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Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich! Es hat an der Haus­tür geklin­gelt. Das wird er sein. Schon seit Stun­den bin ich unru­hig, gehe im Wohn­zim­mer auf und ab. Rei­se­angst. Heute ist der Tag: Ich werde in eine andere Welt rei­sen. Immer wie­der zer­mar­tere ich mir das Hirn: Wie konnte ich mich nur auf die­sen Irr­sinn ein­las­sen? Aber jetzt ist es zu spät.

Ich öffne. Der Mör­der steht da. Er trägt Er trägt einen grauen Hoo­die – die Kapuze ver­deckt ein wenig die Fleisch­wu­che­run­gen in sei­nem Gesicht. Er zieht sie her­un­ter und tritt zu mir her­ein.

»Konn­test du dich ver­ab­schie­den?«

Ich ant­worte nicht dar­auf. Was soll ich schon sagen?

Wir gehen ins Wohn­zim­mer. Plu­ra­belle habe ich bereits in den Trans­port­kä­fig gesteckt. Anfangs miaute sie pro­tes­tie­rend, aber inzwi­schen hat sie sich mit der unge­wohn­ten Situa­tion abge­fun­den und es sich bequem gemacht.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie dank­bar ich dir bin.«

»Keine Texte?«, frage ich kurz ange­bun­den. »Keine Maschine?«

Er zieht etwas aus der Tasche, das wie ein klei­nes Touch­pad aus­sieht. »Die Texte«, sagt er, »habe ich direkt an Albo geschickt. Und die Maschine, von der du sprichst, ist hier drin.« Er zeigt auf mei­nen Kopf. »Kön­nen wir?«

»Und es besteht wirk­lich kei­ner­lei Gefahr? Für mich, für Plu­ra­belle – und für den Spi­ral­arm der Milch­straße, in der sich unser Son­nen­sys­tem befin­det?«

Er lacht kurz auf. »Nein«, sagt er, »das Schlimmste, was pas­sie­ren kann, ist, dass nichts pas­siert. Hier.« Er schal­tet das Dis­play ein und zeigt es mir. Ich sehe einen lan­gen Schacht, in dem tief unten ein Licht wabert. Nein, jetzt erkenne ich es, wie könnte es auch anders sein: ein Kor­ri­dor! Er wabert, bläht sich auf und ver­jüngt sich wie­der – das Bild auf dem Dis­play ist ani­miert. Das Ganze erin­nert mich an die Peris­tal­tik eines Darms, und an sei­nem Ende zuckt der Kor­ri­dor leicht, ähn­lich wie die Schwanz­spitze einer Katze auf der Jagd. »Sieh’s dir gut an.«

»Kann ich das mit­neh­men?« Irgend­wie habe ich immer noch die schwa­che Hoff­nung, zurück­keh­ren zu kön­nen, wenn ich mei­nen Auf­trag erfüllt habe. Könnte das hier mein Ticket dafür sein?

»Das allein würde dir nichts nüt­zen. Ich muss dich schub­sen. Fer­tig? Siehst du ihn vor dir?« Er meint den pul­sie­ren­den Kor­ri­dor. Ich nicke und nehme den Griff des Trans­port­kä­figs fest in die Hand.

»Denke an den Über­gang und sieh mir in die Augen.«

Doch in die­sem Moment zucken wir beide zusam­men, weil es im Woh­nungs­flur einen lau­ten Knall gibt, gefolgt von einem Pol­tern. Fast hätte ich vor Schreck Plu­ra­belle fal­len las­sen. Ich setze sie ab. Der Mör­der fasst sich schnel­ler wie­der als ich und zieht eine Pis­tole aus der Jacken­ta­sche, die er auf mich rich­tet. Schon ist der Raum vol­ler Uni­for­mier­ter mit gezo­ge­nen Waf­fen.

»Fal­len las­sen!«, bellt Albo mei­nen Besu­cher an. Fünf, sechs Dienst­waf­fen zie­len auf ihn. Er zögert kurz, lässt dann aber seine Pis­tole fal­len und schiebt sie mit dem Fuß in Rich­tung des Kom­mis­sars. Ein Beam­ter dreht ihm die Hände auf den Rücken und legt ihm Hand­schel­len an. »Ist das Lepra?«, fragt er ange­wi­dert und viel­leicht auch mit der Sorge, er könne sich anste­cken.

»Ich komme aus der Zukunft, und das ist da der­zeit Mode«, ant­wor­tet der Mör­der. Er grinst – zumin­dest rechts.

Albo bleibt völ­lig unge­rührt. »Ich ver­hafte Sie wegen Ein­bruchs, Land­frie­dens­bruchs und Mord in min­des­tens drei Fäl­len.« Mit einer Kopf­be­we­gung lässt er mein Alter Ego abfüh­ren. Dann wen­det er sich mir zu, bedenkt den Trans­port­kä­fig in mei­ner Hand mit einem Stirn­run­zeln. »Was machst du nur für Sachen?«

Meine Gedan­ken rasen. Was weiß Albo? Hat er unsere Gesprä­che abhö­ren las­sen?

»Oder willst du als blu­ti­ges Herz auf einem Sta­pel lite­ra­risch frag­wür­di­ger Texte enden?« Ich schüttle den Kopf. »Er ist es, oder? Wir haben ihn end­lich erwischt!«

»Und was jetzt?«, frage ich.

»Wir ver­hö­ren den Kerl. Oder hat er dir irgend­was erzählt?«

Also weiß er von nichts. Da mein Alter Ego geis­tes­ge­gen­wär­tig seine Pis­tole auf mich rich­tete, muss Albo anneh­men, ich sei bedroht wor­den.

Immer wie­der hatte ich über­legt, ob ich den Mör­der aus­lie­fere. Er will bestraft wer­den für seine Taten? Kein Pro­blem. Albo wird ihn in die Man­gel neh­men, die Gerichte wer­den ihn für geis­tes­ge­stört erklä­ren und für den Rest sei­nes Lebens hin­ter Git­ter brin­gen. Aber jetzt, mit genau die­sen Aus­sich­ten, weiß ich, dass das nicht das Ende der Geschichte sein kann.

»Wie …?« Meine Hand­be­we­gung umfasst Albo und alles, was gerade hier in mei­nem Wohn­zim­mer pas­siert ist.

»Ich habe eine Über­wa­chungs­ka­mera im Trep­pen­flur vor dei­ner Woh­nung instal­lie­ren las­sen, mit Funk­über­tra­gung.« Ich ver­zichte dar­auf, nach­zu­fra­gen, ob das legal ist.

»Kommst du mit?«, fragt mich Albo.

Den Man­tel habe ich ja bereits an. Albo bemerkt stirn­run­zelnd, dass ich den Käfig mit Plu­ra­belle mit­nehme, sagt aber nichts dazu.