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Das Titelbild zeigt einen Mann mit Bart und blauer Arbeitskleidung, der konzentriert an einem komplexen mechanischen Apparat mit vielen Drähten und Messgeräten in einer Werkstatt mit grünem Hintergrund arbeitet. Zwei digitale Buttons in den oberen Ecken zeigen Piktogramme von einem Telefonhörer mit einem Funksignal und vom Weißen Haus.

♫ The Birth of the Gra­vi­Phone ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu Pro­fes­sor Cerils Labor führt. Er besteht aus einem silb­rig glän­zen­den Mate­rial, das in geschwun­ge­nen For­men ver­läuft: keine Kan­ten und rech­ten Win­kel. Der Pro­fes­sor meint, dass ihn das kon­tem­pla­tive Durch­schrei­ten die­ses Kor­ri­dors auf seine Arbeit ein­schwingt, seine Kon­zen­tra­tion erhöht und tief­grei­fend inspi­riert. Ich merke nichts davon. Statt­des­sen rut­sche ich auf dem unebe­nen Boden aus und schlage lang hin. Es hallt, als hätte jemand einen gro­ßen chi­ne­si­schen Gong geschla­gen. Zum Glück habe ich mir nicht wei­ter weh­ge­tan.

»Das ist der Durch­bruch!«, begrüßt mich Cerils unver­kenn­bare Stimme im Labor. Er scheint – zu absor­biert in seine For­schun­gen – meine Gong­ein­lage nicht bemerkt zu haben. Hier blinkt und piept alles Mög­li­che, und ich habe Mühe, den Pro­fes­sor hin­ter all den von der Decke hän­gen­den Kabeln, Sus­pen­so­ren, Fla­schen­zü­gen und den Arte­fak­ten frü­he­rer Expe­ri­mente zu fin­den. Er beugt sich, einen Kopf­hö­rer auf den Ohren, über einen klei­nen Metall­kas­ten mit Knöp­fen. Auf­ge­regt erklärt er mir, er habe ein vir­tu­el­les Mikro­fon ent­wi­ckelt, das er mit­tels Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len an jeden belie­bi­gen Punkt der Welt schi­cken kann. Ich ver­stehe erst nicht.

»Ich kann belie­bige Koor­di­na­ten ein­ge­ben, und höre dann hier, was es dort zu hören gibt. Es ist eine Art Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len­ra­dio, das quasi unend­lich viele Sen­der emp­fan­gen kann – näm­lich von jedem Punkt im Uni­ver­sum aus.« Ich sehe wohl etwas rat­los aus. Das ändert sich auch nicht, als er mir einen zwei­ten Kopf­hö­rer gibt, um seine Erfin­dung vor­zu­füh­ren. Test­weise tippt er die Koor­di­na­ten vom Wei­ßen Haus ein. »Lass uns ein wenig spio­nie­ren«, sagt er mit einem spitz­bü­bi­schen Lächeln.

Ich höre das Knis­tern von Sei­den­bett­wä­sche und lei­ses Lie­bes­ge­flüs­ter, bei dem ich – trotz inten­si­ver Lek­türe eines Eng­lisch­le­xi­kons vor zwei, drei Jah­ren – einige Worte nicht ver­stehe. Aber ich höre zwei Namen her­aus: John und Cindy. Jetzt sieht auch Ceril ziem­lich rat­los aus. Ich kläre ihn auf (schließ­lich muss ich ja hin und wie­der mei­nem Ruf als Wun­der­kind gerecht wer­den): »McCain und seine Frau?« Ceril rät­selt, was die in Oba­mas Schlaf­zim­mer machen könn­ten, doch dann geht ihm ein Licht auf: »Wir belau­schen eine Par­al­lel­welt! Eine, in der nicht Obama, son­dern McCain die Wahl gewon­nen hat. Ja, das könnte es sein: Die phy­si­ka­li­schen Gesetze schüt­zen sich so selbst vor einer sonisch-infi­ni­te­si­ma­len Rekur­sion. Wie bei der Unschär­fe­re­la­tion.«

Umge­hend gibt Ceril die Koor­di­na­ten sei­nes Labors ein, und wir wer­den tat­säch­lich Zeuge einer Unter­hal­tung zwi­schen ihm und mir – nur dass es sich, sagt er, um Alter Egos von uns aus einem Par­al­lel­uni­ver­sum han­delt. Inter­es­san­ter­weise scheine ich da der alternde Erfin­der und er der halb­wüch­sige Assis­tent zu sein.

Bevor ich mehr erfah­ren kann, schal­tet Ceril das Gerät aus, nimmt den Kopf­hö­rer ab und dreht sich zu mir um: »Das öff­net fan­tas­ti­sche Mög­lich­kei­ten, Junge! Ich kann so die ande­ren Ver­sio­nen von mir belau­schen, die meine vie­len Ideen« – er klopft auf den gro­ßen Zet­tel­kas­ten unter sei­nem Schreib­tisch – »schon aus­ge­ar­bei­tet haben. Das spart mir lange Erpro­bungs­pha­sen.« Und mir, denke ich, womög­lich viele gefahr­volle Pra­xis­tests sei­ner zahl­rei­chen Erfin­dun­gen. »Ich muss das Ding nur noch ent­spre­chend modi­fi­zie­ren.« Damit fängt er, mit der einen Hand kom­pli­zierte For­meln auf Papier zu wer­fen und mit der ande­ren gleich­zei­tig Drähte zu ver­knüp­fen. Ich jeden­falls bin kom­plett ver­ges­sen.

Würde ich mich dafür inter­es­sie­ren, was andere Ver­sio­nen von mir so von sich geben? Auf dem Rück­weg durch den Kor­ri­dor schüttle ich den Kopf. Was könnte das schon brin­gen? Dann fällt mir ein, wes­we­gen ich über­haupt zu Ceril gegan­gen war: Ob er mir nicht eine Maschine bauen kann, die ein paar Tage vor den Klas­sen­ar­bei­ten aus­spuckt, was die Leh­rer von mir wis­sen wol­len. Ande­rer­seits, muss ich mir selbst gegen­über zuge­ben, habe ich auch ohne eine sol­che Pro­gnose-Maschine bis­her immer alles gewusst, und es soll ja in der Schule nicht noch lang­wei­li­ger wer­den, als es eh schon für mich ist.

(Wird es auch nicht. Ganz im Gegen­teil. Wegen ihr. Aber das ist eine andere Geschichte.)