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Under Sur­veil­lance

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier ist die Luft nicht ganz so sti­ckig. Stunde um Stunde haben Albo und seine Kol­le­gen den Mör­der ins Kreuz­feuer genom­men. Ohne Ergeb­nis. Sie erfah­ren nichts. Nichts über die Morde, die Schreib­ma­schi­nen, die Her­zen, die iden­ti­sche DNA, nichts dar­über, was das alles mit mir zu tun hat, und auch nichts über die ver­stö­ren­den Fotos. Auf den schwarz­wei­ßen Über­wa­chungs­mo­ni­to­ren sieht das end­lose Ver­hör aus wie ein Hor­ror­film aus Stumm­film­zei­ten – mit dem eigent­li­chen Hor­ror, dass der Ver­haf­tete völ­lig ruhig bleibt und die Situa­tion sogar nicht ganz unko­misch zu fin­den scheint.

Albo und ich haben lange über den sicher­ge­stell­ten digi­ta­len Bil­der­rah­men dis­ku­tiert, auf dem mir der Mör­der die Film­ani­ma­tion des peris­tal­ti­schen Wel­ten­wech­sel­kor­ri­dors gezeigt hatte. Im Spei­cher fand sich nicht nur das kleine Film­chen: Albo war ziem­lich kon­ster­niert, als er eine ganze Reihe von Fotos auf das Dis­play holte, die uns eigen­tüm­lich bekannt vor­ka­men.

Ein Raum, der das Innere einer Berg­hütte aus dicken Holz­boh­len sein könnte. Er ist vol­ler unter­schied­li­cher Schreib­ma­schi­nen, die sich teil­weise an den Wän­den sta­peln. Ich muss nicht erst zäh­len, um zu wis­sen, dass es fünf­zig sind.

Ein Dop­pel­de­cker­bus auf einem Schrott­platz. Meh­rere Fotos zei­gen ein teil­weise aus­ge­schlach­te­tes Wrack, in das jemand anstelle der Fahr­gast­sitze Schlaf­ko­jen ein­ge­baut hatte. Jetzt ist es nur noch Schrott.

Ein Mann mit asia­ti­schen Gesichts­zü­gen steht in der Tür sei­nes Haus­boots und winkt lächelnd in die Kamera. Norbu?

Mathe­ma­ti­sche For­meln in Form von Filz­stift-Graf­fiti, die sämt­li­che Wände eines Hotel­zim­mers bede­cken.

Ein abfo­to­gra­fier­ter Zei­tungs­ar­ti­kel mit der Über­schrift »Unbe­kann­ter macht Kir­che zum Clown« und einem Foto von einem Kirch­turm, der mit einer rie­sen­gro­ßen Plas­tik­nase ver­un­stal­tet ist.

Der Blick in einen Woh­nungs­flur mit unzäh­li­gen Kar­teik­ärt­chen an Wän­den, Decke und Boden – mit bun­ten Schnü­ren unter­ein­an­der ver­bun­den. Seit­lich erkennt man einen Holz­kas­ten mit Knöp­fen und Anzei­gen.

Albo ver­steifte sich sofort dar­auf, dass das alles Fäl­schun­gen sein müs­sen: »Er hat offen­bar ver­sucht, sich seine kranke Welt am Com­pu­ter nach­zu­bauen. Ich lass das sofort von unse­ren Exper­ten über­prü­fen.«

Ich fürchte, die Exper­ten wer­den keine Hin­weise auf Mani­pu­la­tio­nen fin­den. Und genauso wenig wird Albo jemals her­aus­be­kom­men, wo und wie diese Fotos ent­stan­den sind: Sie sind buch­stäb­lich nicht von die­ser Welt.

Plu­ra­bel­les Käfig habe ich in den Gang vor das Ver­hör­zim­mer gestellt. Jetzt, als sie meine Anwe­sen­heit spürt, beginnt sie sofort, for­dernd zu miauen. Ich öffne eine Dose Kat­zen­fut­ter – Rei­se­pro­vi­ant für sie im klei­nen Stau­fach unter der Plas­tik­ver­scha­lung. Das Miauen wird von lust­vol­len Fress­ge­räu­schen abge­löst.

Albo kommt aus dem Ver­hör­raum. »Harte Nuss, der Kerl«, sagt er, »hab nicht übel Lust, zu här­te­ren Metho­den zu grei­fen.«

»Soll ich mal über­neh­men?«

Albo schürzt die Lip­pen und sieht mich abschät­zig an. Dann nickt er lang­sam. »Wär einen Ver­such wert, ja.«

Ich greife zum Trans­port­kä­fig.

»Äh …«, setzt Albo an, doch ich habe mir schon etwas zurecht­ge­legt: »Psy­cho­lo­gie«, sage ich mit Blick auf Plu­ra­belle.

»Okay«, sagt Albo, »aber lass dich zu nichts hin­rei­ßen.«

Der Mör­der sitzt in Hand­schel­len hin­ter dem Tisch, die Beine über­ein­an­der­ge­schla­gen. »Die Fotos«, sagt er unauf­ge­for­dert, »waren wei­tere Beweise für dich, falls das nötig gewe­sen wäre.«

War es nicht. Ich setze mich ihm gegen­über und lasse die Hand nicht vom Käfig­griff. »Und was jetzt?«

»Ich dachte, ich gehe zur Abwechs­lung mal wie jeder nor­male Mensch die Treppe hoch und klingle bei dir. War ein Feh­ler.«

»Und all das andere? Die Morde? Kann das auch ein Feh­ler gewe­sen sein?«

Seine zer­störte Gesichts­hälfte leuch­tet signal­rot. Er presst die Lip­pen auf­ein­an­der. »Es tut höl­lisch weh«, hat er mal gesagt, aber auch ohne Schmer­zen sollte nie­mand so gestraft wer­den. Ganz gleich, was er auch getan hat.

Er ringt um Worte. Die Ant­wort fällt ihm schwer: »Ich hätte das alles gerne in Ruhe mit dir dis­ku­tiert. Aber …« Er spricht den Satz nicht zuende. Wir schwei­gen.

»Hast du es noch vor Augen?«, fragt er nach einer Weile. Er meint sein Film­chen mit der pul­sie­ren­den Peris­tal­tik. Ich nicke. »Albo wird irgend­wann klar wer­den«, sagt er, »dass das kein Zufall war.« Er deu­tet auf den Kat­zen­kä­fig.

Ich beuge mich vor zu ihm. »Was ist mit dir?«

»Ich hab nur auf dich gewar­tet.«

»Aber Albo …« Ich ertappe mich dabei, dass ich mir Sor­gen mache, wie mein alter Freund mit all­dem zurecht­kom­men wird. Natür­lich weiß ich, dass er jedes Wort mit­hört. Und ver­mut­lich wird er sich die Video­auf­zeich­nung davon noch oft anse­hen, wie­der und wie­der.

Denn ich habe mich ent­schie­den. Ich bli­cke dem Mör­der in die Augen und denke inten­siv an das peris­tal­ti­sche Zucken des Gangs, an des­sen Ende ein Licht strahlt. Ein Ruck geht durch mei­nen Kör­per. Irgend­wie hat er mich, nicht kör­per­lich natür­lich, geschubst. Es ist wie bei mei­nem Nah­tod­e­s­er­leb­nis, als ich ins Eis ein­brach und ertrank: Ich befinde mich plötz­lich über mei­nem Kör­per, sehe mich selbst, den Trans­port­kä­fig in der Hand, dem Mör­der gegen­über­sit­zen. Dann treibe ich ab, gelange in den Neben­raum, schwebe über Albo und sei­nen Kol­le­gen. Ein hel­ler Glanz ist neben mir, ein strah­len­des Wesen. Ein Engel? Bin ich tot? Es herrscht auf ein­mal große Auf­re­gung im Zim­mer.

»Wo zum Teu­fel ist er hin?«, brüllt Albo irri­tiert und vol­ler Zorn. Er stürmt aus dem Raum. Ich ver­su­che, auf den Moni­tor zu sehen, weiß aber schon, dass der Mör­der jetzt allein im Ver­hör­zim­mer sitzt. Oder eben­falls fort ist. Der Glanz an mei­ner Seite zieht mich sanft wei­ter. Plötz­lich weiß ich, wer das ist. Zwi­schen den Wel­ten, zwi­schen Zeit und Raum, ver­lie­ren wir offen­bar die gewohnte Gestalt. Es ist meine Katze! Alles glit­zert, als wür­den, wie Heer­scha­ren von Pflan­zen­sa­men in einem Som­mer­wind, win­zige Kris­talle durch die Luft wehen. Plu­ra­belle und ich haben uns auf die Reise bege­ben.