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The Two Way Frog (in My Throat)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Albo steht in der Tür zu sei­nem Büro und dis­ku­tiert mit einem Kol­le­gen. Als er mich kom­men sieht, ein Päck­chen unter dem Arm, schickt er den Poli­zis­ten mit einer Hand­be­we­gung fort. »Woher?«, fragt er und erkun­digt sich gar nicht erst, ob ich tat­säch­lich die nächs­ten fünf­zig Texte des Mör­ders dabei­habe.

Ein flaues Gefühl macht sich in mei­ner Magen­ge­gend breit. Wie soll ich ihm nur erklä­ren, was mir der Mör­der erzählt hat? Zwei Tage lang habe ich mich von der Welt abge­schot­tet, Ter­mine abge­sagt, nach­ge­dacht, ver­sucht, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, sie wie­der ver­wor­fen. Schließ­lich bin ich ein­fach mit dem Päck­chen zur Wache auf­ge­bro­chen, ohne einen Plan zu haben.

»Kam mit der Post.« Ich muss Albo lang­sam vor­be­rei­ten. Und auf dem Päck­chen steht tat­säch­lich meine Adresse, und es sind die rich­ti­gen Auf­kle­ber und Stem­pel drauf. Mein Alter Ego, der Kil­ler, hat wohl mit ein­kal­ku­liert, dass ich die Texte zu Albo schleppe – und mir so die Tür offen­ge­hal­ten, ihm nichts von sei­nem Besuch bei mir erzäh­len zu müs­sen.

»Und?«, fragt Albo, wäh­rend wir sein Büro betre­ten, »Blut? Ein Herz? Rasier­klin­gen?«

Ich schüttle den Kopf und hole den Papier­sta­pel aus dem Päck­chen her­aus. Er ist unbe­fleckt.

»Das hätte trotz­dem alles in die Foren­sik gemusst!«, meint Albo tadelnd.

»Ich weiß«, sage ich, »sorry.« Ich winde mich ein wenig unter sei­nem Blick.

»Na, mal sehen, was er dies­mal schreibt.« Albo blät­tert die Sei­ten durch. Ich will ihm sagen, dass das alles von par­al­le­len Ichs von mir stammt, gesam­melt vom Mör­der, der ver­sucht, seine Alter Egos von einer Untat abzu­hal­ten, die er selbst began­gen hat – und der tötet, wenn sonst nichts hilft.

»Bin ja schon froh, wenn kein blu­ti­ges Herz drauf liegt«, mur­melt Albo mehr zu sich selbst als zu mir. Die Her­zen, will ich ihm sagen, hat der Mör­der drauf­ge­legt, um mich davon zu über­zeu­gen, dass stimmt, was er behaup­tet – und mit den Mor­den hat er jeweils das Ende der Welt ver­hin­dert. Es ist Irr­sinn. Ich bin die ganze Geschichte immer wie­der durch­ge­gan­gen. Wenn sie wahr wäre, ging mir irgend­wann auf, hätte ich an sei­ner Stelle viel­leicht genauso gehan­delt. Denn ohne die Her­zen, ohne die inzwi­schen zwei­hun­dert­fünf­zig Texte hätte ich mei­nem par­al­lel­welt­rei­sen­den Gegen­stück das Gru­sel­mär­chen nie­mals geglaubt.

Albo blät­tert inter­es­siert und scannt die neuen Texte durch. »Hm, da sind ja wie­der unsere zwei Gra­zien aus dem Amt. Offen­bar auch unser alter Bekann­ter, der Atlan­ter – wow, lange Geschichte dies­mal, hüb­sche Tipp­ar­beit. Und die­ser Norbu auf dem Haus­boot hat auch wie­der einen Auf­tritt. Gehö­ren ja alle sozu­sa­gen schon zur Fami­lie.« Er wirft mir einen Blick zu. »Irgend­was Neues oder Auf­fäl­li­ges dabei?«

»Wir müs­sen reden, Uwe«, ant­worte ich. Das mit dem flauen Gefühl wird schlim­mer. Aber ich kann nicht noch län­ger war­ten. Zuerst fülle ich mir an der Kaf­fee­ma­schine einen Plas­tik­be­cher. Mir ist woh­ler, solange ich Albo den Rücken zuwende. »Es ist da in den Tex­ten doch immer wie­der von Par­al­lel­wel­ten die Rede …«

Albo brummt. »Cerils Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon? Oder was meinst du?«

»Ich meine die­sen Text, wo er schreibt, dass er Anhän­ger der Viele-Wel­ten-Theo­rie ist. Was ja immer wie­der Thema ist. Bis hin zu Rei­sen in diese par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Der Kaf­fee ist ein­ge­schüt­tet, gezu­ckert, gerührt – ich muss mich wie­der zu Albo umdre­hen.

»Wor­auf willst du hin­aus?«, fragt er und sieht mich miss­trau­isch an.

»Auf die drei Her­zen mit iden­ti­scher DNA.«

»Vier Her­zen. Und eines schlägt noch. Gott­lob.«

Ich setze mich ihm gegen­über und stelle den Papp­be­cher auf sei­nem Schreib­tisch ab. »Was für eine Erklä­rung kann es für die Her­zen geben?«

»Klone«, sagt Albo, »oder er kann Organe wach­sen las­sen. Oder er ist Spe­cial-Effects-Tech­ni­ker und kann Her­zen täu­schend echt nach­bauen.« Er zieht eine sei­ner Brauen hoch. »Aber wahr­schein­lich gibt es eine ganz simple Erklä­rung, eine, auf die wir noch gar nicht gekom­men sind. Wenn wir ihn erst haben, fin­den wir auch die Erklä­rung.«

»Und wenn es sich nun vier­mal um die glei­che Per­son han­delt?«

Albo wirft mir einen über­rasch­ten Blick zu. »Jeman­den mit mul­ti­plen Her­zen? Nie davon gehört.«

»Nein. Es ist die­selbe Per­son – in ver­schie­de­nen par­al­le­len Wirk­lich­kei­ten.«

Wie­der weckt Albos Blick in mir das drin­gende Bedürf­nis, mich unter sei­nem Tisch zu ver­krie­chen. Er öff­net den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn dann aber wie­der. Ich halte es nicht aus und bli­cke zu Boden. Und ich muss nicht Psy­cho­loge sein, um zu wis­sen, dass ich damit ver­lo­ren habe.

»Wenn ich in andere Wel­ten rei­sen könnte, ein­fach so …« Albo schnippt. Ich hebe mei­nen Blick wie­der. »Dann hätte ich echt was Bes­se­res zu tun als Leu­ten ihre Pumpe raus­zu­schnei­den, mir in einer der vie­len Wel­ten eine raue, graue, schmut­zige Stadt raus­zu­su­chen und die Her­zen in irgend­wel­chen Sehens­wür­dig­kei­ten auf irgend­wel­chen splee­ni­gen Geschicht­chen zu plat­zie­ren, damit sich die Mord­kom­mis­sion auf meine Spur setzt.«

Aber er ist eine geschun­dene Seele, will ich sagen, er hat eine mons­tröse Schuld auf sich gela­den, und er sieht nur eine Mög­lich­keit, für sei­nen Feh­ler gera­de­zu­ste­hen! All das will ich Albo erklä­ren, ihn beschwö­ren, ihm alles erzäh­len vom Besuch des Mör­ders bei mir und dass ich ihm hel­fen soll. Dass ich vor der wohl schwers­ten und fol­gen­reichs­ten Ent­schei­dung mei­nes Lebens stehe und jetzt nichts drin­gen­der bräuchte als den Rat eines Freun­des.

All das bringe ich jedoch nicht über die Lip­pen.

»Wir suchen einen Mör­der. Hast du etwas Neues dazu bei­zu­tra­gen?«

Albo ist sauer. Das ist nicht zu über­hö­ren. Der erste Mord ist schon über ein hal­bes Jahr her, und mit der Fahn­dung ist er keine Hand­breit wei­ter­ge­kom­men.

»In Text 233 schreibt er«, sage ich und hasse mich gleich­zei­tig dafür, »dass er die Texte im Inter­net hat schrei­ben las­sen, von irgend­wel­chen Leu­ten, die für ein Taschen­geld mehr oder weni­ger krea­tive Mikro­jobs über­neh­men. Mecha­ni­cal Turk heißt die Methode. Viel­leicht stimmt’s, und wir kön­nen ihn dar­über ding­fest machen.«

»Lass ich che­cken«, meint Albo. Seine Augen blit­zen – der alte Spür­hund hat wie­der eine Fährte auf­ge­nom­men. Sie wird ins Leere füh­ren. Es macht mich trau­rig, mei­nen Freund belü­gen zu müs­sen.

»Den Zodiac-Kil­ler haben sie nie gefasst, obwohl er zahl­rei­che Briefe und Kar­ten geschrie­ben hat.« Mit mei­nem hilf­lo­sen Ver­such, Albo dar­auf vor­zu­be­rei­ten, dass seine Fahn­dung erfolg­los blei­ben wird, mache ich alles nur noch schlim­mer. In sei­nem Blick lese ich seine abgrund­tiefe Ent­täu­schung dar­über, ihn und die Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion mit dem glück­lo­sen FBI zu ver­glei­chen.

Ich muss schlu­cken. »Schick mir Kopien«, sage ich hei­ser und mit Fin­ger­zeig auf den Papier­sta­pel auf sei­nem Schreib­tisch, »viel­leicht find ich noch was raus.« Auch das eine Not­lüge. Ehr­lich wäre, ein »über mich« anzu­fü­gen.

»Mach ich«, sagt er kurz ange­bun­den.

Der Papp­be­cher ist leer­ge­trun­ken. Ich werfe ihn im hohen Bogen in den Papier­korb. Einen klei­nen Augen­blick lang tanzt er auf dem Rand, bevor er hin­ein­fällt. Das Zei­chen für mei­nen Auf­bruch. Auch Albo erhebt sich. Ein wenig erstaunt es ihn, als ich ihn kurz umarme. Er grunzt leise, und ich drehe mich schnell von ihm weg, weil ich Angst habe, er sieht, dass mir Trä­nen in den Augen ste­hen.

 

Der Zodiac-Kil­ler:Link