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Kastaliens Mönche
Ich betrete den Korridor seines Hausboots und überreiche meinem Freund Norbu eine Flasche Rotwein, die er lächelnd entgegennimmt. »Gehen wir nicht auf die Terrasse?«, frage ich. Norbu schüttelt den Kopf: »Zu viele Mücken um diese Zeit. Setzen wir uns ins Wohnzimmer.« Der Sonnenuntergang über dem See lässt sich mit einem Glas Barbaroux auch von hier genießen.
»Hesse«, sagt mein Freund unvermittelt – seine Art, ein Thema in den Raum zu stellen. »Der Steppenwolf«, antworte ich, »das magische Theater – war Schullektüre für mich.« In Norbus Augen entdecke ich einen Widerschein des Abendrots am Horizont. »Alles war Märchen, Spiel und Symbol«, sagt er, und ich vermute, dass es ein Zitat ist, »aber ich wollte auf seinen letzten Roman hinaus, Das Glasperlenspiel.« – »Von dem manche sagen, es habe sich bereits verwirklicht: mit dem Internet.«
Norbu lacht. »Dazu braucht es eine deutlich höhere Zahl als eine Zwei vor Punkt und Null.« Er blickt nachdenklich in den Himmel. Von der Sommersonne ist jetzt nur noch der Widerschein zu sehen. »Meme in immer neuen Kombinationen – ich frage mich, ob das zu etwas führen kann.«
Meme.
Damit meint mein Freund Norbu nicht etwa nur Internet-Meme, sondern viel allgemeiner: kommunizierbare und damit weiterzugebende gedankliche Inhalte. Zu denen dann auch virale Videos gehören. Ein erfolgreiches Mem ist jedenfalls eine Vorstellung, die sich in den Köpfen möglichst vieler Menschen festsetzt.
Und richtig: Hesses Ordensbrüder widmen sich im Grunde der Verknüpfung von Memen, auch wenn es das Wort damals noch nicht gegeben hat. Denn Meme lassen sich – deutlich schneller als ihre materiellen Gegenstücke, die Gene – mutieren und weiterentwickeln. Kultur, könnte man sagen, ist ein memtechnisches Verfahren.
»Wozu sollte das Glasperlenspiel im Roman dienen?«, fragt mich mein Freund Norbu. Ich zucke mit den Schultern: »Zum Zeitvertreib? Zur Erkenntnis?« – »Genau. Was aber, wenn die Erkenntnis ist, dass alles, was es gibt, nur auf eine unendliche Zahl von Kombinationen hinausläuft? Was bleibt dann?« Wieder zucke ich mit den Schultern. Norbu gibt die Antwort selbst: »Zeitvertreib.«
»Unsinn«, protestiere ich, »was ist mit der Bekämpfung des Leids und der Gier, der Befriedigung der Grundbedürfnisse aller, der Schaffung einer vereinten Menschheit mit Wertschätzung aller individuellen Facetten …?« Norbu unterbricht mich: »Nun, Neukombinationen von Memen können sicherlich die richtigen Ideen und damit die richtigen Lösungen für all das ergeben. Und dann? Und dann?« Er blickt mich auffordernd an. Ich ringe nach Worten, gebe es aber bald auf.
»Warum wohl«, fragt Norbu, nachdem er sich noch einen Schluck Rotwein hat schmecken lassen, »sind es bei Hesse Glasperlen – die kleinen farbigen Kugeln, wie man sie Naturvölkern schenkt, die ganz versessen danach sind, weil sie so schön schimmern und schillern?«
Ich hänge mit meinen Gedanken ein paar Schritte zurück. Die richtigen Lösungen für alles? Alles?! »Es werden nie alle Probleme gelöst sein«, postuliere ich, »sie wachsen nach. Sie liegen in der Natur der Sache.«
Norbu wiegt den Kopf wie ein Inder, der Ja sagt, aber Nein meint. »Sicher. Bei einer Unzahl von Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich auch alle möglichen und unmöglichen Probleme. Das Problem ist: Sind wir vielleicht nicht anders als die Naturvölker, die glauben, die Glasperlen seien überaus kostbar, wobei es in Wahrheit nur mehr oder weniger wertlose Abfallprodukte sind? Und tauschen wir nicht bedenkenlos unser Gold dagegen ein?«
Ich versuche, ihm zu folgen. Wie so oft ist es nicht ganz einfach. »Was wäre dann das Gold für uns?«, frage ich. Doch mein Freund Norbu schweigt und schwenkt vor dem rotgolden leuchtenden Himmel genießerisch den Rest Barbaroux in seinem Glas.