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For the Very Last Time

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Ich betrete den Kor­ri­dor. »Na ja, du siehst ja selbst, was Sache ist«, meint Jür­gen zu mir, »dein Zim­mer ist das ›Navier-Sto­kes‹. Und denk dran: Mor­gen früh musst du um spä­tes­tens acht hier ver­schwun­den sein.« Damit macht er kehrt. Ich aber bleibe erst ein­mal stau­nend im Kor­ri­dor ste­hen. Von den hell­ge­stri­che­nen Wän­den hän­gen an Schnü­ren dicke Filz­stifte her­un­ter, und sie wur­den flei­ßig genutzt.

Ich bin der letzte Gast. Das »P=NP« ist an eine Hotel­kette ver­kauft, die sich damit brüs­tet, dass sich all ihre Häu­ser welt­weit wie ein Ei dem ande­ren glei­chen. Mor­gen früh wird der Bau­trupp anrü­cken, und das »P=NP« wird Geschichte sein.

Es stand seit knapp 20 Jah­ren aus­schließ­lich Mathe­ma­ti­kern offen, man musste ein Diplom oder einen Magis­ter vor­wei­sen, um hier ein Zim­mer zu bekom­men. Meist war das kleine Hotel mit Gast­do­zen­ten der nahen Uni belegt. »P=NP« steht für ein Pro­blem aus der Opti­mie­rungs­theo­rie. Als Bei­spiel dient in der klei­nen Bro­schüre, die an der Rezep­tion aus­liegt, ein Hand­lungs­rei­sen­der, der zwan­zig Städte besu­chen muss und nach der kür­zes­ten Route sucht – und das unter zwei Tril­lio­nen ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten.

Von den Gäs­ten hier, Hand­lungs­rei­sen­den in Sachen Mathe­ma­tik, haben viele in der Lobby dem Hotel ein Dan­ke­schön hin­ter­las­sen, pas­sen­der­weise – statt Schwarz­weiß-Fotos mit Poe­sie­al­bum­spruch und Unter­schrift – Deck­blät­ter ihrer Ver­öf­fent­li­chun­gen, die illus­tre Titel haben wie zum Bei­spiel: »Lyapu­nov expon­ents, peri­odic orbits and hor­se­s­hoes for map­pings of Hil­bert spaces«.

Jür­gen, der Nacht­por­tier, hat mich hier gegen zwei Packun­gen Ziga­ret­ten und eine Fla­sche Averna ein­ge­schleust. Früh­stück gibt es mor­gen nicht. Das »P=NP« hat schon vor Tagen end­gül­tig dicht gemacht, ohne dass jemand hier in der »Stadt der Mathe­ma­tik« groß davon Kennt­nis genom­men hätte.

Ich hatte zwar Mathe im Abitur, aber meine Kennt­nisse rei­chen lei­der nicht aus, um die alge­bra­ischen Graf­fiti an den Wän­den zu lesen, die hier im Laufe der Jahre von den Gäs­ten hin­ter­las­sen wur­den. Trotz­dem stu­diere ich die For­meln und Kom­men­tare inter­es­siert, denn den unter­schied­li­chen Hand­schrif­ten ist zu ent­neh­men, dass hier von vie­len Betei­lig­ten ein mathe­ma­ti­scher Dia­log geführt wurde – und viel­leicht sogar der eine oder andere Dis­put zwi­schen Mathe­ma­ti­kern ent­brannt ist.

Aus­ru­fe­zei­chen, unge­lenkt gezeich­nete Fäuste mit erho­be­nem Dau­men, aber auch fette rote Fra­ge­zei­chen und das eine oder andere »rub­bish« oder »N’im­porte quoi!« säu­men die For­meln. Ich ent­de­cke auch den Wiki­pe­dia-Link zu »Men­gen­lehre«, der wohl sagen soll: »Kümmre dich erst mal um die Grund­la­gen, du Möch­te­gern-Genie!«

Jedes Zim­mer im »P=NP« ist oder bes­ser war einem eige­nen unge­lös­ten Mathe­ma­tik-Pro­blem gewid­met. Auf mei­nem Nacht­tisch liegt ein abge­grif­fe­ner, maschi­n­ege­schrie­be­ner Zet­tel in einer Klar­sicht­hülle, der in Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch das Pro­blem beschreibt, das Navier und Sto­kes in der ers­ten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts ihren Kol­le­gen hin­ter­las­sen haben. Nicht nur die Wände der Kor­ri­dore, auch die Wände der Zim­mer dien­ten den Gäs­ten als Lein­wand und Tafel, und hier im »Navier-Sto­kes« sind sie – zumin­dest nehme ich das stark an – über­sät mit Ansät­zen, deren Glei­chun­gen exakt zu lösen. An einer Stelle steht ein »wow« mit gleich drei Aus­ru­fe­zei­chen.

Schade, dass ich nichts bei­zu­tra­gen habe. Ich stehe wie ein Archäo­loge vor anti­ken Ste­len mit einer ihm gänz­lich unbe­kann­ten Schrift und bin gespannt, was ich hier, als defi­ni­tiv letz­ter Gast im »P=NP«, heute Nacht für Träume haben werde.

 

Das P‑NP-Pro­blem:Link