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Locus fac­tum enigma opus

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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen Schlaf­zim­mer und Bad und habe damit schon den ers­ten Punkt mei­nes heu­ti­gen K‑Tags erfüllt. Vier Auf­ga­ben sind es, die ich mir täg­lich stelle: • ein Ort, • ein Tun, • ein Rät­sel und • ein Werk.

Ges­tern hatte ich es nicht so leicht. Mir wollte erst kein erreich­ba­rer Ort mit J ein­fal­len. Dann hatte ich aber doch eine Ein­ge­bung, als ich Eiern und Kar­tof­feln beim Bio­bau­ern kaufte. Ich fragte ihn, ob er eine Jau­che­grube hat und manch­mal hin­ein­stei­gen muss. Er sah mich schräg an und nickte. Indem ich dann frei­wil­lig seine Ganz­kör­per­gum­mi­stie­fel anzog und mit einer Mist­ga­bel bewaff­net ver­suchte, den Aus­fluss des Beckens frei­zu­be­kom­men, hatte ich eigent­lich gleich­zei­tig den gest­ri­gen Punkt 3, das Rät­sel, erfüllt. Denn mein Bauer wird sich wohl fortan den Leb­tag lang fra­gen, was einen sei­ner Kun­den dazu bewo­gen haben mag, frei­wil­lig in die Exkre­mente sei­ner Kühe und Schweine zu stei­gen.

Trotz­dem habe ich der Welt dann noch ein dezi­dier­tes Rät­sel mit J hin­ter­las­sen: Ich zer­schnitt alte Jute­ta­schen und nähte sie zu simp­len Socken um, knapp fünf­zig Stück, die ich, heim­lich natür­lich, über die Enden des Jäger­zauns stülpte, der den Wert­stoff­hof im Nach­bar­dorf ein­fasst. Das sieht nied­lich aus, und die Aktion hat, hoffe ich, zu erstaun­tem Kopf­schüt­teln geführt, auch wenn sie es ver­mut­lich nicht ein wei­te­res Mal in unser ört­li­ches Käse­blätt­chen geschafft hat.

Nach­dem ich mir abends dann noch das Jon­glie­ren mit drei Bäl­len bei­gebracht hatte – mehr schlecht als recht, muss ich zu mei­ner Schande geste­hen –, guckte ich dann noch Jumanji. Zwar kein Film aus der Bes­ten­liste der Inter­net Movie Data­base, die ich mei­ner Aus­wahl nor­ma­ler­weise zugrunde lege, aber der Jäger des ver­lo­re­nen Schat­zes war gerade aus­ge­lie­hen, und von einer Johanna von Orlé­ans aus dem Jahr 1928 hat­ten sie in mei­ner Video­thek noch nie gehört.

Neuer Tag, neues Glück, ein neuer Buch­stabe. Mit dem K fing ich noch vor dem mor­gend­li­chen Kor­ri­dor mit einer nächt­li­chen Aktion zur Geis­ter­stunde an. Ich hab mich schwarz ein­ge­klei­det, zwei Schnüre an die bei­den Enden eines Bret­tes gebun­den und an deren Enden die Hand­griffe eines Spring­seils befes­tigt. Damit bin ich dann raus auf eins der Wei­zen­fel­der unse­res Bio­bau­ern. Ohne unnö­tige Spu­ren zu hin­ter­las­sen hab ich mich bis in die unge­fähre Mitte durch­ge­schla­gen und dort ange­fan­gen, einen Korn­kreis anzu­le­gen. Die Form hatte ich vor­her mit Zir­kel und Lineal zu Papier gebracht. Frak­tale Geo­me­trie traute ich mir als Anfän­ger nicht zu, und weil es ja ein Rät­sel mit K wer­den sollte, ent­schied ich mich für ein zwan­zig Meter lan­ges Kel­ten­kreuz. Eine schweiß­trei­bende Arbeit, wie sich her­aus­stellte, und im Ergeb­nis ver­mut­lich ziem­lich krumm und schief. Mal sehen, was das Käse­blätt­chen schreibt. Viel­leicht wird ja von irgend­wem ein Luft­bild geschos­sen. Die über­di­men­sio­nale rote Clowns­nase vor andert­halb Wochen, die ich nachts um den Kirch­turm gebun­den hatte, brachte es jeden­falls auf die Titel­seite und zu einer Flut von erbos­ten Leser­brie­fen.

Dann mor­gens, hun­de­müde von der anstren­gen­den Nacht, der Kor­ri­dor zum Bad. Eigent­lich sol­len es ja neue Erfah­run­gen und Orte sein. Aber ich finde, mit der Jau­che­grube von ges­tern habe ich etwas gut. In der Mit­tags­pause im Büro betrachte ich auf mei­nem Moni­tor ein­ge­hend die »Krei­de­fel­sen von Rügen« von Cas­par David Fried­rich. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich das Werk irgendwo im Inter­net in hoher Auf­lö­sung finde. Lange denke ich, indem ich mir Löf­fel um Löf­fel Kar­tof­fel­pü­ree aus der Kan­tine im Munde zer­ge­hen lasse, dar­über nach, was der alte Mann im blauen Geh­rock auf Hän­den und Knien am Boden zu suchen hat. Ist er umge­fal­len? Dafür würde der acht­los fort­ge­rollte Hut spre­chen, den schon ein leich­ter Wind­stoß in den Abgrund wehen könnte. Ver­sucht der Alte viel­leicht vor­sich­tig, über den Grat in die Tiefe zu schauen, dem Fin­ger­zeig der jun­gen Dame im roten Kleid fol­gend? Oder ist er Bota­ni­ker und hat ein sel­te­nes Gras ent­deckt, wor­auf­hin er sei­nen Stock nie­der­legte, sei­nen Hut ver­lor und sofort ein Exem­plar pflü­cken musste?

Auf der Fahrt nach Hause gehe ich den Tag noch ein­mal durch. • Rät­sel: Korn­kreis; • Ort: Kor­ri­dor; • Kunst­werk: Krei­de­fel­sen. War viel­leicht auch schon eine • Tätig­keit mit K dabei? Kopie­ren? Hm. Die Kon­fe­renz­schal­tung mit Reykja­vík? Hm. Krat­zen am Hin­ter­kopf? Nein, ich habe nichts Neues gemacht. Dann kommt mir aber doch noch ein ret­ten­der Ein­fall. Wenn mir schon die Szene an den Krei­de­fel­sen Rät­sel auf­ge­ge­ben hat, warum nicht vor dem Zubett­ge­hen noch ein wenig wei­ter­rät­seln. Obwohl ich die Tages­zei­tung jetzt schon lange abon­niert habe: Noch nie habe ich das Kreuz­wort­rät­sel im bei­lie­gen­den Frei­tags­ma­ga­zin gelöst. Es soll sehr kniff­lig sein, und man muss angeb­lich gehö­rig um die Ecke den­ken.

»Bro­same ist dem Bio­bau­ern alles« in fünf Buch­sta­ben. Es muss mit K anfan­gen, denn den »Kol­ben­fres­ser« quer hab ich schon, auch wenn ich mir anhand der Umschrei­bung »Tie­ri­scher Mais­räu­ber? Moto­ri­sier­ter GAU« erst ein­mal rein gar nichts vor­stel­len konnte, bis dann end­lich der Gro­schen fiel.

Der »Kol­ben­fres­ser« jedoch war anschei­nend nur ein Glücks­tref­fer. Mir will ein­fach nichts mehr ein­fal­len. Ich gebe auf, aber noch beim Ein­schla­fen rotiert es durch mei­nen Kopf. Gibt’s »Bro­same« über­haupt in der Ein­zahl? Doch genauso wenig wie »Almose«, oder? Hm. Hier fin­det der dörf­li­che Rät­sel­ma­cher – ich sage nur: die Clowns­nase! – offen­bar sei­nen Meis­ter. Ich beschließe, beim nächs­ten Eier­kauf den Bio­bau­ern selbst zu fra­gen, was ihm »alles« ist. Einen Ruf habe ich bei dem seit ges­tern ja nicht mehr zu ver­lie­ren.

Mor­gen ist Wochen­ende, und ich werde nach die­ser anstren­gen­den Woche erst ein­mal aus­schla­fen. Mon­tag geht es dann wei­ter mit L.

 

Die IMDB-Bes­ten­liste:Link

Kel­ten­kreuz:Link

Krei­de­fel­sen auf Rügen:Link