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Caro autem infirma

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»Ich betrete den Kor­ri­dor aus wir­beln­den Ster­nen und Gala­xien, der mir einen kur­zen Blick in das Mul­ti­ver­sum gestat­tet, bevor mich ein gewal­ti­ger Sog zu Boden reißt und mir die Luft abschnürt.«

Viel­leicht kommt Ihnen das bekannt vor. So habe ich meine Reise hier­her beschrie­ben, und bis dahin stimmt es auch. Aber alles danach …

Ich brachte es ein­fach nicht übers Herz. Ich konnte es nicht, beim bes­ten Wil­len nicht: den jun­gen Phy­si­ker, der vor lau­ter Über­mut aufs Eis hin­aus­schlid­derte, ster­ben las­sen. Von Ferne beob­ach­tete ich ihn und dann die junge Jog­ge­rin, die ihn unter Lebens­ge­fahr aus dem Was­ser zog und wie­der­be­lebte.

Noch nie im Leben habe ich mich so elend gefühlt. Alle habe ich ver­ra­ten. Den Mör­der, der sich nichts sehn­li­cher wünschte, als dass ich sein jün­ge­res Alter Ego ster­ben lasse, damit es nicht die Welt in den Unter­gang reißt. Albo, den ich ange­lo­gen und ohne ein Wort des Abschieds zurück­ge­las­sen habe in sei­ner Welt – ver­mut­lich ernst­haft ver­stört, weil ich zusam­men mit mei­ner Katze unter den Augen einer Über­wa­chungs­ka­mera plötz­lich spur­los ver­schwun­den bin. Und mich, der ich hoffte, mit mei­ner Reise hier­her etwas Bedeu­ten­des tun und neu anfan­gen zu kön­nen: als Pri­vat­ge­lehr­ter, der sich den Lebens­abend ganz nach Gut­dün­ken aus­ge­stal­ten kann – immer in dem Wis­sen, die Mensch­heit vor der Ver­nich­tung bewahrt zu haben, auch wenn es kei­ner ahnt.

Das ist jetzt alles vier, fünf Jahre her. Ich lebe auf der Straße, bin regel­mä­ßi­ger Gast in der Sup­pen­kü­che. Was ich besitze, passt in eine Plas­tik­tüte. Plu­ra­belle ist mir weg­ge­lau­fen. Zu den Pfer­de­ren­nen bin ich nicht hin­ge­gan­gen – der Mör­der hatte mir alles auf­ge­schrie­ben, und ich hätte am Tota­li­sa­tor ein Ver­mö­gen machen kön­nen, mit Schia­pa­relli, Dis­kre­tion und wie sie alle hei­ßen. Doch ich konnte es nicht, genauso wenig wie eine fremde Iden­ti­tät anneh­men. Ich bin in der Gosse gelan­det.

Immer und immer wie­der stelle ich mir vor, ich hätte den Schneid beses­sen, die Jog­ge­rin auf­zu­hal­ten. Oder dass es zumin­dest in allen ande­ren par­al­le­len Wel­ten so pas­siert ist. Was aber nichts daran ändert, dass der junge Phy­si­ker hier, sozu­sa­gen direkt vor mei­nen Augen, unge­hin­dert sei­nen Gene­ra­tor bauen konnte.

Ja, ich bin dort gewe­sen, bin um den Lager­schup­pen, den er ange­mie­tet hat, her­um­ge­schli­chen, habe ihn beob­ach­tet. Ich wollte ein Feuer legen, aber selbst dazu hatte ich nicht den Mut, weil ich Angst hatte, es könn­ten ihn da gerade zufäl­lig seine Frau mit den Zwil­lin­gen, Magnus und Dig­nus, besu­chen kom­men. Präch­tige Jungs, die bei­den, stroh­blond, quir­lig und kaum im Zaum zu hal­ten – die Kin­der, die ich hätte in die Welt set­zen kön­nen, wenn alles anders gelau­fen wäre, von vorn­her­ein anders.

Es ist nicht mehr lang hin, dann legt er den Schal­ter um und star­tet den Test­be­trieb. Ich sollte mich mit einem Pla­kat auf den Pots­da­mer Platz stel­len: »Das Ende der Welt ist nah!« Dafür wäre ich genau der Rich­tige: ein alter, stin­ken­der Pen­ner mit strup­pi­gem Bart und einer Fla­sche bil­li­gen Fusels in der Hand.

Er wird vol­ler Hoff­nung seine geniale Erfin­dung anschal­ten, und sie wird die halbe Gala­xis zer­trüm­mern, eine Hälfte sei­nes Gesichts zer­stö­ren und ihn in eine andere Welt schleu­dern. Dort wird er ver­zwei­felt nach einem Weg suchen, sei­nen Feh­ler unge­sche­hen zu machen, Morde dafür bege­hen, sich fünf­zig Schreib­ma­schi­nen besor­gen … Und das alles, ohne zu wis­sen, dass eigent­lich ich schuld bin, nicht er, denn ich Unglück­se­li­ger hatte es in der Hand, die Kata­stro­phe zu ver­hin­dern!

Wenn ich Papier finde auf der Straße oder in den Müll­ei­mern, dann kritzle ich kleine Texte und Geschich­ten dar­auf. Sie begin­nen alle mit »Ich betrete den Kor­ri­dor«. Manch­mal passt nicht mehr drauf als der erste Satz. Auch gut. Oder ich erin­nere mich nicht genau, obwohl ich sie so oft gele­sen habe. Dann schreibe ich neue. Wie die­sen Text hier auf eine Rolle Fax­pa­pier. Ich werde ihn wie die ande­ren in der Stadt ver­tei­len, an Lit­fass­säu­len und Fahr­rad­stän­der hef­ten und in die Sei­ten­fens­ter von Kios­ken ste­cken oder in die Zei­tun­gen auf den Stän­dern.

Aber auch das kann nichts mehr ändern. Ich habe ver­sagt. Er, der andere, der Phy­si­ker – ich habe ihm auch solch einen Zet­tel unter die Schei­ben­wi­scher sei­nes Autos geklemmt, doch er hat ihn ein­fach fort­ge­wor­fen.

Der Mör­der hat mir damals, in mei­ner Welt, als noch nicht alles ver­lo­ren war, erzählt, warum er sei­nen Gene­ra­tor gerade an die­sem Tag in Gang gebracht hat: »Na ja, alle spra­chen vom Ende der Welt und dass die Maya es gewusst hät­ten, und da dachte ich, mach ich’s an genau die­sem besag­ten und besun­ge­nen 21. Dezem­ber 2012. Denn wenn der unwahr­schein­li­che Fall ein­tritt, dass ich damit die Welt ver­nichte, fällt das an dem Tag viel­leicht nicht so auf.« Dann hat er gelacht.

Ich kann dar­über nicht lachen, nicht ein­mal bit­ter. Immer und immer wie­der schreibe ich des­halb auf, wie es hätte kom­men kön­nen, wenn ich die Jog­ge­rin auf­ge­hal­ten hätte, in der Hoff­nung, dass es irgendwo Wirk­lich­keit wird und nicht ein gan­zer Spi­ral­arm unse­rer Milch­straße von einem Augen­blick zum ande­ren ver­dampft.

Ande­rer­seits hat ja schon Anfang des 14. Jahr­hun­derts, habe ich irgendwo gele­sen, der Logi­ker und Erfin­der des Com­pu­ters Ramon Llull bewie­sen, dass die Welt nicht ewig dau­ern kann, son­dern irgend­wann enden muss.

Oder viel­leicht, rede ich mir ein, ist es ja auch gut, dass die Schöp­fung sich auf­löst! Ist sie viel­leicht der laby­rin­thi­sche Fie­ber­traum eines Got­tes, der vor Ein­sam­keit wahn­sin­nig gewor­den ist, und erst wenn sie ver­geht, kann er aus sei­nem unru­hi­gen Schlaf erwa­chen?

Ja, irgend­wie bin ich zum Mys­ti­ker gewor­den. Ver­rückt, nicht? Aber auch irgend­wie pas­send. Manch­mal, wenn ich genü­gend trinke, kann ich daran glau­ben: dass das alles nicht wahr ist. Dass irgendwo ein klü­ge­res Alter Ego von mir einen Weg gefun­den hat, die end­lo­sen Wie­der­ho­lun­gen des Irr­sinns ein für alle Mal zu unter­bre­chen. Oder beginnt immer wie­der alles von vorn, und es liegt wie­der ein blu­ti­ges Men­schen­herz in einem Kor­ri­dor auf einem Sta­pel von fünf­zig Geschich­ten?

In zwei Wochen wird es sich her­aus­stel­len. Auch wenn Sie und ich nie davon erfah­ren wer­den. Ver­mut­lich haben wir, wenn die Welt unter­geht, auch wirk­lich andere Sor­gen. Tut mir leid, Sie mit all­dem beläs­tigt zu haben. Wie hat mal jemand in den Kor­ri­do­ren gesagt? Machen Sie sich bis dahin ein­fach eine schöne Zeit!