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Crème brûlée
Ich betrete den Korridor und habe sofort den Geruch von gebratenem Gemüse in der Nase. Alarmiert ziehe ich, ohne den Mantel abzulegen, eine Schublade meines Highboards auf. Unter gefalteten Tischdecken, die ich nie benutzt habe: meine Pistole, ebenfalls unbenutzt.
Die Tür zur Küche steht halb offen. »Du kommst genau richtig.« Die Stimme des Mörders. »Ich bin gleich fertig.« Offenbar steht er am Herd.
Wenn mein Alter Ego, der Killer, von der wackligen Wandbuchse meines Telefons weiß, dann auch von der Pistole. Ich tausche das Magazin in der Waffe aus. Seit seinem Besuch bei mir trage ich eins in der Hosentasche, genau für diesen Zweck. Langsam und mit erhobener Waffe drücke ich die Küchentür auf. Es riecht würzig.
»Ich habe deinen Wok reaktiviert.« Er steht mit dem Rücken zu mir, hat sich eine Schürze umgebunden. Die Statur, die Haltung – das könnte wirklich ich sein, in jüngeren Jahren natürlich. Ich ziele genau aufs Herz.
»Eins vorweg«, sagt er, als wisse er genau, dass ich hinter ihm stehe, »es ist nicht ansteckend, und, ja, es tut höllisch weh.« Er dreht sich um. Es ist ein Schock. Sein Gesicht, seine linke Gesichtshälfte ist von einer Wucherung überzogen, nackte, blumenkohlartige Fleischwülste, aus denen sein linkes Auge kaum herausschauen kann – es sieht wie eine einzige, große, offene Wunde aus. Meine Hand zittert.
»Das ist die Rache des Universums an dem, der es zerreißt. Dabei hat mich der Strahlungsstoß nur gestreift, gestreichelt sozusagen. Ich hoffe« – damit dreht er sich kurz zum dampfenden Wok um – »ich kann dir mit vegetarischer Küche eine Freude bereiten. Seit ich Milliarden von Lebewesen den Garaus gemacht habe, esse ich kein Fleisch mehr.«
»Aber du tötest Menschen!« Nicht nur meine Hand, auch meine Stimme zittert.
»Scheinst du ja auch gerade vorzuhaben. Es sind übrigens Platzpatronen. Ich habe die Magazine ausgetauscht.«
Ich lächle böse. Er lächelt zurück. Links ist es die Grimasse eines Monsters, rechts ein seltsam vertrautes Gesicht. »Alle Magazine. Und zwar schon vor meinem letzten Besuch hier.«
Ich lasse die Pistole sinken.
»Ich trage auf, du ziehst den Mantel aus, und wir unterhalten uns wie zivilisierte Menschen beim Essen. Schlage ich vor.«
Was bleibt mir auch sonst übrig: Ich nicke.
Mein kleiner Esstisch im Wohnzimmer ist bereits gedeckt. Der Mörder – ich habe beschlossen, ihn weder Cory noch mit meinem eigenen Namen zu nennen, sondern mir ständig bewusst zu halten, mit wem ich es hier zu tun habe – hat den Stuhl aus dem Flur mit dazugestellt. Er häuft erst mir, dann sich das dampfende Wokgemüse auf den Teller, verschwindet mit der Schüssel in der Küche und kommt ohne Schürze wieder. Es fällt mir schwer, ihm ins verunstaltete Gesicht zu sehen.
»Ich hab uns ein Radler gemischt. Ist doch richtig, oder?«
Offenbar hat der Mörder meine Ess- und Trinkgewohnheiten studiert. Den Wok habe ich mir vor Jahren gekauft – in der Anwandlung, ich müsse was für meine Gesundheit tun und mehr Gemüse essen. Benutzt habe ich ihn, wie meine Pistole, noch nie.
»Prost!«, sagt er: »Auf das Leben!« Ich zögere kurz, hebe dann mein Glas. Nie hätte ich gedacht, einmal mit einem mehrfachen Mörder anzustoßen, aber ich hätte mir auch nie träumen lassen, dass ich mal mit Parallelwelten zu tun bekommen würde.
Schweigend lassen wir es uns schmecken. Die Sauce ist hinreißend: süß-scharf wie im Thai-Restaurant.
»Als du einundzwanzig Jahre alt warst«, sagt er unvermittelt, »bist du einmal an einem Sonntag im Winter frühmorgens spazierengegangen. Die Kälte, der Schnee, die unglaubliche Klarheit der Luft – du hättest die Welt umarmen können. Und bist übers Eis raus auf den See.«
Ich weiß, wovon er spricht. Ich habe nie jemandem davon erzählt. Nur Albo weiß es. Und selbst er weiß nichts von dem Nahtoderlebnis, das ich hatte, nachdem ich ins Eis einbrach und fast ertrank.
»Wenn du nicht von einem weiteren frühen Spaziergänger gefunden und wiederbelebt worden wärst …«
»Ja«, sage ich, »Uwe Albo hat mir das Leben gerettet.«
»In meinem Fall wirst du sie aufhalten.«
»Sie?«
»Es ist ein entscheidender Moment in unser aller Leben, aber wer uns da jeweils rettet, das ist unterschiedlich.«
Ich schüttle verständnislos den Kopf.
»Ich bringe dich zu diesem Ort und zu dieser Zeit, und du wirst die Joggerin aufhalten, die mich damals entdeckt und wiederbelebt hat.«
»Was …?« Nur stockend dämmert mir, was er da gerade sagt.
»Und Plurabelle kannst du mitnehmen.«
Meine Katze? Ich habe sie völlig vergessen. Ich folge dem Blick des Mörders. Sie liegt unter dem Fenster an der Heizung und schläft. Er muss sie gefüttert haben.
»Wie stellst du dir das vor?«, fahre ich ihn an. »Du kannst doch nicht einfach so über mein Leben verfügen und mich zum Mörder machen!«
»Streng genommen ist es fahrlässige Tötung beziehungsweise unterlassene Hilfeleistung. Und vergiss nicht: Du rettest die Menschheit vor dem Untergang.«
»Du bist doch irre!«, entfährt mir. Ich werfe wütend meine Gabel auf den Teller. »Selbst wenn das alles stimmt, was du erzählst: Du hast dich in einen Wahn verstiegen, indem du als mordender Vegetarier durch die Welten ziehst und deine Alter Egos umbringst!« Ich bin aufgesprungen und gestikuliere. Doch es ist mir egal, ob ich die Kontrolle verliere. Ich bin wütend.
Der Mörder bleibt ruhig sitzen und legt seine Gabel aus der Hand. »Mord war immer nur die allerletzte Notlösung.«
»Man muss niemanden exekutieren, um ihn von irgendwas abzuhalten.«
»Ich habe alles versucht, verdammt.« Er springt jetzt auch auf. Wir stehen uns wutschnaubend gegenüber. »Ich habe mit ihnen geredet, sie angefleht, dafür gesorgt, dass sie zum entscheidenden Zeitpunkt krank werden, ich habe ihren Generator zerstört, immer und immer wieder, ich habe die Polizei auf sie gehetzt und ihre Kinder als Geiseln genommen. Verstehst du? Ich habe es mit allen Mitteln verhindert!«
Er wendet sich schweratmend ab und muss sich an der Stuhllehne festhalten. »Aber manchmal kam ich zu spät für all das«, keucht er, »und mir blieb nur noch eins.« Er blickt mich verzweifelt an. Seine linke Gesichtshälfte ist flammend rot.
Ich halte seinem Blick stand. Er hat all das getan, und er ist der Mörder. Nicht ich muss mit dieser Schuld leben – auch wenn wir die gleiche DNA haben und vielleicht sogar so etwas wie eine Seele teilen.
»Ich kann Plurabelle mitnehmen?«
Er wirkt erleichtert, als ich das frage. Wir setzen uns wieder vor unsere Teller.
»Du wirst wissen wollen: Was kann ich überhaupt noch ändern, wenn es doch schon geschehen ist?« Er wirkt jetzt ruhiger, gefasster. Vermutlich redet er von der Zerstörung eines Teils der Milchstraße. Die Vorstellung, dass er, dass ein einzelner Mensch auf einen Schlag mehrere Zivilisationen auslöschen konnte, will mir immer noch nicht in den Kopf. Aber in den letzten Wochen sind mir Parallelen eingefallen: Vor dem ersten Atombombentest waren sich die Physiker unsicher, ob sie nicht die gesamte Atmosphäre des Planeten in Brand setzen und abfackeln würden. Sie haben trotzdem gezündet. Vor dem Anschalten des LHC gab es Physiker, die warnten, der Collider könne ein schwarzes Loch erzeugen, das Stück für Stück unsere Erde verschluckt. Er wurde trotzdem in Betrieb genommen. Und dann gibt es ja auch noch Tschernobyl und Fukushima: weite, durch Menschenhand für Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende umbewohnbar gemachte Landstriche.
Er trinkt von seinem Radler. Auch ich genehmige mir einen Schluck, auch wenn ich jetzt eigentlich etwas Härteres vertragen könnte.
»Wenn du mein früheres Ich sterben lässt, verhinderst du nicht, was geschehen ist. Und doch verhinderst du es auf einer höheren Ebene. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist dann so weit herabgesunken, dass im Multiversum die Kette endloser Wiederholungen …«
Ich unterbreche ihn: »Hör schon auf mit diesem Mist. Das ist doch alles bloße Spekulation! Was können wir schon über das Multiversum wissen, außer dass …«
»… alles möglich ist? Alles?«
Ich zögere kurz, will ihm aber nicht zustimmen, sondern bringe stattdessen ein neues Thema auf: »Sag mir lieber, warum du – unter all deinen Alter Egos – mich ausgesucht hast.«
Der Mörder blickt auf meinen Teller. Ich habe den Rest des Gemüses nicht mehr angerührt. »Es gibt noch Dessert«, sagt er, steht auf und räumt ab.
Crème brûlée. Der Mörder flambiert sie fachgerecht. Vorsichtig klopfe ich mit dem Löffel auf die harte Oberfläche. Schon wie beim Wokgemüse beschleicht mich das Gefühl, wenn ich mir das Essen des Mörders schmecken lasse, lasse ich mich von ihm kaufen.
»Ich habe es versprochen, weißt du«, sagt er leise, »all den Tausenden, Millionen, Milliarden von Wesen, die mich in meinen Träumen heimsuchen, all den anklagenden Gesichtern, all den heulenden Geistern, die mich jede Nacht bedrängen. Und du bist meine einzige Hoffnung, dieses Versprechen zu erfüllen.«
Jetzt ist mein Löffel zu der weichen, süßen Masse unter der karamellisierten Rohrzuckerschicht vorgedrungen. Ich probiere eine Löffelspitze voll. Himmlisch.
»Warum ich?«
Der Mörder zögert und atmet einmal tief durch. »Weil du einsam bist.«
»Ich habe Freunde. Meine Katze. Albo.«
»Albo und deine Katze – ja, das sind deine Freunde. Aber du hast keine Frau, keine Kinder.«
»Die anderen sind alle verheiratet?«
»Die meisten.«
Schweigend löffeln wir unsere Crème. »Mit wem?«, will ich fragen, nur kommt diese Frage vermutlich dreißig, vierzig Jahre zu spät.
»Und wann geht’s los? Jetzt, sofort, nach dieser … Henkersmahlzeit?«
Wir haben unsere Schälchen leergegessen. Der Mörder erhebt sich und bedeutet mir, ihm zu folgen. Wir gehen in mein Arbeitszimmer. Neben dem Schreibtisch steht ein Transportkäfig für Kleintiere mit Atemschlitzen in den Plastikwänden und Tragegriff. Mir wird das Herz schwer. Werden wir Plurabelle da reinsetzen, und dann schickt er uns auf die Reise?
Aber dann entdecke ich auf dem Schreibtisch ein kleines verklebtes Paket. »Korridore?«, frage ich. Der Mörder nickt. »Fünfzig Stück?« Er nickt ein weiteres Mal. »Die letzten?«
»Für dich, ja«, sagt er, nimmt seine Jacke, die er über meinen Schreibtischstuhl geworfen hatte, und zieht sie sich über. »Kann ich dir das Spülen überlassen?«
Er streckt die Hand aus. Ich will sie schütteln, ziehe meine Hand jedoch zurück, weil es mir unangemessen erscheint. Ein paar Augenblicke stehen wir da und wissen nicht, was wir tun wollen. Dann umarme ich ihn, mit dem Kopf an seiner rechten Seite, weil ich dieser monströsen Wucherung auf keinen Fall zu nahe kommen möchte. Er presst mich kurz und heftig an sich, dann weicht er zurück.
»Ich melde mich dann«, sagt er, bevor er sich umdreht und geht. Ich höre, wie die Haustür ins Schloss fällt. Plötzlich streift meine Katze an meinem Bein entlang und beäugt interessiert den Transportkäfig.
»Wir werden eine Reise unternehmen, Plurabelle«, sage ich. »Aber wir haben fünfzig Tage Zeit, uns vorher von allem zu verabschieden.« Das Päckchen ist wieder an mich adressiert und bereits gestempelt. Der Absender fehlt. Es werden wieder fünfzig Texte darin sein, vom Mörder mit fünfzig verschiedenen Schreibmaschinen getippt, und sie haben immer den gleichen Anfangssatz: »Ich betrete den Korridor.«
