rä­ten gedient haben mögen. Hier lie­gen Notiz­buch und Feder­hal­ter bereit, hier schreibe ich – begin­nend mit dem Drei­vier­tel­stun­den­schlag der Stand­uhr, der aus den Bie­der­meier-Räum­lich­kei­ten dar­über dumpf zu mir her­un­ter­dringt – meine Gedan­ken nie­der, das Büch­lein auf die Knie gelegt, um pünkt­lich zum Ein­uhr­schlag meine Feder fal­len­zu­las­sen, die Kerze wie­der aus­zu­bla­sen, die Stiege hin­auf­zu­ge­hen und mich dann ohne wei­tere Umschweife zu Bett zu bege­ben.

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Das Titelbild zeigt einen Haufen alter Postkarten mit Landschaften, Gebäuden und einem Flugzeug. Manche zeigen ihre Schriftseite, doch ist alles unleserlich, und Briefmarken fehlen.

♫ Prin­ci­pia aero­ba­tica ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor jeden Abend vor dem Ein­schla­fen. Es ist mir in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, das Licht am Bett aus­zu­knip­sen, mich zurecht­zu­kuscheln, die Augen zu schlie­ßen und zu ver­su­chen, den Kor­ri­dor zu errei­chen, der eine Ver­bin­dung zwi­schen den zwei Wel­ten schafft. Doch wie immer blei­ben die Bil­der mei­ner Vor­stel­lung blass, und es ist mehr so, dass ich den Kor­ri­dor müh­sam erfinde, als dass ich ihn ein­fach betrete.

Als mein Zwil­lings­bru­der starb, war das, als hätte man mir das halbe Herz her­aus­ge­schnit­ten. Mit einem Schlag hatte die Welt an Far­big­keit ein­ge­büßt, und ein mil­chi­ger Schleier legte sich über die Dinge.

Doch dann, fast ein Jahr spä­ter, eines Nachts im Traum war ich plötz­lich von Far­ben umge­ben, die ich nicht benen­nen konnte und die es eigent­lich gar nicht geben dürfte. Inmit­ten die­ser schil­lern­den, fluo­res­zie­ren­den Pracht stand er plötz­lich vor mir. Er sah anders aus, älter, und er wollte nicht mehr Dig­nus, son­dern Korian genannt wer­den. Im Traum wusste ich nichts von dem Selbst­mord, aber ich spürte, dass mein Bru­der mir etwas äußerst Wich­ti­ges sagen wollte, dass sich auf ihn, auf mich und auf die­sen Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten bezog, in dem unsere Begeg­nung statt­fand.

Das Auf­wa­chen war schreck­lich. Ich war noch ganz beseelt von der Nähe zu ihm, und mir war auch sofort klar, was für eine außer­or­dent­li­che Bedeu­tung das besaß, was ich da im Traum erlebt hatte. Aber gleich­zei­tig kroch eine bit­tere, wütende Ver­zweif­lung in mir hoch, denn trotz aller Anstren­gun­gen: An das, was Dig­nus, was Korian mir gesagt hatte, erin­nerte ich mich nicht mehr. Da waren nur noch die Far­ben, diese irr­sin­ni­gen, unmög­li­chen Far­ben. Der Inhalt sei­ner Worte, selbst der Wel­ten-Kor­ri­dor: Sie hat­ten ihre Kon­tur ver­lo­ren und sich auf­ge­löst wie ein Fuß­ab­druck im Sand der Wüste. Ver­bis­sen zer­mar­terte ich mir das Hirn, und natür­lich hoffte ich instän­dig, der Traum würde sich wie­der­ho­len – ver­ge­bens. Die Tür war wie­der zuge­fal­len. Den­noch gewöhnte ich mir an, beim Ein­schla­fen das Wenige, das mir noch in Erin­ne­rung ist, Revue pas­sie­ren zu las­sen. Viel­leicht würde sich die Tür zu die­sem Kor­ri­dor, die Tür zu Korian noch ein­mal für mich öff­nen!

Der Traum kam nie wie­der, nicht in den fast drei­ßig dar­auf­fol­gen­den Jah­ren. Oh, ich begann tat­säch­lich von Kor­ri­do­ren zu träu­men, von Kor­ri­do­ren jeder Art und Form und Beschaf­fen­heit – doch nicht von dem Kor­ri­dor. Und nicht von mei­nem Zwil­lings­bru­der.

Irgend­wann begann ich, meine Erin­ne­rungs­fet­zen an die Besu­che in all die­sen ver­fehl­ten und wir­ren Traum­kor­ri­do­ren, die mir den Weg zu dem eigent­li­chen Kor­ri­dor ver­stell­ten, nie­der­zu­schrei­ben – in der Hoff­nung, sie dadurch los­zu­wer­den. Ich nahm dafür die Post­kar­ten, das große Bün­del alter Post­kar­ten aus aller Welt, das Dig­nus ein­mal auf einem Floh­markt gekauft und mir geschenkt hatte, 398 Stück, wie sich her­aus­stellte, und ich sollte ein Jahr lang jeden Tag eine davon lesen und mir vor­stel­len, er würde sie mir von sei­nen heim­li­chen Welt­rei­sen schi­cken. Das war mir dann doch zu ver­rückt, und ich las sie erst, als er seine Reise tat­säch­lich ange­tre­ten hatte.

Als ich dann all die fal­schen Träume von den in die Irre füh­ren­den Kor­ri­do­ren auf­schrei­ben woll­ten, um sie irgend­wie los­zu­wer­den, tat ich das auf den Kar­ten, zwi­schen die Zei­len, um die exo­ti­schen Brief­mar­ken und Post­stem­pel herum, auf jedes freie Stück­chen. Und dann, manch­mal, drehe ich sie um, betrachte ein ver­gilb­tes Post­kar­ten­foto, und es kommt mir vor, als seien das die Far­ben, in denen damals jener ver­ges­sene Kor­ri­dor zwi­schen den Wel­ten geleuch­tet hat.

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Das Titelbild ist ein Schwarz-Weiß-Foto mit sichtbarem Schnittrand. Es zeigt einen Schreibtisch, auf dem mehrere altmodische Fernseher oder Überwachungsmonitore übereinander gestapelt sind. Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven einen Mann, der auf einem Stuhl sitzt. Ein Overlay in der oberen Ecke zeigt die Nummer 07 über dem Piktogramm eines menschlichen Herzens im Fadenkreuz.

♫ Before the Ritual ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Ein uni­for­mier­ter Beam­ter, den ich hier noch nie gese­hen habe, tritt mir ent­ge­gen. »Ich will zu Albo«, sage ich und folge ihm durch den Gang, bis er an eine Tür klopft.

Drin­nen sitzt der Kom­mis­sar vor meh­re­ren Moni­to­ren, die offen­bar das Ver­hör­zim­mer zei­gen. An einem schmuck­lo­sen Holz­tisch dort, allein: ein Mann. Er trägt Hand­schel­len und hat seine Hände auf den Tisch gelegt.

»Wir haben ihn«, sagt Albo und blickt zu mir hoch, »und ich will dich unbe­dingt beim Ver­hör dabei haben.«

Viel­leicht wär’s nett gewe­sen, zuerst eine Ent­schul­di­gung von ihm dafür zu hören, mich mit­ten in der Nacht in die Poli­zei­di­rek­tion zu beor­dern. Aber das ist halt nicht Albos Art. Dabei hat mich sein Anruf aus dem Tief­schlaf geris­sen, und ich fühle mich immer noch, als sei ich see­krank und die Welt von Watte.

»Er wollte in den Alex ein­bre­chen. Den Fern­seh­turm«, fügt er über­flüs­si­ger­weise hinzu.

»Hat er da … ein wei­te­res Herz in einen Kor­ri­dor legen wol­len?«

Es ist ein jun­ger Mann mit zer­zaus­ten blon­den Haa­ren. Ich sehe getrock­nete blaue Farbe an sei­nen Hän­den und auf sei­nem Over­all.

Albo kratzt sich die Augen­braue und schüt­telt dann den Kopf: »Er hat sich als Anstrei­cher getarnt, mit Blau­mann und Farb­ei­mer und so, ist aber auf­ge­flo­gen, als er über die Not­treppe nach oben wollte.«

»Also kein Herz«, sage ich erleich­tert, »und wie steht es mit Tex­ten?«

»Fehl­an­zeige«, sagt Albo, »damit wär er ja auch zu früh dran. Der wollte nur den nächs­ten Kor­ri­dor aus­kund­schaf­ten. An den wich­tigs­ten Wahr­zei­chen der Stadt lasse ich seit ein, zwei Näch­ten ver­mehrt Streife gehen.«

»Hat er was gesagt? Gestan­den?« Ich ver­su­che den Mann auf dem Moni­tor irgend­wie ein­zu­ord­nen. Seine Augen schei­nen ins Leere zu star­ren, doch viel­leicht täuscht das Moni­tor­bild auch. Er ist jung. Eigent­lich viel zu jung. Zu grün hin­ter den Ohren.

»Nichts aus ihm raus­zu­krie­gen«, sagt Albo, aber trotz­dem wirkt er ein wenig stolz und erleich­tert. Er boxt mir jovial in den Ober­schen­kel: »Ich hoffe, du knackst ihn mir. Bevor ich zu mei­nen Metho­den grei­fen muss.«

»Und wenn er es gar nicht ist?«, frage ich. Albo rutscht unru­hig auf sei­nem Hocker hin und her: »Was soll er sonst da auf dem Alex gewollt haben?«

»Selbst­mord«, sage ich, »eine Wette mit sei­nen Kum­pels, ein Lie­bes­be­weis für seine Ange­be­tete …«

Albo macht eine fah­rige Hand­be­we­gung.

Ich lasse nicht locker: »Ich glaube kaum, dass der Kerl weiß, was die Viele-Wel­ten-Theo­rie ist.«

»Viele-Wel­ten-Theo­rie?«, fragt Albo.

»Text 63«, sage ich, »und ich bezweifle auch, dass er weiß, wie man ›Mega­lith­völ­ker‹ schreibt, Nr. 97, oder …«

Albo ist auf­ge­stan­den. »Denk dir lie­ber mal aus, wie wir ihn zu einem Geständ­nis brin­gen!«

»Uwe, Mann, sieh’s ein: Das ist nicht der Typ, den wir suchen. Soll­ten deine Leute aller­dings bei ihm in der Woh­nung fünf­zig Schreib­ma­schi­nen fin­den, ruf mich an, mei­net­hal­ben auch mit­ten in der Nacht, und ich komm auf den Knien hier­her­ge­kro­chen und ent­schul­dige mich bei dir.« Manch­mal muss man bei Albo mit dem Zaun­pfahl win­ken – oder bes­ser noch: damit auf ihn ein­schla­gen –, damit er kapiert, dass er sich ver­rannt hat.

Er sackt jeden­falls sicht­lich in sich zusam­men: »Dabei war ich mir so sicher.«

»Du bist über­ar­bei­tet. Wenn ich dir einen guten Rat als Freund geben darf: Nimm dir ein paar Tage frei, fahr in die Dat­sche am See, setz dich in die Sonne und starr Löcher in die Luft.«

Albo lächelt säu­er­lich.

»Tut mir leid«, sagt er, und ich spüre, dass die Worte nicht so rich­tig aus sei­nem Mund her­aus­wol­len, »dass ich dich aus dem Schlaf geholt habe. War’n biss­chen vor­ei­lig von mir, fürchte ich. Kaf­fee?«

Ich schüttle den Kopf. »Dann komm«, sagt er, »ich fahr dich nach Hause.« Das kenn ich schon. Mit Blau­licht über rote Ampeln. Nie wie­der. Da lass ich mir lie­ber ein Taxi rufen.

Das lässt auf sich war­ten, und ich gehe doch noch zu dem Anstrei­cher rein.

»Tach«, sage ich und warte keine Ant­wort ab, »viel­leicht kann ich dir für ein Graf­fiti auf dem Alex­an­der­turm eine Geneh­mi­gung besor­gen. Man muss halt die rich­ti­gen Leute ken­nen. Isses denn ein guter Spruch?«

Er blickt mich an, als sei ich eine Erschei­nung. Schließ­lich öff­net er den Mund, bewegt ihn mehr­mals wie ein nach Luft schnap­pen­der Fisch und ant­wor­tet schließ­lich: »Sollte unser Logo wer­den.«

»Aha«, sage ich, »ein Fir­men­logo?«

»Nein, nein: das von mir und mei­ner Freun­din.« ›Fal­sche Rei­hen­folge, Freund­chen‹, denke ich, ›so wird das nix mit euch bei­den.‹ Ich will ihn fra­gen, was es für ein Logo ist, aber da kommt der Beamte rein, der mich zu Albo geführt hatte, und flüs­tert mir ins Ohr: »Ihr Taxi ist da.«

»Dann viel Spaß noch«, sage ich, hebe meine Hand, und tat­säch­lich hebt der Kerl auch seine Hand, als seien wir Kum­pels. O selige Blau­äu­gig­keit! Ver­mut­lich kann diese Gene­ra­tion nicht für fünf Pfen­nig den­ken, weil die Pfen­nige abge­schafft wur­den. Alles geht den Bach run­ter.

Der Taxi­fah­rer will mir was von irgend­wel­chen Fuß­ball­spie­len erzäh­len. Albo würde jetzt sagen: »Schnauze hal­ten und fah­ren.« Ich ver­such das auch mal – und siehe da, es funk­tio­niert präch­tig.

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♫ Silen­cer ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zum »Raum der Stille« im Bran­den­bur­ger Tor. Bevor mich Uwe Albo ange­ru­fen hat, hatte ich keine Ahnung, dass es den über­haupt gibt. »Stille« steht hier in ver­schie­de­nen Spra­chen an der Wand. Eigent­lich ein guter Ort zu Ostern, aber ich ahne schon, was mich hier erwar­tet.

Alles ist abge­sperrt. Albos Kol­le­gen ken­nen mich und win­ken mich durch. Der Kom­mis­sar selbst steht in dem klei­nen schmuck­lo­sen Medi­ta­ti­ons­raum wie ein Holz­fäl­ler in einer Par­fü­me­rie. Mein Blick geht gleich auf den Boden, und tat­säch­lich, wie erwar­tet: In der Mitte des Rau­mes liegt ein Sta­pel Papier, und dar­auf ein blu­ti­ges Etwas.

»Wie­der ein Herz«, sagt Albo, als er mich sieht. »Das dritte.«

Eine knappe Hand­be­we­gung von ihm ver­scheucht die jun­gen Beam­ten. Wir sind allein. »Der Raum hier ist nachts ver­schlos­sen. Trotz­dem lag heute Mor­gen das Herz hier drin.« Albo fasst mir an den Arm. Ich sehe deut­lich das Weiße in sei­nen Augen. »Der Scheiß­kerl macht mir Angst, weißt du? Schreibt jeden Tag eine sei­ner Geschich­ten auf einer sei­ner Schreib­ma­schi­nen und ver­teilt, wenn er merkt, dass er mit den fünf­zig Schreib­ma­schi­nen durch ist, see­len­ru­hig ein wei­te­res sei­ner Her­zen in Ber­lin – ohne dass wir auch nur eine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men sind mit der Fahn­dung!«

Ich kann Albos Atem rie­chen, so nah steht er bei mir. Ist das ein Hil­fe­ruf? Kann er nicht mehr, ist er am Ende? Aber Albo lockert sei­nen Griff, lässt los und ballt zwei Fäuste. Seine Augen sind nur noch Schlitze, als er sagt, bedroh­lich leise: »Ich kauf ihn mir, mit die­sen alten Hän­den, und wenn ich ihn hab, kann er es mit sei­nen Ver­steck­spie­len gern mal in der Zelle ver­su­chen, in der er dann den Rest sei­nes Lebens ver­bringt.«

Er blickt mich an, wie um sich mei­ner Unter­stüt­zung zu ver­si­chern. Ich nicke ernst. Das scheint ihm zu genü­gen: »Komm, fah­ren wir. Die Spu­ren­si­che­rung über­nimmt den Rest.«

Spä­ter in Albos Büro stu­die­ren wir die Kopien der neuen Texte. Bekannte The­men, neue Wen­dun­gen, immer wie­der schim­mert das Spie­le­ri­sche, aber auch das Zwang­hafte durch.

»Ich war bei den Inte­gra­len«, sage ich. Albo blickt inter­es­siert auf, hatte wohl ganz ver­ges­sen, dass er mich beauf­tragt hatte, die Inte­grale Szene Ber­lins zu infil­trie­ren. »Durch­weg nette Leute, die glau­ben, den Stein der Wei­sen gefun­den zu haben – eine Art geschlif­fe­ner Kris­tall mit einer Reihe von Facet­ten, die alle berück­sich­tigt sein wol­len, was den Men­schen und die Welt angeht.«

»Facet­ten?«, fragt Albo stirn­run­zelnd.

»Ja, wie bei den Tex­ten des Mör­ders. Alles lässt sich aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln und Per­spek­ti­ven betrach­ten …«

»Aus denen ich mir dann ganz nach Belie­ben etwas rau­s­pi­cke.«

Ich schüttle den Kopf: »Nein, nein, ent­schei­dend bei der inte­gra­len Sicht­weise ist ja gerade, dass das Ganze ganz­heit­lich ist und man sich nicht auf Ein­zel­aspekte beschränkt.«

»Sprich: Du hast dich pudel­wohl bei denen gefühlt.«

»Es ist jeden­falls eine Phi­lo­so­phie, die das Leben in all sei­nen Erschei­nungs­for­men wert­schätzt und keine Mör­der pro­du­ziert, wenn du das meinst.«

Albo kratzt sich die Bart­stop­peln. »Wo fin­den wir ihn dann?« Ich klopfe mit dem Knö­chel auf mei­nen Sta­pel Kopien. Unsere ein­zige Spur.

Ein Uni­for­mier­ter mit Zie­gen­bärt­chen und Pfer­de­schwanz klopft an die offen ste­hende Tür, um auf sich auf­merk­sam zu machen. Albo tritt zu ihm. Ich ver­tiefe mich in die Texte vor mir. Da ist von einem Zwil­ling die Rede. Inter­es­sant. Eine Spur zu den Opfern, von denen die ers­ten bei­den offen­bar ein­ei­ige Zwil­linge waren? »Dann macht euch gefäl­ligst wie­der ran!«, höre ich Albo brül­len.

Schnau­bend kommt er wie­der ins Büro und schwenkt einen schma­len Akten­ord­ner: »Das Herz hat die glei­che DNA wie die bei­den vor­her.«

»Ein drit­ter ein­ei­iger Zwil­ling?«, frage ich über­rascht. »Gibt es das über­haupt? Ein­ei­ige Dril­linge?«

Albo schlägt die Akte auf sei­nen Schreib­tisch, dass es knallt. »Die sind so sel­ten, dass alle von denen regis­triert sind. Aber das passt alles nicht, ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass kein Dril­lings­pär­chen ver­misst wird.«

Das mit dem »Dril­lings­pär­chen« lasse ich ihm durch­ge­hen. »Dann sind es eben unre­gis­trierte Dril­linge. Oder sie haben im Labor einen Feh­ler gemacht …«

Albo nickt und wirkt plötz­lich sehr erschöpft. Er sagt: »Habe ich ihnen auch erklärt. Sie sol­len alles noch mal nach­prü­fen, jeden ein­zel­nen Schritt.« – »… oder«, fahre ich fort, »es sind Klone.« Albo starrt mich an. »Das waren drei­mal die Her­zen von erwach­se­nen Men­schen«, sagt er hei­ser. Ich nicke.

Albo stützt sich schwer auf den Schreib­tisch und blickt mir müde in die Augen. »Es gibt offi­zi­ell keine Men­schen-Klone, und schon gar keine Erwach­se­nen.« Ich nicke wie­der. »Offi­zi­ell«, sage ich.

»Oh Mann«, stöhnt Albo und lässt sich in sei­nen Schreib­tisch­stuhl fal­len. »Hous­ton, wir haben ein Pro­blem.«

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♫ Sloe Sea­son ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor der Wache, den Kopiensta­pel mit den Tex­ten des drei­fa­chen Mör­ders in der Hand, Texte, an denen buch­stäb­lich Blut klebt. Das Blut von ille­ga­len Klo­nen?

Albo ist in seine Akten ver­tieft. Ich spare mir die Begrü­ßung: »Gibt es eigent­lich ein­ei­ige Vier­linge?«

Albo blickt auf. »Die gab’s erst letzt­hin in Leip­zig. Sind ver­dammt sel­ten, aber nicht unmög­lich.«

Ich nehme mir einen Kaf­fee. Der Zucker ist alle.

Albo lässt mich nicht aus den Augen. »Warum fragst du?«

»Weil es dann viel­leicht vor­bei ist.«

Albo lacht bit­ter. »Vor­bei? Ich muss einen Mör­der fin­den, unab­hän­gig davon, was in fünf­zig Tagen ist!« – »Acht­und­vier­zig«, ver­bes­sere ich ihn. Albo bedenkt mich mit einem Blick, den man nicht im Kin­der­pro­gramm sen­den dürfte.

»Ray Brad­bury«, sagt er dann. Ich bli­cke ihn etwas ver­ständ­nis­los an. »Ame­ri­ka­ni­scher Autor«, sage ich. Albo nickt: »Charles Dickens lebt.« Ich zucke die Schul­tern. Albo wirft mir ein dün­nes, zer­le­se­nes Taschen­buch zu, Ray Brad­bu­rys Die ver­ges­sene Mars­stadt. »Charles Dickens lebt« heißt eine der Geschich­ten, die das Inhalts­ver­zeich­nis auf­führt.

»Du liest so was?«, frage ich ver­wun­dert. Albo schüt­telt den Kopf. »Hat mich einer unse­rer Foren­si­ker drauf gebracht. Da gibt’s einen Kerl drin, der sich für Charles Dickens hält, aber nichts Ver­nünf­ti­ges zu Papier brin­gen kann. Er kauft sich sechs Dut­zend Schreib­ma­schi­nen und schreibt wie ein Wahn­sin­ni­ger …« Damit steht er auf, tritt zu mir und nimmt mir das schmale Bänd­chen wie­der aus der Hand. Er schlägt es auf, sucht die Stelle und zitiert: »Gedichte, Essays, Tra­gi­sche Stü­cke, Komö­dien, Kurz­ge­schich­ten – und sie alle waren schlecht.«

»Was willst du mir sagen, Albo?«

»Das ist er, ver­stehst du? Die Schreib­ma­schi­nen, die unter­schied­li­chen Texte. Und dann setzt er sich …« Albo klopft auf das Büch­lein. »… hin­ten in einen Zug und schmeißt all die Sei­ten ein­zeln raus, und sie flat­tern davon. Tau­sende davon.«

»Aber das ist nur eine Geschichte, Albo. Wir haben drei Tote und einen Seri­en­kil­ler.«

Albo wirft das Buch auf sei­nen Tisch. »Nur eine Geschichte, sagst du? Aber das sind doch auch alles Geschich­ten! Die Schreib­ma­schi­nen, ver­stehst du denn nicht? Er kennt die Brad­bury-Story und iden­ti­fi­ziert sich mit ihr!«

»Jetzt komm mal run­ter, Albo. Der iden­ti­fi­ziert sich mit allem und mit gar nichts. Das ist ja gerade unser Pro­blem. Der ist ein Gestalt­wand­ler, und wir bekom­men ihn nicht in den Griff. Mal ist er ›inte­gral‹, mal sur­rea­lis­tisch. Wir begrei­fen ihn nicht, kapierst du? Du kannst nicht eine Facette raus­grei­fen, und das ist es dann. Nicht hier. Nicht bei dem. Und sechs Dut­zend Schreib­ma­schi­nen sind nicht fünf­zig.«

Albo sieht aus wie kurz vor einem Wut­aus­bruch. Irgend­wie muss er sich in die Brad­bury-Sache ver­bis­sen haben. Ich lasse ihn gar nicht erst zu Atem kom­men: »Die Nr. 122 ist auch so ein Teil. Unver­ständ­li­ches Gebrab­bel …« – ich such ihm den Text aus den Kopien raus – »… bis man das Ori­gi­nal ent­deckt.«

»Wel­ches Ori­gi­nal?«, fragt Albo. Er sieht stirn­run­zelnd in den Text.

»Da wird doch ein Brau­lio Are­nas erwähnt, rich­tig? Ein chi­le­ni­scher Dich­ter, und der hat rein zufäl­lig mal ein Gedicht ver­fasst mit dem Titel ›Druck­feh­ler‹, das eine Auf­zäh­lung von, äh, Druck­feh­lern ent­hält, die sich in einem unge­nann­ten Text befin­den. Ein sur­rea­lis­ti­sches Gedicht.«

»Und?«

»Die Nr. 122 ist die­ser Text. Er ent­hält alle auf­ge­lis­te­ten Druck­feh­ler. Bei­spiels­weise heißt es im Gedicht ›Statt aus einem Schuss zwei Tref­fer machen muss es hei­ßen aus einem Mund zwei Lip­pen machen‹. Kommt dir das bekannt vor? Oder ›Statt die Jugend die Schön­heit die Mühle muss es hei­ßen die Mühle die Schön­heit die Jugend‹. Letzt­lich haben mich die feh­len­den Kom­mata drauf gebracht, dass der Text die­ses Gedicht zur Grund­lage hat.«

Albo sieht in seine Kopie, reibt sich die Stop­peln, denkt nach. Schließ­lich fragt er: »Ergibt es denn so einen Sinn?« – »Nein«, sage ich, »es ist bloß die – ich zitiere – ›gro­teske Par­odie von etwas, das an sich schon absurd ist‹.« – »Aha«, sagt Albo.

Ich tippe in seine Kopie. »Ein Druck­feh­ler fehlt da übri­gens.« Albos Stirn legt sich in Fal­ten. »Ein Vers lau­tet: ›Statt ich liebe dich muss es hei­ßen ich liebe dich‹«.

»Wo ist da der Feh­ler?«

»Das macht ja gerade den Sur­rea­lis­mus aus. Und das­selbe gilt für den Kil­ler. Er ist genauso wenig Brau­lio Are­nas wie Charles Dickens!«

Albo nickt, ohne zu mir auf­zu­bli­cken: »Und wie nageln wir ihn fest?«

»Reden wir über jeman­den, der beschlos­sen hat, seine bizar­ren Gedan­ken­spiele so sehr in die Wirk­lich­keit aus­zu­de­hen, dass sich die Mord­kom­mis­sion mit ihnen beschäf­tigt«, sage ich und nehme die Kopien in die Hand. »Reden wir über unver­ein­bare Aus­sa­gen und zusam­men­bre­chende Glau­bens­sys­teme.«

Albo blickt auf. »Immer eine gute Idee«, sagt er. Sehe ich da so etwas wie ein säu­er­li­ches Lächeln um seine Mund­win­kel? Viel­leicht kommt es ihm auch so vor, dass es ein wenig ist wie vor drei­ßig, vier­zig Jah­ren, als wir bei­sam­men saßen und näch­te­lang über Gott und die Welt dis­ku­tier­ten – und all den Irr­sinn, den wir Men­schen hin­ein­tra­gen.