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Lethal Spelicans
Ich betrete den Korridor und folge einem Beamten, der ein Paket zu Albos Büro trägt. »Keine Bombe drin«, sagt er und setzt das Päckchen auf Albos Schreibtisch ab. Der nickt mir grüßend zu und meint: »Post für dich. Eben eingetroffen.«
Heute ist der zweihundertste Tag nach dem ersten grausigen Fund eines menschlichen Herzens auf einem Stapel Papier. Das ist der Anlass für mich, hier aufzukreuzen: die Sorge, der Mörder könnte wieder zugeschlagen haben. Und dann dies: ein Päckchen. Es steht tatsächlich mein Name drauf, c/o Berliner Mordkommission. »Ich hab’s vorsichtshalber mal durchleuchten lassen«, sagt Albo. Er blickt mich prüfend an. Ich zucke die Schultern und reiße das Paketklebeband runter, öffne die oberen Laschen und stoße auf Stoff. Offenbar ein oben verschnürter Jutesack. Ich öffne den Knoten und ziehe die Jute zur Seite, aber dann durchzuckt mir ein jäher Schmerz, und ich ziehe meine Finger zurück. Mein rechter Mittelfinger blutet – ich stecke ihn in den Mund.
Albo untersucht den Paketinhalt vorsichtig und entdeckt, innen in den Jutesack eingenäht, mehrere Rasierklingen. An einer von ihnen: frisches Blut. Mein Blut. An ihr habe ich mich geschnitten.
Und darunter: ein Stapel Papier. Es ist fleckig, und von den letzten drei Mal weiß ich, dass es sich um eingetrocknetes Blut handeln dürfte.
»Ich betrete den Korridor«, liest Albo den ersten Satz vom obersten Blatt ab. Es werden genau fünfzig sein, mit fünfzig verschiedenen Schreibmaschinen geschrieben. Ich nehme den Finger aus dem Mund: »Kein Herz dabei?«
Albo schüttelt den Kopf. »Ich geb das Zeug in die Forensik«, sagt er, »Finger okay?« Es ist nur ein kleiner Schnitt, nichts Ernsthaftes. Albo trägt das Paket wieder raus. Ich trete ans Fenster. Was sollte das? Warum schickt der Kerl mir die Texte? Woher weiß er überhaupt von mir? Und was soll die Nummer mit den Rasierklingen?
Albo kommt zurück: »Kopien können wir in einer knappen Stunde haben, sagt das Labor.« Albo blickt mich an, ein seltsames Funkeln in seinen Augen. »Hast du schon eine Idee?«
Mir ist natürlich klar, was er meint. Der Mörder scheint zu wissen, wer hinter ihm her ist, und sogar, dass ich heute, an dem Tag, an dem wir ein weiteres Zeichen von ihm – schlimmstenfalls ein weiteres Herz – erwarten, bei Albo im Büro aufkreuze. Es ist ein wenig gespenstisch.
»Könnte es sein, dass er die Morde deinetwegen verübt hat?« Albo sieht nicht aus, als ob er scherzen würde. Er fällt schwer auf seinen Stuhl, der das mit einem Ächzen quittiert. »Es war vielleicht einer deiner Patienten. Denk nach!«, fordert er mich auf.
»Da gibt es niemanden«, antworte ich, aber das kam zu schnell. Albo blickt mich forschend an: »Mann, du hast jahrzehntelang als Psychiater gearbeitet!« – »Psychologe«, berichtige ich ihn, auch wenn es darauf jetzt nicht ankommt.
»Bring mir doch mal das hier«, sagt Albo und weist auf meine Aufzeichnungen, »mit der Tatsache zusammen, dass er die nächsten fünfzig Texte dir höchstpersönlich schickt!« Ich bin alles haarklein durchgegangen, alle hundertfünfzig Texte, die uns vom Mörder vorliegen, und habe so was wie eine statistische Erhebung gemacht. Daraus haben wir in den letzten Wochen ein Profil entwickelt – ich mit meiner beruflichen Erfahrung als Psychologe, und Albo mit seinem Instinkt als langjähriger Hauptkommissar der Mordkommission. Zwei Veteranen ihres Fachs.
Unseren Thesen haben wir jeweils einen Wahrscheinlichkeitswert zugeordnet, von 1 = höchst unwahrscheinlich bis 10 = höchstwahrscheinlich.
Mein Notizblatt ist, obwohl ich versucht habe, systematisch vorzugehen, übersät mit Streichungen, Pfeilen und eingekreisten Worten und Sätzen. »Der Mörder ist der Autor der Texte (8)«, lese ich da, und »Die Texte stammen alle aus einer Hand (7,5)« – Letzteres ein Mittelwert aus meiner 8 und Albos 7. Es stehen aber auch Annahmen wie diese auf dem Blatt: »Es handelt sich in Wahrheit nicht um menschliche Herzen, auch wenn die Gerichtsmediziner sich dessen sicher sind (2)«.
»Er lebt in Berlin«, sagt Albo mit Blick auf seine Aufzeichnungen, und ich ergänze im Geiste »oder im direkten Umland (8)«. Albo fährt fort: »Es handelt sich um einen Mann« – ich ergänze »(9)« – »etwa vierzig Jahre alt, studiert, vielfältige Interessen, liest viel, ist hin- und hergerissen zwischen wissenschaftlicher Rationalität und einem Hang zu Romantik, Märchen, Fantasy und Science-Fiction.« Ich komme mit den Wahrscheinlichkeiten nicht hinterher, aber Albo greift nur die Thesen raus, die bei (7) oder höher liegen.
»Er ist katholisch erzogen, hetero, Single«, zitiert Albo weiter aus unserer Textanalyse, »nicht gut auf Obrigkeiten zu sprechen, hat Erfahrung mit psychoaktiven Substanzen, ist Raucher und hasst das Rauchen gleichzeitig.« Albo blickt zu mir hoch: »Impulsiver Charakter, eventuell psychotische Schübe, will als Weltverbesserer die Menschheit beglücken …«
»Wobei ich mir dabei …« – ich krakle, während ich meinen Einwand mache, auf meinen Notizen herum – »… da nicht mehr ganz sicher bin. Vielleicht ist das mit der neuen Leitidee fürs 21. Jahrhundert doch eher sarkastisch gemeint.«
Albo blickt genervt zu mir. Stimmt, das hatten wir schon. Aber es ist eben kein einfacher, eindeutiger, eindimensionaler Fall.
»Dieses ›Ich bin nicht allein. Denn wir sind viele! Und wir haben das gleiche Ziel.‹: Das kann der Kerl einfach nicht ernst meinen. Wenn du mich fragst, ist das Verarsche. Der macht sich lustig über Weltverbesserer.«
Obwohl ich keine neue Zahl genannt habe, radiert Albo in seinen Notizen etwas aus und trägt mit Bleistift eine Korrektur ein. »Wie auch immer«, er blickt wieder hoch zu mir, »jedenfalls schreibt er von Visionen und scheint sich für eine Art Mystiker zu halten. Und jetzt die Preisfrage an dich: Klingelt da was?«
Doch mir will nichts einfallen. Einer meiner Klienten aus den letzten Jahrzehnten? Ein Proband? Etwa ein Kollege?!
»Ich lass dich jetzt mal allein, mein Freund«, sagt Albo und erhebt sich. »Wenn ich wiederkomme, sind dir ein bis drei Leute aus deinem Umfeld eingefallen, auf die das Profil passen könnte.« Das meint er nicht als Frage oder als Angebot. Das ist der Tonfall, der keine Widerrede duldet. Er stapft aus dem Büro.
Ich drehe meinen Notizzettel um und beginne auf der leeren Seite mit dem Wort »Studium« und den entsprechenden Jahreszahlen, um einen Lebenslauf anzulegen. Irgendwo zwischen meinem ersten Semester und heute muss sich der Mörder verstecken – das Päckchen an mich lässt daran keinen Zweifel. Dann kommen die Namen. Ich schreibe sie dazu, soweit sie mir noch einfallen. Bald brauche ich weiteres Papier.