201/398

Lethal Spe­li­cans

Logo

 
 
 
Ich betrete den Kor­ri­dor und folge einem Beam­ten, der ein Paket zu Albos Büro trägt. »Keine Bombe drin«, sagt er und setzt das Päck­chen auf Albos Schreib­tisch ab. Der nickt mir grü­ßend zu und meint: »Post für dich. Eben ein­ge­trof­fen.«

Heute ist der zwei­hun­dertste Tag nach dem ers­ten grau­si­gen Fund eines mensch­li­chen Her­zens auf einem Sta­pel Papier. Das ist der Anlass für mich, hier auf­zu­kreu­zen: die Sorge, der Mör­der könnte wie­der zuge­schla­gen haben. Und dann dies: ein Päck­chen. Es steht tat­säch­lich mein Name drauf, c/o Ber­li­ner Mord­kom­mis­sion. »Ich hab’s vor­sichts­hal­ber mal durch­leuch­ten las­sen«, sagt Albo. Er blickt mich prü­fend an. Ich zucke die Schul­tern und reiße das Paket­kle­be­band run­ter, öffne die obe­ren Laschen und stoße auf Stoff. Offen­bar ein oben ver­schnür­ter Jute­sack. Ich öffne den Kno­ten und ziehe die Jute zur Seite, aber dann durch­zuckt mir ein jäher Schmerz, und ich ziehe meine Fin­ger zurück. Mein rech­ter Mit­tel­fin­ger blu­tet – ich ste­cke ihn in den Mund.

Albo unter­sucht den Paket­in­halt vor­sich­tig und ent­deckt, innen in den Jute­sack ein­ge­näht, meh­rere Rasier­klin­gen. An einer von ihnen: fri­sches Blut. Mein Blut. An ihr habe ich mich geschnit­ten.

Und dar­un­ter: ein Sta­pel Papier. Es ist fle­ckig, und von den letz­ten drei Mal weiß ich, dass es sich um ein­ge­trock­ne­tes Blut han­deln dürfte.

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, liest Albo den ers­ten Satz vom obers­ten Blatt ab. Es wer­den genau fünf­zig sein, mit fünf­zig ver­schie­de­nen Schreib­ma­schi­nen geschrie­ben. Ich nehme den Fin­ger aus dem Mund: »Kein Herz dabei?«

Albo schüt­telt den Kopf. »Ich geb das Zeug in die Foren­sik«, sagt er, »Fin­ger okay?« Es ist nur ein klei­ner Schnitt, nichts Ernst­haf­tes. Albo trägt das Paket wie­der raus. Ich trete ans Fens­ter. Was sollte das? Warum schickt der Kerl mir die Texte? Woher weiß er über­haupt von mir? Und was soll die Num­mer mit den Rasier­klin­gen?

Albo kommt zurück: »Kopien kön­nen wir in einer knap­pen Stunde haben, sagt das Labor.« Albo blickt mich an, ein selt­sa­mes Fun­keln in sei­nen Augen. »Hast du schon eine Idee?«

Mir ist natür­lich klar, was er meint. Der Mör­der scheint zu wis­sen, wer hin­ter ihm her ist, und sogar, dass ich heute, an dem Tag, an dem wir ein wei­te­res Zei­chen von ihm – schlimms­ten­falls ein wei­te­res Herz – erwar­ten, bei Albo im Büro auf­kreuze. Es ist ein wenig gespens­tisch.

»Könnte es sein, dass er die Morde dei­net­we­gen ver­übt hat?« Albo sieht nicht aus, als ob er scher­zen würde. Er fällt schwer auf sei­nen Stuhl, der das mit einem Äch­zen quit­tiert. »Es war viel­leicht einer dei­ner Pati­en­ten. Denk nach!«, for­dert er mich auf.

»Da gibt es nie­man­den«, ant­worte ich, aber das kam zu schnell. Albo blickt mich for­schend an: »Mann, du hast jahr­zehn­te­lang als Psych­ia­ter gear­bei­tet!« – »Psy­cho­loge«, berich­tige ich ihn, auch wenn es dar­auf jetzt nicht ankommt.

»Bring mir doch mal das hier«, sagt Albo und weist auf meine Auf­zeich­nun­gen, »mit der Tat­sa­che zusam­men, dass er die nächs­ten fünf­zig Texte dir höchst­per­sön­lich schickt!« Ich bin alles haar­klein durch­ge­gan­gen, alle hun­dert­fünf­zig Texte, die uns vom Mör­der vor­lie­gen, und habe so was wie eine sta­tis­ti­sche Erhe­bung gemacht. Dar­aus haben wir in den letz­ten Wochen ein Pro­fil ent­wi­ckelt – ich mit mei­ner beruf­li­chen Erfah­rung als Psy­cho­loge, und Albo mit sei­nem Instinkt als lang­jäh­ri­ger Haupt­kom­mis­sar der Mord­kom­mis­sion. Zwei Vete­ra­nen ihres Fachs.

Unse­ren The­sen haben wir jeweils einen Wahr­schein­lich­keits­wert zuge­ord­net, von 1 = höchst unwahr­schein­lich bis 10 = höchst­wahr­schein­lich.

Mein Notiz­blatt ist, obwohl ich ver­sucht habe, sys­te­ma­tisch vor­zu­ge­hen, über­sät mit Strei­chun­gen, Pfei­len und ein­ge­kreis­ten Wor­ten und Sät­zen. »Der Mör­der ist der Autor der Texte (8)«, lese ich da, und »Die Texte stam­men alle aus einer Hand (7,5)« – Letz­te­res ein Mit­tel­wert aus mei­ner 8 und Albos 7. Es ste­hen aber auch Annah­men wie diese auf dem Blatt: »Es han­delt sich in Wahr­heit nicht um mensch­li­che Her­zen, auch wenn die Gerichts­me­di­zi­ner sich des­sen sicher sind (2)«.

»Er lebt in Ber­lin«, sagt Albo mit Blick auf seine Auf­zeich­nun­gen, und ich ergänze im Geiste »oder im direk­ten Umland (8)«. Albo fährt fort: »Es han­delt sich um einen Mann« – ich ergänze »(9)« – »etwa vier­zig Jahre alt, stu­diert, viel­fäl­tige Inter­es­sen, liest viel, ist hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Ratio­na­li­tät und einem Hang zu Roman­tik, Mär­chen, Fan­tasy und Sci­ence-Fic­tion.« Ich komme mit den Wahr­schein­lich­kei­ten nicht hin­ter­her, aber Albo greift nur die The­sen raus, die bei (7) oder höher lie­gen.

»Er ist katho­lisch erzo­gen, hetero, Sin­gle«, zitiert Albo wei­ter aus unse­rer Text­ana­lyse, »nicht gut auf Obrig­kei­ten zu spre­chen, hat Erfah­rung mit psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen, ist Rau­cher und hasst das Rau­chen gleich­zei­tig.« Albo blickt zu mir hoch: »Impul­si­ver Cha­rak­ter, even­tu­ell psy­cho­ti­sche Schübe, will als Welt­ver­bes­se­rer die Mensch­heit beglü­cken …«

»Wobei ich mir dabei …« – ich kra­kle, wäh­rend ich mei­nen Ein­wand mache, auf mei­nen Noti­zen herum – »… da nicht mehr ganz sicher bin. Viel­leicht ist das mit der neuen Leit­idee fürs 21. Jahr­hun­dert doch eher sar­kas­tisch gemeint.«

Albo blickt genervt zu mir. Stimmt, das hat­ten wir schon. Aber es ist eben kein ein­fa­cher, ein­deu­ti­ger, ein­di­men­sio­na­ler Fall.
»Die­ses ›Ich bin nicht allein. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.‹: Das kann der Kerl ein­fach nicht ernst mei­nen. Wenn du mich fragst, ist das Ver­ar­sche. Der macht sich lus­tig über Welt­ver­bes­se­rer.«

Obwohl ich keine neue Zahl genannt habe, radiert Albo in sei­nen Noti­zen etwas aus und trägt mit Blei­stift eine Kor­rek­tur ein. »Wie auch immer«, er blickt wie­der hoch zu mir, »jeden­falls schreibt er von Visio­nen und scheint sich für eine Art Mys­ti­ker zu hal­ten. Und jetzt die Preis­frage an dich: Klin­gelt da was?«

Doch mir will nichts ein­fal­len. Einer mei­ner Kli­en­ten aus den letz­ten Jahr­zehn­ten? Ein Pro­band? Etwa ein Kol­lege?!

»Ich lass dich jetzt mal allein, mein Freund«, sagt Albo und erhebt sich. »Wenn ich wie­der­komme, sind dir ein bis drei Leute aus dei­nem Umfeld ein­ge­fal­len, auf die das Pro­fil pas­sen könnte.« Das meint er nicht als Frage oder als Ange­bot. Das ist der Ton­fall, der keine Wider­rede dul­det. Er stapft aus dem Büro.

Ich drehe mei­nen Notiz­zet­tel um und beginne auf der lee­ren Seite mit dem Wort »Stu­dium« und den ent­spre­chen­den Jah­res­zah­len, um einen Lebens­lauf anzu­le­gen. Irgendwo zwi­schen mei­nem ers­ten Semes­ter und heute muss sich der Mör­der ver­ste­cken – das Päck­chen an mich lässt daran kei­nen Zwei­fel. Dann kom­men die Namen. Ich schreibe sie dazu, soweit sie mir noch ein­fal­len. Bald brau­che ich wei­te­res Papier.