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Das Titelbild zeigt einen Mann im Anzug, der auf einer Gartenterrasse einen Tee trinkt. Hinter ihm liegen auf einer Art Sofa ein aufgeschlagenes Buch und eine rote Mappe. An einer Säule hängt ein expressionistisches Bild einer tanzenden Figur. Ein digitaler Button oben links zeigt das Piktogramm eines Käfers mit ausgebreiteten Flügeln.

♫ The Labour of Emer­gence ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor end­lich doch noch, nach müh­sa­men Ver­su­chen, in Trance zu fal­len. Jetzt bin ich wie­der in ver­trau­ter Umge­bung. Von Anfang an ist es in mei­ner Ima­gi­na­tion immer die­ser Kor­ri­dor mit den nack­ten Zie­gel­wän­den und den ver­blas­sen­den Fres­ken an der gewölb­ten Decke gewe­sen, der mich zu mei­nen ver­gan­ge­nen Leben geführt hat. Ich stu­diere sie, um für meine For­schun­gen als His­to­ri­ker Details und Infor­ma­tio­nen zu gewin­nen, wel­che die Quel­len, die mir als Wis­sen­schaft­ler zur Ver­fü­gung ste­hen, nie­mals her­ge­ben wür­den. Natür­lich darf kei­ner mei­ner Kol­le­gen oder gar der Insti­tuts­lei­ter davon erfah­ren.

Dies­mal jedoch ist es anders. Am Ende des Kor­ri­dors erwar­tet mich keine Tür, die mich in jeweils andere meist längst ver­gan­gene Zei­ten mit einer mir selt­sam ver­trau­ten Umge­bung führt – dies­mal öff­net sich der Kor­ri­dor in einen Gar­ten, der mir ganz fremd vor­kommt. Er emp­fängt mich mit einer fast über­wäl­ti­gen­den Far­ben­pracht, betäu­ben­den Blü­ten­düf­ten und dem Sum­men gan­zer Heer­scha­ren von Insek­ten. Ein dicker Brum­mer, wohl ein Mist­kä­fer, hält auf mich zu, und ich muss mich schnell weg­du­cken, um nicht getrof­fen zu wer­den.

In einem Pavil­lon sitzt ein älte­rer Herr mit einem fei­nen, grauen Schnauz­bart und sieht mir erwar­tungs­voll ent­ge­gen. Er gießt mir eine Tasse Tee ein. »Sie woll­ten mich spre­chen?«, fragt er freund­lich. Ich kenne ihn. Das kann kein ver­gan­ge­nes Leben sein, denn C. G. Jung starb erst 1961. Neben der zier­li­chen Kanne aus chi­ne­si­schem Por­zel­lan liegt ein Buch mit rotem Leder­ein­band.

Wir trin­ken Tee und reden über Mythen und Arche­ty­pen. Ich erläu­tere ihm meine Über­zeu­gung, dass unsere Welt einen völ­lig neuen Mythos braucht, der uns die Kraft und die Ori­en­tie­rung ver­leiht, die Pro­bleme unse­rer Zeit zu bewäl­ti­gen: Nur eine uni­ver­selle Geschichte und Kon­stel­la­tion kann uns, kann die zer­split­terte Welt zu einem gemein­schaft­li­chen Neu­an­fang, zu einem neuen Auf­bruch bewe­gen, glaube ich. Gil­gamesh, Pro­me­theus, Odys­seus, Arjuna, Paul Bun­yan, Fran­ken­stein, Peter Pan, Harry Pot­ter, Little Nemo (Comic, nicht Film), Rübe­zahl, Bat­man, Bernd das Brot – ich habe schon viele mythi­sche Figu­ren aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren dar­auf­hin abge­klopft, ob sie uns zeit­ge­mäße Ant­wor­ten bie­ten könn­ten oder auch nur Stra­te­gien, um Ant­wor­ten zu fin­den.

»Geht es um Ant­wor­ten?«, fragt mein Gesprächs­part­ner pfif­fig und nippt an sei­nem Tee.

Ja und nein. Letzt­lich geht es wohl um eine gesunde Sicht­weise – auf uns selbst und die Welt. Eine, die zu nach­hal­ti­gen Lösun­gen und Fort­schrit­ten führt.

Doch ich ver­liere den Faden und beginne, von dem Kor­ri­dor zu erzäh­len. »Ich betrete den Kor­ri­dor?«, wie­der­holt mein Gegen­über lächelnd. Das könne nicht der gesuchte neue Mythos sein. Er müsse etwas Ver­bin­den­des haben, etwas Kol­lek­ti­ves und Gemein­sinn-Stif­ten­des, das gleich­zei­tig tief aus dem Unbe­wuss­ten schöpft. »Ver­such es mit ›Wir betre­ten den Kor­ri­dor‹«, rät er mir.

Zuerst bin ich etwas kon­ster­niert, dann fühle ich mich mit einem Mal leicht und inspi­riert.

»Oder sogar: ›Wir betre­ten feu­er­trun­ken den Kor­ri­dor‹«, fügt er lächelnd an.

Klar: Wir! Wir alle! Bewe­gen uns vol­ler Zuver­sicht und Freude voran in einen Raum vol­ler neuer Mög­lich­kei­ten, auf dem bes­ten Weg, den bes­ten Weg, die bes­ten Wege zu fin­den. Ich bin nicht allein, auch du bist nicht allein. Kei­ner von uns. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.

Eine viel­ver­spre­chende Vision.

Ich könne jeder­zeit wie­der­kom­men, meint mein Gast­ge­ber zum Abschied. Die Suche nach einem neuen Mythos sei eine wich­tige Sache, an der er sich gerne mit Rat und Tat betei­lige. Froh, eine echte Kapa­zi­tät als Mit­strei­ter gefun­den zu haben, ver­lasse ich sei­nen Pavil­lon und den üppi­gen Gar­ten und betrete wie­der den Kor­ri­dor …