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Saviour Business
Ich betrete den Korridor aus wirbelnden Sternen und Galaxien, der mir einen kurzen Blick in das Multiversum gestattet, bevor mich ein gewaltiger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt. Alles in mir schwankt. Ich keuche und muss gegen einen heftigen Würgereiz ankämpfen. Da tut es gut, schneidend kalte Luft in die Lungen zu saugen. Das Erste, was ich klar erkennen kann, ist Plurabelles Käfig. Sie miaut kläglich. Vermutlich hat sie genau wie ich unter den Nebenwirkungen der Parallelweltreise zu leiden.
Ich liege im Schnee. Ganz vorsichtig setze ich mich auf. Ich lebe – sonst würde mir nicht jeder Knochen schmerzen. Und ich bin am richtigen Ort: der Park, die schmale Halbinsel, der zugefrorene See. Es ist frühmorgens.
Gleich, jeden Moment, müsste das jüngere Ich des Mörders hier entlang kommen und unternehmungslustig auf das Eis hinausschliddern, wie auch ich das an jenem schicksalhaften Sonntag getan habe, vor vielen, vielen Jahren. Meine Aufgabe ist klar.
Plurabelle nehme ich natürlich mit. Der Schnee auf dem Weg ist noch unberührt. Aus den Augenwinkeln heraus nehme ich eine Gestalt wahr, die auf der anderen Seite unter den verschneiten Buchen zum Ende der Halbinsel schlendert. Ich will, ich darf meinem Alter Ego nicht begegnen – mit aller Kraft zwinge ich mich, nicht hinzusehen, und konzentriere mich auf das, was ich zu tun habe: die Engstelle erreichen, bevor die Joggerin sie passieren kann.
Es ist niemand hier. Ich sehe mich um. Wie lange war ich damals auf dem Eis, bis es plötzlich unter mir nachgab? War es nicht ein wolkenloser Tag? Hier ist der Himmel verhangen, und es ist neblig. Ein paar Atemzüge lang bin ich mir unsicher, ob ich hier überhaupt richtig bin. Oder spielt mir die Erinnerung einen Streich? Dann sehe ich die Joggerin.
Es ist eine junge, hübsche Frau. Sie trägt eine Wollmütze und kommt im steten Trab auf mich zu.
»Hallo?«, rufe ich, »entschuldigen Sie?« Doch sie beachtet mich nicht. Im letzten Moment trete ich ihr in den Weg. »Entschuldigung?«
Sie stoppt, läuft aber auf der Stelle weiter, lächelt und nimmt sich die Ohrhörer heraus, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte. »Ja?«, sagt sie, und dabei formt sich weißer Kondensatem vor ihrem Mund.
»Könnte es sein, dass Sie vergessen haben, Ihren Herd auszustellen?«
Sie sieht mich verblüfft an. Der Mörder hatte mir davon erzählt – er erfuhr später, nachdem sie ihn gefunden und wiederbelebt hatte, von ihrem Malheur, bei dem ihre Wohnung fast in Brand geraten war.
»Oh Shit!«, sagt die Frau, die immer noch auf der Stelle läuft, um ihr Training nicht zu unterbrechen. Sie dreht um und sprintet davon. Jetzt bin ich verblüfft. Ich hatte erwartet, dass sie sich erst einmal danach erkundigt, woher ich davon wissen kann. Aber auch so ist es gut. Gut? Ich drehe mich um. Irgendwo da hinten auf dem See bricht jetzt ein junger, hoffnungsvoller Physiker ins Eis ein und ertrinkt. Und es kommt niemand, um ihn in letzter Sekunde ins Leben zurückzuholen und einen Krankenwagen zu rufen. Mir wird das Herz schwer. Weder der Gedanke, dass er in fast allen anderen parallelen Wirklichkeiten des Multiversums gerettet wird, noch der an die Welt, die ich dadurch vor dem Untergang bewahre – diese Welt hier –, kann mich trösten. Plurabelle spürt meinen Kummer. Sie maunzt und miaut. Ich weiß nicht, wie lange ich da wie festgefroren stehe und mir die Tränen aus den Augen rinnen.
»He, Sie!« Die Stimme der jungen Frau reißt mich aus meinen düsteren Gedanken. »Wie konnten Sie das wissen?«
Ich drehe mich zu ihr um. Sie war offenbar schon bei zu Hause, ist wieder zu mir zurückgespurtet und ganz außer Atem. »War nur so ein Gedanke«, antworte ich ausweichend.
»Sie sind nicht zufällig ein herabgestiegener Engel?«
»Ich komme zwar von weit her, aber ein Engel – nein, ein Engel bin ich nun wahrhaftig nicht.«
»Darf ich Sie trotzdem zu einem Kaffee einladen?«, fragt sie. Ich freue mich darüber, zu meinem eigenen Verwundern, doch vermutlich ist jetzt alles besser als daran denken zu müssen, was gerade nur wenige Dutzend Meter von hier entfernt geschehen ist.
Das Café am Park hat so früh noch nicht geöffnet, doch der Besitzer, der zusammen mit seiner Frau dabei ist, seinen Gastraum umzudekorieren, hat Mitleid mit uns und bringt zwei dampfende Tassen auf die Terrasse.
»Sind Sie auf der Durchreise, Sie beide?«, fragt die Joggerin neugierig und mit Blick auf den Transportkäfig.
»Plurabelle«, stelle ich ihr meine Katze vor, »eigentlich Anna Livia Plurabelle. Nein, wir sind gekommen, um zu bleiben.«
»Und wo?«
»Zuerst einmal in einem Hotel vermutlich.«
Wir nippen an unserem Kaffee, und sie bietet mir an, bei ihr zur Untermiete einzuziehen. »Das Zimmer liegt im Erdgeschoss, aber mit Fenster zum Innenhof. Den könnte dann Ihre Katze erobern. Sind Sie Schriftsteller?« Verwundert schüttle ich den Kopf. »Wer sonst liest schon so ein verworrenes Labyrinth von einem Roman wie Finnegans Wake?«
Offenbar weiß sie, woher meine Katze ihren Namen hat. Sie hat grüne Augen und ein sympathisches Lachen. Wäre ich vierzig Jahre jünger, würde ich mich bis über beide Ohren verlieben. Und da wird mir schlagartig klar, wer sie ist! Mich hatte damals, als ich im Eis eingebrochen war, Uwe Albo gefunden, und es wurde eine lebenslange Freundschaft daraus. Dies hier – und so unvermittelt mir dieser Gedanke kommt, so sicher bin ich mir damit – ist die spätere Frau meines Alter Egos, des Mörders! Gerade eben hat sie, durch meine Schuld, ihren zukünftigen Ehemann und Vater ihrer Kinder verloren. Ich muss schlucken. Sie wartet auf eine Antwort von mir. Ich muss einfach fest daran glauben, alles richtig gemacht zu haben. Leider bin ich einige Jahrzehnte zu alt, um die Rolle des Toten einnehmen zu können.
»Ihr Zimmer sehe ich mir gerne an. Es klingt ganz so, als wäre es perfekt für einen zurückgezogen lebenden Privatgelehrten wie mich.«
Sie sieht mich mit großen Augen an. »Womit beschäftigen Sie sich denn?«
»In gewisser Weise mit ziemlich verworrenen Labyrinthen. Mit parallelen Welten nämlich«, sage ich.
»Oha!«, sagt sie und zieht ein klein wenig die Brauen zusammen, als wisse sie nicht genau, ob ich das auch ernst meine. »Die Viele-Welten-Theorie?« Ich nicke. »Ein Multiversalgenie also, verstehe.«
Sie grinst spitzbübisch, und in mein Lachen mischt sich das beklemmende Gefühl, dass sich das Kennenlernen zwischen ihr und meinem tragischen Physiker-Alter-Ego womöglich ganz ähnlich abgespielt hätte. Ihr Leben wird jetzt in gänzlich anderen Bahnen verlaufen. Vielleicht kann ich ein wenig auf sie aufpassen und zusehen, dass sie in gute Hände kommt.
»Sagen Sie, wollen wir uns nicht duzen?«, fragt sie und verzieht das Gesicht bei ihrem letzten Schluck vom Kaffee. »Uäh, Bodensatz!«
Ich muss wieder lachen. Sie stimmt mit ein und streckt mir ihre Hand hin: »Meine Freunde nennen mich Ria. Manche – also die, die mich für eine Drama Queen halten, die ich aber gar nicht bin – nennen mich Aria. Eigentlich jedoch heiße ich, bitte nicht lachen!, Ariadne.«