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Áskorun
»Ich betrete den Korridor« stand auf der Karteikarte, die ich zog. Zehn Karteikarten hatte Pascal beschriftet und mir, mit der Schrift nach unten, aufgefächert hingehalten. Der Satz stand krakelig da und war mir fremd. Pascal und ich hatten schon einiges von dem Hauswein intus, von dem er mehrere Flaschen aus dem Hotel mitgebracht hatte, und ich hatte ihn genervt mit einem langen Monolog über Denkblockaden und Kreativität, der darin gipfelte, dass ich behauptet hatte – vermutlich schon leicht lallend –, dass man jede kreative Blockade ganz einfach dadurch durchbrechen könnte, statt nur einer einzigen perfekten Idee gleich ein Bündel von fünfzig oder hundert von sich selbst zu verlangen. Pascal lachte mich aus.
Ich war ein wenig angepisst und nannte ihm Beispiele. Einmal wollte mir für eine Preisrede für einen Taubenzüchter partout nichts einfallen. Irgendwann kam ich auf die verzweifelte Idee, mich selbst auzutricksen und gleich zehn Versionen der Rede zu schreiben – und schrieb einfach drauflos, ohne mich selbst oder die Sache länger ernstzunehmen. Nach der sechsten Rede wurde mir klar, dass ich nur die dritte und die fünfte kombinieren musste, und ich bekam genau das, was mir vorgeschwebt hatte. So mach ich’s seitdem immer, wenn ich eine Schreibblockade habe.
Pascal schien nicht überzeugt.
»Statt das eine richtige Ding mit vollem Qualitätsanspruch in die Welt zu setzen, zwingt man sich, erst mal einen Haufen von Materialien zu produzieren. Und plötzlich fließt’s. Klar, eine Menge davon kannste in der Pfeife rauchen, aber wenn irgendwo der große Wurf rausschimmert, hat sich’s doch schon gelohnt, oder?«
Da kam Pascal mit der Wette. Er erinnerte mich daran, dass ich immer wieder mal angesetzt habe, einen Band mit Kurzgeschichten zu verfassen, einerseits, um meine teils ziemlich grotesken Erlebnisse als professioneller Redenschreiber zu reflektieren, andererseits, um endlich mal von diesen Vortragstexten wegzukommen, die ständig und meist unter hohem Zeitdruck von mir verlangt werden, von Politikern, Firmenchefs, Brautvätern, Veranstaltungsmoderatoren und so weiter – wie es halt kommt, wenn man seine Dienste im Internet anbietet und ortsunabhängig damit ist. Die Anfragen kommen von überall, auch schon mal eine aus Malaysien.
»Wolltest du nicht ein knappes Dutzend Kurzgeschichten schreiben, mit denen du dir einen Namen als Belletrist machen willst? Um dann einen Roman nachzulegen – oder auch sieben wie Rowling?« Ich sparte mir das Nicken und nahm noch einen Schluck Rotwein. »Wie viel von den Kurzgeschichten hast du denn schon?«, fragte Pascal so harmlos wie möglich. Ich kenne diesen Blick von ihm und zählte an den Fingern ab. »Eine«, sagte ich, verbesserte mich dann aber und sagte: »Eine halbe.« Pascal grinste: »Also eigentlich gar keine.« Ich nickte gottergeben und nahm einen weiteren Schluck. Irgendwie war mir klar, was jetzt kommen musste.
Pascal: »Warum hast du da noch nicht dein tolles Schreibflussprinzip angewendet?«
Ich: »Ist ja keine Blockade im eigentlichen Sinn. Aber es würde natürlich funktionieren.« Letzteres im Brustton der Überzeugung, außer dass meine Zunge dabei ein wenig über das Wort »funktionieren« stolperte.
Pascal: »Glaub ich nicht. Wie wär’s mit einer Wette?«
Und so lief es dann plötzlich auf vierhundert Kurzgeschichten hinaus. Ich hatte ihn runtergehandelt von fünfhundert, und kleinere Vignetten waren auch erlaubt. Und damit das Ganze einen Rahmen bekommt, kritzelte er hinter vorgehaltener Hand irgendwas auf die Karteikarten.
»Ich schreib dir ein paar erste Sätze auf. Muss alles immer mit dem gleichen Satz anfangen.«
»Was?!«, fuhr ich auf. Aber Pascal erinnerte mich grinsend an einen Monolog von mir, den ich letzten oder vorletzten Monat mal über das Schreiben und die Kreativität im Allgemeinen gehalten hatte – mit dem Fazit, dass erst die Einschränkung wahre Kunst hervorbringt. Wer alle Freiheiten hat, verliert sich darin – war meine Überlegung, die vielleicht aber auch dem Absinth geschuldet war, an dem wir uns an dem Abend gütlich taten.
Jetzt fiel meine wermutselige Erkenntnis in aller Härte auf mich zurück: »Ich betrete den Korridor« – als Anfangssatz für vierhundert Storys. Aua.
Was wären die anderen Anfangssätze gewesen? Pascal zog seine Hand mit den Karteikarten zurück. Zwei erwischte ich noch. Pascal konnte nicht verhindern, dass ich sie las. »Das war der Anfang vom Ende.« Und: »Einmal California Maki bitte!«
»Damit hätte ich viel mehr anfangen können«, protestierte ich. Pascal wiegte nonchalant den Kopf: »Die Wahl ist getroffen, der Würfel ist gefallen.« Den Spruch griff ich sofort auf: »Selbst das wäre besser! Ich kann doch nicht vierhundert Ich-Erzählungen im Präsens schreiben über jemanden, der in irgendwelchen Gebäuden rumirrt …«
Aber ich hatte vorher schon eingeschlagen. Die Wette galt.
Und heute ist der Stichtag. Pascal wird jeden Augenblick anrufen und nachfragen, wie es um seine vierhundert Kurzgeschichten steht. »Ich betrete den Korridor.« Damals war mir der Satz fremd. Und heute? Was soll ich sagen? Knapp zweihundertachtzig habe ich geschafft. Zuerst dachte ich, mir fallen nicht mal zwanzig ein. Aber dann hatte ich doch noch ein paar ungewöhnliche Ideen und lernte, den Satz und meine Aufgabe aus vielen verschiedenen Perspektiven zu sehen.
Ich bleibe also dabei. Wenn man die eine Sache nicht hinkriegt: Nimm dir so viele Arbeitsversionen davon vor, dass dir die Aufgabe schlichtweg unmöglich scheint. Und dann leg los.
Längst nämlich will ich es selbst wissen: Komme ich auf vierhundert? Die Zahl scheint mir immer noch gewaltig und unerreichbar. Aber genauso hätte ich über zweihundert gedacht. Oder auch nur hundert.
Die Wette habe ich verloren, und natürlich bekommt Pascal seine Flasche Bourbon-Einzelfassabfüllung. Allerdings werde ich weiterschreiben, auch wenn es meine Freizeit inzwischen komplett ausfüllt – was Pascal womöglich nicht gefallen wird, denn so habe ich auch weiterhin erst einmal keine Zeit mehr für unsere feuchtfröhlichen Treffen.
