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In Amt und Würde
Ich betrete den Korridor. Die Glocken der nahe Kirche schlagen elf. Nicole ist pünktlich. Sie steht gegenüber an einem der großen Fenster im Flur und blickt hinaus. Als sie mich hört, sagt sie: »Man müsste fliegen können.«
»Können wir doch«, sage ich. Doch Nicole schüttelt den Kopf: »Ich meine: ohne Hilfsmittel. Einfach so aufschwingen, wie im Traum. Die Arme ausbreiten, und los!« Sie dreht sich zu mir um.
»Wie Hexen.«
»Die reiten auf Besen.«
»Aber nur, weil sie nicht den Richtigen finden.« Wir gehen gackernd zum Raucherbalkon und zünden uns unsere Elf-Uhr-Zigaretten an. Hier oben im siebten Stock sind wir höher als die Bäume. Tief unten wuselt die Stadt geschäftig durcheinander.
»Wie war dein Wochenende?«, frage ich Nicole. Sie grinst verschämt: »Ach, wie immer. Lange schlafen, im Schlafanzug rumhängen, Chips, Schokolade, ziellos zappen.«
»Du solltest in einen Chor gehen«, schlage ich ihr vor.
»Chor? Wie kommst du darauf?«
»Du hast eine schöne Stimme. Und da gibt es Bässe und Tenöre. Vielleicht ja sogar Heldentenöre?«
Sie lacht und prustet Rauch aus der Nase.
»Du suchst doch nach ’nem Helden.«
Sie lacht noch lauter: »Ich hatte, glaube ich, von einem Piraten gesprochen.«
»Stimmt«, sage ich, »und weil du eine schöne Stimme hast, solltest du in einen Chor gehen und einen Piratenbass kennenlernen.«
»Du hast mich doch noch nie singen hören.«
»Na und? Geht ja auch nicht ums Singen. Jedenfalls nicht direkt.«
»Ach, Lisa, komm du mal in mein Alter. Da denkt man anders, weißt du. In einen Chor zu gehen – was ist das denn schon für ein Kosten-Nutzen-Verhältnis.«
»Aber das kostet doch nichts, oder?«
»Doch. Zeit.«
»Du meinst die Zeit, die du sonst mit Schokolade, Chips und ziellosem Zappen verbringst.«
»Genau. Und Piraten singen nicht im Chor. Die ziehen durch die Welt, machen verrückte Dinge, rauben Schätze, sind nicht zu fassen …«
»Mit Holzbein, Haken am Arm und Augenklappe?«
Nicole lacht wieder. »Nein, nicht diese Art Pirat, sondern, wie soll ich sagen …? Du wirst es wissen, wenn du ihn siehst.«
»Gibt es denn da schon einen?«, frage ich lauernd.
Nicole schüttelt den Kopf und sieht plötzlich traurig aus. Sie wendet sich dem Himmel zu, wie um zu verbergen, dass ihr Tränen in den Augen stehen. Aber das kann nicht sein. Nicole ist taff. Sie ist selbst eine Piratin. Hier im Amt ist sie nur zeitweise gestrandet.
»Weißt du«, sagt sie, »dass wir hier oben im obersten Stockwerk eigentlich über allen anderen thronen?«
»Wir sind doch gar nicht die Einzigen hier. Was ist mit der Dohlen und der Pätzold?«
»Die zählen nicht. Den weitesten Weg von der Treppe aus haben wir. Wir haben die letzten Zimmer im Korridor.«
»Und wenn schon? Die will doch sonst keiner, weil der Aufzug nicht bis ganz nach oben fährt.«
»Aber so thronen wir über allen anderen und sind die Königinnen des Amtes.«
»Schönheitsköniginnen?«
Sie sieht mich lange und prüfend an, wirft ihren glühenden Zigarettenrest hinunter in die wuselnde Welt und schüttelt dann kurz den Kopf. »Königinnen«, sagt sie.
Ich muss lachen und werfe meinen Stummel hinterher. Dann stelle ich mich hinter sie an das Geländer des Raucherbalkons, nehme ihre Ärmel und breite mit ihr die Arme aus: »Wir sind die Königinnen der Welt!«
»Wir können fliegen!«, ruft sie.
Aber mit den Zigaretten ist auch die Pause vorbei, und wir fliegen gemeinsam wieder zurück in unsere Büros. »In unsere Thronsäle«, berichtigt mich Nicole.
»Hofhalten, repräsentieren, Untertanen empfangen …«
»… und hin und wieder Gnade walten lassen. Tja, sonst gerne. Heute allerdings steht königlicher Papierkram an, fürchte ich, Eure Majestät.«
»Bei mir auch, Eure königliche Hoheit«, antworte ich, aber Nicole schreitet bereits weiter durch den Korridor auf ihre ganz hinten liegenden Gemächer zu, aufrecht, würdevoll, mit gewählten Schritten und Königin durch und durch.
