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Past All Belief

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Ich betrete den Kor­ri­dor gleich hin­ter Albo. Er brummt, ohne sich umzu­dre­hen, einen Abschied und will hin­ter einer der Türen ver­schwin­den. Ich greife sei­nen Arm: »Uwe«, sage ich und weiß eigent­lich gar nicht, was ich sagen will. Er sieht mich fra­gend an. »Das ist eine ziem­lich ver­rückte Welt, in der wir leben«, sage ich und lasse wie­der los.

Albo weiß nichts davon, dass der Seri­en­kil­ler mich kon­tak­tiert hat, dem wir seit Anfang des Jah­res auf der Spur sind – ich bringe es ein­fach nicht übers Herz, es ihm zu erzäh­len. Den­noch spürt er, dass sich bei mir, sei­nem Freund und per­sön­li­chen »Pro­fi­ler«, etwas ver­än­dert hat. Und ver­mut­lich ahnt er auch, dass das heute ver­mut­lich unser letz­tes Zusam­men­tref­fen ist. Natür­lich ging es wie­der um das Täter­pro­fil. Albo hat sich schließ­lich doch dazu durch­ge­run­gen, die Texte des Mör­ders – drei­hun­dert sind inzwi­schen zusam­men­ge­kom­men – Stück für Stück ver­öf­fent­li­chen zu las­sen. Im Inter­net. Viel­leicht gehen, glaubt er, ver­wert­bare Hin­weise ein. Wir haben lange dar­über dis­ku­tiert. Dabei ging es haupt­säch­lich um meine Kor­ri­dor-Texte: Albo wollte unbe­dingt, dass die Morde und ihre Umstände beschrie­ben wer­den, damit sich die Leser ein Bild von der Sache machen kön­nen. Dar­auf­hin gab ich ihm meine Texte zu lesen. Wenigs­tens diese Ehr­lich­keit bin ich ihm schul­dig, dachte ich.

»Du hast dir drei Schreib­ma­schi­nen gekauft?«

Ich zog unwill­kür­lich die Schul­tern ein: »Fünf­zig wäre ein wenig über­trie­ben gewe­sen.«

»Und dann hast du abwech­selnd auf ihnen …?«

»Aber nicht täg­lich!«, unter­brach ich ihn. »Es ging mir darum, mich irgend­wie in seine Psy­che ein­zu­füh­len.«

»Und du hast über uns geschrie­ben?«

»Na ja. Für mich fing alles damit an, dass ich einen Kor­ri­dor betrat, in dem ein Sta­pel Papier lag – mit einem blu­ti­gen Herz drauf, frisch extra­hiert …«

Albo stülpte die Lip­pen vor und schien zu über­le­gen. »Ihr Psy­chofrit­zen seid schon ein komi­sches Völk­chen. Deine Texte jeden­falls könn­ten uns noch nütz­lich wer­den …«

Ich gab sie ihm – ohne die neus­ten natür­lich, die ich über meine Begeg­nung mit dem Mör­der geschrie­ben hatte. Und über des­sen Anruf bei mir. Denn rund drei Wochen nach unse­rem gemein­sa­men Abend­essen in mei­ner Woh­nung rief mich der Mör­der an, »für den Fall, dass du irgend­wel­che Fra­gen oder Zwei­fel hast«. Und ob ich die hatte!

Mein Alter Ego hatte auf alles eine Ant­wort. Nein, ich werde bei der Reise durch Zeit und Raum und wei­tere Dimen­sio­nen nicht im Welt­raum lan­den, weil ich ein, zwei Sekun­den zu spät komme und sich die Erde der­weil wei­ter durchs All gedreht hat: »Es geht dabei nicht um phy­si­sche Koor­di­na­ten, son­dern um psy­chi­sche.« Ich habe von dem Dimen­si­ons­sprung auch keine Wuche­run­gen im Gesicht zu erwar­ten, und ich werde auch nicht nackt inmit­ten einer Men­schen­menge appa­rie­ren. »Ehr­lich gesagt«, meinte er, »bin ich mir nicht hun­dert­pro­zen­tig sicher, ob es über­haupt funk­tio­niert. Falls nicht – dann habe ich es wenigs­tens ver­sucht, du kannst Plu­ra­belle ein­fach wie­der aus dem Käfig las­sen, und fer­tig.«

Ich fragte ihn, ob er mir, statt mich ohne die Mög­lich­keit einer Rück­kehr an den Ziel­ort zu schi­cken, das Par­al­lel­welt­rei­sen nicht bei­brin­gen könne. Seine Stimme am ande­ren Ende der Lei­tung klang ernst: »Nein, und du wür­dest es dir auch nicht wün­schen. Du hast mich gese­hen: Ich bin ein Mons­ter, eine Miss­ge­burt. Nie­man­dem sollte es erlaubt sein, hin­ter die Kulis­sen des Uni­ver­sums zu bli­cken.«

Meine wich­tigste Frage hatte ich mir bis zuletzt auf­ge­spart. Ist es wirk­lich unum­gäng­lich, den jun­gen Mann, der an einem Win­ter­tag einen zuge­fro­re­nen See betritt und ein­bricht – der Mör­der in jun­gen Jah­ren und irgend­wie ja auch mein frü­he­res Ich –, ster­ben zu las­sen? Oder ist das nicht nur ein ver­que­rer sui­zi­da­ler Wahn eines Ver­zwei­fel­ten, der mit der Schuld, die er auf sich gela­den hat, nicht zurande kommt?

Zum ers­ten Mal hörte ich den Mör­der stot­tern. »Es … es ist … Ich habe … Es gibt im Leben offen­bar Schick­sals­mo­mente, aber auch so etwas wie schick­sal­hafte Ent­wick­lun­gen – eine Art Strö­mung, zu stark, als dass du sie auf­hal­ten kannst. Sie reißt dich mit. Du musst schon an die Quelle gehen, und da reicht es nicht, dem Rinn­sal ein ande­res Bett zu gra­ben. Die Quelle selbst muss ver­sie­gen. Andern­falls sucht sich das Schick­sal sei­nen Weg. Ver­stehst du?«

»Das klingt furcht­bar fata­lis­tisch«, sagte ich in den Hörer.

»Nein, eben nicht! Es war ein qual­vol­ler Weg, bis ich end­lich wusste, wo ich jeweils den Hebel anset­zen kann. Und in die­sem Falle möchte ich ein­fach unbe­dingt sicher gehen. Sieh es als die Bitte, die letzte und ein­zige Bitte von jeman­dem, der tod­krank ist und sich von dir Ster­be­hilfe wünscht. Ver­stehst du denn nicht?«

Albo erzählte ich nichts von die­sem Tele­fo­nat. Aller­dings bekam ich einen Schreck, als er mich beim nächs­ten Tref­fen mit den Wor­ten »Jetzt weiß ich Bescheid!« begrüßte. Hatte er mein Tele­fon abhö­ren las­sen? Nein, es ging um meine Kor­ri­dor-Texte.

»Du hältst mich für einen alten Mann, was?«

Ich schüt­telte ver­dat­tert den Kopf.

»Trä­nen­sä­cke, miese Laune, schlecht­sit­zen­der Anzug, wüten­der ver­letz­ter Bär, wie ein Holz­fäl­ler in einer Par­fü­me­rie …«, zitiert er, und seine Augen zie­hen sich zu schma­len Schlit­zen zusam­men.

»Oh, tut mir leid, Uwe, ich wollte nur ein wenig Farbe mit rein­brin­gen.«

»Schon gut, schon gut«, brummt er und klopft mir auf die Schul­ter. »Bin über das Alter drü­ber, wo ich mir Eitel­keit erlau­ben könnte.« Dabei grinst er jun­gen­haft. »Aber wie du die Poli­zei­ar­beit dar­ge­stellt hast … Da scheint’s ja nur mich und dich zu geben. Die Staats­an­walt­schaft hast du mit kei­nem Wort erwähnt, und …«

Ich hake gleich ein: »Das kann ich alles noch ändern. Die Texte waren doch gar nicht für die Ver­öf­fent­li­chung bestimmt.«

»Nee, nee, das ist schon ganz gut so. Das passt per­fekt für die Ver­öf­fent­li­chung. Genau so, wie sie sind. An dir ist ja ein Heft­chen­schrei­ber ver­lo­ren­ge­gan­gen.«

Dar­auf gehe ich nicht ein. An der Tür halte ich ihn noch ein­mal auf: »Eine ziem­lich ver­rückte Welt, in der wir leben«, sage ich.

»Ja, ziem­lich. Hast du auch irgend­was Sub­stan­zi­el­les? Ich hab zu tun, weißt du?«

Ich nicke. Ob sich das auf den ers­ten oder zwei­ten Teil bezieht, lasse ich offen. »Als du mich damals aus dem See gezo­gen und wie­der­be­lebt hast …«

»Wenn’s darum geht: Nein, du küsst nicht gut. Nicht, wenn du bewusst­los bist.«

»Ich war nicht bewusst­los.«

»Was …?«

»Nein, anders. Ich war … Mein Geist war an einem ande­ren Ort.«

»Und hörte die Eng­lein sin­gen?«

»So ähn­lich. Seit­dem habe ich jeden­falls keine Angst vor dem Tod mehr.«

»Gut zu wis­sen«, sagt Albo. Er sieht mich inter­es­siert an.

»Eigent­lich vor gar nichts mehr. Außer …« Fal­ten bil­den sich auf Albos Stirn. Offen­bar hat er keine Ahnung, wor­auf ich hin­aus­will. Ich auch nicht. »Außer viel­leicht, dass ich dich mal ent­täu­schen könnte, Uwe.«

Er bläst Luft aus der Nase und lacht auf, schlägt mir auf die Schul­ter. »Mach dir da mal keine Sor­gen. Mir musst du nichts bewei­sen. Na komm schon, das haben wir doch längst hin­ter uns, oder?«

»Gut«, sage ich, »dann …«

Er hebt die Hand zum Abschied. Ich wende mich um und gehe Rich­tung Aus­gang. Obwohl ich sei­nen leicht ver­wun­der­ten Blick in mei­nem Rücken spüre, wider­stehe ich dem Impuls, mich noch ein letz­tes Mal zu ihm umzu­dre­hen.