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O nada o todo
Ich betrete den Korridor auf dem Weg zu meinem klingelnden Telefon. Wer ruft mich so früh an? Albo? Um mich darüber zu informieren, wo die nächsten fünfzig Texte des Serienkillers gefunden wurden? Es sind nämlich wieder fünfzig Tage rum seit unserem letzten Fund. Ich nehme den Hörer ab, doch erst einmal höre ich nur Störgeräusche und Rauschen. Das kenne ich schon. Da bin ich wohl gestern wieder mit dem Staubsauger an die Wandbuchse unterm Schrank gestoßen. Ich lasse mich auf die Knie runter und angle unter dem Highboard nach dem Telefonkabel. Die Hoffnung, dass mein Arm diesmal lang genug ist, erfüllt sich erwartungsgemäß nicht. Also lege ich mich ächzend auf den Bauch, schiebe meine Schulter unter den Schrank, bis ich mit den Fingerspitzen die Wandbuchse erreiche und daran rütteln kann. Einen Moment lang werde ich durch Plurabelle abgelenkt, die miauend herantrabt, um die Gelegenheit zu nutzen, ihr Gesicht an meinem reiben zu können. Dann macht es Klick.
Meine ausgestreckte Hand sitzt fest, kühles Metall hat sich um das Gelenk gelegt. Fluchend zerre und ziehe ich, aber ich komme nicht wieder los.
»Ist unbequem, ich weiß«, sagt eine Stimme in meinem Rücken. Ich will mich umdrehen, was mir jedoch den Arm brechen würde. Keuchend beobachte ich, wie die Spitze eines schwarzen Lederschuhs einen Karton in mein Blickfeld schiebt.
»Wird allerdings nicht lange dauern, versprochen!«, fährt die Stimme des Unbekannten fort. »Wenn ich weg bin, springt die Handschelle wieder auf.« Der Mann tritt hinter mich.
»Wer zur Hölle sind Sie?« Aber ich ahne bereits, mit wem ich es zu tun habe und wer mich hier mit einer ferngesteuerten Handschelle unters Highboard geklemmt hat.
»Vermutlich ist dir längst klargeworden, dass die Sache mit den rausgeschnittenen Herzen ganz auf dich gemünzt ist. Es ist eine Botschaft an dich. Ich werde dir jetzt in aller Ruhe erklären, was es damit auf sich hat und wie in aller Welt es drei Herzen geben kann, die deine DNA haben. Dann geh ich wieder, und du bist frei.«
Die Stimme kommt mir bekannt vor, nur weiß ich nicht, wo ich sie einordnen soll. Irgendjemand aus meiner Jugend?
»Na, da bin ich aber gespannt«, presse ich hervor. Auch wenn der Mann momentan ganz gelassen klingt: Ich habe es mit einem mehrfachen Mörder zu tun. Und mir sind buchstäblich die Hände gebunden.
»Du hast doch sicher die Korridore gelesen, die ich dir geschickt habe …« Damit meint er wohl die zweihundert Texte, die Albo und mir bereits vorliegen. Ich gebe einen zustimmenden Laut von mir.
»Da geht es doch auch immer wieder um Parallelwelten, richtig?«
Ich schnaube. Das kann er verstehen, wie er will.
»Nehmen wir einmal an, es gibt, wie einige Physiker postulieren, unzählige Parallelwelten, die sich nur in winzigen Details von unserer unterscheiden.«
Ich habe es mit einem Verrückten zu tun. Was wird er mit mir anstellen? Mir auch das Herz herausschneiden, wie er es schon mit seinen letzten drei oder mehr Opfern getan hat? Nur nicht hysterisch werden!, schärfe ich mir ein. Vielleicht macht er einen Fehler, und ich bekomme eine Chance.
»Dann gibt es auch«, fährt er seelenruhig fort, »zahlreiche parallele Versionen von dir.« Er macht eine Pause.
»Willst du etwa sagen …?« Ich breche mitten im Satz ab. Das kann er nicht ernst meinen, oder?
»Genau«, sagt er, »die drei Herzen stammen von drei parallelen Doppelgängern von uns. Denn falls dir meine Stimme bekannt vorkommt: Auch ich bin eine alternative Version von dir. Oder du eine von mir. Wie auch immer. Wir haben die gleiche DNA, aber unsere Lebensgeschichten unterscheiden sich in einigen Details.«
»Zum Beispiel darin, dass ich kein Mörder bin«, presse ich wütend hervor.
»Ich wollte einfach nur Schlimmeres verhindern.« Er klingt nachdenklich, als er das sagt. Wenn ich ihn doch nur sehen könnte! Aber genau das hat er mit der Handschelle erfolgreich verhindert. »Die drei Herzen habe ich hierhergeschafft, um dich ganz handfest davon zu überzeugen, dass meine Geschichte, so verrückt sie klingt, wahr ist. Wahr sein muss! Es gibt keine andere vernünftige Erklärung – oder fällt dir vielleicht eine ein?«
Der Mann folgt einem Konzept, einem Skript, das er sich zurechtgelegt hat. »Ich will die Geschichte nicht hören«, sage ich, um ihn aus dem Tritt zu bringen.
Er lacht leise. »Du vergisst, mein Lieber, dass ich dich sehr gut kenne. Wir sind wie eineiige Zwillinge, die getrennt voneinander aufgewachsen sind. Und vieles in unseren parallelen Leben gleicht sich auf eine rätselhafte, fast schon erschreckende Weise. Wovon die Quantenphysiker nämlich keinen Schimmer haben, das sind die vielen Überlappungen und Überschneidungen. Das Multiversum ist da sehr ökonomisch.«
»Hast du all diese Texte geschrieben?« Vielleicht habe ich die Chance, ihn von dem abzubringen, was er augenscheinlich mit mir vorhat, wenn es mir gelingt, die Gesprächsführung zu übernehmen: »Auch die hier, die vermutlich in dem Karton sind, den du mir hingestellt hast. Wieder fünfzig, nehme ich an.«
»Ich habe«, sagt er, »Dutzende unserer parallelen Alter Egos kennengelernt. Viele von uns schreiben diese Texte. Es ist eigenartig. Sie tun es aus den unterschiedlichsten Gründen. Und sie fangen alle mit demselben Satz an, immer wieder. So wie deine auch.«
»Meine? Ich habe keine geschrieben.«
»Ach, komm schon. Du hast dir drei Schreibmaschinen besorgt, weil dir fünfzig zu viel waren, und um dich in die Psyche des Mörders hineinzuversetzen, hast du Korridore geschrieben, Tag für Tag einen, immer mit der jeweils nächsten Schreibmaschine.«
Ich schweige. Woher weiß er das? Wie kommt er in meine Wohnung? Hat er mich von Anfang an überwacht und beobachtet?
»Es geht aber letztlich nur um einen Text. Einen, den ich geschrieben habe, und den auch nur ich schreiben konnte. Weißt du, welchen ich meine?«
Bruchstücke der Miniaturen und Kurzgeschichten rasen mir durch den Kopf. Meint er den Minotaurus? Die Begegnung mit Korian? Den kopfschmerzgeplagten Zeitgeistreisenden? Den Rinpoche aus dem Himalaja? Den Untergang von Atlantis? Die geisterhaften Besucher in Zimmer 27? …
»Es ist der Text, in dem ich erzähle – etwas verklausuliert, gebe ich zu – wie ich mit meiner verfluchten Freie-Energie-Maschine die Vakuumfluktation angezapft und ein Loch ins Universum geblasen habe.«
»Ein Loch ins Universum?« Im Kopf gehe ich die Erfindungen von Professor Ceril, dem verrückten Wissenschaftler, durch. Dann fällt mir schlagartig die äußerst seltsame Geschichte ein, in der jemand erfährt, dass er im Traum die gesamte Menschheit vernichtet hat – die Menschheit einer Parallelwelt.
»Nur dass es kein Traum war«, sagt er heiser. »Ich bin selbst der Physiker, der – mit besten Absichten – eine Kettenreaktion in Gang gesetzt hat, die einen ganzen Spiralarm unserer Milchstraße in einen Dimensionsabgrund riss. Und das möchte ich wieder rückgängig machen.«
Ich will irgendetwas sagen, das mir einen psychologischen Vorteil verschafft, aber alles, was ich hervorbringe, ist: »Das … Das ist doch Irrsinn!« Mein Handgelenk schmerzt. Immer wieder versuche ich, mich unauffällig aus der Schelle zu befreien, aber ohne Erfolg.
»Was willst du von mir?«, frage ich heiser. »Mich töten?«
Ein Psychotiker glaubt an seine wahnhafte Geschichte und deutet alle Erlebnisse als Beweise für seine Paranoia. Dieser Mann glaubt, er könne in Parallelwelten reisen und parallele Versionen seiner selbst aufspüren. Vielleicht bringt er sie alle um, weil er der Einzige sein will. Naturvölker glauben oft, die Kraft, das »Mana« der von ihnen Getöteten könne auf sie übergehen, indem sie beispielsweise deren Herz oder Hirn essen.
»Ich sage doch: Entspann dich. Du hast nichts zu befürchten. Du bist keine der parallelen Versionen von uns, die mehr oder weniger wissentlich die Menschheit vernichten. Das sind die, die Physiker geworden sind. Du bist Psychologe, schon vergessen? Ich möchte im Gegenteil von dir, dass du mich tötest.«
Als er den Satz beendet, höre ich ein Schnurren. Es kommt aus seiner Richtung. Erneut versuche ich, mich zu ihm umzudrehen, auch wenn ich mir dabei die Haut aufschürfe und fast mein Handgelenk auskugle. In den Augenwinkeln kann ich nun schemenhaft erkennen, dass er sich auf den Stuhl neben der Tür zur Küche gesetzt hat, auf dem ich sonst immer erst mal meine Einkäufe deponiere. Und vermutlich hat er meine Katze auf dem Schoß. Dabei faucht sie Fremde sonst immer an.
»Weißt du, mein Lieber«, sagt er, »in einem Film würde ich dir jetzt lauter Einzelheiten aus deinem Leben aufzählen, die nur dir und sonst niemandem bekannt sind, um zu beweisen, dass ich mit meiner Geschichte recht habe und wirklich ein Reisender aus einer Parallelwelt bin. Ich würde zum Beispiel behaupten, dass du deine Katze ›Plurabelle‹ genannt hast, oder genauer ›Anna Livia Plurabelle‹ – nach der weiblichen Hauptfigur aus Finnegans Wake. Ist dir eigentlich noch gar nicht aufgefallen, wie viel all diese Korridore mit dir zu tun haben?«
Ich schüttle den Kopf. Ich will es nicht wahrhaben. Doch plötzlich höre ich mich selbst schluchzen, fühle ich eine Traurigkeit ganz tief in mir aufwallen, wie sie mich schon vor fünfzig Tagen einmal ganz unvermittelt ansprang, als ich die Sache mit der DNA erfuhr. Wieder dauert das Gefühl nur einen kurzen Moment.
Als ob er auf dieses Aufschluchzen gewartet hätte, sagt der Mann hinter mir jetzt mit leiser, aber eindrücklicher Stimme: »Wir Menschen haben eine weise Instanz in uns, die wir leider nur selten oder im Grunde genommen nie in Anspruch nehmen. Wenn wir sie befragen, wird sie uns sagen, dass es – kosmisch, universal, von einem allumfassenden Standpunkt aus betrachtet –, wenn es schon nicht nichts gibt, dann alles geben muss, alles nur denkbar Mögliche, wie es die Anfangsbedingungen des Kosmos erlauben. Und vermutlich auch alles Unmögliche, Undenkbare. Einfach komplettamente und ultimativ alles. Punkt. Drunter macht es das Multiversum nicht.«
Als er verstummt, höre ich draußen im Treppenflur Schritte. Ein Nachbar. Ich könnte um Hilfe rufen, aber: Was, wenn er recht hat? Wenn er tatsächlich eine parallele Version von mir ist? Vielleicht wollte die unvermittelte Traurigkeit in mir nichts anderes sagen als: Genau so ist es – es gibt unzählige Varianten von dir in unendlich vielen Welten des Multiversums, und einige davon sind Mörder, Massenmörder, die ganze Planetensysteme auf dem Gewissen haben.
»Ich kann in einen schmalen Bereich dieser Welten hineinspringen. Die, die meiner nicht zu ähnlich sind, aber auch nicht allzu weit von ihr abweichen. Den Zeitpunkt kann ich jeweils beliebig ansteuern. Nur kann ich nicht zurück in meine eigene Welt, verstehst du? Und so kann ich mich leider Gottes auch nicht selbst daran hindern, sie zu zerstören.«
Er wirkt ruhig, während er das sagt. Auch Plurabelle schnurrt nur so, wenn sie völlig entspannt ist. Ich bin der Einzige hier, dessen Nerven flattern, der schwitzt wie ein Schwein und keinen vernünftigen Gedanken zuwege bringt.
»Du jedoch kannst es«, sagt er nach einer Weile. »Du kannst in meine Welt reisen, in die Zeit, bevor ich die Maschine angeschaltet, ja, bevor ich sie überhaupt konstruiert oder erdacht habe. Du kannst den größten und tragischsten Fehler verhindern, den je ein Mensch gemacht hat.«
Seine Stimme ist jetzt drängend, fast ein wenig flehend. Dann schweigt er. Auch Plurabelle schnurrt nicht mehr. Ich höre nur meinen eigenen keuchenden Atem.
»Du willst mich zum Mörder machen? Ich soll dich umbringen, damit du deine Maschine nicht in Gang setzt? Aber das ist kompletter Wahnsinn: Es ist doch alles schon geschehen! Es lässt sich nicht mehr verhindern. Wie stellst du dir das vor?«
Er antwortet nicht.
Dann klickt es unter dem Highboard. Meine Hand ist frei. Ich wälze mich herum, doch der Küchenstuhl hinter mir ist leer. Plurabelle liegt darauf und schläft selig.