254/398
The Two Way Frog (in My Throat)
Ich betrete den Korridor. Albo steht in der Tür zu seinem Büro und diskutiert mit einem Kollegen. Als er mich kommen sieht, ein Päckchen unter dem Arm, schickt er den Polizisten mit einer Handbewegung fort. »Woher?«, fragt er und erkundigt sich gar nicht erst, ob ich tatsächlich die nächsten fünfzig Texte des Mörders dabeihabe.
Ein flaues Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. Wie soll ich ihm nur erklären, was mir der Mörder erzählt hat? Zwei Tage lang habe ich mich von der Welt abgeschottet, Termine abgesagt, nachgedacht, versucht, Entscheidungen zu treffen, sie wieder verworfen. Schließlich bin ich einfach mit dem Päckchen zur Wache aufgebrochen, ohne einen Plan zu haben.
»Kam mit der Post.« Ich muss Albo langsam vorbereiten. Und auf dem Päckchen steht tatsächlich meine Adresse, und es sind die richtigen Aufkleber und Stempel drauf. Mein Alter Ego, der Killer, hat wohl mit einkalkuliert, dass ich die Texte zu Albo schleppe – und mir so die Tür offengehalten, ihm nichts von seinem Besuch bei mir erzählen zu müssen.
»Und?«, fragt Albo, während wir sein Büro betreten, »Blut? Ein Herz? Rasierklingen?«
Ich schüttle den Kopf und hole den Papierstapel aus dem Päckchen heraus. Er ist unbefleckt.
»Das hätte trotzdem alles in die Forensik gemusst!«, meint Albo tadelnd.
»Ich weiß«, sage ich, »sorry.« Ich winde mich ein wenig unter seinem Blick.
»Na, mal sehen, was er diesmal schreibt.« Albo blättert die Seiten durch. Ich will ihm sagen, dass das alles von parallelen Ichs von mir stammt, gesammelt vom Mörder, der versucht, seine Alter Egos von einer Untat abzuhalten, die er selbst begangen hat – und der tötet, wenn sonst nichts hilft.
»Bin ja schon froh, wenn kein blutiges Herz drauf liegt«, murmelt Albo mehr zu sich selbst als zu mir. Die Herzen, will ich ihm sagen, hat der Mörder draufgelegt, um mich davon zu überzeugen, dass stimmt, was er behauptet – und mit den Morden hat er jeweils das Ende der Welt verhindert. Es ist Irrsinn. Ich bin die ganze Geschichte immer wieder durchgegangen. Wenn sie wahr wäre, ging mir irgendwann auf, hätte ich an seiner Stelle vielleicht genauso gehandelt. Denn ohne die Herzen, ohne die inzwischen zweihundertfünfzig Texte hätte ich meinem parallelweltreisenden Gegenstück das Gruselmärchen niemals geglaubt.
Albo blättert interessiert und scannt die neuen Texte durch. »Hm, da sind ja wieder unsere zwei Grazien aus dem Amt. Offenbar auch unser alter Bekannter, der Atlanter – wow, lange Geschichte diesmal, hübsche Tipparbeit. Und dieser Norbu auf dem Hausboot hat auch wieder einen Auftritt. Gehören ja alle sozusagen schon zur Familie.« Er wirft mir einen Blick zu. »Irgendwas Neues oder Auffälliges dabei?«
»Wir müssen reden, Uwe«, antworte ich. Das mit dem flauen Gefühl wird schlimmer. Aber ich kann nicht noch länger warten. Zuerst fülle ich mir an der Kaffeemaschine einen Plastikbecher. Mir ist wohler, solange ich Albo den Rücken zuwende. »Es ist da in den Texten doch immer wieder von Parallelwelten die Rede …«
Albo brummt. »Cerils Gravitationstelefon? Oder was meinst du?«
»Ich meine diesen Text, wo er schreibt, dass er Anhänger der Viele-Welten-Theorie ist. Was ja immer wieder Thema ist. Bis hin zu Reisen in diese parallelen Wirklichkeiten.«
Der Kaffee ist eingeschüttet, gezuckert, gerührt – ich muss mich wieder zu Albo umdrehen.
»Worauf willst du hinaus?«, fragt er und sieht mich misstrauisch an.
»Auf die drei Herzen mit identischer DNA.«
»Vier Herzen. Und eines schlägt noch. Gottlob.«
Ich setze mich ihm gegenüber und stelle den Pappbecher auf seinem Schreibtisch ab. »Was für eine Erklärung kann es für die Herzen geben?«
»Klone«, sagt Albo, »oder er kann Organe wachsen lassen. Oder er ist Special-Effects-Techniker und kann Herzen täuschend echt nachbauen.« Er zieht eine seiner Brauen hoch. »Aber wahrscheinlich gibt es eine ganz simple Erklärung, eine, auf die wir noch gar nicht gekommen sind. Wenn wir ihn erst haben, finden wir auch die Erklärung.«
»Und wenn es sich nun viermal um die gleiche Person handelt?«
Albo wirft mir einen überraschten Blick zu. »Jemanden mit multiplen Herzen? Nie davon gehört.«
»Nein. Es ist dieselbe Person – in verschiedenen parallelen Wirklichkeiten.«
Wieder weckt Albos Blick in mir das dringende Bedürfnis, mich unter seinem Tisch zu verkriechen. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, schließt ihn dann aber wieder. Ich halte es nicht aus und blicke zu Boden. Und ich muss nicht Psychologe sein, um zu wissen, dass ich damit verloren habe.
»Wenn ich in andere Welten reisen könnte, einfach so …« Albo schnippt. Ich hebe meinen Blick wieder. »Dann hätte ich echt was Besseres zu tun als Leuten ihre Pumpe rauszuschneiden, mir in einer der vielen Welten eine raue, graue, schmutzige Stadt rauszusuchen und die Herzen in irgendwelchen Sehenswürdigkeiten auf irgendwelchen spleenigen Geschichtchen zu platzieren, damit sich die Mordkommission auf meine Spur setzt.«
Aber er ist eine geschundene Seele, will ich sagen, er hat eine monströse Schuld auf sich geladen, und er sieht nur eine Möglichkeit, für seinen Fehler geradezustehen! All das will ich Albo erklären, ihn beschwören, ihm alles erzählen vom Besuch des Mörders bei mir und dass ich ihm helfen soll. Dass ich vor der wohl schwersten und folgenreichsten Entscheidung meines Lebens stehe und jetzt nichts dringender bräuchte als den Rat eines Freundes.
All das bringe ich jedoch nicht über die Lippen.
»Wir suchen einen Mörder. Hast du etwas Neues dazu beizutragen?«
Albo ist sauer. Das ist nicht zu überhören. Der erste Mord ist schon über ein halbes Jahr her, und mit der Fahndung ist er keine Handbreit weitergekommen.
»In Text 233 schreibt er«, sage ich und hasse mich gleichzeitig dafür, »dass er die Texte im Internet hat schreiben lassen, von irgendwelchen Leuten, die für ein Taschengeld mehr oder weniger kreative Mikrojobs übernehmen. Mechanical Turk heißt die Methode. Vielleicht stimmt’s, und wir können ihn darüber dingfest machen.«
»Lass ich checken«, meint Albo. Seine Augen blitzen – der alte Spürhund hat wieder eine Fährte aufgenommen. Sie wird ins Leere führen. Es macht mich traurig, meinen Freund belügen zu müssen.
»Den Zodiac-Killer haben sie nie gefasst, obwohl er zahlreiche Briefe und Karten geschrieben hat.« Mit meinem hilflosen Versuch, Albo darauf vorzubereiten, dass seine Fahndung erfolglos bleiben wird, mache ich alles nur noch schlimmer. In seinem Blick lese ich seine abgrundtiefe Enttäuschung darüber, ihn und die Berliner Mordkommission mit dem glücklosen FBI zu vergleichen.
Ich muss schlucken. »Schick mir Kopien«, sage ich heiser und mit Fingerzeig auf den Papierstapel auf seinem Schreibtisch, »vielleicht find ich noch was raus.« Auch das eine Notlüge. Ehrlich wäre, ein »über mich« anzufügen.
»Mach ich«, sagt er kurz angebunden.
Der Pappbecher ist leergetrunken. Ich werfe ihn im hohen Bogen in den Papierkorb. Einen kleinen Augenblick lang tanzt er auf dem Rand, bevor er hineinfällt. Das Zeichen für meinen Aufbruch. Auch Albo erhebt sich. Ein wenig erstaunt es ihn, als ich ihn kurz umarme. Er grunzt leise, und ich drehe mich schnell von ihm weg, weil ich Angst habe, er sieht, dass mir Tränen in den Augen stehen.